Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Jes 53
Als Wort der Schrift ist uns zum heutigen Karfreitag ein Text gegeben, der wegen seiner poetischen Gestalt als Gedicht, als Lied bezeichnet wird. Es ist das Lied vom gerechten Gottesknecht, wie es uns im 53. Kapitel des Jesajabuches überliefert ist:
„Seht, mein Knecht hat Erfolg. Er wird groß sein und hoch erhaben. Viele Völker setzt er in Staunen, denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun. Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar? Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet. Wir schätzten ihn nicht.
Aber er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe lag auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert wurde, tat er seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Munde war. So wollte ihn der Herr schlagen mit Krankheit.
Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und der Plan des Herrn wird durch seine Hand gelingen. Nachdem er so vieles ertrug, wird er das Licht erblicken und sich an Erkenntnis sättigen. Mein Knecht, der Gerechte, wird den Vielen Gerechtigkeit schaffen, denn er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen wird er seine Beute teilen, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“
Liebe Gemeinde,
wer von uns kennt ihn nicht - den Sündenbock? Den, der herhalten muss für unsere Schuld, für unser Versagen? Wer von uns braucht ihn nicht - diesen Sündenbock, um vor sich selbst und vor anderen bestehen zu können?
Ist die Erziehung meines Kindes missglückt, dann sind die Freunde mit ihrem schlechten Einfluss schuld.
Ist meine Ehe gescheitert, kann ich dem untreuen Ehepartner die Schuld geben.
Wird das Ozon-Loch immer bedrohlicher, muss der Staat als Sündenbock herhalten.
Unbegrenzt könnte ich die Liste von Sündenböcken fortsetzen. Immer wieder laden wir anderen unsere Versäumnisse, unser Versagen, unsere Schuld auf, um vor uns selbst und vor anderen bestehen zu können.
Sündenbock
Schon das alte Israel kannte dieses Sündenbock-Denken. Am großen Versöhnungstag wurde ein Bock herbeigebracht. Ein Priester stemmte seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes und bekannte über ihm alle Sünden des Volkes. Anstelle des schuldig gewordenen Volkes wurde dann der Bock - beladen mit der Sünde des Volkes - in die Wüste geschickt. Damit war die Sünde des Volkes weggeschafft. Diese Sündenbock-Tradition bildet den Hintergrund für das eben gehörte Gottesknechtslied aus dem Jesajabuch. Wer ursprünglich der gerechte Gottesknecht war, der in diesem Lied wie ein Sündenbock für die Sünden der Welt dargestellt wird, wissen wir nicht. Aber seit alters her hat die Christenheit mittels dieses Liedes das Geschick Jesu zu deuten versucht. In dem Ergehen des Gottesknechtes entdeckte die Christenheit die Gründzüge der Leidensgeschichte Jesu wieder, in der grässlichen Beschreibung des Gottesknechtes die Züge des leidenden und sterbenden Jesus.
"Ist Jesus Christus unser Sündenbock, auf den wir all unsere Schuld abladen? Können wir uns unserer Schuld entledigen, indem wir sie dem Gekreuzigten aufladen?"
Wenn wir in dieser Tradition der Auslegung heute dies Lied als Schlüssel zum Verständnis des Karfreitagsgeschehens nehmen, so werden wir vor die Frage geführt: Ist Jesus Christus unser Sündenbock, auf den wir all unsere Schuld abladen? Können wir uns unserer Schuld entledigen, indem wir sie dem Gekreuzigten aufladen? Eine Antwort auf diese Frage erhalten wir, wenn wir für einen Moment unseren Blick vom Gottesknecht weglenken auf jene, die in diesem Lied außer ihm vorkommen. Es sind drei Personengruppen, von denen das Lied spricht und die sich wie in drei konzentrischen Kreisen um den Gottesknecht herum gruppieren.
Da sind im engsten Kreis zunächst jene, die den gerechten Gottesknecht persönlich kennen. Die zuerst erschaudern vor seiner hässlichen Gestalt, die dann aber plötzlich zu der Erkenntnis gelangen: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir alle gingen in die Irre wie Schafe, jeder sah auf seinen Weg.“ Die Betrachtung des leidenden Gerechten führt bei diesen Menschen, bei den direkt Betroffenen zur Erkenntnis der eigenen Schuld.
Da sind im zweiten, dem erweiterten Kreis, am Ende des Liedes jene „Vielen“, die noch nicht begriffen haben, warum der gerechte Gottesknecht leidet. Sie warten noch darauf, dass sich das Geschick des Gottesknechtes zum Guten wenden wird. Dann erst werden sie erkennen, dass er ihnen Gerechtigkeit schafft.
Als dritte Gruppe bilden den äußersten Kreis schließlich am Anfang des Liedes die „Völker der Welt“, die als letzte durch das Zeugnis „der Vielen“ weltweit erkennen werden, dass der leidende Gerechte Gerechtigkeit für alle Welt schafft.
Wie die Schafe
Das Auftreten dieser drei Gruppen von Menschen macht deutlich, wie der Prophet das Sündenbock-Denken in seinem Gottesknechtslied aufnimmt und überwindet. Es ist eben nicht so, dass hier eine Gruppe von Menschen einen einzelnen als Sündenbock gebraucht, so wie wir es gern und ständig tun. Nein, es ist gerade umgekehrt: Konfrontiert mit dem unschuldigen Leiden eines - uns unbekannten - Gerechten gelangen hier einige wenige Menschen aus seinem engeren Umfeld zur Erkenntnis ihrer eigenen Schuld. Und sie erkennen in dem unschuldig Leidenden einen, der sein Leiden ihnen zugute erträgt - für sie. Er trägt die Last ihrer Schuld mit, die ihnen zu schwer ist. Befreit von der Last der Schuld können diese Menschen nun ihre Schuld annehmen. Mehr noch: Befreit von der Last der Schuld lernen sie, selbst stellvertretend für andere zu handeln, anderen zugute, so dass zunächst die „Vielen“ und später alle Völker erkennen, was hier ihnen zugute geschehen ist.
"Nicht wir entledigen uns am Kreuz von Golgatha unserer Schuld, indem wir Jesus als Sündenbock gebrauchen. Sondern indem er auch unsere Schuld mit ans Kreuz trägt, werden wir befreit, unsere Schuld anzunehmen."
Wenn wir dies auf das Geschehen von Karfreitag beziehen, dann wird klar, dass es sich hier gerade nicht um ein Sündenbock-Geschehen dreht. Am Karfreitag muss kein zorniger Gott durch das Opfer eines Sündenbocks gnädig gestimmt werden. Auf Golgatha wird nicht einem grimmigen Gott ein blutiges Opfer dargebracht, um ihm Genugtuung zu verschaffen. Auf dem Hügel von Golgatha gibt sich einer freiwillig, aufopfernd hin. Er trägt alle Schuld, alles Leid der Welt hinauf aufs Kreuz. Und indem er dies stellvertretend für uns Menschen tut, tut er es uns zugute. Indem er sich verwunden lässt, öffnet er uns die Augen für unsere Wunden und hilft sie zu heilen - wie ein Arzt, der heilend mit den Verwundeten leidet. Nicht wir entledigen uns am Kreuz von Golgatha unserer Schuld, indem wir Jesus als Sündenbock gebrauchen. Sondern indem er auch unsere Schuld mit ans Kreuz trägt, werden wir befreit, unsere Schuld anzunehmen. Wir erkennen, dass wir in unserer Sünde alle wie Schafe umherirren und jeder seinen, jede ihren eignen Weg geht: in unseren Familien, in unseren Ehen, in unseren Gemeinde, in unserer Kirche, in unserem Staat, im Miteinander der Staaten der EU. Wohin wir schauen: Jeder geht seinen, jede geht ihren eigenen Weg. Dies ist unsere Sünde. Und diese Sünde erkennen wir im Blick auf den leidenden Gottesknecht, der gerade nicht seinen eigenen Weg geht, sondern einen Leidensweg, der anderen zugute kommt.
Befreit zum Handeln
Aber bei dieser - zunächst nur von wenigen vollzogenen - Selbsterkenntnis bleibt das Gottesknechtslied eben nicht stehen. Auch die „Vielen“, auch alle Völker sollen hineingezogen werden in das rettende Handeln des gerechten Gottesknechtes. In der Versöhnung der ganzen Welt kommt das Karfeitagsgeschehen an sein Ziel. Das mit dem Leiden Jesu begonnene Geschehen ist ein langer Prozess, ein Prozess weltweiter Befreiung. Denn die Annahme unserer eigenen Schuld macht uns frei zu verantwortlichem, stellvertretendem Handeln für andere. Zu einem Handeln, das anderen zugute kommt. Jesu Stellvertretung befreit zur Stellvertretung für jene vielen, die sich nicht selbst befreien können.
Jesu Stellvertretung befreite einen Pater Kolbe in Auschwitz zum stellvertretenden Tod für einen Mithäftling.
Jesu Stellvertretung befreite einen Martin Luther King zum stellvertretenden Tod für seine schwarzen Brüder und Schwestern.
Jesu Stellvertretung befreite Christinnen und Christen in der DDR zum stellvertretenden Leiden um des Friedens willen.
Jesu Stellvertretung befreit uns zum stellvertretenden Einsatz für Menschen in unserem Umfeld, die mit ihrem Leben und mit ihrer Schuld nicht fertig werden.
"Als von Schuld Befreite brauchen wir hinfort nicht mehr andere zu Sündenböcken zu machen, sondern können für sie eintreten..."
So will das Leiden des gerechten Gottesknechtes, so will das Geschehen des Karfreitags Kreise ziehen: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ Wenn wir dies erkennen, wiegt unsere Schuld nicht mehr so schwer. Wir können sie annehmen und unter dem Kreuz Jesu ablegen. Und wir werden befreit zu verantwortlichem stellvertretendem Handeln für andere. Der am Kreuz von Golgatha Gestorbene ist kein Sündenbock, dem das Leiden von anderen aufgezwungen wird. Nein: stellvertretend nimmt er das Leiden auf sich, um uns und alle Menschen zu befreien von der Last unserer Schuld und zu befreien zu lebensrettenden Akten der Stellvertretung. Als von Schuld Befreite brauchen wir hinfort nicht mehr andere zu Sündenböcken zu machen, sondern können für sie eintreten - so wie der auf Golgatha Gekreuzigte, dieser gerechte Gottesknecht, für uns eingetreten ist, auf dass wir Frieden haben. Amen
