Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Epheser 2,19
Liebe Festgemeinde,
der heutige Festgottesdienst bildet den Mittelpunkt Ihrer Feierlichkeiten zum 150jährigen Jubiläum der evangelischen Gemeinde Oberkirch. Aber was feiern Sie eigentlich?
Die Grundausrichtung Ihres Feierns wird angezeigt durch das Bibelwort für die Festpredigt. Es ist ein Wort aus dem 2. Kapitel des Epheserbriefes und lautet:
„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“
Zunächst werden Sie dieses Wort wohl sehr direkt auf Ihre örtliche Situation beziehen: Als die Gemeinde vor 150 Jahren mit 77 Gemeindegliedern gegründet wurde, waren die Evangelischen im Renchtal eine winzige Minderheit in einem ihr oft feindlich gesonnenen katholischen Umfeld. Nach 150 Jahren können die Evangelischen in Oberkirch wirklich sagen: Wir sind nicht mehr Fremdlinge und Gäste. Wir sind Bürgerinnen und Bürger dieses Ortes. Gemeinsam mit den Christenmenschen anderer Konfessionen sind wir gemeinsam Gottes Hausgenossen. Wir Zugezogenen fühlen uns nicht mehr als Fremdkörper. Längst sind konfessionsverbindende Ehen eine Normalität auch in dieser Region Badens. Die gewiss weiterhin wahrnehmbare Differenz zwischen Einheimischen und Zugezogenen, zwischen Katholiken und Evangelischen wirkt nicht länger mehr trennend und Feindschaft stiftend. Sie feiern also mit dem 150jährigen Jubiläum Ihrer Gemeinde auch einen langjährigen Prozess des Heimischwerdens im kommunalen wie im kirchlichen Kontext.
Die Mauern sind niedergerissen
Aber ich will doch noch mit Ihnen das Wort aus dem Epheserbrief ein wenig tiefer gehend bedenken. Unserem Bibelwort unmittelbar vorausgehend wird nämlich begründet, warum wir bei Gott nicht mehr Gäste und Fremdlinge sind. Dort heißt es: „Christus ist unser Friede. Er riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er stiftete Frieden und versöhnte Juden und Heiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. Durch ihn haben wir beide in dem einem Geist Zugang zum Vater.“ Damit ist die Grundlegung der Kirche in den Blick genommen. Durch das Versöhnungshandeln Christi wurden trennende Mauern zwischen Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Herkunft niedergerissen. Die weltweite Kirche konnte nur entstehen, weil Jesus am Kreuz Versöhnung zwischen Verfeindeten und Getrennten stiftete. Weil er den Zaun der Feindschaft niederriss.
"... So haben wir das erkannt, was unsere Kirchen miteinander verbindet. Nicht mehr auf das Fremde starren, sondern in der anderen Konfession das uns Verwandte entdecken."
Auf diese Friedensstiftung Christi, auf die von ihm gewirkte Überwindung von Fremdheit und Ausgrenzung gründet sich Kirche. Und von diesem Friedenshandeln Christi her empfängt sie ihren Auftrag in der Welt. Von Christus lernen wir, dass Frieden dort beginnt, wo überwunden wird, was uns von anderen trennt. Oft ist das, was uns von anderen trennt, nur das, was uns fremd vorkommt. Das gegenseitige Anderssein baut geistige Mauern auf. Das Miteinander scheint uns dann nur so möglich zu sein, dass wir das Fremde bekämpfen. Angst vor der Andersartigkeit, vor der Fremdheit können wir aber nicht dadurch überwinden, dass wir für unser Sosein einfach Gott in Anspruch nehmen und das Andere als das Widergöttliche qualifizieren. Lange Zeit war dies ein Denkmuster zwischen Katholiken und Protestanten. Gott sei Dank haben wir uns in unseren Kirchen neu auf den Gott besonnen, der uns in Jesus Christus miteinander versöhnt hat. So haben wir das erkannt, was unsere Kirchen miteinander verbindet. Nicht mehr auf das Fremde starren, sondern in der anderen Konfession das uns Verwandte entdecken - unter diesem ökumenischen Blickwinkel konnten wir uns in den letzten Jahrzehnten gemeinsam als Mitbürger der Heiligen und als Gottes Hausgenossinnen erkennen.
Mauern der Angst
Heute richtet sich die Unfrieden stiftende Angst vor dem Anderssein häufig auf ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, die so ganz anders leben und glauben als wir. Ganz besonders erfüllt viele Menschen diese Angst im Blick auf jene, deren islamischer Glaube uns weithin fremd ist. Es ist wenig friedensfördernd, sich diese Wände der Ängste nicht einzugestehen. Sie prägen unser Leben. Sie stiften Unfrieden wie andere Mauern auch - die Mauern zwischen Generationen, die Mauern zwischen Nord und Süd, die Mauern zwischen westlicher und arabischer Welt. All diese und noch viel mehr Mauern der Angst bestimmen unser Leben. Unsere Wirklichkeit - eine vermauerte Wirklichkeit. In diese vermauerte Lebenswirklichkeit hinein spricht der Epheserbrief seine befreiende Botschaft: „Christus ist unser Friede“. Er hat die Mauern der Feindschaft niedergerissen. Er hat sich jenen zugewandt, die hinter Mauern der Ablehnung leben mussten, den Ausgegrenzten und Geringgeschätzten. Zu ihnen ist er gegangen. Hat mit ihnen gegessen. Ihnen nahm er den Schmerz der Isolation. Sie befreite er zur Freude. Er sprengte die Mauern, die sie von anderen trennte.
"Sein Kreuz wird zur Brücke zwischen Menschen, die zuvor durch Wände getrennt waren. Gegen die Lebenshaltung des Misstrauens errichtet das Kreuz eine Mauer sprengende Friedenswirklichkeit."
Für dieses Mauer sprengende Tun ging er den Weg ans Kreuz. Sein Kreuz wird zur Brücke zwischen Menschen, die zuvor durch Wände getrennt waren. Gegen die Lebenshaltung des Misstrauens errichtet das Kreuz eine Mauer sprengende Friedenswirklichkeit. Weil wir um diese Kraft des Kreuzes Christi wissen, deshalb brauchen wir Christenmenschen uns nicht abzufinden mit den Mauern, die uns immer wieder Angst machen. Weil wir wissen von der Mauer überwindenden Kraft Christi, müssen und können wir die Menschen auf der anderen Seite der Mauern kennen- und verstehen lernen.
Anstecken lassen vom Frieden
Wo es Kirchen gelingt, die Mauern zu überwinden, die sie voneinander trennen, wirkt das Versöhnungshandeln Christi weiter in die Welt hinaus. Der durch Christus erworbene Friede will die ganze Welt erfassen. Wie aber kann eine Kirche überzeugend für den Frieden in der Welt eintreten, wenn sie sich nicht zugleich und zuvor anstecken lässt vom Frieden, den Christus durch sein versöhnendes Handeln zwischen Gott und den Menschen geschlossen hat? Wie können Kirchen überzeugend friedensstiftend in diese Welt hinein wirken, wenn sie nicht in ihrem ökumenischen Miteinander selbst ernst machen mit der Botschaft von dem Christus, der als Friedensstifter in seiner Kirche aus Gästen und Fremdlingen Mitbürger und Hausgenossen gemacht hat?
An eines aber ist zum Schluss zu erinnern. Diese Hausgenossenschaft ist uns von Christus auf ewig verbürgt, aber sie findet ihre Vollendung nicht auf dieser Erde.
Auch diese Heimat, die Sie alle hier gefunden haben, ist und bleibt eine Heimat auf Zeit. Um ein anderes Bild aus der Bibel zu verwenden: Sie feiern mit Ihrem 150jährigen Jubiläum die Station einer langen Wanderung der Kirche durch die Zeiten. Sie hier in Oberkirch sind Teil des wandernden Gottesvolkes - auf den Weg der Wanderung geschickt von Jesus Christus und ausgerichtet auf das große Ziel des Reiches Gottes.
Heimat auf Zeit
Auf dieser langen Reise brauchen wir Orte des Rastens. Brauchen wir Heimat - Heimat auf Zeit, ehe wir eingehen in die ewige Heimat bei Gott. Als wanderndes Gottesvolk sind wir unterwegs zum ewigen Bürgerhaus Gottes. Insofern bleiben wir bei allem Heimischwerden doch immer wieder Gäste, Gäste auf Erden. Gerade weil wir durch das Versöhnungshandeln Christi ganz bei ihm sind, als Mitbürger der Heiligen und als Hausgenossen Gottes, gerade deshalb wird uns jede irdische Heimat zu einer vorläufigen, zu einem Ort, an dem wir nur Gastrecht auf Zeit genießen dürfen.
Was feiern Sie eigentlich? So habe ich anfangs gefragt, so frage ich am Schluss. Sie feiern, dass Sie an diesem Ort Heimat auf Zeit gefunden haben - als Mitbürger der Heiligen und als solche, die ganz zu Hause sind in der durch Christus gestifteten Hausgenossenschaft Gottes und die als Teil des wandernden Gottesvolkes immer unterwegs sind zur letzten Heimat, die Gott uns verheißen hat. Denn „wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Amen.
