Predigt über Kantate BWV 172 "Erschallet, ihr Lieder" in Verbindung mit der Darstellung einer unbekannten Heiligen auf dem Heller-Altar von Matthias Grünewald
Liebe Gemeinde,
pfingstliche Klänge am Sonntag Reminiszere, dem 2. Sonntag der Fastenzeit - wie passt das? Jubelnde Klänge in strahlendem Dur im herbem Kontrast zum ernsten Klang der Passionszeit - wie stimmt das zusammen? Die Antwort bietet uns das Johannesevangelium, aus dem wir in der Kantate von Johann Sebastian Bach Worte hören. Vergegenwärtigen wir uns die Situation, in die hinein diese Worte gesprochen wurden: Etwa drei Jahre waren die Jünger mit Jesus durchs Land gezogen, hatten große Hoffnungen in ihn gesetzt. Sie waren mit ihm hinaufgegangen nach Jerusalem. Der Zeitpunkt der Verhaftung Jesu stand unmittelbar bevor. Bang fragten sich die Jünger: Wie sollen wir Halt unter den Füßen bewahren, wenn Jesus von uns geht? In dieser Situation lässt der Evangelist den von seinen Jüngern scheidenden Jesus eine Abschiedsrede halten. Aus dieser Abschiedsrede Jesu hörten wir zunächst seine Leben schaffenden Worte, die uns als Losung für das Jahr 2008 gegeben sind: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Angesichts des bevorstehenden Abschieds schien den Jüngern das Leben wie eine Sackgasse. Und nun dieses Wort! Ein neuer Weg tat sich auf. Gerade so, als würde eine Mauer aufgebrochen werden, so erschloss sich den Jüngern ein Durchblick zum Leben. Statt eingemauert zu bleiben in Abschiedsschmerz und Trauer nun dieses befreiende „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Ein Mauer brechendes Wort, das den Durchblick zum Leben öffnet, den Ausblick auf Ostern.
Aber weiter noch wird der Blick der Jünger durch die Worte Jesu geöffnet: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Damit kommt Pfingsten in den Blick: Angesichts seines Todes tröstet Jesus seine Jünger mit der Zusage, auf ewig bei ihnen Wohnung zu nehmen. Abschied nehmend von dieser Welt verspricht er, den Heiligen Geist zu senden, der allen, die an ihn glauben, als Tröster neue Hoffnung einhaucht. So gehören pfingstliche Klänge nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums hinein in die Passionszeit. So hat auch die Kantate, die Johann Sebastian Bach zum Pfingstfest des Jahres 1714 während seiner Tätigkeit als Konzertmeister in Weimar komponiert hat, einen passenden Ort in diesem Gottesdienst am Passionssonntag Reminiszere. Mit der festlichen Musik dieser Kantate wird nachgezeichnet, was der Evangelist Johannes vorgegeben hat: Im Grunde ist die ganze Kantate nichts anderes als eine Auslegung jener Hoffnung stiftenden, pfingstlichen Passionsworte aus der Abschiedsrede Jesu: „Ich werde Wohnung bei euch nehmen!“ Die ganze Musik will nichts anderes, als inmitten allen Abschiedsschmerzes ein Fenster der Hoffnung auftun, durch das der Heilige Geist wehen kann.
Pfingstliche Passionskantate
Und wie herrlich geschieht dies in dieser Kantate: Mit festlichen Trompetenklängen im prächtigen Eingangs- und Schlusschor oder in der Bassarie, in der die Trompete als „höfisches“ Instrument die Königsherrschaft Gottes zum Klingen bringt: „Heiligste Dreieinigkeit, großer Gott der Ehren!“ Pfingstliche Wirklichkeit wird besungen in einer wunderbar im Dreiertakt dahin fließenden Melodie, mit der der Tenor das Wehen des heiligen Geistes und das Gelöstsein von aller Erdenschwere besingt: „O Seelenparadies, das Gottes Geist durchweht.“ Wie stärkend der Beistand des Heiligen Geistes für geängstete Seelen ist, wird eindringlich besungen im Duett von Sopran und Alt, wo ganz im Stil mystischer Frömmigkeit ein inniger Dialog zwischen der menschlichen Seele und Gottes Heiligem Geist gestaltet ist. Dieser mystische Dialog mündet ein in den Choral „Von Gott kommt mir ein Freudenschein“, der das Wirken des Heiligen Geistes in jubelnder Freude besingt.
Eine pfingstliche Passionskantate oder eine in der Passion Jesu gründende Pfingstkantate also hören wir in diesem Gottesdienst. Und das in der Kantate Erklungene und Gehörte wird wunderbar sichtbar in jenem Bild, das wir heute im Rahmen der Predigtreihe betrachten, mit der wir die große Grünewald-Ausstellung der staatlichen Kunsthalle begleiten. Das heute im Mittelpunkt stehende Bild einer unbekannten Märtyrerin entstammt einem für das Dominikanerkloster Frankfurt gefertigten Altar, der nach seinem Stifter, dem Frankfurter Ratsherrn und Kaufmann Jakob Heller, als „Heller-Altar“ bezeichnet wird. In geöffnetem Zustand zeigte der Altar Werke von Albrecht Dürer; die Außenseite des Altars gestaltete Matthias Grünewald. Auf den Seitenflügeln stellte er links den heiligen Laurentius und die heilige Elisabeth dar, auf der rechten Seite den heiligen Cyriakus und eine unbekannte Heilige.
Eine vom Geist Gottes erfüllte Seele
Wir sehen diese unbekannte Märtyrerin im Schutz einer rund gebogenen Nische stehen. Sie erscheint in flackerndem, von links einfallendem Licht und wird offenkundig von einem Windstoß erfasst, wie wir an ihren wehenden Haaren erkennen können. Sie lächelt dem Wind entgegen. Zu ihren Füßen wachsen Heilpflanzen und Gräser. Sie trägt ein aufwändiges Gewand, das ebenfalls vom Wind erfasst wird. Fast meinen wir das Rascheln und Rauschen des vom Winde bewegten Laubwerks und des Gewandes zu hören. Der Wind - ein altes biblisches Bild für den Geist Gottes. Schon in der Pfingstgeschichte wird vom Brausen eines Windes berichtet, mit dem die Verleihung des Heiligen Geistes für die Gläubigen einhergeht. Sofort wird deutlich: Diese Darstellung der unbekannten Märtyrerin erzählt vom Heiligen Geist, der im Leben dieser Frau gewirkt hat. Die sichtbaren Effekte von Licht und Wind symbolisieren eine göttliche Gegenwart in der Gestalt dieser Heiligen. Sie hat sich dem Wehen des Heiligen Geistes ausgesetzt. Das gab ihr die Kraft, das Martyrium um ihres Glaubens willen zu erdulden. Darauf weist auch der Palmenzweig hin, den sie in ihrer rechten Hand trägt. Er ist Zeichen ihres im Martyrium errungenen Sieges über den Tod. Als eine geistlich Erleuchtete und im Tod Vollendete erscheint uns diese unbekannte Märtyrerin. Ein pfingstliches Passionsbild. Das Bild einer vom Heiligen Geist Erfüllten, die bereit war, um ihres Glaubens willen zu leiden - ein sichtbarer Kommentar zu den pfingstlichen Worten aus der johanneischen Abschiedsrede Jesu und zur Musik Johann Sebastian Bachs!
"Der geheimnisvolle Blick dieser unbekannten Heiligen ist der Blick einer vom Geist Gottes erfüllten Seele."
Noch deutlicher wird dies, wenn wir die Betrachtung dieses Bildes zu den Worten der Bach’schen Kantate in Beziehung setzen. Der geheimnisvolle Blick dieser unbekannten Heiligen ist der Blick einer vom Geist Gottes erfüllten Seele. Sie fühlt sich „erquickt“ durch den Heiligen Geist. Gott wollte sich ihre „Seele zum Tempel bereiten“. In ihrer „Herzenshütte“ ist Gott eingezogen. Ihre Seele ist von „Gottes Geist durchweht, der bei der Schöpfung blies“, von dem Geist, „der nie vergehet“. Das Wehen ihres Gewandes und ihrer Haare lässt den Heiligen Geist als einen „Himmelswind“ erahnen, der durch den „Herzensgarten“ dieser Heiligen weht. Und wenn wir an das Ergehen dieser Märtyrerin denken, dann könnten dies ihre Worte gewesen sein: „Höchste Liebe, komm herein. Du hast mir das Herz genommen.“ Und angerührt von den Worten des Heiligen Geistes „Ich bin dein und du bist mein“ erscheint auf dem Gesicht dieser geheimnisvollen unbekannten Märtyrerin ein wunderbarer „Freudenschein“, der diesem Gesicht und diesem ganzen pfingstlichen Passionsbild seine Ausstrahlung verleiht.
"In der Taufe wurde uns der Heilige Geist geschenkt. Mit diesem Geschenk aber sollen wir sorgsam umgehen. Das können wir, wenn wir uns immer wieder ausrichten an unserem Herrn..."
So zieht sich das Ineinander von Passion und Pfingsten wie ein roter Faden durch diesen Gottesdienst: Von der biblischen Lesung aus der Abschiedsrede Jesu im Johannesevangelium über das Bild der vom Heiligen Geist erfüllten unbekannten Märtyrerin von Matthias Grünewald, über die pfingstliche Passionskantate Johann Sebastian Bach bis hin zu uns, die wir einen pfingstlichen Gottesdienst am Passionssonntag Reminiszere feiern. Dies tun wir als Teil der Kirche Jesu Christi, der „Gemeinschaft der Heiligen“. Zu ihr gehören wir seit unserer Taufe. In der Taufe wurde uns der Heilige Geist geschenkt. Mit diesem Geschenk aber sollen wir sorgsam umgehen. Das können wir, wenn wir uns immer wieder ausrichten an unserem Herrn, der uns versprochen hat, mit seinem Geist in uns zu wohnen, der von uns aber auch einen Glaubensgehorsam erwartet, der die Bereitschaft zum Leiden einschließt. Die Erinnerung an Heilige, die uns im Glauben vorangegangen sind und die bereit waren, für ihren Glauben zu leiden, die Erinnerung an solche Glaubenszeuginnen und -zeugen kann uns immer neu Kraft zu einem Leben in solchem Glaubensgehorsam geben - auch die Erinnerung an die unbekannte Heilige auf dem Bild von Matthias Grünewald. Vor allem aber dürfen wir nie aufhören, immer wieder um Gottes Geist zu bitten. Möge er uns stärken, in der „Gemeinschaft der Heiligen“ pfingstlich zu leben, erfüllt vom Geist dessen, der uns den Weg durchs Leiden zum Leben vorangegangen ist. Amen.
