Sehr geehrter Herr Professor Bodenheimer,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,
ich freue mich, im Namen der Hermann-Maas-Stiftung und im Namen unserer Evangelischen Landeskirche nun zu Ihnen ein kurzes Grußwort sprechen zu können. Ich beginne dieses, indem ich Sie alle ganz herzlich von unserem großherzigen Stifter Walter Norton grüße. Krankheitsbedingt kann er leider an dieser Preisverleihung nicht teilnehmen. Trotz seiner schweren Erkrankung hat er sich im vergangenen Jahr sehr um die termingerechte Verleihung des Hermann-Maas-Preises 2008 gesorgt, und ich möchte Frau Dekanin Schwöbel ganz herzlich danken, dass sie - obwohl sie erst im Oktober ihr Amt als Dekanin dieses Kirchenbezirks übernommen hat - dennoch in kurzer Zeit die Findung eines würdigen Preisträgers und die Durchführung dieser Veranstaltung möglich gemacht hat. Danken möchte ich auch Frau Zacharias, dass sie in umsichtiger Weise die organisatorische Vorbereitung zur heutigen Veranstaltung übernommen hat.
Dass wir die Preisverleihung am heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus vornehmen können, ist diesem Gedenktag in besonderer Weise angemessen, denn fruchtbares Gedenken der Opfer des Holocaust darf nie stehen bleiben beim historisierenden Erinnern. Das haben wir heute Morgen beim Gedenkgottesdienst im Konzentrationslager Dachau eindringlich verspürt. Nein, fruchtbares Gedenken muss immer wieder neu einmünden in konkrete Akte der Neugestaltung. Was damit gemeint ist, will ich mit Worten von Hermann Maas selbst aussprechen, auf die ich im vergangenen Jahr stieß.
Hermann Maas hat am 10. August 1945 ein Memorandum zum Neuaufbau der evangelischen Kirche veröffentlicht. Aus diesem Text zitiere ich einen höchst eindrücklichen Abschnitt. Im Rückblick auf die Zeit des Nationalsozialismus schreibt Hermann Maas:
„Gewiss, wir spürten täglich, dass aller Kampf mit diesen brutalen Mächten ein Kampf hilfloser, mit Strohhalmen ausgerüsteter Menschen gegen Panzer war.
Und doch, wir hätten aufschreien und immer wieder unser Leben und unsere Freiheit wagen müssen. Wir, alle, die ganze Kirche. Wir können uns nicht entschuldigen, wir müssen uns anklagen, wir klagen uns an.
Uns und nicht die andern. In diesem Augenblick uns, und nicht die satanischen Machthaber. Die stehen vor der Völker Gerichte und vor Gottes Gericht.
Uns klagen wir an, die Leitung der Kirche, auch die tapferste und frömmste, war nicht fromm genug, auch die Bischöfe haben versagt.
Die Pfarrer, auch die offensten und kühnsten, waren nicht offen und kühn genug,
die prophetischen und priesterlichen Verkünder nicht prophetisch und priesterlich genug.
Die Gemeindeglieder, auch die gütigsten und hilfsbereitesten, waren nicht gütig und hilfsbereit genug.
Wir folgten nicht dem Herrn der Kirche, dem wahren Bischof, dem tapferen Hirten, dem barmherzigen Samariter. Das bekennen wir laut, dass die anderen es mit uns tun. Es geht vor Gott um uns und unsere Kirche und unsere Schuld, nicht um die der anderen. Die Kirche hat gerade als die bekennende Kirche die eigene Schuld zu tragen und zu bekennen und die des Volkes mitzutragen und stellvertretend zu bekennen, um des Gottes willen, dessen Gebote seit Jahrzehnten in die Dinge der Zeit hinabgezogen, und dessen Gerichte und Verheißungen nimmer geglaubt worden sind… Ein neuer Geist muss einziehen, damit nicht die Dämonen draußen warten und mit verstärkten Truppen in das leere Haus eindringen.“
Faszinierend wie in diesem Text die Erkenntnis großer Schuld einmündet in das Bekenntnis derselben. Ja, Erkenntnis der historischen Schuld kann theologisch gar keine andere angemessene Sprache finden als die des Bekenntnisses. Aber auch beim Bekenntnis der Schuld bleibt Maas nicht stehen. Erinnernd an das Handeln Gottes in Gericht und Verheißung setzt er seine Hoffnung auf Gottes weiteres Tun, auf sein Aufwecken, auf die Gabe eines neuen Geistes. Darin findet Erkenntnis historischer Ereignisse seine wirkliche Frucht, dass sie über das Schuldbekenntnis zur Hoffnung auf eine durch Gott geschenkte neue Wirklichkeit wird.
In diesen Zusammenhang möchte ich die heutige Preisverleihung stellen. Sie geschieht in Erkenntnis jener Schuld, derer wir am 27. Januar gedenken. Sie geschieht im Bekenntnis der Schuld, welche die Kirche auf sich geladen hat. Und sie geschieht in der Hoffnung auf das Geschenk des Geistes Gottes als ein Akt fruchtbarer Buße. Indem wir die Initiative Likrat auszeichnen, setzen wir also ein sichtbares Zeichen fruchtbarer Buße. Wir tun dies nun, indem wir die Urkunde überreichen und verlesen, und indem ich der Bitte des Stifters Walter Norton entspreche, der mich mit Schreiben vom 22. Dezember gebeten hat, in seinem Namen und im Namen der Hermann-Maas-Stiftung den Scheck mit dem Preisgeld für die heute Geehrten zu übergeben. Ich tue dies gern und ehre damit nicht nur die Initiatoren des Projekts Likrat sondern zugleich den Namenspatron unseres Preises: Hermann Maas. Für ihn wäre gewiss diese Ehrung ein würdiger Akt tätiger Buße für das den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus angetanen Leids gewesen.
