Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Röm 9,14-24
Am heutigen Sonntag Septuagesimae hören wir als Wort der Bibel einen Abschnitt aus dem 9. Kapitel des Römerbriefes. Paulus schreibt dort: „Was sollen wir sagen? Ist Gott etwa ungerecht? Gewiss nicht! Denn er spricht zu Mose: ‚Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.’ Also kommt es nun nicht auf das Wollen oder Laufen des Menschen an, sondern auf Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: ‚Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht zeige und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.’ So erbarmt er sich also, wessen er will, und verstockt, wen er will.
Nun wirst du zu mir sagen: Wie kann Gott dann noch beschuldigen? Wer kann denn seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa auch das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Hat nicht der Töpfer Freiheit, über den Ton zu verfügen und aus derselben Masse ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? Gott wollte seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun. Dabei hat er mit großer Geduld die Gefäße des Zorns ertragen, die zur Vernichtung bestimmt waren. An den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit, wollte er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtun. Gefäße der Barmherzigkeit zu sein, dazu hat Gott uns berufen - nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus anderen Völkern.“
Liebe Gemeinde, das ist schon allerhand, was uns diese Worte aus dem Römerbrief zumuten! Während Sie diese Worte hörten, sind gewiss beängstigende Bilder in Ihnen aufgestiegen: Gott als willkürlicher Despot, der nach Lust und Laune mit uns Menschen macht, was er will. Gott als lustvoller Spieler, der mit uns Menschen spielt wie mit Marionettenfiguren. Gott, der uns Menschen mit seinen Händen formt wie ein Töpfer seine willenlosen Gefäße. Gott, der Menschen verstockt, wenn er es will, und der sich jener erbarmt, die er für erbarmenswert hält. Beklemmend diese Gottesbilder. Eine verheerende Spur der Zerstörung haben sie in vielen Menschenseelen zurückgelassen, Spuren der Gottesvergiftung, die jeden Lebensmut und jede Verantwortung für das Leben rauben.
Ungerecht?
Wer wollte da nicht schreien: Ich bin doch kein Klumpen, aus dem Gott machen kann, was er will! Wer wollte da nicht protestieren gegen einen Gott, der so ungerecht scheint! Was ist denn eine Barmherzigkeit wert, welche zugleich so erbarmungslos ist, welche die einen erwählt und zu ansehnlichen Gefäßen gestaltet und die anderen als unansehnlich und missraten wegwirft? Wer muss sich da nicht verzweifelt fragen: Warum ist mir in meinem Leben so viel misslungen? Hat Gott seine Hand von mir abgezogen? Bin ich aus seinem Segen gefallen? Hat Gott mich gar verworfen?
Zunächst scheint es so, als würde Paulus dieses dunkle Gottesbild selbst vertreten. Ganz deutlich sagt er, dass Gott tun und lassen kann, was er will: „Also kommt es nun nicht auf das Wollen oder Laufen des Menschen an, sondern auf Gottes Erbarmen.“ Klingt das nicht nach Rechtfertigung der Ungerechtigkeit Gottes? Aber nein! Dieses Wort des Paulus müssen wir aus dem Zusammenhang seiner Ausführungen in den Kapiteln 9-11 seines Briefes nach Rom verstehen. In diesen drei Kapiteln behandelt Paulus die Frage, ob denn nun die Juden zu Gottes auserwähltem Volk gehören oder ob sie von Gott verworfen seien wie unansehnliche Tongefäße. Er kämpft mit der Frage, ob nur die Heiden, die sich zu Jesus Christus bekehren, von Gott erwählt sind wie ansehnliche, in Ehren gehaltene Tongefäße. Am Ende des 11. Kapitels beantwortet Paulus diese Frage in einem grenzenlosen Jubelschrei mit einem befreiten Ja zu Gottes grenzenlosem Erbarmen über Heiden und Juden.
"Ja, die Logik des Paulus zerbricht am Übermaß der Gnade Gottes. Denn darum ringt Paulus: um ein Ja zur freien Gnade Gottes."
Auf dem Weg hin zu diesem Ja aber quält sich Paulus. Immer neue Gedanken entwickelt er über das, was Gottes Wille für sein Gottesvolk wohl sein mag. In unserem Briefabschnitt spüren wir dies Ringen förmlich, denn ganz unvollständig sind die Sätze im griechischen Urtext. Fast stammelnd klingt es, was Paulus schreibt, so als wäre er aus dem Konzept gekommen: „Um seinen Zorn zu erzeigen und seine Macht kundzutun, hat Gott mit großer Geduld die Gefäße des Zorns ertragen, die zur Vernichtung bestimmt waren. Um an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit, den Reichtum seiner Herrlichkeit kundzutun, hat er uns zu Gefäßen der Barmherzigkeit berufen - nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus anderen Völkern.“ Eine klare Gedankenführung, liebe Gemeinde, hört sich anders an. Ja, die Logik des Paulus zerbricht am Übermaß der Gnade Gottes. Denn darum ringt Paulus: um ein Ja zur freien Gnade Gottes. Von diesem Ja her müssen wir die Worte aus dem 9. Kapitel des Römerbriefes verstehen. Und wenn wir dies tun, dann erscheint statt des dunklen Bildes eines ungerechten Gottes ein ganz anderes Gottesbild: das Bild eines Gottes, der in seinem grenzenlosen Erbarmen den Weg seines wandernden Gottesvolkes durch die Zeiten begleitet. Das Bild Gottes als eines Wanderers, der mit uns geht auf unseren Lebenswegen - oft ganz anders, als wir es erwarten.
Geschichtsbetrachtung von der Zukunft aus
Im Nachsinnen über die Wanderung des Volkes Gottes durch die Zeiten lernt Paulus eine Sicht der Geschichte, die so ganz anders ist, als wir heute Geschichte betrachten. Wir haben uns - leider auch in der Kirche - daran gewöhnt, Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Wir berechnen, um wie viel Prozent die Bevölkerung pro Jahr abnehmen und wann die Pflegeversicherung zusammenbrechen wird. Wir prognostizieren die Entwicklungen des Klimas, um den Zeitpunkt der Klimakatastrophe bestimmen zu können. Wir rechnen aus, in welchem Umfang die Steuern steigen oder fallen und wann es eng wird mit der Finanzierung der Sozialsysteme. Wir berechnen Gemeindegrößen und kalkulieren, wie lange die Zahl der Pfarrstellen noch zu halten ist. Dieses Hochrechnen und Kalkulieren mag zu einem verantwortlichen Handeln in Politik und Kirche gehören, aber es schafft vor allem eines: Mutlosigkeit und Verdrossenheit. Paulus hat nicht hochgerechnet, als er erkannte, dass viele seiner jüdischen Glaubensgeschwister nicht an Jesus Christus glaubten. Er hat nicht das Verderben seiner jüdischen Glaubensgeschwister einkalkuliert. Er schaut nicht von der Gegenwart in die Zukunft. Er entwickelt keine Untergangsszenarien für das jüdische Volk. Er schaut von der Zukunft in die Gegenwart. Er setzt ein bei den Verheißungen Gottes an sein Volk und bricht damit die Gegenwart auf. Nicht Prognosen für die Zukunft haben für Paulus das letzte Wort, sondern die Verheißungen Gottes.
Von dem künftigen, endgültigen Erbarmen Gottes her die Geschichte in den Blick zu nehmen, ist ungemein befreiend. Es befreit aus den Ketten eigener Prognosen, Planungen und Taten. Es befreit von dem Drang, die Welt in den Griff bekommen zu wollen. Es ist doch so: Wir meinen oft, dass alles von unserem Wollen und Laufen abhinge, von unserem Tun, von unserem Erfolg im Beruf. Bei Paulus lesen wir anderes: „Also kommt es nun nicht auf das Wollen oder Laufen des Menschen an, sondern auf Gottes Erbarmen.“ Unser eigenes Wollen und Laufen führt uns nicht zum Ziel unseres Lebensweges. Das Ende unseres eigenen Wollens und Laufens ist der Anfang eines Lebens unter Gottes Barmherzigkeit. Wer sein Leben allein durch eigenes Wollen und Tun bestimmt sieht, lädt sich allzu viel auf. Sieht sich allein verantwortlich für alles, was geschieht oder nicht geschieht. Macht sich zum Gefangenen eigener Planungen und Prognosen, zum Gefangenen der eigenen Vergangenheit.
"Gott wandert mit seinem Volk dem Ziel seines Reiches entgegen. Er wandert auch mit jedem einzelnen Menschen durch die je eigene Lebensgeschichte."
Aber so wie Paulus einstmals gegen seinen Willen von seinem Weg der Verfolgung der Christengemeinde abgebracht und von Gott neue Wege geführt wurde, so kann es jedem und jeder von uns gehen: Wir können durch Gottes Barmherzigkeit abgebracht werden von dem, worauf wir uns bisher festgelegt hatten. Da kann es uns schon bisweilen ergehen wie dem Pharao, der wie ein Werkzeug in Gottes Hand ausführen musste, wozu er bestimmt war. Da kann es uns bisweilen schon ergehen wie einem Tongefäß, das willenlos geformt wird in der mächtigen Hand Gottes. Aber wenn wir die Geschichte - auch unsere eigene Geschichte - von den Verheißungen Gottes her in den Blick nehmen, dann werden wir entdecken, dass Gott kein willkürlicher Tyrann ist. Keiner, der mit uns sein Spielchen treibt. Sondern ein beständiger Wanderer. Er wandert mit seinem Volk dem Ziel seines Reiches entgegen. Er wandert auch mit jedem einzelnen Menschen durch die je eigene Lebensgeschichte. Er eröffnet eine Zukunft, bei der wir keinen Augenblick aus dem Lichtkegel seines Erbarmens entlassen werden.
Befreit von beengenden Prognosen
Bei einer solchen Sicht auf unser Leben mögen vielleicht unsere Fragen nach dem Warum und Wieso nicht aufhören. Mögen die dunklen Bilder eines willkürlichen Gottes nicht ganz verschwinden. Mögen wir manchmal den Händedruck, mit dem Gott uns barmherzig führt, auch als einen festen Druck einer harten Faust empfinden. Mögen wir manchmal leiden unter der Ohnmacht, die wir bei der Planung unseres Lebens empfinden. Aber eines wird uns klar: Größer als die Dunkelheiten und Fraglichkeiten in unserem Leben ist Gottes Barmherzigkeit.
Paulus hat die Ablehnung Jesu Christi durch seine jüdischen Glaubensgeschwister erfahren, aber er behält die Hoffnung, dass auch sie zu Gottes Volk gehören. Er setzt seine Hoffnung auf den Gott, der treu zu seinen Verheißungen stehend barmherzig mitwandert mit seinem Volk. Wir können uns anstecken lassen von dem Bild des in seiner Barmherzigkeit mitwandernden Gottes. Wir können befreit werden von unseren beengenden Prognosen für die Zukunft. Wir können befreit werden von der Vorstellung, dass von unserem Wollen und Laufen die Zukunft abhinge. Wenn wir von den Verheißungen Gottes her auf die Gegenwart schauen, dann erkennen wir, dass jeder Mensch mehr ist als sein Wollen und Tun verrät. Denn jeder und jede darf mit Gottes Erbarmen rechnen. Gott entspricht mit seinem Erbarmen nicht immer unseren Erwartungen. Aber er kann mehr aus unserer Zukunft machen, als unsere Vergangenheit andeutet und unsere Gegenwart verrät. Amen.
