Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zur Kantate I des Weihnachtsoratoriums von J.S.Bach, Nr. 1-9: "Jauchzet, frohlocket“
Liebe Gemeinde,
mit fünf kräftigen Paukenschlägen wird das Tor zur Weihnachtsfreude aufgestoßen: „Jauchzet, frohlocket!“
Fünf kräftige Paukenschläge vertreiben Trübsal, Jammer und manches Problem, was uns vor Weihnachten in seinen Klauen haben mag: „Lasset das Zagen, verbannet die Klagen!“
Fünf kräftige Paukenschläge laden ein zu weihnachtlichem Jubel: „Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“
Fünf kräftige Paukenschlage kündigen unüberhörbar an: Weihnachten, das ist ein Paukenschlag der Weltgeschichte. Gott kommt in die Welt, wird Mensch. Unerhört, unglaublich, geheimnisvoll - und doch Grund allen Glaubens, Trost in allem Dunkel, Kraftquelle des Lebens.
Da müssen Pauken geschlagen werden wie zur Begrüßung eines großen Weltenherrschers oder – wie zu Bachs Zeiten – zur Begrüßung einer polnischen Königin am sächsischen Hof. Da müssen Pauken geschlagen werden, denn unerhört Neues beginnt: Gottes Mitgehen mit uns Menschen.
Mit Pauken und Trompeten
Da müssen Trompeten einstimmen, um diesen Neubeginn zu verherrlichen und um Gottes Kommen in die Welt anzukündigen.
Da müssen Trompeten einstimmen, um anzuzeigen, dass Gott als König aller Könige aufbricht, um in dieser Welt als kleines Kind zu leben.
Da müssen Trompeten einstimmen, um zur Freude einzuladen.
Pauken und Trompeten erschallen, und es ist, als würde sich der Himmel öffnen.
Dann fahren die Streicher in rasenden 32stel-Noten aus höchsten Höhen durch vier Oktaven abwärts: Aus dem geöffneten Himmel kommt Gott hinunter auf die Erde. Die rasenden Streicherklänge erscheinen wie blitzende Lichtstrahlen. Der Himmel reißt auf, Gott steigt hinunter zur Erde.
Laute Paukenschläge, strahlende Fanfarentöne, rasende Streicherklänge - sie werden uns zur Himmelsleiter, auf der Gott herabsteigt und sich unsere Seelen zu ihm erheben. So ist in den ersten Takten des Weihnachtsoratoriums im Grunde schon alle Weihnachtsfreude und die ganze Weihnachtsbotschaft enthalten: „Gott kommt zu uns!“ Alles Weitere ist dann nur noch Entfaltung, aber was für eine!
Den Text zu "meinem" Text machen
Mit den Worten des Evangelisten im ersten Rezitativ verlässt die Musik ihre himmlischen Höhen: „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Nun sind wir angekommen in der Welt. In der Welt, in der Menschen anlässlich einer Volkszählung des römischen Kaisers leiden unter staatlicher Willkür. In diese Welt voller Demütigung begibt sich Gott. Eindringlich wird dies geschildert in den vertrauten Worten des Weihnachtsevangeliums, wie sie der Evangelist Lukas niedergeschrieben und Martin Luther in unnachahmlicher Weise übersetzt hat. Aber J.S.Bach belässt es nicht bei der Erzählung des weihnachtlichen Geschehens. Er fügt der gesungenen Lesung des Evangeliums - hierin ganz pietistischer Tradition folgend - eine deutende Betrachtung in einem weiteren Rezitativ hinzu, ehe eine zum Gebet gestaltete Arie zum eigenen Mitbeten einlädt und ein Choral die hörende Gemeinde mit einbezieht. So bildet Bach die Bewegung ab, die jeder biblische Text gehen muss, wenn er Menschen wirklich erreichen soll: Der biblische Text muss zunächst gelesen, dann betrachtet und schließlich im Gebet meditiert werden. Erst dann ist es „mein“ Text geworden, zu dem ich - gemeinsam mit der Gemeinde - „Amen“ sagen kann.
So reißt die Musik des Weihnachtsoratoriums mit ihrer klanglichen Wucht den „garstigen Graben“ zwischen den Ereignissen vor 2000 Jahren und unserer Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ein. Sie deutet die Geburt Jesu für uns. Sie deutet sie als das Kommen eines Bräutigams. Ja, wirklich: Beim Kommen Gottes in diese Welt geht es um eine Liebesgeschichte, um die Liebesgeschichte zwischen Gott und den von ihm geliebten Menschen. Immer wieder ist es im Weihnachtsoratorium die Altstimme, die diese Dimension der Liebe einbringt - in einer geradezu erotischen Weise. Sie besingt mit zärtlichen Trieben Jesus als ihren Schönsten und Liebsten - begleitet von den herrlichen Klängen der Liebesoboen, der Oboen d’amore. Noch deutlicher wird die erotische Komponente dieses Singens, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Bach in der eben gehörten Altarie - wie an vielen Stellen seines Weihnachtsoratoriums - eine Arie aus einer weltlichen Kantate parodiert, in diesem Falle eine, in der von der Wolllust gesungen wird.
"Die Betrachtung der weihnachtlichen Geschichte zieht uns hinein in die Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen."
Wer die Geburt Jesu betrachtet und meditiert, kann nicht distanziert zuhörend stehen bleiben. Die Betrachtung der weihnachtlichen Geschichte zieht uns hinein in die Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen. Darum mündet die Lesung des ersten Evangelientextes auch in den von Paul Gerhardt gedichteten Choral „Wie soll ich dich empfangen“, der auf die zur Bach-Zeit übliche Melodie „O Haupt voll Blut und Wunden“ erklingt. Gewiss ist es kein Zufall, dass das Wort „empfangen“ nicht nur für die Begrüßung eines königlichen Gastes, sondern auch für den Akt geschlechtlicher Liebe gebraucht wird: Wenn Gott hinabsteigt in diese Welt, dann kommt er nicht nur als Herr aller Herren in seine Schöpfung. Dann ist er auch erfüllt von der Sehnsucht nach uns Menschen. Dann will er uns nahe kommen wie ein Liebhaber seiner Geliebten. Dann will Gott uns durchdringen, in uns eindringen. Dann will er sich - wie es im Schlusschoral der 1. Kantate heißt - in unseren Herzen einbetten. Darin kommt Weihnachten zu seinem Ziel, dass Gott nicht nur einst in Bethlehem geboren wurde, sondern dass er immer neu in uns geboren wird und in uns neue Lebensfreude zeugt. Oder wie es der Mystiker Angelus Silesius unübertroffen formulierte: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn und nicht in dir: du bleibst doch ewiglich verlorn“.
Heimatlos
Noch einmal wiederholt sich diese Bewegung vom damaligen Bethlehem zu uns Heutigen. Wieder steht am Anfang der Bericht des weihnachtlichen Geschehens vor 2000 Jahren, diesmal ganz konzentriert auf eine Aussage: die Geburt Jesu in einer Krippe, denn es war kein Raum für ihn in der Herberge. Gott kommt zu den Menschen und findet keinen Raum. Am Anfang des Weges Gottes in diese Welt steht seine Heimatlosigkeit. Und auch am Ende wird sie stehen, wenn er draußen vor der Toren der Stadt am Kreuz sterben wird. Gott ist heimatlos in der Welt, die doch seine Schöpfung ist - ein unerhörter Gedanke, und doch zugleich der größte Trost für alle, die auf dieser Welt heimatlos sind. Und für uns alle in unseren persönlichen Heimatlosigkeiten. Gott teilt unsere Heimatlosigkeit in all ihren Formen. Und er teilt unsere Armut, wie es in der weiterführenden Betrachtung des Bibelwortes im Choral heißt. Ganz tief geht Gott hinein in die Tiefen menschlichen Lebens. Anschaulich drückt dies die Musik aus, wenn der Bassist bei den Worten „des Höchsten Sohn kommt in die Welt“ den tiefsten Ton erreicht. Die Menschwerdung Gottes geschieht zum Trost der Menschen in den Abgründen ihres Lebens.
"In seiner Menschwerdung macht uns Gott Mut, seinen Weg in der Nachfolge Jesu weiterzugehen:.... Zu teilen, was wir können, weil wir mit jeder Gabe Gottes Liebe weitergeben."
Zum Trost und zur Ermutigung. In seiner Menschwerdung macht uns Gott Mut, seinen Weg in der Nachfolge Jesu weiterzugehen: den Heimatlosen Beheimatung zu geben - in Herbergen und Häusern, in Städten und Kirchengemeinden. Die Armen teilhaben zu lassen am Miteinander in Gesellschaft und Kirche. Zu teilen, was wir können, weil wir mit jeder Gabe Gottes Liebe weitergeben. Gott macht uns auch Mut, Armut nicht zu verschweigen: Niemand muss sich schämen, weil er oder sie kein Geld hat, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Gottes Liebe können wir einander umsonst weitergeben.
Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes
Indem er selbst arm wird, macht uns Gott reich. Wie paradox und wunderbar dieses Geheimnis der Weihnacht ist, wird in der Arie „Großer Herr und starker König“ und in dem abschließenden Choral verdeutlicht. Die ursprünglich als Glückwunsch für die sächsische Kurfürstin und polnische Königin Maria Josepha komponierte Arie ist erfüllt von königlichen Trompetenklängen. Fast könnte man meinen, dass die Menschwerdung Gottes nun doch nur eine scheinbare sei, weil Gott in seiner Herrlichkeit weit über der Welt thront. Aber nein: Die königlichen Trompetenklänge kontrastiert Bach im abschließenden Choral mit den anrührenden Worten vom herzlieben Jesulein, das sich im Herzen der Gläubigen einbetten soll. Der königliche Thron, der Gott, dem großen König, angemessen ist, ist der Schrein des menschlichen Herzens - mit seinem Kummer und seiner Hoffnung, mit seiner Fähigkeit zu Freude und Liebe. Hier findet die Menschwerdung Gottes ihre Vollendung: in unserem Herzen, in dem Gott Wohnung nimmt - uns zum Trost, uns zur Freude.
Lassen wir uns nun noch einmal in dieser Kantate zu einem Choral führen, mit dem wir zur weihnachtlichen Botschaft unser „Ja“ und „Amen“ sagen. Wenn das kein Grund zum Jauchzen und Frohlocken ist!
Choral Nr. 9
Ach, mein herzliebes Jesulein,
mach dir ein rein sanft Bettelein,
zu ruhn in meines Herzens Schrein,
dass ich nimmer vergesse dein.
Darauf sprechen wir: Amen.
