Komm, Jesu, komm!

Gottesdienst zum 1. Advent in der Christuskirche Mannheim am 02.12.2007

Kantatenpredigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über die Bach-Kantate BWV 61 „Nun komm, der Heiden Heiland“

Liebe Gemeinde,
wenn Könige begrüßt werden, dann werden schon andere Töne angeschlagen, als wenn wir uns einander willkommen heißen. „Hosianna dem Sohne Davids. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ So sangen damals die Menschen in den Straßen von Jerusalem, als sie Jesus als König der Ehren, als Friedefürst empfingen. Mit einer königlichen Musik wollen wir auch heute Jesus begrüßen. Denn mit einer französischen Ouvertüre beginnt die Kantate „Nun komm, der Heiden Heiland“ von J.S. Bach. In der französischen Oper war die Ouvertüre dasjenige Musikstück, während dessen der König seine Loge betrat. Eine Ouvertüre also ist eine königliche Begrüßungsmusik. Mit ihr begrüßen wir Jesus, den König, dessen Auftritt wir im Advent erwarten. Zugleich aber ist eine Ouvertüre, wie der Name schon sagt, eine Eröffnungsmusik. Mit ihr wird das neue Kirchenjahr eröffnet, das mit dem heutigen 1. Advent beginnt. Hoffen wir, bitten wir, beten wir, dass auch im neuen Kirchenjahr Jesus als König zu uns kommen möge. Zu uns. Zu unserer Kirche. Zu den Menschen in aller Welt. „Nun komm, du König der Welt. Nun komm, der Heiden Heiland!“

Komm, Jesu, komm!
„Nun komm!“ Am Anfang der Adventszeit steht dieser Ruf, diese Bitte. „Nun komm!“ Mit diesen Worten beginnt das Lied, das früher an erster Stelle unseres evangelischen Kirchengesangbuches stand. Jahrhunderte lang war dieses Lied „Nun komm, der Heiden Heiland“ in der lutherischen Kirche das meistgesungene Adventslied. Vielen von uns fällt der Zugang zu diesem Lied nicht ganz leicht, ist doch der von Martin Luther nach einem lateinischen Hymnus geschaffene Text recht spröde und nur schwer verständlich. Aber heute wird uns dieses Lied durch die Musik von J.S. Bach auf neue Weise erschlossen. Eindringlich und unüberhörbar erklang in der Ouvertüre der Ruf „Nun komm!“ Wie ein intensives Bitten hörte es sich an, viermal hintereinander vorgetragen von den einzelnen Chorstimmen, so als sollte jeder und jede von uns aufgefordert werden, diesen Ruf, diese Bitte aufzunehmen und nachzusprechen. „Komm, Jesu, komm!“, wie ein flehendes Beten.

„Nun komm, der Heiden Heiland. Komm, Jesu, komm!“ Mit diesem Gebet also beginnt das neue Kirchenjahr, beginnt die Adventszeit in unserer Kirche. Wie nötig, wie bitter nötig haben wir dieses Gebet. In einer Welt, in der ständig neue Gräben zwischen Völkern und Nationen, zwischen Religionen und Konfessionen aufbrechen, müssen wir darum beten, dass Jesus als Heiland der Heiden, also als Heiland der ganzen Welt kommen möge, um Menschen miteinander zu versöhnen. In einer Welt, in der Amerikaner gegen Iraker kämpfen, Taliban gegen ausländische Schutztruppen, Muslime gegen Christen, in einer solchen Welt sind wir darauf angewiesen, dass Jesus als König, als der König mit der Dornenkrone kommt, um Frieden zu stiften. In einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, tut es gut, die vorhin erklungene Fuge auf die Worte „dass sich wunder alle Welt“ zu hören und sich durch diese Fuge daran erinnern zu lassen, dass im Kommen Jesu aller Welt das Heil Gottes zugesagt ist. Aller Welt ist zugesagt, dass sie nicht aus den Fugen geraten soll.

... komm zu deiner Kirche!
Diese Zusage des Heils Gottes für alle Welt auszurichten, ist die Aufgabe aller, die an Jesus als den König der Welt glauben; ist die Aufgabe der Kirche. Aber wie wir nun einmal unseren Glauben niemals als einen festen Besitz haben, so haben wir auch Jesus nicht. Wie unser Glaube immer wieder Zweifeln ausgesetzt ist, wie er angesichts bedrückender Erfahrungen Schwankungen erlebt, so empfinden wir auch unterschiedliche Nähe zu Jesus, dem von uns als Heiland Geglaubten. Mal ist er uns ganz nah, mal ist er weit weg. „Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche!“ Dieses Gebet müssen wir sprechen, weil Jesus uns nicht verfügbar ist. Als Kirche Jesu müssen wir täglich neu um sein Kommen bitten. Als Kirche Jesu dürfen wir aber auch darauf vertrauen, dass er täglich zu uns kommt und seiner Kirche den Weg zeigt. Den Weg, den sie gehen muss, wenn sie aller Welt das Heil Gottes glaubhaft zusagen will.

"Wir dürfen als Kirche niemals vergessen, dass wir bei unserem Bemühen um heilendes Reden und Handeln in dieser Welt auf das Kommen Jesu angewiesen sind."

Wir können auf den Kanzeln unserer Kirchen das Heil Gottes für alle Welt nur verkünden, wenn wir uns nicht auf unsere eigenen guten Gedanken verlassen, sondern beten: „Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche!“ Wir können in segensreicher Weise am Altar das Abendmahl nur empfangen, wenn wir beten: „Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast!“ Wir dürfen als Kirche niemals vergessen, dass wir bei unserem Bemühen um heilendes Reden und Handeln in dieser Welt auf das Kommen Jesu angewiesen sind. Wir dürfen uns aber als Kirche zugleich darauf verlassen, dass der kommende Jesus uns stärken wird, wenn wir uns in einer unheilen Welt für sein Heil einsetzen, etwa auch durch unsere Unterstützung der Aktion „Brot für die Welt“. Wo wir als Kirche heilend eintreten wollen, um Gräben zwischen Menschen zuzuschütten, da müssen wir beginnen mit dem Gebet „Komm, Jesu, komm!“ Gestärkt durch dieses Gebet können wir dann ans Werk des Heilens gehen und glaubend bekennen:
Er kommt auch noch heute und lehret die Leute,
wie sie sich von Sünden zur Buß sollen wenden,
von Irrtum und Torheit treten zu der Wahrheit.

Siehe, ich stehe vor der Tür ...
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ So antwortet der, um dessen Kommen wir bitten. Hören wir seine Antwort? Merken wir, wenn er vor der Tür steht? Vernehmen wir sein Anklopfen? Hören wir seine Stimme, die Stimme Jesu? Schaffen wir es, unser Herz zu öffnen? Oder haben wir gebetet in der stillen Hoffnung, dass Jesus uns mit seinem Kommen schon nicht zu nahe treten wird? Und nun steht er vor der Tür unseres Herzens und klopft an.

"Beten mit offenem Herzen, das kann anstrengend sein. Denn plötzlich kommt Jesus und will etwas von uns, das uns wie eine Überforderung erscheint."

Um das Kommen Jesu zu beten, ist nicht so einfach, wie es zunächst schien. Solch ein Beten setzt Offenheit des Herzens voraus. Und Beten mit offenem Herzen, das kann anstrengend sein. Denn plötzlich kommt Jesus und will etwas von uns, das uns wie eine Überforderung erscheint. Plötzlich will er bei uns Wohnung nehmen, und wir haben eigentlich keinen Platz für ihn, weil die Wohnung unseres Herzens längst durch anderes ausgefüllt ist.
In einem kleinen Theaterstück, das ich mit Jugendlichen einstudiert hatte, kommt ein ausländischer junger Mann in eine Familie, die meint, ihren christlichen Glauben sehr ernst zu nehmen. Der junge Mann freundet sich mit der Tochter an, die Eltern begegnen ihm sehr verschlossen. Ihnen missfällt das Verhältnis ihrer Tochter mit diesem Ausländer. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf der junge Ausländer von den Eltern des Hauses verwiesen wird. Die zutiefst verletzte Tochter stellt ihre Eltern zur Rede mit den Worten: „Täglich betet ihr bei Tisch 'Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast'. Und jetzt, wo Jesus endlich einmal kommt, schmeißt ihr ihn raus!“

Beten für ein offenes Herz
Wir spüren: Soll unser Beten um das Kommen Jesu ehrlich sein, so muss es immer zugleich ein Gebet um ein offenes Herz sein. Ein Gebet darum, dass der kommende Jesus auch Platz finden kann in unserem Herzen. „Nun komm, der Heiden Heiland. Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche. Öffne du mein Herze ganz“. Ein Beten, das in Offenheit geschieht, in der Bereitschaft, sich auf Fremde und Fremdes einzulassen, ein Beten, das uns und unsere Herzen verändert, solch ein Beten ist rechtes adventliches Beten. Zu solch einem Beten wollte uns die Musik von J.S. Bach anleiten und befreien. Zu solch einem Beten mache uns Gott bereit. „Amen. Amen. Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange. Deiner wart ich mit Verlangen. Amen.“