Die Ersten und die Letzten - Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit

Gottesdienst zum Sozialtag Südbaden in Weil/Rhein am 29.11.2007 - Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Liebe Gemeinde!
„Draußen vor der Tür“ oder „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - und Gott dazu.“ So könnte man die Rede Jesu nach dem ersten Hören überschreiben. „Draußen vor der Tür“ oder „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ - beides sind Erfahrungen, die Menschen machen, die in unserer Gesellschaft an den Rand geraten sind. Immer mehr Menschen stehen draußen, weil sie ihre Arbeit verloren haben oder weil ihre Einkünfte trotz großer Anstrengungen nicht für den Lebensunterhalt reichen. Immer mehr Menschen fühlen sich bestraft, weil sie zu jung oder zu alt sind für den Arbeitsmarkt, weil sie nicht genügend oder überqualifiziert sind, weil sie keinen Weg sehen, die Fürsorge für die Familie und berufliche Arbeit miteinander zu vereinbaren. „Eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ jedenfalls sieht anders aus. Da kommt jedem das Seine zu, als Person anerkannt zu werden und ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Jedem kommt das Recht zu, die materiellen und immateriellen Möglichkeiten zu haben, um sein Leben in eigener Verantwortung zu gestalten und bei der Gestaltung des Lebens der Gesellschaft mitbestimmen und mitwirken zu können. Da wächst solidarische Verbundenheit von Menschen, die gemeinsame Interessen verfolgen und auf eigennützige Vorteilssuche verzichten. So sagt es das gemeinsame Sozialwort unserer Kirchen (S. 45 und 47).

Dieser Perspektive von Solidarität und Gerechtigkeit möchte ich nun ausgerechnet anhand der Worte Jesu nachspüren, die uns Lukas im 13. Kapitel seines Evangeliums überliefert hat und die beim ersten Hören so gar keine Perspektive der Gerechtigkeit erkennen lassen. Aber es steckt mehr in den Worten Jesu als die bittere Aussicht, aus der Gesellschaft der „Seligen“ ausgeschlossen zu werden. Hören wir also genauer hin: Auf seiner Wanderung nach Jerusalem wird Jesus von vielen begleitet. Sie nutzen die Gelegenheit zur „Fragestunde“ - froh, dass sie den berühmten Meister einmal so hautnah bei sich haben. Einer fragt: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ Und wir ahnen schon: Diese Frage wird Jesus nicht direkt beantworten. Wem würde es auch nützen, wenn er jetzt statistische Angaben machte? Das würde nur Ängste wecken und Konkurrenz schüren, nach dem Motto: Was muss ich tun, um einen der begehrten Plätze im Himmel zu ergattern?

Ellenbogendenken?
Freilich, uns Menschen ist solches Leistungs- und Wettbewerbsdenken sehr vertraut. Heute wohl nicht mehr in erster Linie in Glaubensdingen, aber sehr wohl in der Realität des Lebens: Was muss ich tun, um einen guten Schulabschluss zu schaffen? Um einen Arbeitsplatz zu bekommen? Um ein begehrtes Schnäppchen zu ergattern? Um die Karriereleiter hinaufzusteigen? Und was mache ich falsch, wenn es nicht klappt? Was ist an mir falsch, dass es schief läuft? Auf den ersten Blick scheint Jesus solches Ellenbogendenken zu fördern: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“ Jesus fordert dazu auf, sich anzustrengen - nur um sogleich deutlich zu machen: Viele Anstrengungen werden vergeblich sein. Auch das kennen Menschen heute: Einerseits werden Leistungsdruck und Wettbewerbsfähigkeit groß geschrieben, um „fit“ für den Markt zu sein. Lebenslanges Lernen, größtmögliche berufliche und räumliche Flexibilität bis hin zur Entwurzelung, das Sich-Einstellen auf immer neue Aufgaben, die selbstverständliche Bereitschaft zu Überstunden, das sind nur einige der Anforderungen. Und doch bleiben viele Anstrengungen vergeblich. Viele stehen draußen, klopfen an die Tür und bitten oder fordern lautstark, endlich hereinkommen zu dürfen.

"Wachsamkeit ist gefragt, damit wir den Moment der Türöffnung nicht verpassen. Solche Wachsamkeit ist von uns Kirchen verlangt. ... Wir können das Unsere dazu beitragen, dass Menschen die Möglichkeit haben, ein menschenwürdiges Leben zu führen."

Und nun? Jesus erzählt das Gleichnis von dem Hausherrn und der verschlossenen Tür, ohne zunächst einen Kompromiss anzudeuten. Es bleibt keine Zeit, Entscheidungen hinauszuzögern und Probleme auf die lange Bank zu schieben. Wachsamkeit ist gefragt, damit wir den Moment der Türöffnung nicht verpassen. Solche Wachsamkeit ist von uns Kirchen verlangt. Als Kirchen haben wir zwar politische Entscheidungen und Reformen nicht herbeizuführen. Wir haben den politisch Verantwortlichen auch keine Direktiven zu erteilen für konkrete politische Maß­nahmen. Aber wir sollen sie durch wachsames und beharrliches Nachfragen und Mahnen unterstützen - geleitet von Gottes Verheißungen einer gerechten Welt und seiner Option für die Armen. Nichts anderes tun wir im gemeinsamen Sozialwort und weiterer Äußerungen unserer Kirchen in den letzten Jahren. Wir können das Unsere dazu beitragen, dass Menschen die Möglichkeit haben, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Darin sollen wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen. Nichts anderes tun unsere diakonischen und karitativen Werke, unsere kirchlichen Arbeitnehmerbewegungen und Dienste in der Arbeitswelt, aber auch viele Gemeinden und Christenmenschen. Durch die Verkündigung des Evangeliums haben wir eine einzigartige Möglichkeit, Menschen zu motivieren, an ihrem Platz die enge soziale Pforte einen Spaltbreit aufzumachen. So wie ein erfolgreicher Unternehmer aus Baden, der dieser Tage das Bundesverdienstkreuz erhielt und in seiner Dankesrede sagte: „Die Menschen mitzunehmen, ist mehr, als sie zu alimentieren. Mitnehmen heißt aber, die Menschen dort abzuholen wo sie stehen: Junge Menschen, wenn sie sich um eine Lehrstelle bewerben, auch dann zu übernehmen, wenn ihre Schulzeugnisse nicht genügen. Sie haben trotzdem Fähigkeiten. Diese zu entdecken und sich als Person ganz einzubringen, dazu müssen sie die Chance haben. Sie entwickeln dabei Fähigkeiten, die bislang verschüttet oder nicht gefordert waren. Das erfahre ich seit Jahren.“

Mit hinein nehmen
Wo wir „Menschen mitnehmen und teilnehmen lassen“, da erfahren sie, dass sie nicht die „Letzten“ sind, um mit dem Bild Jesu zu sprechen. Da sind sie schon jetzt hinein genommen in eine solidarische Gemeinschaft, wie Jesus sie uns am Tisch im Reich Gottes vor Augen malt. Am Tisch Gottes werden alle, die da sitzen, an allen Gütern Anteil haben. Dort ist „Beteiligungsgerechtigkeit“ ebenso verwirklicht wie „Verteilungsgerechtigkeit“. Solche soziale Tischgemeinschaft sollen wir in der Nachfolge Jesu schon hier auf dieser Erde zeichenhaft verwirklichen und uns fragen: Wo kann ich Mangel aus meinem Überfluss heilen? Wo kann ich geben, ohne dass es mich selbst sozial gefährden würde? Was bedeutet Sozialpflichtigkeit des Eigentums? Welche Steuerpolitik ist nötig, um Menschen gemäß ihrem Vermögen - dies im mehrfachen Sinn - für die Gestaltung des Sozialstaats in Pflicht zu nehmen? Wie können Reichtum und die aus ihm resultierende Sozialpflichtigkeit zum Thema gemacht werden - etwa durch die Erstellung von Armuts- und Reichtumsberichten? Wie kann es gelingen, das Stiftungswesen und eine sozialförderliche Sponsorenmentalität zu fördern?

Aber dann eben auch: Wie können die Gaben, die in jedem als Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen liegen, fruchtbar gemacht werden für ihn selbst und das menschliche Miteinander? Denn Armut bedeutet mangelnde Teilhabe an diesem Miteinander. Mangelnde Teilhabe an materiellen Gütern, aber auch an Arbeit und Bildung, an sozialem und kulturellem Leben. Und - leider auch! - mangelnde Teilhabe an kirchlichem Leben. Hier stehen unsere Gemeinden und Kirchen in der Nachfolge Jesu vor großen Herausforderungen.

"Es ist nicht ausgemacht, wer Erster und Letzter, wer Gewinner und Verlierer ist."

Dabei steht uns Jesu Wort von den Letzten, die die Ersten sein werden und den Ersten, die die Letzten sein werden, verheißungsvoll vor Augen. Es ist ein treffendes Bild für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Eine Vision vom neuen Leben bei Gott. Oder bedeutet es doch, dass es Erste und Letzte geben wird, nur unter umgekehrten Vorzeichen? Ich verstehe die Botschaft Jesu anders: Im Licht des Reiches Gottes werden die Karten neu gemischt. Da ist kein Mensch endgültig festgelegt, auch nicht auf seinen sozialen Status oder Rang. Deshalb kann ich mir die Tischgemeinschaft im Reich Gottes nur an einem runden Tisch vorstellen, an dem es kein Oben und Unten gibt. Diese Vision ermutigt uns, die Menschen schon jetzt mit anderen Augen zu sehen. Es ist nicht ausgemacht, wer Erster und Letzter, wer Gewinner und Verlierer ist. Jeder Mensch trägt die Potentiale in sich, Erfahrungen sinnvollen Lebens zu machen. Dazu wollen wir als Christenmenschen und Kirchen Unterstützung anbieten, vor Ort, aber auch im weltweiten Miteinander. Denn die Vision Jesu ist eine globale: Die Tischgemeinschaft im Reich Gottes kommt aus allen Enden der Welt zusammen. Als seine Kirche, als Leib Christi, sind wir bereits seit 2000 Jahren globalisiert - zumindest im geistlichen Sinne. Darum haben wir als Christenmenschen viele Erfahrungen einzubringen für ein gelingendes weltweites Miteinander in Gerechtigkeit und Solidarität.

Bleibt eine letzte Frage: Wenn wir uns durch die Worte Jesu so anregen lassen, die enge soziale Pforte zu öffnen für Menschen, die sich draußen vor der Tür fühlen, wenn wir uns für Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen, werden wir dann auch einst durch die enge Tür zum ewigen Heil hineingehen? Werden wir „gerettet“, wenn wir beten, den Gottesdienst besuchen und manch anderes „frommes“ und gerechtes Werk tun? Das alles ist gut und nützlich, es stärkt uns im Glauben und im menschlichen Miteinander. Es mahnt uns, dass soziales Handeln und Taten der Nächstenliebe keine Verzögerungen dulden. Aber solche Anstrengungen sichern uns nicht automatisch eine Eintrittskarte für die enge Tür zum ewigen Reich Gottes. Im Gegenteil: Leistungsdenken und Konkurrenzkampf haben in Glaubensdingen keinen Platz. Gott ist größer als unser Herz. Gerade der Evangelist Lukas erzählt davon. Der verlorene Sohn wird mit offenen Armen aufgenommen. Der Zöllner findet Gnade vor Gott. Und zum Verbrecher am Kreuz sagt Jesus: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das ist unsere Hoffnung: Dass die enge Tür zuletzt ganz weit wird und dass Jesus selbst von uns nimmt, was uns jetzt noch am Durchkommen hindert.
Amen.