Das Senfkorn Hoffnung

Gottesdienst „70 Jahre Lutherkirche“, Gottmadingen am 28.10.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Mk 4,30-32

Der Predigttext für diesen Festgottesdienst ist ein Text, der nach der Ordnung unserer Kirche als Predigttext zum Kirchweihgedenken vorgesehen ist. Es ist ein besonders kurzer und zugleich höchst eindrücklicher Text - ein Gleichnis Jesu, das mit seinen Bildern aus der agrarischen Kultur das Gleichnis vom Sämann weiterführt. Hören wir auf Worte Jesu aus dem 4. Kapitel des Markusevangeliums:
„Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so dass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“

Zunächst einmal ist das schlicht ein Gleichnis zum Staunen: Das winzige Senfkorn, kaum 1 mm groß, wächst innerhalb eines halben Jahres zu einer Staude von über 2 m Höhe, aus der dann der schwarze Senf gewonnen wird. Aus dem winzig kleinen Samen wächst in kurzer Zeit ein großer Baum, in dem sogar Vögel nisten können. Das ist zum Staunen! Und deshalb hat Jesus auch dieses Gleichnis vom Senfkorn erzählt. Er will die Menschen ins Staunen versetzen, indem er verkündigt: Gott lässt aus kleinsten Anfängen Großes wachsen! Gottes Reich nimmt klein und unscheinbar seinen Anfang, hier im Wirken des Mannes aus Nazareth, hier im Niemandsland rund um den See Genezareth. Hier beginnt ganz klein, was einmal die ganze Welt verändern wird. Das ist zum Staunen.

Staun- und Dankgleichnis
Nun wissen wir, dass das Staunen nicht nur der Beginn der Theologie ist, sondern auch der richtige Nährboden für die Dankbarkeit. Wo ich staunend etwas wahrnehme, das ich mir zunächst gar nicht erklären kann, dort füllt sich mein Herz mit Dank. Das geht uns beim Staunen über die Wunder der Natur nicht anders als beim Staunen über das Heranwachsen unserer Kinder oder Enkel. Das geht uns beim Staunen über menschlichen Erfindungsgeist nicht anders als beim Staunen über Bewahrungen im Leben. Aus dem Staunen erwächst der Dank. Wo Staunenswertes geschieht, da können wir nur dankbar sein. Darum. Das Gleichnis vom Senfkorn ist also ein Staun- und ein Dankgleichnis.

"Und so ist sein Gleichnis vom Senfkorn ein Staun-, ein Dank- und vor allem ein Hoffnungsgleichnis. Es reißt einen großartigen Horizont der Hoffnung auf..."

Aber mehr noch: Mit dem Bild vom Senfkorn will Jesus nicht nur zum Staunen über das Wachstum in der Natur und zum Danken gegenüber Gott, dem Schöpfer des Lebens anregen. Jesus erzählt das Bild vom Senfkorn auch und besonders als ein Hoffnungsgleichnis. Er will - angesichts der kümmerlichen Anfänge seines Wirkens - Hoffnung machen auf das kommende Reich Gottes. Er will Hoffnung stiften, dass Gott aus dem kleinen Anfang des Wirkens Jesu Großes und Heilvolles für unsere Welt hervorbringen wird. Seht: „Was jetzt so klein beginnt - mit einigen wenigen Jüngern, die mir nachfolgen, mit meinen Heilungen und mit meiner Predigt, in dem, was jetzt nur wenige anzieht und von vielen nicht verstanden wird, in all dem liegt der Keim einer großen Entwicklung. Schaut nur genau hin: Was ich wirke, wird noch die ganze Welt verändern.“ Das ruft Jesus denen zu, die ihm zuhören. Und so ist sein Gleichnis vom Senfkorn ein Staun-, ein Dank- und vor allem ein Hoffnungsgleichnis. Es reißt einen großartigen Horizont der Hoffnung auf, der Hoffnung auf ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit für alle Welt.

Ein Senfkorn-Ort
Unter diesem großen Horizont der Hoffnung auf Gottes Reich feiern wir heute das 70jährige Jubiläum Ihrer Lutherkirche. Dieser Horizont der Hoffnung gibt diesem Jubiläum einerseits seine Weite, hilft andererseits, dieses Jubiläum einzuordnen in die große Geschichte des wachsenden Reiches Gottes. Vor 70 Jahren wurde diese Kirche gebaut - als Ort der Hoffnung angesichts der Bedrohung christlichen Glaubens durch die unmenschliche Nazidiktatur. Inmitten eines durch und durch katholischen Umfeldes wurde diese Kirche vor 70 Jahren gebaut als Haus der Hoffnung für die immer mehr werdenden Evangelischen am Ort. Und seitdem haben 70 Jahre lang in dieser Kirche Menschen Gottesdienste gefeiert, sich damit immer wieder dankbar an den Gott gewandt, dem sie sich verdanken, und immer wieder voller Hoffnung zu Gott gebetet. 70 Jahre lang haben in dieser Kirche Menschen ihre Kinder zur Taufe gebracht, dankbar für das Geschenk des Lebens und voller Hoffnung für die Zukunft ihrer Kinder. 70 Jahre lang haben in dieser Kirche Menschen ihre Ehe unter Gottes Segen gestellt, dankbar für den Partner, die Partnerin, die ihnen an die Seite gestellt wurde, und voller Hoffnung auf ein gelingendes Leben unter dem Segen Gottes. 70 Jahre lang haben in dieser Kirche Menschen Abschied genommen von Verstorbenen, dankbar für vieles, was ihnen durch sie geschenkt wurde, und voller Hoffnung auf die Vollendung des Lebens bei Gott. Seit 70 Jahren ist diese Kirche Ort des Dankens und des Hoffens, ein kleiner Ort, an dem sich Gottes Reich ausbreitete, ein Senfkorn-Ort eben.

Gewiss war das Wirken der Gemeinde an diesem Ort manchmal unscheinbar wie ein Senfkorn, und oft werden Sie am Wachsen des Gottesreiches an diesem Ort auch gezweifelt haben. Und dennoch: Bei aller Mühsal steht auch die Arbeit dieser Gemeinde unter der Verheißung des Senfkorn-Gleichnisses Jesu, geschieht Ihre Arbeit unter dem Horizont des Reiches Gottes. Jesus will mit seinem Senfkorn-Gleichnis den Blick weglenken von manchen kümmerlichen Mühen kirchlichen Tuns hin auf die verheißene Zukunft Gottes. Was immer in dieser Kirche getan wird, was immer hinter den Erwartungen zurückbleiben mag oder als enttäuschend erlebt wird, das darf nicht den Blick verstellen für die Zukunft, die Gott auch dieser Gemeinde verheißen hat. Die Arbeit dieser Gemeinde geschieht unter dem Horizont der Verheißungen Gottes. Sie geschieht unter dem Horizont seines kommenden Reiches. Nicht die Kümmerlichkeit der Gegenwart darf uns gefangen nehmen, sondern die Hoffnung auf Gottes Zukunft soll uns anstecken. Wenn wir uns von dieser Hoffnung anstecken lassen, dann entdecken wir unsere Möglichkeiten, durch unser Tun Hoffnung zu pflanzen in dieser Gemeinde, für die Menschen hier in Gottmadingen.

So ist jedes Kind, das hier im Kindergarten erste Hilfestellung auf dem Weg hinein ins Leben erfährt, ein Zeichen der Hoffnung. So ist jeder Mensch, der neu den Weg hinein in das Gemeindeleben findet, ein Zeichen der Hoffnung. So ist jeder Ton, der im Posaunenchor erklingt und mit dem neue Bläserinnen und Bläser angelockt und Menschen zum Gotteslob ermutigt werden, ein Ton der Hoffnung. So ist jeder Kontakt, den diese Gemeinde knüpft, ein Zeichen der Hoffnung. Mit alledem wächst Gottes Reich an diesem Ort, wird aus dem Senfkorn, das vor 70 Jahren hier in die Erde gelegt wurde, ein großer Baum, der immer mehr Menschenvögeln Heimat bietet. 70 Jahre Leben in und rund um die Lutherkirche sind eben 70 Jahre Reichs-Gottes-Arbeit an diesem Ort.

Das Lied vom „Senfkorn Hoffnung“ nimmt die Botschaft dieses Gleichnisses auf, und dieses Lied will uns anstecken. Es will uns anstiften zur Dankbarkeit für die 70 Jahre gelebter Hoffnung in dieser Lutherkirche. Dieses Lied will uns anstiften zu einer Hoffnung, die dieser Gemeinde Kraft gibt für ihren Weg in die Zukunft:
Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt,
werde ich dich pflanzen, dass du weiter wächst,
dass du wirst zum Baume,
der uns Schatten wirft,
Früchte trägt für alle, alle, die in Ängsten sind?
Möge Gott aus dem kleinen „Senfkorn Hoffnung“ Früchte wachsen lassen für alle, alle.
Amen.