Gesetz und Evangelium

Gottesdienst zur Verabschiedung von Oberkirchenrat Dr. Jörg Winter und zur Einführung von Oberkirchenrätin Dr. Susanne Jaschinski, Karlsruhe-Durlach a

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Psalm 119,105 in Verbindung mit Jes 56,1 und Jes 43,19

Liebe Gemeinde,
den Weg hinein in die Kirche haben wir nicht allein gefunden. Hierher in die Stadtkirche zwar schon, aber nicht in die große Kirche Jesu Christi. Auf diesem Weg wurden wir begleitet von Eltern und Großeltern, vielleicht auch von Patinnen und Paten. Manchmal auch von einem Pfarrer, der uns beeindruckt oder von einer Religionslehrerin, die uns mit unseren Fragen ernst genommen hat. Oft waren es auch Bibelworte, die uns auf dem Weg hinein in unser Glaubensleben begleitet haben. Nicht selten unser Konfirmationsspruch, dessen Wert für unser Leben sich oft erst nach vielen Jahren erschlossen hat.

Bei Ihnen, lieber Herr Winter und liebe Frau Jaschinski, war dies nicht anders. Und es hat sich so gefügt, dass es dasselbe Bibelwort ist, das Ihnen, Herr Winter, als Konfirmationsspruch mit auf den Weg gegeben wurde und das Ihnen, Frau Jaschinski, Ihr Vater anlässlich Ihrer Konfirmation in die Konfirmationsbibel schrieb und das Sie später dann als Taufspruch Ihrem Sohn weitergaben. Aus der Tatsache, dass es dasselbe Bibelwort ist, das Ihnen im Kontext Ihrer Konfirmation und für Ihr weiteres Leben bedeutsam wurde, nun allerdings eine Kontinuität in der Arbeit des juristischen Referates im Evangelischen Oberkirchenrat abzuleiten, hielte ich für etwas kurzschlüssig. Eher signalisiert diese Überseinstimmung, dass Sie beide in demselben Raum des Glaubens ihren Ort gefunden haben, der von der biblischen Überlieferung entscheidend geprägt ist.

Ein Licht, das vor dem Stolpern bewahrt
Das Ihnen bedeutsam gewordene Bibelwort steht ausgerechnet im Wochenpsalm für diese Woche, im 119. Psalm. In all seinen 176 Versen ist er nichts anderes ist als ein Liebeslied auf das Wort Gottes. Hier singt ein Mensch, der von der Weisung Gottes ebenso unmittelbar angerührt ist wie ein Liebhaber von seiner Geliebten. Das Wort Gottes bereichert sein Leben, wie das Leben durch die Gegenwart eines geliebten Menschen bereichert wird. So sehr liebt dieser uns unbekannte Psalmsänger die Weisung und das Wort Gottes, dass er sie besingt wie eine Leuchte, die jeden seiner Schritte umfängt, wie ein Licht, das seinen ganzen Lebensweg hell macht. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“, so singt der in Gottes Wort Verliebte.

Dabei war dieser Psalmsänger kein weltfremder Träumer. Vielen Gefährdungen von außen und innen war er ausgesetzt. Er kannte auch Dunkelheiten in seinem Leben. Er kannte auch das Dahinstolpern. Er wusste, wie leicht man in das Dunkelloch der Ungewissheit stürzen kann. Aber der Psalmbeter hatte auf seinen Lebenswegen eben auch andere Erfahrungen gemacht, Glaubenserfahrungen, die ihn trugen in aller Dunkelheit. Erfahrungen, die ihm halfen, den Mut nicht sinken zu lassen. Er hatte im Wort Gottes, in der Wegweisung Gottes ein Licht entdeckt, das ihn vor dem Stolpern bewahrte, das ihn bewahrte vor Verzweiflung und Resignation.

"Aber zugleich spüren wir, dass im Hören auf Gottes Wort unser Lebensweg so ausgeleuchtet wird, dass unser Fuß nicht beim nächsten Schritt in einen Abgrund hineingerät."

Indem wir uns das Liebeslied des Psalmsängers von Gottes Wort aneignen, kann es unser eigenes Liebeslied werden. Unser Glaubenslied. Mit ihm singen wir von dem Vertrauen, dass wir Orientierung auf unseren Lebenswegen finden, wenn wir auf Gottes Weisung und Gebot für unser Leben hören. Dabei blenden auch wir das Dunkle, das Furcht Einflößende unserer Wirklichkeit keineswegs aus. Weiterhin gibt es den Schrecken des Krieges im Irak. Weiterhin gibt es die Angst vor einer drohenden Klimakatastrophe. Weiterhin gibt es Rechtsbrüche in unserem Land, die nicht tolerabel sind. Auch gibt es all das, was uns in unserem nächsten Umfeld bedrückt - an Leid in unseren Familien und an Streit in der Kirche, an Unfähigkeit, miteinander auszukommen, und an Orientierungslosigkeit auf vielen unserer Wege. Ja, das alles gibt es. Es gibt in unserer kleinen wie in der großen Welt viel Dunkelheit. Und es gibt ein orientierungsloses Dahinstolpern, das es uns bisweilen schwer macht, daran zu glauben, dass Gottes Wort Licht auf unseren Wegen sein kann. Aber zugleich spüren wir, dass im Hören auf Gottes Wort unser Lebensweg so ausgeleuchtet wird, dass unser Fuß nicht beim nächsten Schritt in einen Abgrund hineingerät.

Heilsverkündigung und Wahrung des Rechts
Für die Art und Weise, in der uns das Wort Gottes als Licht auf unserem Wege Orientierung gibt, hat uns Martin Luther die wichtige Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ins evangelische Gewissen geschrieben. Dazu passen die weiteren Bibelworte:
„Wahret das Recht und übt Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, dass es komme und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbar werde.“ Diese Worte stehen ganz am Anfang des dritten Teils des Jesajabuches, sie haben also programmatischen Charakter. Dem Volk Gottes wird hier etwas mahnend ins Gewissen gerufen, das für die Gestaltung des Miteinanders nach der Rückkehr aus dem Exil wichtig ist. Und wer wollte bestreiten, dass auch wir in der Kirche die Mahnung zur Wahrung des Rechts und zum Üben von Gerechtigkeit immer wieder brauchen. Denn eine verlässliche Rechtspflege und ein Kirchen leitendes Handeln, das sich vom Grundsatz der den Menschen zu gewährenden Gerechtigkeit leiten lässt, sind von grundsätzlicher Bedeutung für die Gestaltung kirchlichen Lebens. Ob durch die Wahrung des Rechts und das Üben von Gerechtigkeit dann auch sogleich das Heil Gottes anbricht, können wir manchmal bezweifeln. Aber alle Heilsverkündigung der Kirche wird zu einem hohlen Geschwätz, wenn sie nicht begleitet ist durch eine vom Grundsatz der Gerechtigkeit geleitete Wahrung des Rechts. Eine Kirche geistlich und rechtlich in unaufgebbarer Einheit zu leiten, bedeutet eben auch, das Gesetz in seiner Unrecht begrenzenden Funktion ernst zu nehmen und die durch die Rechtsordnung vorgegebenen Räume zu respektieren. Täten wir dies nicht, stünde das geistliche Tun der Kirche in der Gefahr realitätsferner Schwärmerei.

Evangelium pur
Von dem Psalmwort, das singt von Gottes Wort als einem Licht auf unserem Weg, führte uns die eine Spur hin zum Wort des Gesetzes aus dem 56. Kapitel des Jesajabuches. Ein anderes Jesajawort führt uns mitten hinein in das Evangelium, wie es in der Losung für dieses Jahr über uns ausgesprochen ist:
„Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ Diese Worte sind - wie so viele des zweiten Jesajas - Evangelium pur. Inmitten einer Situation, die durch Trostlosigkeit gekennzeichnet war, sah der Prophet bereits den Keim des Neuen. Deutend spricht dieser Sehhelfer des Glaubens Worte der Hoffnung, die helfen, jenseits des begrenzten Horizontes neue Lebensmöglichkeiten zu entdecken. Der Prophet konnte dies, weil er an die Schöpfermacht Gottes glaubte. Er wusste: Gott ist mit seiner Kraft nicht am Ende. Als Schöpfer des Lebens erschafft er Neues. Dieses Neue mag klein beginnen. Es mag langsam heranwachsen, unbemerkt, unhörbar, unsichtbar. Es mag verschüttet sein unter manchen Ängsten, unter Wirren des Neuanfangs. Aber Gottes Schöpferkraft lässt aus kleinen Anfängen Großes entstehen.

"Wie gut, dass Gesetz und Evangelium sich nicht verteilen auf juristische und theologische Mitglieder der Kirchenleitung. Nein, wir beide, wir alle, leben davon, dass Gottes Wort unseren Weg hell macht - als Gesetz und als Evangelium, mahnend und verheißend."

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ Gottes Wort leuchtet uns als Wort des Gesetzes und als Wort des Evangeliums. Wie gut, dass Gesetz und Evangelium sich nicht verteilen auf juristische und theologische Mitglieder der Kirchenleitung. Nein, wir beide, wir alle, leben davon, dass Gottes Wort unseren Weg hell macht - als Gesetz und als Evangelium, mahnend und verheißend. Von diesem Wort lasst uns singen: Dein Wort, Herr, nicht vergehet.
Amen