Menschenrechtsbewegung

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe am 21.10.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Markus 2,23-28

Liebe Gemeinde,
wir hören auf den Predigttext zum 20. Sonntag nach Trinitatis. Er steht im 2. Kapitel des Markus-Evangeliums in den Versen 23-28:
„An einem Sabbat wanderte Jesus durch ein Kornfeld. Seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren abzureißen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die geweihten Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um das Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“

Liebe Gemeinde, welch eine Idylle: Jesus geht durchs Kornfeld. Gleich kommen uns schöne Bilder in den Sinn, wie sie früher in Schlafzimmern hingen. Jesus im Kornfeld und seine Jünger hinter ihm. Was sich zunächst vordergründig als Idylle in der wunderbaren Landschaft rund um den See Genezareth darstellt, entpuppt sich beim zweiten Hinschauen als ein dramatisches Ereignis. Was Jesus hier unternimmt, ist kein harmloser Sonntagsspaziergang. Was seine Jünger hier tun und was Jesus mit kräftigen Worten unter Hinweis auf die Autorität des Königs Davids rechtfertigt, ist nichts mehr und nichts weniger als ein Rechtsbruch. Jesus und seine Jünger setzen sich über geltendes Recht hinweg. Sie missachten eines der wichtigsten Gesetzes der jüdischen Religion, das Gesetz zum Schutz des Sabbats.

Das Recht dient dem Menschen
Wer jetzt frohlocken möchte und endlich meint, eine biblische Begründung für die weitere Auflösung des Sonntagsschutzes gefunden zu haben, hat sich gewaltig geirrt. Denn Jesu Bruch des Sabbatgebotes hat nur einen einzigen Sinn: Jesus will dem Recht dazu verhelfen, dass es ganz und gar dem Menschen dient. Und das kann nun wirklich niemand hinsichtlich der Bemühungen um die Aufweichung des Sonntagsschutzes behaupten. Diese dient nicht den Menschen, sondern dem Konsum. Wo aus Gründen der Umsatzsteigerung der freie Sonntag beschädigt wird, da wird menschliches Leben beschädigt. Denn ohne den geordneten Wechsel von Arbeit und Ruhe, ohne den geordneten Rhythmus von Tätigsein und Feiern kann menschliches Leben nicht gelingen. „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt“ (2 Mose 20,8ff). Dies ist zum Schutz des Menschen gesagt. Wer den Sonntag nicht heiligt, wird auch den Alltag nicht human gestalten können. Um unserer Gesellschaft und ihrer menschlichen Gestaltung willen brauchen wir die durch den Sonntag gewährleisteten Räume, in denen eine Sonntagskultur, eine Kultur des Betens und des Sozialen gepflegt werden kann. Der Sonntag und seine Kultur sind kein Luxus, den sich eine moderne Gesellschaft eigentlich nicht mehr leisten kann. Nein: Der Sonntag und seine Kultur ist Kraftquelle des Lebens, ohne die Menschen die Kraft zur Arbeit verlieren.

"Wenn hier von Jesu Bruch des Sabbatgebotes berichtet wird, dann kann dies nicht für heutige Brüche der Sonntagsruhe in Anspruch genommen werden. Jesus geht es nicht um eine Aushöhlung der Sabbatruhe, es geht ihm darum, dass Gottes eigentlicher Wille zum Zuge kommt."

Also, nicht vorschnell triumphieren! Wenn hier von Jesu Bruch des Sabbatgebotes berichtet wird, dann kann dies nicht für heutige Brüche der Sonntagsruhe in Anspruch genommen werden. Jesus geht es nicht um eine Aushöhlung der Sabbatruhe, es geht ihm darum, dass Gottes eigentlicher Wille zum Zuge kommt. Sein Segenswille für uns Menschen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um das Sabbats willen.“ Das Recht der Sabbatruhe soll dem Menschen dienen. Die Menschlichkeit darf nicht auf dem Altar gesetzlicher Normen geopfert werden. Wie das aussehen kann, wissen wir genau, etwa wenn mit Hinweis auf eine Baunutzungsordnung gegen die Errichtung eines Altenpflegeheims in einem Wohngebiet geklagt wird, gerade so als würde keiner der Kläger realisieren, dass er selbst einmal alt werden wird. Oder wenn der Anblick behinderter Mensch im Urlaub zu Schadensersatzforderungen berechtigt. Oder wenn die unerwünschte Geburt eines Kindes zu Regressforderungen gegenüber dem behandelnden Arzt führt, weil dieses menschliche Leben als ein Schaden bewertet wird. Zu allen Zeiten stand und steht Rechtsprechung in der Gefahr, über der formalen Befolgung gesetzlicher Normen das Leben Ermöglichende eines Gesetzes zu vergessen und damit den Wert eines Menschen gering zu achten. Jesus geriet in Konflikt mit der Justiz seiner Zeit, weil er die göttlichen Gebote konsequent als Hilfe zum Gelingen menschlichen Lebens auslegte. Jesus wollte das Recht als Dienerin der Menschlichkeit ernst nehmen. Das ist die Dramatik jenes scheinbar harmlosen Spaziergangs durchs Kornfeld: Dieser Spaziergang ist ein eindrucksvoller Protest gegen eine Justiz, die mit ihrer Rechtsprechung weniger der Durchsetzung der Menschlichkeit dient als der formalen Einhaltung des positiven Rechts.

Räume des Menschlichen öffnen
Wir müssen deutlich machen, wie wichtig es ist, dass wir als Kirche in der Nachfolge Jesu Christi eine Rechtspflege betreiben, die sich ganz und gar an einem gerechten Ausgleich unter den Menschen orientiert und die Räume des Menschlichen öffnet. Kirchliches Recht muss sich ausrichten an jenem Menschensohn, der als Herr über den Sabbat auch Herr unserer kirchlichen Rechtsprechung ist. Wie weit sind wir doch oft in der Kirche davon entfernt! Da werden Wünsche von Gemeindegliedern mit Hinweis auf rechtliche Bedenken zurückgewiesen, ohne diese Gemeindeglieder mit ihren Wünschen wirklich ernst zu nehmen. Oft wird auch in der Kirche nicht zuerst danach gefragt, ob ein bestimmtes Tun beiträgt zur Durchsetzung von mehr Menschlichkeit, sondern vor allem wird geprüft, ob es erlaubt ist. Ist die Frage nach dem, was erlaubt ist, nicht auch in der Kirche heute oft lauter zu vernehmen als jene Frage nach dem, was Jesus gewollt hat und was wir als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger um der Menschen willen und um Gottes willen tun müssten?

"Wo Menschen verletzt oder benachteiligt werden, weil ein Gesetz um des Rechtes willen durchgesetzt wird, müssen wir Partei ergreifen."

Wie Jesu Gang durchs Kornfeld zeigt, verhielt er sich mit seinen Jüngern gesetzwidrig, wenn es um die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse und Grundrechte ging. Er schwamm gegen den Strom der Zeit, als es galt, Gottes Liebe den Kranken und Behinderten, den Kindern und Frauen zu erweisen, für die die gesellschaftliche Ordnung damals keinen Platz bot. Er setzte sich über religiöse Regeln hinweg, um Gottes Menschenfreundlichkeit auch den Sündern und Andersgläubigen zu erweisen, die nach geltendem Recht aus der Heilsgemeinde ausgeschlossen waren. Wenn wir auf Jesus hören, wenn wir unser Tun an diesem Menschensohn ausrichten wollen, dann ist von uns ein Tun gefordert, das in allen Bereichen des Lebens Recht und Menschlichkeit einander so zuordnet, dass das Recht nicht als Schranke oder Sperranlage erlebt wird, sondern als Hilfe zu einem Leben in Menschlichkeit. Dann ist von uns verlangt, sensibel zu sein für Verletzungen der Menschenwürde um des Rechtes willen. Wo Menschen verletzt oder benachteiligt werden, weil ein Gesetz um des Rechtes willen durchgesetzt wird, müssen wir Partei ergreifen. Und im Gehorsam gegenüber dem Menschensohn gilt es dann aufzustehen gegen solches Unrecht, gilt es, sich der Bewegung Jesu Christi anzuschließen, die immer zuerst nach dem fragt, was gerade den Schwächsten hilft.

Menschenrechtsbewegung
So sind wir als Christenmenschen in der Nachfolge des Menschensohnes im Grunde Teil einer großen Menschenrechtsbewegung. Ihr Grundsatz ist es, im Zweifelsfall dem Menschensohn mehr zu gehorchen als den Gesetzen, die von Menschen erlassen wurden. Solch ein Engagement in der Menschenrechtsbewegung Jesu kann ganz verschieden aussehen:
Es kann bestehen im gemeinsamen Kampf gegen die voranschreitende Aushöhlung des Sonntagsschutzes.
Er kann im gewaltlosen Widerstand Gestalt annehmen, wie es uns die Bürgerrechtsgruppen im Herbst 1989 in der DDR vor Augen geführt haben.
Es kann Ausdruck finden durch ein Engagement für jene Menschen, die es schwer haben, in unserem Rechtsstaat selbst für ihr Recht einzustehen – so etwa für Menschen, die auf der Suche nach Asyl größte Mühe haben, sich zu orientieren. Und in seltenen Fällen muss auch durch ein gewährtes Kirchenasyl dem Staat geholfen werden, sein Asylrecht menschgemäß und einem Rechtsstaat würdig auszugestalten.
Immer geht es beim Mitmachen in der Menschenrechtsbewegung des Menschensohnes Jesus Christus darum, in unserer Kirche und in unserem Staat die richtige Zuordnung von Recht und Menschlichkeit zu ermöglichen, so dass das Recht dem Menschen dient. Ein dem Menschen dienendes Recht hat nicht die Einengung der Menschen im Blick, sondern die Entfaltung ihres gelingenden Zusammenlebens.

"Wer Jesus Christus, dem Herrn über den Sabbat, nachfolgt, kann nicht stromlinienförmig angepasst leben, sondern muss auch immer wieder den Mut finden, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen."

Liebe Gemeinde, so mündet der scheinbar harmlose Weg Jesu durch die Kornfelder Galiläas in die Einladung an uns, in seiner großen Menschenrechtsbewegung mitzumachen. Diese Einladung ist nicht bequem - weder für unsere Gesellschaft noch für unsere Kirche, aber eben auch nicht für uns, die wir uns lieber ins Private zurückziehen. Wer Jesus Christus, dem Herrn über den Sabbat, nachfolgt, kann nicht stromlinienförmig angepasst leben, sondern muss auch immer wieder den Mut finden, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen. Aber wie sagt ein altes Sprichwort: „Nur wer gegen den Strom schwimmt, kann zur Quelle gelangen“, hin zu Jesus Christus, dem Menschensohn. Er ist der Herr über den Sabbat. Er ist der Herr unseres Lebens. Er ruft uns in seine Nachfolge, in seine Bewegung für die Rechte der Menschen. Ihm können wir folgen - um seiner, um unserer und um der Menschen willen. Ihm können wir folgen, indem wir auf sein Wort hören.
Amen.