Ringen mit Gott

Gottesdienst zum Tag der Pfarrerinnen und Pfarrer in Baden und Württemberg, Villingen am 08.10.2007 - Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Liebe Schwestern und Brüder,
zum ersten Tag der Pfarrerinnen und Pfarrer in Baden und Württemberg haben wir uns hier in Villingen-Schwenningen versammelt. Und während des heutigen Tages haben wir schon gemerkt: Es tut gar nicht weh! Im Gegenteil: Es bereichert uns, wie uns manche Kooperation unserer Kirchen bereichert, auf die wir uns in den letzten Jahren eingelassen haben. Was uns heute an Austausch und Kooperation so selbstverständlich erscheint, das wäre noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Damals wäre alleine die unterschiedliche Bekenntnisbindung unserer Landeskirchen ein nicht leicht zu überwindendes Hindernis gewesen. Heute – 34 Jahre nach der Konkordie von Leuenberg – wissen wir uns einig im „gemeinsamen Verständnis des Evangeliums“, auf das wir alle gleichermaßen ordiniert sind, die wir als Pfarrerinnen und Pfarrer in unseren Kirchen Dienst tun.

An diese Ordination, die Grundlage unseres gemeinsamen Dienstes will ich uns alle heute erinnern, und ich will dies tun, indem ich mit Ihnen Worte aus dem Buch des Propheten Jeremia bedenke. Dort lesen wir im 20. Kapitel:
„Gott, du hast mich verführt, und ich habe mich verführen lassen. Du hast mich gepackt und überwältigt. Ich bin darüber zum Gespött geworden täglich, und alle verlachen mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien: ‚Frevel und Gewalt!’ muss ich rufen. Denn Gottes Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen, dann brannte es in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen. Ich versuchte, dies auszuhalten, aber ich vermochte es nicht, denn ich hörte, wie viele heimlich reden: ‚Schrecken ist um und um!’ ‚Verklagt ihn!’ ‚Wir wollen ihn verklagen!’ Selbst alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: ‚Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.’ Aber Gott ist bei mir wie ein starker Held; darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“

Gott wird angeklagt
Liebe Schwestern und Brüder, hier klagt ein Mensch. Er kann nicht mehr. Er kommt nicht mehr zurecht mit seinem Leben. Gott ist in sein Leben eingebrochen - übermächtig, zerstörerisch. Gott hat ihn gepackt, hat ihn überwältigt, hat ihn gar verführt, so wie ein Mann einem unschuldigen Mädchen Gewalt antut. Jeremia erlebt Gott als einen grausamen Gott, der ungefragt in sein Leben eindringt. Mit dieser bitteren menschlichen Grunderfahrung ist Jeremia ganz nahe bei uns. Denn wer könnte nicht erzählen von düsteren Ereignissen im eigenen Leben oder im persönlichen Umfeld, die nur als gewaltsames, zerstörerisches Tun Gottes gedeutet werden konnten? In seinem Schmerz ist Jeremia einer von uns. Und auch darin ist er einer von uns, dass er in seinem Leid klagt, sogar Gott anklagt. „Ich will nicht mehr an Gott denken!“ Wer von uns hätte dies nicht schon einmal gedacht oder gesagt, wenn Leid übermächtig und Gottes Tun unverständlich schien? Aber das ist das Überraschende: Gott lässt sich solches Klagen, solches Anklagen gefallen. Damit ermutigt er uns, das Quälende nicht für uns zu behalten, sondern es hinauszuschreien vor ihm. Nichts ist so schlimm wie jenes Leid, das wir stumm in uns hineinfressen. Ersticktes Leid macht kaputt. Am Beispiel Jeremias sehen, wir, dass Gott uns ermutigt, unser Leid hinauszuschreien - vor ihm.

"Jeremia will nicht mehr an Gott denken, aber er kann nicht von Gott lassen, und nicht von seinem Auftrag. In seinem Inneren brennt es."

Aber hier klagt nicht einfach nur ein Mensch. Hier klagt einer, der von Gott einen Auftrag erhalten hat, den undankbaren Auftrag nämlich, seinem Volk Unheil anzukündigen. Gegen die Friedenspropheten seiner Zeit musste er „Frevel und Gewalt“ schreien. Gegen all jene, die mit dem Strom der öffentlichen Meinung schwammen, musste er „Schrecken um und um“ verkündigen. Wundert es dann, dass dies bald sein Spottname wurde „der Schrecken um und um“? Für seine Landsleute war Jeremia ein Schwarzseher, ein Wehrkraftzersetzer, ein Landesverräter. Viele Anfeindungen musste er ertragen, täglichen Spott und Hohn, üble Nachrede - nicht nur von Feinden, sondern sogar von Freunden. Nach einer Unheilsweissagung gegen Jerusalem wurde er vom Priester Paschur schwer gefoltert. Wundert es, dass er nach dieser Folterung solche Worte der Klage spricht, wie wir sie eben gehört haben? Jeremia ist also nicht nur ein Mensch, der mit seinem Leben nicht mehr zurechtkommt, er ist auch und vor allem ein Prophet, der mit seinem ihm von Gott gegebenen Auftrag und Amt nicht zurechtkommt. „Gottes Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich“, schreit er. Jeremia will nicht mehr an Gott denken, aber er kann nicht von Gott lassen, und nicht von seinem Auftrag. In seinem Inneren brennt es. Sein prophetisches Amt verzehrt ihn.

Jeremia auf der Spur
Darin, liebe Schwestern und Brüder, ist Jeremia keiner von uns.
Wie sind wir denn zu unserem Amt in der Kirche gekommen? Anders als Jeremia wurden wir wohl nicht von Gott überwältigt und verführt, sondern haben uns frei entschieden und dieses Amt angestrebt.
Anders als Jeremia sind wir im Pfarramt nicht oder wohl nur selten bösartigen Anfeindungen ausgesetzt sein, denn nach wie vor ist das Pfarramt ein höchst angesehenes Amt. Anders als Jeremia haben wir in unserem Amt als Pfarrerinnen und Pfarrer nicht vorrangig prophetische Aufgaben wahrzunehmen, etwa wenn wir uns auftragsgemäß einmischen in öffentliche politische Debatten; aber aufs Ganze gesehen, sind es eher priesterliche, seelsorgliche Aufgabe, die unseren Pfarrdienst prägen.
Aber eines haben wir in unserem Amt dann doch mit Jeremia gemeinsam: Wir haben von Gott einen Auftrag und haben diesem Auftrag gemäß zu predigen und zu handeln. Wie Jeremia dürfen wir nicht einfach den Menschen nach dem Munde reden. Wer im Pfarrberuf everybodies darling sein will, hat diesen Beruf verfehlt. Die Menschen erwarten zu Recht von uns, dass wir uns unserem Auftrag verpflichtet wissen. Sie wollen etwas davon spüren, dass Gott uns gepackt hat und dass wir für die Sache Gottes brennen. Sie wollen etwas davon merken, dass wir uns in unserer Predigt an Gottes Auftrag orientieren und dass unsere Predigt nicht zu belanglosen Worten verkommt. Jochen Klepper hat es in seinem Tagebuch kurz vor seinem Tod einmal so ausgesprochen: „Ich kann von dem nicht los, was mich angerührt hat.“ Genau darum geht es in unserem Amt. Und genau deshalb müssen wir in unserem Amt auch dem Propheten Jeremia auf der Spur sein. Und wie es Jeremia erfahren hat, so gibt es auch in unserem Amt, zu dem wir berufen sind, Situationen, in denen es uns innerlich fast zerreißt. Wo wir etwa leiden unter dem, was Menschen uns anvertraut haben und was wir ganz allein mit uns selbst und unserem Gott abmachen müssen. Auch wir wachen manchmal nachts auf, weil uns das Schicksal der uns anvertrauten Menschen nicht schlafen lässt. Ja, irgendwie ist doch der Dienst im Pfarramt auch ein Jeremiadienst - ein Dienst, in dem wir in Wahrnehmung unseres von Gott gegebenen Auftrags auch Beklagenswertes erleiden.

"Wer mit Gott ringt, rechnet noch mit ihm. Rechnet damit, dass Gott Neues schaffen kann."

Liebe Schwestern und Brüder, in seinem tiefen Schmerz ist der Mensch Jeremia ganz einer von uns. In seinem Leiden an seinem Amt mag uns der Prophet Jeremia eher fremd und zugleich vertraut erscheinen. Als Mensch wie als Amtsträger aber tut er etwas, was uns alle ermutigen kann und soll. Er lässt nicht ab von Gott. Er kämpft mit Gott. Er vertraut sich Gott an und ruft: „Gott ist bei mir wie ein starker Held.“ In seiner Hinwendung zu Gott findet Jeremia neue Gewissheit. Lässt er sich neu zurüsten für seinen Dienst. Lässt er sich seine leeren Hände füllen. Damit zeichnet er den Weg vor, den nach ihm Hiob gehen wird in seinem Leid. Später dann Jesus im Garten Gethsemane. Und in seiner Nachfolge viele, viele, die auch in großer Not das Vertrauen zu dem Gott bewahrt haben, der sich in Jesus Christus ganz eingelassen hat auf unser Leid. Wer im eigenen Leid von Gott nicht lässt, wer ihn anklagt, erwartet etwas von ihm. Traut ihm Größeres zu als all jene, die der grausamen Wirklichkeit klaglos zustimmen, weil sie im Grunde von Gott nichts erwarten. Wer mit Gott ringt, rechnet noch mit ihm. Rechnet damit, dass Gott Neues schaffen kann. Findet durch Worte der Klage und der Anklage hindurch dann auch zum Vertrauen, das die Wirklichkeit in ein neues Licht rückt.

Von der Klage zum Bekenntnis
Dieses können wir in unserem Amt als Pfarrerinnen und Pfarrer gemeinsam mit den uns anvertrauten Menschen immer wieder einüben. Dafür schenke uns Gott seinen Geist. Er schenke uns, dass wir - darin ganz eins mit Jeremia - die Kraft finden, uns mit unserer Klage durchzuringen zum vertrauensvollen Bekenntnis „Du, Gott, bist bei mir wie ein starker Held.“ Er schenke uns, dass wir den Mut finden, von Gott so Zeugnis abzulegen, wie es etwa Paul Gerhardt getan hat: Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich; sooft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

Zu solchem vertrauensvollen Bekennen schenke uns Gott Weisheit und Mut. Amen.