Anlässe zur Dankbarkeit

Gottesdienst zum Erntedankfest, Karlsruhe am 30.09.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Psalm 104

„Lobe den Herrn, meine Seele!“ - Wie wohl kein anderes Fest im Kirchenjahr ist das Erntedankfest darauf angelegt, unseren Mund zum Loben und unser Herz zum Danken zu öffnen. Dank und Lob, diesen Grundton des Erntedankfestes nehmen wir auf, wenn wir nun den Worten dieses Psalms nachsinnen. Dabei können wir uns zu einem Danken anstiften lassen, das weit reicht und große Kreise zieht.

Beginnen wir mit dem am Erntedankfest nahe Liegenden, dem Dank für das tägliche Brot. „Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutzen den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst.“ So preist der Psalmist das Schöpfungshandeln Gottes. Ja,
obwohl viele Menschen in unserer Gesellschaft keinen Kontakt mehr zur Landwirtschaft haben,
obwohl viele ihre Lebensmittel in Supermärkten kaufen, ohne noch darüber nachzudenken, wie aus den Früchten der Erde Lebensmittel wurden,
obwohl viele das Werden und Vergehen der Natur, das Reifen und Wachsen kaum mehr wahrnehmen,
es bleibt wahr, was der Psalmist besingt: Was wir täglich an Lebensmitteln brauchen, das verdanken wir zwar gewiss auch menschlichem Tun, aber letztlich der Tatsache, dass die Erde Frucht trägt, aus denen Menschen dann Lebensmitteln herstellen. Was einst Matthias Claudius über das Brot dichtete, bringt es auf den Punkt: „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ Darum gehört in einen Erntedankgottesdienst der Dank an Gott für die Früchte der Natur ebenso hinein wie das Nachdenken über die menschliche Verantwortung für die Produktion unserer Lebensmittel. Wie erschrecken wir doch bisweilen über unverantwortliches Tun in diesem Bereich, wie erst jüngst bei den Gammelfleischskandalen. Weil wir aber dankbar sein können für all jene, die verantwortlich mit den ihnen anvertrauten Gaben der Schöpfung umgehen, deshalb gehört in einen Erntedankgottesdienst auch die Mitwirkung der Bäckerinnung oder des Präsidenten der Handwerkskammer. Nichts wäre unser menschliches Tun ohne das, was die Erde dank Gottes schöpferischem Tun bereitstellt. Aber hungern müssten wir auch, wenn Menschen nicht Fähigkeiten entwickelt hätten, aus den Gaben der Schöpfung gesunde Mittel zum Leben zu schaffen. Darum umschließt der Dank an Gott, den Schöpfer auch den Dank an alle, die für die Herstellung von Lebensmitteln verantwortlich Sorge tragen.

Das täglich Brot ist nicht selbstverständlich
Nun ist solch ein Dank nicht zu haben ohne Nachdenklichkeit. Der Psalmist sagt: „Es warten auf dich alle, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.“ Sogleich fallen uns Menschen ein, die allzu oft vergeblich auf die Speise zur rechten Zeit warten. Und dies nicht nur in der so genannten Dritten Welt, sondern zunehmend auch bei uns. Der Zustrom, den wir in Vesperkirchen und Tafelläden erleben, signalisiert, dass es auch bei uns immer mehr Menschen gibt, für die das tägliche Brot keine Selbstverständlichkeit ist. Und wenn in diesen Tagen erstmals von Engpässen bei der Getreideproduktion in Europa zu lesen war, dann erscheinen die seit Jahren propagierten Flächenstilllegungsprogramme oder auch die Produktion von Weizen zur Verbrennung in Kraftwerken als äußerst problematisch. Darf man mit Weizen heizen, solange Menschen hungern und die Verteilung der produzierten Nahrungsmittel nicht so gelingt, dass aller Hunger gestillt wird? Was Hunger wirklich bedeuten kann, das wird uns gerade angesichts der jüngsten Überschwemmungskatastrophen in Afrika erneut deutlich. Und deshalb gehört zum Erntedankfest nicht nur das Nachdenken, sondern auch das Tätigwerden zur Beseitigung des Hungers in der Welt. Deshalb auch gehört zum Erntedankgottesdienst eine Spendenaktion der Bäckerinnung zugunsten von „Brot für die Welt“. Denn aus dem Erntedank und dem Nachdenken über die Ernten dieser Welt erwächst ein Impuls, Wirksames gegen den Hunger in der Welt zu tun.

"Jeder und jede von uns wird viele Ernten des Lebens benennen können, für die zu danken heute Anlass ist."

Das Danken am Erntedankfest zieht noch weitere Kreise. „Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutzen den Menschen, dass das Antlitz des Menschen schön werde vom Öl.“ Ja, auch für alles, was menschlichem Wohlbefinden dient, können wir an diesem Tag danken. Für alles, was unser Leben schön macht. „Gott, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ So jubelt der Psalmist. Und damit schließt er alles ein, was Gott mit seiner Schöpferkraft in dieser Welt hervorbringt.
Danken können wir an diesem Tag für alle Vielfalt und Schönheit der Natur als der Schöpfung Gottes.
Danken können wir für alles, was die Schöpfung bereitstellt, damit Menschen in Industrie und Handwerk, in Handel und Gewerbe Mittel zum Leben herstellen.
Danken können wir für alle Ernten des Lebens: Für alles, was gelungen ist, in unserem Beruf. Für alle Bewahrung in Gefahr. Für alle Heilung, aber auch für alles Getragensein in Krankheit und Trauer. Für alles, was in unserem Land gelungen ist.
Danken können wir für den enormen Rückgang der Arbeitslosigkeit, wenngleich das Schicksal vieler Langzeitarbeitsloser weitere Anstrengungen erfordert.
Danken können wir auch im Vorblick auf den Tag der Einheit am kommenden Mittwoch für das Geschenk der Wiedervereinigung unseres Landes vor nunmehr 17 Jahren.
Danken können wir für alles, was in unserer Kirche gelingt, für allen Aufbruch, den wir an vielen Orten erleben.
Jeder und jede von uns wird viele Ernten des Lebens benennen können, für die zu danken heute Anlass ist.

Dank für das Geschenk des Lebens und für seinen Schutz
Und dann gibt es Anlass zum Danken für das Geschenk eines neuen Lebens. „Verbirgst du ein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg deinen Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen.“ So singt der Psalmist. Und damit erinnert er daran, dass menschliches Leben sich letztlich und in wunderbarer Weise dem Schöpfungswillen Gottes, seinem Leben schaffenden Atem verdankt. So wie mit jedem letzten Atemzug eines Menschen Gott das ausgehauchte Leben zu sich nimmt, so bläst Gott mit jeder Geburt eines Kindes seinen Lebensatem hinein in diese Welt. Welch eine Lebensfreude dann schon in einem kleinen Kind wachsen kann, das können wir täglich staunend und dankbar bewundern.

"Solches Umgeben von allen Seiten macht frei, den eigenen Lebensweg zu gehen im Vertrauen, dass Gott mitgeht."

Erntedank bleibt aber nicht stehen beim Dank für das Geschenk des Lebens. Er weitet sich zum Dank für Gottes Schutz und Geleit im ganzen Leben: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ So wie ein Kind im Mutterleib von allen Seiten umschlossen, geschützt, genährt war, so darf es nun heranwachsen – von allen Seiten umgeben von Gott. Der Psalmist stellt sich dabei Gott vor wie eine Schwangere, die die Welt in sich trägt. Gott als die Bergende, die auch uns Menschen trägt. Gottes Umfassen wie das Umfassen eines heranwachsenden Kindes im Leib seiner Mutter. Gott, die Schwangere, und wir darin umspült, umschlossen. Gott als Umgebung, Behausung. „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Solches Umgeben von allen Seiten macht frei, den eigenen Lebensweg zu gehen im Vertrauen, dass Gott mitgeht. Wie wichtig ist es, dies wissen und glauben zu können: Ich bin von Gott umgeben, von vorn und hinten, von allen Seiten, in allem Zweifeln und Entscheiden, in aller Anfechtung und Not, in aller Angst vor dem, was auf mich zukommt, aber auch in aller Freude. Zu diesem Gott kann ich Zuflucht nehmen auch mit aller Schuld. Zu diesem Gott kann ich Zuflucht nehmen mit meiner Dankbarkeit, aber mit meiner Schuld und mit all den Narben auf meiner Seele. Wer dies wissen und glauben kann, dessen Herz wird zu tiefem Dank befreit.

So hat unser Danken an diesem Erntedankfest weite Kreise gezogen – vom Dank für die Gaben der Schöpfung über den Dank für schöpferisches menschliches Tun über das Nachdenken hin zum Dank für das uns geschenkte und anvertraute Leben. Dieser weit gezogene Kreis mündet ein in den Lobpreis des Psalmisten „Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich, der Herr freue sich seiner Werke!“ Wir dürfen uns mit ihm freuen und ihm danken. Amen.