Liebe Gemeinde,
das 100jährige Jubiläum Ihrer Kirche begehen wir in einer Zeit, in der wir uns um die Zukunft der Kirche nicht sonderlich sorgen müssen. Zwar sinkt die Prägekraft des christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft, aber die Akzeptanz der Kirche in der Öffentlichkeit scheint wieder zu steigen, wie die Kircheneintritts- und -austrittszahlen ebenso zeigen wie das wachsende Interesse von Verantwortungsträgerinnen und –trägern an kirchlichen Stellungnahmen. Auch mit den Finanzen geht es wieder etwas aufwärts, wenngleich das in den Gemeinden noch nicht zu merken ist. Kirchengebäude finden wieder eine höhere Aufmerksamkeit und auch verantwortungsvoll und ideenreich gestaltete Gottesdienste. Das war nicht immer so. Es gab durchaus Zeiten, in denen die Kirche in höchster Bedrängnis war. In denen es auch etwas kostete, sich zum christlichen Glauben zu bekennen. Beim 100jährigen Jubiläum einer Kirche denken wir da natürlich vorrangig an die Zeit des Dritten Reiches, in der christliche Werte durch mörderisches Tun vernichtet wurden und das Bekenntnis zum christlichen Glauben Gefahr für Leib und Leben bedeuten konnte. Heute schützt unser Rechtsstaat die Religionsfreiheit durch das Grundgesetz. Uns allen ist es möglich, die eigene Glaubensüberzeugung jederzeit frei zu bezeugen. Insofern kostet das Bekenntnis zum christlichen Glauben in unserem Land nichts. Und doch kostet es viel, wenn wir an manche Stimmungs- und Diskussionslagen in unserer Gesellschaft denken, in denen es schon erheblicher Mühe bedarf, dem christlichen Glauben Gehör zu verschaffen. Denken wir nur an manche Debatten über ethische Fragen medizinischer Forschung, an Diskussionen zu Asyl- und Ausländerfragen oder an unsere Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung.
Was kostet das Bekenntnis?
Was kostet es heute, sich zum christlichen Glauben zu bekennen? Einerseits gar nichts, denn wir haben alle Freiheit, unseren Glauben in diesem Land zu bekennen. Und doch viel, denn es gehört bisweilen schon Mut dazu, sich als Christenmensch in unserem gesellschaftlichen Umfeld zu erkennen zu geben. So ist heute in Akademikerkreisen eine kirchliche Trauung fast schon so etwas wie ein Bekenntnisakt, wird doch die Sinnhaftigkeit einer gottesdienstlichen Begleitung an dieser Schwelle des Lebensweges von vielen kaum mehr verstanden. Einfacher ist da schon jenes Zeichen christlichen Bekennens, das wir häufig als Aufkleber an Autohecks finden: der Fisch. Wer das Fischzeichen verwendet, will nicht sagen, dass er bei der Nordsee essen war, von Beruf Fischhändler oder Mitglied der Fischer-Chöre ist. Nein, der Fisch, auf Griechisch Ichthys, ist vielmehr das älteste christliche Bekenntnissymbol, das sagen will: „Ich bekenne mich zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, dem Retter.“ Wo Menschen heute den Fisch auf ihr Auto kleben, wollen sie sich zu Jesus Christus bekennen. Solch ein Bekenntnis zu Jesus Christus kostet einerseits nichts, denn Religionsfreiheit ist uns gewährt, und doch kostet es viel Mut, den eigenen Glauben öffentlich zu zeigen.
Der Predigttext zu diesem Festsonntag aus dem 2. Timotheusbrief, nötigt uns zu einem Rückblick in die Frühzeit des Christentums. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts waren im Römischen Reich christliche Gemeinden zahlreichen Bedrohungen von außen und von innen ausgesetzt. Besonders groß war die Gefahr, die vom römischen Kaiserkult ausging. Jeder musste in diesem Kult den Kaiser als Sohn Gottes verehren. Christen, die an Jesus als den Retter glaubten, konnten hier nicht mitmachen und mussten deshalb damit rechnen, von der römischen Staatsmacht verfolgt zu werden. Daneben gab es auch Bedrohungen der Gemeinden von innen. Die Lehre der Apostel wurde so verfälscht, dass man sich genötigt sah, Gemeindeleiter einzusetzen. Sie sollten darüber wachen, dass niemand von der Lehre der Apostel abweiche. Diese Gemeindeleiter sollten ihre Gemeinden gegen Bedrohungen von außen und von innen schützen. Einen solchen Gemeindeleiter erinnert der Verfasser des 2. Timotheusbriefes - hineinschlüpfend in die Rolle des im Gefängnis inhaftierten Apostels Paulus – an seine Berufung mit jenen Worten: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber sichtbar geworden ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und ein unvergängliches Leben ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“
Tauferinnerung
Formelhaft klingt dies. Und in der Tat zitiert der Briefschreiber hier bewusst Formeln eines alten Taufbekenntnisses. Dies tut er in der Absicht, dem Gemeindeleiter und allen in der verfolgten Gemeinde Mut zum Bekennen zu machen. Angesichts der zahlreichen Bedrohungen der Gemeinde von außen und von innen erinnert er an die Taufe und ermutigt die Getauften, nicht zu verzagen, sondern gerade auch im Leiden treu Christus zu bezeugen. Genau dieses will auch ich heute tun. Ich will Euch, liebe Schwestern und Brüder, erinnern an Eure Taufe. Mit der Erinnerung an Eure Taufe will ich Euren Blick weglenken von dem, was Euch Angst einflößen mag. Ich will für einige Minuten Euren Blick weglenken von Euren persönlichen Sorgen, von den Problemen unserer Gesellschaft, von den Sorgen um die Zukunft unserer Sozialsysteme, von der Angst um die Bedrohung menschlichen Lebens, von der Angst vor der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Ich will Euren Blick weglenken auch von den Problemen innerhalb unserer Kirche oder von der Angst vor Neuanfängen in der Gemeinde. Solche Angst könnte ja so lähmen, dass Ihr unfähig würdet zu zukunftsorientiertem Tun.
"Die Gnadengabe des Geistes Gottes steckt in Euch allen. Sie mag verschüttet sein durch Ängste vielerlei Art. Sie mag verschüttet sein durch Lebenserfahrungen, die niederdrücken, aber sie steckt in Euch, und sie wartet darauf, wiedererweckt zu werden."
Statt des Starrens auf das, was Angst macht, will ich Euch daran erinnern, dass Ihr alle in der Taufe von Gott berufen wurdet. Euch alle hat in der Taufe Gottes „heiliger Ruf“ ereilt, und deshalb heißt Kirche im Griechischen ja auch „Gemeinschaft der Herausgerufenen“. Mehr noch: In der Taufe wurde Euch der Geist Gottes geschenkt, ein Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, der stärker ist als alle Furcht. Seit Eurer Taufe seid Ihr mit Gottes Geist ausgestattete Menschen, begeisterte Menschen. Die Gnadengabe des Geistes Gottes steckt in Euch allen. Sie mag verschüttet sein durch Ängste vielerlei Art. Sie mag verschüttet sein durch Lebenserfahrungen, die niederdrücken, aber sie steckt in Euch, und sie wartet darauf, wiedererweckt zu werden. In Euch ruht, vielleicht verborgen unter mancher Mutlosigkeit, eine Kraft des Lebens, die sich entfalten will. In Euch ruht, vielleicht verschüttet unter Verbitterung und Hass, eine Liebe, die dem Leben dienen will. In Euch ruht, vielleicht verborgen unter manch unbeherrschter Emotion, eine Besonnenheit, die dem Fanatismus wehren hilft. All dies in Euch Ruhende hat Gott Euch in der Taufe geschenkt und es wartet darauf, wieder entfacht zu werden wie ein Feuer, das brennen soll, nicht nur glimmen.
Kühnheit durch Gnade
Woher nehme ich die Kühnheit, Euch an das in Euch glimmende Feuer des Geistes Gottes zu erinnern? Zu dieser Kühnheit ermutigt mich genau dies, was der Verfasser des 2. Timotheusbriefes benennt: Gott hat uns seine Gnade vor aller Zeit geschenkt, aus freier Gnade, nicht wegen unserer guten Werke. Ja, die Kraft des Lebens, die uns geschenkt wurde und die darauf wartet entwickelt zu werden, sie geht zurück auf die Ur-Entscheidung Gottes für das Leben vor aller Zeit. Indem Gott Ja sagte zu dieser Welt, indem Gott in seiner Gnade diese Welt erschuf, indem Gott in seiner Gnade Leben erstehen ließ, hat er den Kraftstrom seines Geistes in diese Welt geblasen. Und dieser Kraftstrom Gottes erschien dann auf Erden in Jesus Christus und in dem von ihm verkündigten Evangelium. Im österlichen Sieg Christi über den Tod erfasste dieser Kraftstrom viele Menschen, steckte sie an mit neuer Lebenskraft. Entfachte in ihnen neuen Glauben. Befähigte sie zu neuer Liebe. Befreite zu einer Welt gestaltenden Besonnenheit. Was Gott in der Taufe zueignet, ist nichts anderes, als was er in der Schöpfung dieser Welt eingeblasen und was er an Ostern vor aller Welt bekundet hat, indem er durch Jesus Christus dem Tode die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
"Was Ihr in dieser Kirche singt und betet, das darf nicht unter Euch bleiben."
Weil es bei Eurer Taufe, liebe Schwestern und Brüder, um diesen Geist Gottes, um diesen schöpferischen Kraftstrom des Lebens geht, deshalb habe ich die Kühnheit, Euch so an das in Euch glimmende Feuer des Geistes Gottes zu erinnern. Und diese Erinnerung soll nicht folgenlos bleiben. Sie soll Euch ermutigen, Euch auch vor anderen Menschen zu diesem Gott zu bekennen, der Euch den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit geschenkt hat. Solch ein Bekennen kann mit einem Fischzeichen auf dem Auto beginnen. Aber sicherlich ist doch mehr gefragt. Denn Fische sind stumm. Was Ihr in dieser Kirche singt und betet, das darf nicht unter Euch bleiben. Genau das ist unser Problem, dass wir Christenmenschen oft stumm bleiben. Dass wir uns in Gesprächen mit anderen nicht zu erkennen geben als Menschen, die vom Geist Gottes getragen sind. Dass wir nicht die Kraft haben, für unsere Kirche einzustehen. Dass wir nicht Worte der Liebe finden, wenn lieblos über andere gesprochen wird. Dass wir unsere Worte nicht leiten lassen vom Geist der Besonnenheit, wenn wieder einmal in wüster Stammtischmanier Minderheiten verunglimpft werden.
Ich erinnere Euch: Gott hat Euch in der Taufe den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Bitten wir ihn, dass er in dieser Gemeinde und in diesem Gotteshaus diesen Geist immer neu entfacht, damit alle den Mut finden, ihren Mund kraftvoll, liebevoll und besonnen zu öffnen und Jesus Christus vor aller Welt als ihren Herrn zu bekennen. Amen.
