Der Predigttext steht im 17. Kapitel des Lukas-Evangeliums:
Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.
Liebe Gemeinde, liebe Ordinierte!
“Stärke uns den Glauben!" - so haben die Apostel ihren Herrn gebeten. So haben Menschen durch Jahrhunderte hindurch gebetet und gefleht, geschrieen und gestammelt. So bitten Menschen heute, denn viele haben das Gefühl, dass ihr Glaube nicht groß genug sei. Und auch wir bitten so, wenn wir uns bedrängt fühlen oder geschwächt, erschöpft oder am Ende. Haben wir uns nicht unendlich oft schon die Frage gestellt, ob unser Glaube nicht noch größer sein müsste, um Dinge zu verändern, die scheinbar unveränderlich sind? Wie oft haben wir die Sehnsucht nach einem starken Glauben in uns schon verspürt - jene zutiefst menschliche Sehnsucht, die einst schon die Jünger zu der Bitte an ihren Herrn veranlasst hat „stärke uns den Glauben!“?
Zynisch oder einfühlsam?
So verständlich uns also die Bitte der Jünger, so eigenartig mutet uns die Antwort Jesu an. Manche von uns mögen diese Antwort geradezu als zynisch empfinden, zumindest als wenig einfühlsam. Als nicht gerade motivierend. Wer erfahren musste, wie schwach der eigene Glaubens oft ist,
wer noch niemals Bäume ausreißen konnte, sondern froh ist, wenn gerade einmal der Alltag einigermaßen anständig bewältigt wird,
wer Erfahrungen fehlenden Glaubens gemacht hat,
wer noch nicht einmal einen Senfkornglauben für sich beansprucht,
wird heftigen Widerspruch gegen die Antwort Jesu in sich verspüren: Statt auf die Sehnsucht nach Stärkung des Glaubens einzugehen, hören sie in Jesu Antwort eine kurze und bündige Abfertigung. In der Tat könnten wir Jesu Antwort so missverstehen, als würde er den Bittenden jeglichen Glauben absprechen. „Nicht einmal Glauben wie ein Senfkorn habt ihr.“ Also alles vergeblich.
Umgekehrt: Wer schon erlebt hat, wie der Glaube im eigenen Leben oder im persönlichen Umfeld Bäume versetzen konnte,
wer den vielen biblischen Geschichten von der Kraft des Glaubens eigene Lebensgeschichten hinzuzufügen hat,
wer erlebt hat, wie kleiner Glaube riesige Kräfte freisetzen kann,
wird Jesu Antwort als einfühlsam, als Mut machend, als seelsorgerlich empfinden. „Was wollt ihr denn großen, starken Glauben? Ein Glaube so klein wie ein Senfkorn genügt. Mehr braucht ihr nicht.“ Das macht Mut.
Was ist echter Glaube?
Widerspruch und Zustimmung, etwas anderes kann Jesu Antwort nicht auslösen. Denn es geht hier um die ganz entscheidende Frage, was echter Glaube wirklich ist. Jesus redet so deutlich und schroff, weil er einem schlimmen Missverständnis wehren will, nämlich dem Gedanken, es gäbe ein Mehr oder Weniger im Glauben. Es gäbe eine Glaubensmenge, die zu messen wäre. Jesus entwickelt kein Fitness-Programm des Glaubens. Er verweigert sich jedem Glaubenstraining im Sinne einer Steigerung des religiösen Leistungsvermögens. Für den Glauben gibt es keine Messlatte. Wer den Glauben nach seiner Quantität bemisst, hat schon nicht mehr rechten Glauben im Blick. Stattdessen verweist Jesus auf die Qualität des Glaubens. Nicht auf die Menge des Glaubens kommt es an, sondern darauf, dass wir uns winzigen Senfkornglauben schenken lassen, der große Kraft hat. Glaube, egal wie groß er nun sei, ist keine menschliche Leistung, Glaube ist ein Geschenk Gottes. Etwas, was nicht von dieser Welt ist. Fast etwas Heiliges. Glaube ist von Gott geschenktes absolutes Vertrauen auf Gottes grenzenlose Kraft. Deshalb fällt auch die Grenze unseres Glaubens nicht zusammen mit den Grenzen unserer eigenen begrenzten Möglichkeiten. Deshalb hat auch der kleinste Glaube ein ungeheures Kraftpotential. Das Potential der Schöpferkraft Gottes..
"Die große Kraft des kleinen Glaubens bewirkt also etwas, was nach aller menschlichen Erfahrung unmöglich ist. Und diese gewaltige Kraft des winzigen, angefochtenen Glaubens ist es, auf die Jesus seine Jünger verweist."
Um dies zu verdeutlichen, gebraucht Jesus ein Bildwort, das zu seiner Zeit unmittelbar verständlich war. Der kleine Glaube wird in seiner Größe mit dem Senfkorn verglichen, das als das sprichwörtlich kleinste aller Samenkörner galt. Und die große Kraft des kleinen Glaubens wird verdeutlicht an der Entwurzelung eines Maulbeerfeigenbaums, dessen Wurzeln als die am festesten eingewurzelten aller Bäume galten. Die große Kraft des kleinen Glaubens bewirkt also etwas, was nach aller menschlichen Erfahrung unmöglich ist. Und diese gewaltige Kraft des winzigen, angefochtenen Glaubens ist es, auf die Jesus seine Jünger verweist. Von diesem Senfkornglauben sagt er – lange vor einer bekannten Automobilfirma und viel tiefsinniger als diese: „Nichts ist unmöglich.“ Ja, nichts ist unmöglich jenen, die mit ihrem winzig kleinen Glauben ganz auf die entwurzelnde und neues Leben einpflanzende Schöpferkraft Gottes vertrauen.
Glauben kann man nicht messen
Liebe Gemeinde, jetzt spüren wir, wie wohltuend und entlastend diese Antwort Jesu in ihrem Kern ist. Und dies ganz besonders für Euch, liebe Ordinierte, die Ihr am Anfang eines Berufes steht, in dem Ihr mit Eurem Glauben oft gefordert sein werdet. Zunächst einmal wird Euch von Jesus zugesagt, dass Ihr nicht an der Größe Eures Glaubens gemessen werdet. Ihr braucht im Pfarrberuf keine Glaubensheldinnen oder –helden zu sein. Euer Glaube kann klein sein wie ein Senfkorn, oder auch noch kleiner. Ihr sollt und dürft in Eurem Beruf Euren Glauben nicht messen; Ihr sollt nur glauben, nur der Kraft Gottes vertrauen. Das befreit von so manchem falschem Leistungsdruck. Wenn Ihr bedingungslos Gottes Kraft vertraut, dann werdet Ihr in Eurem Beruf schon Wunder erleben. Vielleicht keinen Maulbeerbaum, der sich ins Meer verpflanzt, aber doch Unmögliches, was möglich wird. Ihr werdet erleben, dass die Rede vom Baum, der sich ins Meer verpflanzt, keine überfordernde Utopie ist, sondern Ausdruck gemachter Glaubenserfahrungen. Ihr werdet erleben, dass dem Glauben nichts scheinbar Unmögliches unmöglich ist. Mit offenen Augen und Herzen werdet Ihr entdecken, dass Gottes Gabe des Senfkornglaubens dort seine Kraft entwickelt, wo menschliches Vermögen endet.
"Ihr dürft mit Eurem ganz winzigen Glauben von Gott mit aller Gewissheit Unmögliches erwarten. Nicht weniger."
Es ist sicher kein Zufall, dass Jesu Worte von der großen Kraft des kleinen Glaubens im Lukasevangelium genau hinter einem Abschnitt stehen, wo die Jünger danach fragen, wie oft sie zur Vergebung gegenüber anderen bereit sein müssten. In der Tat ist es ein Wunder des Senfkornglaubens, wenn Menschen immer und immer wieder zur Vergebung bereit sind und so die Beziehung zu anderen Menschen, die scheinbar unrettbar zerbrochen war, wieder in Ordnung bringen. Oder es ist ein Wunder des Senfkornglaubens, wenn Menschen die Kraft erhalten, eine Krankheit zu überwinden oder schwere Lebenskrisen zu bewältigen. Oder es ist ein Wunder des Senfkornglaubens, was Christenmenschen in der DDR im Jahr 1989 in ihren Friedensgebeten vollbracht haben. Wunder des Senfkornglaubens erfahren wir sehr wohl, wenn wir nur etwas genauer hineinschauen in unser Leben. Es sind dies nur selten Wunder, bei denen auf fast magische Weise Grenzen der Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden; aber es sind dies zahllose Wunder, in denen Grenzen unseres Menschseins durchbrochen wurden, weil Gott die große Kraft eines kleinen Glaubens schenkt, die Kräfte der Liebe und der Hoffnung freisetzen.
Das ist die Verheißung, die Jesus mit seiner Antwort an die Jünger über unser aller Leben und über Ihren Dienst, liebe Ordinierte, ausgerufen hat: Ihr dürft mit Eurem ganz winzigen Glauben von Gott mit aller Gewissheit Unmögliches erwarten. Nicht weniger. Ihr dürft das Unmögliche glauben, dann wird vieles möglich werden. So segne Gott Euch in Eurem Dienst mit winzigem Senfkornglauben, auf dass Bäume ausgerissen werden und noch vieles mehr. Amen.
