Psalmmeditation zu Psalm 36,9-10: Verwandelt werden
Liebe Gemeinde,
Quellen wurden zu aller Zeit als Kraftorte wahrgenommen. An Quellen konnten Menschen Stärkung und Heilung finden. Hier konnten sie auftanken. So wurde in der Bibel die Quelle auch zu einem Bild für Gott selbst, auch in dem Psalm, den wir in diesem Gottesdienst betrachten:
„Die Menschen laben sich am Reichtum deines Hauses; du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht sehen wir das Licht.“
Wie wir Wasserquellen zum Leben brauchen, so brauchen wir Quellen, aus denen unsere Seele und unser Geist leben können. Das Wort aus Psalm 36 erinnert uns daran, dass wir durstige Menschen sind. Menschen, die eine verlässliche, nie versiegende Quelle brauchen, um den Lebensdurst zu stillen. Wir alle kennen das Gefühl des Durstes an heißen Tagen. Wir wissen, wie lebensnotwendig Wasser ist. Aber wir wissen auch: Selbst das beste Wasser löscht nicht den Durst unserer Seele, der umso quälender wird, je weiter sich unser Leben vom Ursprung entfernt. Und mit dem Lebensdurst wächst die Sehnsucht nach dem Ursprung, nach wirklichem Leben. Je weiter wir davon entfernt sind, desto stärker sehnen wir uns zurück zu den Quellen. Wir sind lebensdurstige Menschen, und das im umfassenden Sinn. Damit Gedanken, Kreativität und Energie fließen können, damit sich etwas in unserem Leben entwickelt und die Lust am Leben uns nicht verlässt, muss uns etwas zufließen: Etwas, das uns alte Menschen neu und frisch macht und uns Kraft gibt zum Leben und Glauben, uns verwandelt.
Quellen, die nicht versickern
Manchmal fühlen wir uns ja eher, als ob wir von allen Lebensquellen abgeschnitten wären. Ganz drastisch erleben dies Menschen in Tauersituationen, in einer Depression oder bei einem Burn-out-Syndrom. Aber auch im Arbeitstalltag wollen die Lebensquellen manchmal einfach nicht fließen. Wenn uns Kraft von außen zufließt, dann können auch die eigenen Quellen wieder fließen. Dann kommen neue Ideen. Dann wird Kreativität freigesetzt. Und Tatendrang. Und das ist die Botschaft des Psalmworts: Gott ist schon da als Quelle für unser Leben. Wenn wir Anschluss finden an ihn, dann werden wir innerlich verwandelt und unsere inneren Quellen beginnen wieder zu sprudeln. Zu ihm können wir Zuflucht nehmen wie zu einer Quelle. Der Psalm, den wir betrachten, war wohl das Gebet eines Verfolgten, der im Heiligtum Schutz vor seinem Verfolger findet. Der Beter weiß sich bei Gott geborgen. Genau darum geht es auch in unserem Leben: Gott als eine unerschöpfliche Quelle wahrnehmen, als einen ewigen Quellgrund, der von lauter Wonnen überfließt. Diese Quelle bringt keine Macht der Welt zum Versiegen. Diesen Brunnen kann niemand vergiften, keine noch so arge Gottlosigkeit, keine noch so fanatische Frömmigkeit. Das schafft nicht einmal eine irrende Kirche. Wir können den Brunnen göttlicher Wonnen, den Brunnen göttlicher Güte zwar verschütten. Wir können ihn leugnen. Aber Gottes Güte versickert nicht unter dem Schutt und Geröll unserer Sünde. Aus der Quelle des Lebens trinken wir täglich neu die Güte Gottes. Die Quelle, aus der Menschen seit 1200 Jahren in Oberschüpf schöpfen, ist zunächst einmal das Wort Gottes, das er belebend und verwandelnd in unser Leben hineinspricht. An diesem Ort wird seit 1200 Jahren das Wort Christi Menschen zugerufen: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und verloren seid. Ich will euch erquicken.“ Verwandelnd und einladend. An diesem Ort wird Menschen das Wort der Buße zugerufen: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Verwandelnd und korrigierend. An diesem Ort wird Menschen im Namen Gottes zugesprochen: „Ich will euch reinigen von aller Missetat“ Verwandelnd und zum Neuanfang Mut machend. So hat Gottes Wort an diesem Ort über 1200 Jahre hinweg gewirkt als verwandelnde Quelle des Lebens.
"Wer sich an der Quelle des Lebens, an der Taufe orientiert, kann gar nicht anders, als sich gegenseitig als von Gott verwandelte Kinder, als Schwestern und Brüder zu sehen und sich als Kirche mit Respekt zu begegnen."
Die andere Quelle des Lebens ist neben dem Wort Gottes das Sakrament, vor allem die Taufe. Die Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes ist auch die Quelle, aus der alle christlichen Kirchen schöpfen. Erst vor wenigen Wochen haben viele christliche Kirchen die gegenseitige Anerkennung der Taufe mit einem festlichen Gottesdienst im Magdeburger Dom bekräftigt. Das Sakrament der Taufe ist die Quelle des Lebens eines Christenmenschen. Als Gottes geliebte Menschen sind wir ins Leben gerufen. Bekräftigt und besiegelt wurde uns dies im Wasser der Taufe. Im Wasser der Taufe wurden wir verwandelt: Etwas von uns ist in der Taufe untergegangen. Unser alter Mensch wurde in der Taufe reingewaschen. Aus dem Wasser der Taufe tauchte ein Mensch zu neuem Leben auf. Ja, Taufe bedeutet Verwandlung. Durch die Taufe werden wir durch Gottes Geist verwandelte Menschen. Und ausgestattet mit diesem Geist Gottes sollen wir dann selbst etwas beitragen dazu, dass die Welt sich wandelt – hin zu mehr Gerechtigkeit und Frieden. Daran müssen wir uns immer wieder gemeinsam erinnern. Tauferinnerung ist die Basis allen ökumenischen Bemühens. Und so sehe ich unseren ökumenischen Gottesdienst an diesem Quellort im Schüpfer Tal heute auch als einen Protest gegen alle Bemühungen, das gewachsene ökumenische Miteinander zu stören oder zu beeinträchtigen, auch als einen Protest gegen manche Irritation, die uns in diesen Tagen aus Rom erreicht hat. Wer sich an der Quelle des Lebens, an der Taufe orientiert, kann gar nicht anders, als sich gegenseitig als von Gott verwandelte Kinder, als Schwestern und Brüder zu sehen und sich als Kirche mit Respekt zu begegnen.
Durstig bleiben
"Menschen, die Hunger und Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen die beste Predigt."
Ihnen wünsche ich, dass Sie durstige Menschen bleiben, die an Gott, die Quelle des Lebens, glauben können, die sich durch Wort und Sakrament immer neu verwandeln lassen. Menschen, die Hunger und Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen die beste Predigt. Mit ihrem Durst, mit ihrem Blick auf Gott, die Quelle des Lebens, laden sie andere ein, sich Gottes Güte anzuvertrauen. Laden sie ein zu jenem Bekenntnis, das Paul Gerhardt in die Worte gefasst hat: „Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.“ Amen.
