Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Joh 3, 1-8
Ich lese aus dem 3.Kapitel des Johannesevangeliums die Verse 1-8:
„Es war ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Welch eine Gelegenheit für einen fruchtbaren Dialog! Da nutzt einer die Vertraulichkeit einer nächtlichen Stunde, um einmal mit einem anderen, den er sehr achtet, ein Gespräch zu führen über die Frage, wie er zu Gott gelangen kann. Welch eine Gelegenheit! Da kommt ein sichtlich um Nachdenklichkeit bemühter Mensch, der kundig ist in Fragen der Religion. Da kommt einer unserer gebildeten nichtchristlichen Zeitgenossen, der sich vielleicht vor seinen weltlichen Freunden geniert, weil er religiös interessiert ist, der aber von tiefer Sehnsucht nach Gott erfüllt ist. Nachts sucht er das Gespräch, vielleicht im Dekanat, vielleicht in einer verrauchten Kneipe, vielleicht bei einem Spaziergang in einer milden Sommernacht, vielleicht in einer Jugendkirche. Er will wissen, wie man das Reich Gottes sehen, ewiges Leben haben kann. Ein offener Mensch, einer, der ganz offen ist für Gott.
Dialogbereit und lebendig
Nikodemus - das ist nicht nur der ideale Gesprächspartner, der stellvertretend steht für alle nichtchristlichen Zeitgenossen, die von Gott etwas erwarten; Nikodemus, das könnte auch das Vorbild des redlichen christlichen Theologen sein. Nach der Mitteilung des Johannesevangeliums war Nikodemus ein Mitglied des Hohen Rates und gehörte dort zur Gruppe der Schriftgelehrten. Er war Jesus gegenüber nicht feindlich eingestellt, denn einmal tritt er nach dem Johannesevangelium als Fürsprecher für Jesus im Hohen Rat auf und dann als Helfer bei der Grablegung Jesu. Er anerkennt Jesus als gottgesandten Lehrer. Auf die heutigen Verhältnisse übertragen wäre er wohl zumindest Weltanschauungsbeauftragter unserer Landeskirche, vielleicht auch Leiter von sanctclara oder Dozent am Predigerseminar. Obwohl er Karriere gemacht hat und scheinbar über Gott und die Welt Bescheid weiß, ist er kein Routinier des Glaubens geworden. Er fragt noch. Und weil er fragt, ist er lebendig.
Missverständnisse
Nikodemus - ein idealer Partner für einen spannenden und fruchtbaren Dialog. Und dann dieses Missverstehen! Schon traurig, wie Jesus und Nikodemus aneinander vorbeireden. Schon makaber - dieser Dialog der Missverständnisse! Nikodemus steht vor Jesu Worten wie vor einer hoch aufragenden senkrechten Felsenwand. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Diese Antwort Jesu begreift Nikodemus nicht. Sie setzt den ums Verstehen Bemühten scheinbar herab, indem sie ihn lächerlich macht. Wiedergeburt, wie soll denn das vonstatten gehen? Und nochmals wiederholt Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Nikodemus versteht nichts. Er hört nur das "Nein" Jesu, er fühlt sich gründlich missverstanden. Und seine Antwort klingt fast lächerlich und eines gebildeten Menschen unwürdig: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“
"Jesus dagegen will eine andere Möglichkeit des Glaubens eröffnen; eine Möglichkeit, die wir Menschen uns so allein nicht ausdenken können. Er will deutlich machen, dass der Glaube ein Geschenk ist."
Nikodemus hatte es gut gemeint, wie so viele, die mit Menschen der Kirche ins Gespräch kommen wollen. Und dann dieses Missverstehen! Erkennt Jesus nicht den guten Willen seines Gesprächspartners? Will er sich auf ein ehrliches Gespräch nicht einlassen? Ist Jesus ein schlechter Dialogpartner? Die Antwort finden wir, wenn wir entdecken, dass das Missverstehen des Nikodemus kein intellektuelles Missverstehen ist. Nein: Hier begreift einer deshalb nicht, weil das ihm Geantwortete einfach nicht hineinpasst in den Horizont seines Denkens und Glaubens. Nikodemus geht - wie viele Menschen bis heute - davon aus, dass der Weg zu Gott vom Menschen her beschritten werden kann. Etwa indem wir uns religiös fortbilden. Indem wir uns einüben in gottesdienstliches Handeln. Indem wir die Grundlagen unseres Glaubens erlernen. Sozusagen Glaubenstraining auf dem Weg zum Reich Gottes. Jesus dagegen will eine andere Möglichkeit des Glaubens eröffnen; eine Möglichkeit, die wir Menschen uns so allein nicht ausdenken können. Er will deutlich machen, dass der Glaube ein Geschenk ist. Nicht wir schaffen uns unseren Glauben selbst, sondern er wird in uns geboren. Deshalb die Rede von der Wiedergeburt. Nicht wir sind die Schöpfer unseres Glaubens, sondern Gott selbst lässt Glauben in uns entstehen und wachsen, so wie er uns in der Geburt entstehen und dann wachsen lässt. Deshalb sind glaubende Menschen wiedergeborene Menschen.
Gottes Werk steht am Anfang
Wiedergeburt meint also keinen vom Menschen zu bewerkstelligender Vorgang. Und um diesen Sachverhalt zu veranschaulichen, greift Jesus auf einen Wesenszug Gottes zurück, über den wir am vergangenen Sonntag, dem Pfingstfest, nachgedacht haben, auf Gottes Heiligen Geist. So wie der Wind eine Wirklichkeit ist, die wir nicht selbst sehen, deren Wirkung wir aber an umgeknickten Bäumen oder niedergedrückten Pflanzen erkennen können, so verhält es sich mit Gottes Geist. Wo Gottes Geist einen Menschen mit Kraft erfasst, dort kann Glaube entstehen, dort kommt es zum Neugeborenwerden. So meint Wiedergeburt eine von Gottes Geist gewirkte innere Erneuerung, die in uns Menschen neue Gedanken freisetzt. Während religiöse Menschen wie Nikodemus meinen, letztlich ihren Weg zu Gott selbst finden zu können, will Jesus mit dem Bild von der Wiedergeburt klarstellen, dass so wie das Kind sich nicht selbst gebiert, so auch in unserem Glauben Gottes Werk am Anfang steht, und unsere Werke des Glaubens dann nur nachfolgen.
"Sind wir wirklich offene Menschen, die mit dem Wirken des Heiligen Geistes an uns rechnen? Oder zählen wir uns zu den Wiedergeborenen, die meinen, das Fragen nicht mehr nötig zu haben?"
In diesem - ach so missglückten - Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus steckt eine ungeheure Anfrage an uns selbst: Sind wir Menschen wie Nikodemus, religiös interessiert, fragend, aber letztlich doch festgelegt auf unsere menschlichen Denk- und Glaubensmöglichkeiten? Sind wir wirklich offene Menschen, die mit dem Wirken des Heiligen Geistes an uns rechnen? Oder zählen wir uns zu den Wiedergeborenen, die meinen, das Fragen nicht mehr nötig zu haben? Wer so redet, der hätte Jesus gründlich missverstanden - mindestens ebenso schlimm wie Nikodemus. Nicht umsonst spricht Jesus von dem Geist wie von einem Wind (im Griechischen dasselbe Wort!). Der Geist, der in uns Glauben entstehen lässt, ist eine Bewegung - wie die des Windes. Und Wiedergeburt des Glaubens ist eine Bewegung. Nie haben wir sie ein für allemal. Wir alle kennen dies, wenn wir aus der Starre hin zu einem neuen Aufbruch bewegt werden. Wenn wir aus der Trauer hin zum Trost befreit werden. Wenn wir aus der Lethargie erwachen und Kraft finden zu einer politischen Aktion. Nie schaffen wir dies allein, sondern immer werden wir von außen her angerührt, in Bewegung gesetzt.
Wie der Wind weht, so kann Wiedergeburt des Glaubens unvermutet geschehen, und immer ist sie ein Geschehen, das nicht wir selbst in der Hand haben, sondern das Gott in uns wirkt. Dies zu verstehen, befreit uns auf der einen Seite vom verkrampften Bemühen, den Glauben alleine schaffen zu müssen, andererseits befreit es uns vom Hochmut, der meint, sich auf den Glauben etwas einbilden zu können. Gott allein bewegt uns zum Glauben - das konnte Nikodemus nicht verstehen. Und so war das Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus ein Dialog des Missverstehens.
