Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Liebe Gemeinde,
ja, am Himmelfahrtsfest zieht es die Menschen ins Freie, manche gewiss weil es ein freier Tag ist. Ein Tag, der zu geselligen Unternehmungen einlädt. Andere weil sie Gottesdienst im Freien feiern wollen, so wie dies heute an vielen Orten übrigens auch in unserer Evangelischen Landeskirche in Baden geschieht.
Ein Gott des Himmels und der Erde
Gottesdienst im Freien. Kommt darin vielleicht mehr zum Ausdruck als Freude an der Geselligkeit? Mehr als ein Wunsch nach gottesdienstlicher Abwechslung? Mehr als nur das Bemühen, Gottesdienst mit jung und alt gemeinsam feiern zu können? Gottesdienst im Freien – könnte darin nicht auch das Gespür dafür seinen Ausdruck finden, dass Gott nicht einzusperren ist in die Mauern einer Kirche? Dass er nicht festzulegen ist auf bestimmte Orte, die wir für ihn errichten? Dass Gott nicht festzulegen ist auf irdische Orte, die wir als heilige Orte pflegen: Dome und Kathedralen, Kirchen und Gemeindehäuser. Gottesdienst im Freien am Himmelfahrtstag – könnte in einem solchen Vorhaben nicht ein ganz wichtiger Grundzug unseres Glaubens seinen Ausdruck finden: dass der Gott, an den wir glauben, ein Gott des Himmels und der Erde ist? Einer, der ganz nahe bei den Menschen ist und doch gleichzeitig ein ganz anderer? Ein Gott, der ganz auf Erden wohnt und dennoch zugleich ganz und gar im Himmel ist?
"Der in Jesus Christus greifbare Gott ist angreifbar geworden. Aber er lässt sich nicht besitzen oder gar einsperren wie in einen Safe, den man gelegentlich öffnen kann."
Ja, wir Menschen stehen in der Gefahr, Gott dingfest machen zu wollen. Ihn festlegen zu wollen auf bestimmte Orte, auf bestimmte Vorstellungen, auf bestimmte Erfahrungen, auf bestimmte Lehren. Aber das genau ist die Botschaft des Himmelfahrtsfestes: Gott lässt sich zwar in Jesus Christus voll und ganz ein auf diese Erde. Er lässt sich im Tun und Reden und letztlich auch im Sterben Jesu binden an innerweltlich Erfahrbares. Als der himmlische Gott entzieht er sich aber in der Auferstehung Christi unserem Zugriff. Der in Jesus Christus greifbare Gott ist angreifbar geworden. Aber er lässt sich nicht besitzen oder gar einsperren wie in einen Safe, den man gelegentlich öffnen kann. Gewiss: Wir Menschen brauchen Orte, an denen wir uns der Nähe Gottes vergewissern können. Wir brauchen Kirchen die etwas ausstrahlen von der Heiligkeit Gottes. Und dennoch sollen wir zugleich wissen, dass der Gott des Himmels und der Erden sich nicht dort einsperren lässt, wo wir ihn festlegen wollen. Deshalb brauchen wir auch Kirchtürme: Kirchtürme weisen hinaus über die Erde, gen Himmel. Sie weisen hin auf den Gott, der ein Gott des Himmels und der Erde ist. Und genau deshalb auch feiern wir Himmelfahrtsgottesdienste im Freien, unter dem Himmel Gottes.
Ganz anders war die Situation und doch genauso die Antwort des Glaubens, von welcher der von mir gewählte Predigttext zum Himmelfahrtstag spricht. Wir hören da vom Tempelbau zur Zeit des Königs Salomo, also von einem Ereignis vor fast 3000 Jahren. Von diesem Ereignis aus der Frühzeit der Geschichte Israels berichtet Jahrhunderte später ein Chronist und lässt anlässlich der Einweihung des Tempels den König ein Tempelweihgebet sprechen. In ihm heißt es: „Herr Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, damit du hörest das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir. Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein.“ Der Salomo so sprechen ließ, der hatte begründete Zweifel, ob Gott wirklich auf Erden wohnte. Zu bedrückend, zu deprimierend war die Erfahrung der Gottverlassenheit, die das Volk Israel im babylonischen Exil plagte. Er lässt den König Salomo hinaufschauen zum Himmel, zur Wohnstatt Gottes, und er lässt ihn bitten, dass dieser himmlische Gott sich zur Erde beuge, indem er das Bitten seines Volkes erhört.
Nicht von dieser Welt
Zum Himmel aufschauen, um Gott zu bitten. Das ist die Haltung des Glaubens, wenn uns Zweifel am Wohnen Gottes auf unserer Erde plagen. Das ist die Haltung des Glaubens, wenn saurer Regen von diesem Himmel auf unsere Erde fällt. Das ist die Haltung des Glaubens, wenn der Himmel zerrissen wird von bombenden Militärmaschinen. Zum Himmel aufschauen, um Gott zu bitten, das ist die Haltung des Glaubens, wenn wir uns von Gott auf dieser Erde verlassen fühlen. Häufig habe ich in der Jugendarbeit und bei Kirchentagen immer wieder den Kanon gesungen „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf.“ Wenn wir so singen, wenn wir so zum Himmel hinaufschauen, dann suchen wir nach einem Durchblick in den Unklarheiten unseres Lebens. Dann sehnen wir uns nach einer Wirklichkeit, die hinausreicht über unsere begrenzte Erfahrung. Dann sehnen wir uns nach dem Himmel als dem Ort Gottes.
"Der Himmel Gottes, auch der Himmel, in den Christus entrückt wurde, ist der Ort Gottes. Nicht das „Oben“, sondern das „Überall“. Der Himmel steht für die Offenheit und Unbegrenztheit Gottes."
Und dabei wissen wir ganz genau, dass mit diesem Himmel durchaus nicht der Himmelsraum über unserer Erde gemeint ist. Wenn wir verliebt sind, dann fühlen wir uns wie im „siebten Himmel“. Wenn wir Schuberts 9. Symphonie hören, dann schwelgen wir von den „himmlischen Längen“ dieser Musik. Und wenn Ann Sophie Mutter geigt oder Udo Lindenberg singt, dann meinen wir himmlische Klänge zu hören. Mit unserer Sehnsucht nach dem Himmel drücken wir also etwas aus, was unsere begrenzten Möglichkeiten überschreitet. Etwas, was uns eine andere Wirklichkeit öffnet. Etwas, was nicht von dieser Welt ist. Von Himmlischem reden wir, wenn wir etwas meinen, das uns über uns selbst hinausführt - in neue, bisher nicht gekannte Dimensionen. Der Himmel - das ist die Metapher für die Wirklichkeit Gottes, die all unsere Vorstellungen von Raum und Zeit sprengt. Der Himmel Gottes, auch der Himmel, in den Christus - wie wir vorhin im Bericht aus der Apostelgeschichte gehört haben - entrückt wurde, ist der Ort Gottes. Nicht das „Oben“, sondern das „Überall“. Der Himmel steht für die Offenheit und Unbegrenztheit Gottes.
Gott lässt sich nicht beschränken
Ja, Gott wurde in Jesus Christus ganz irdisch, wurde ganz Mensch. Kommt zu uns an ganz irdischen Orten, und zugleich sprengt er als der Auferstandene die Bindung an die Erde, erweist er sich als Gott des Himmels und der Erde. Die Erzählung von der Himmelfahrt Christi ist der Protest gegen jedes Einsperren Gottes. Gott lässt sich nicht zwingen. Gott lässt sich nicht beschränken auf das Diesseitige, auf das Innerweltliche. Er lässt sich nicht beschränken auf unsere Erfahrungen, auf unsere begrenzte Wirklichkeit. Und so kann der Verfasser des Epheserbriefes Christus als den bekennen, der „über alle Reiche und Gewalt, über alle Macht und Herrschaft gesetzt ist und über alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen, und dem alles unter seine Füße getan ist“ (Eph 1,21f). Ja, so kann christlicher Glaube sprechen, der an einen Gott glaubt, der sich in Christus nicht beschränken lässt auf unsere begrenzte, irdische Wirklichkeit.
„Der Himmel geht über allen auf“, so singen und sagen wir, weil wir – wie einst Salomo – an die Unverfügbarkeit Gottes glauben. Wie einst Salomo glauben wir zugleich daran, dass dieser unverfügbare Gott mit seinem Himmel dann doch immer wieder hinunter kommt auf diese Erde. Dass dieser Gott sich einlässt auf diese Erde, indem er ganz irdisch wird. Wie einst Salomo vertrauen wir darauf, dass der Gott des Himmels und der Erde hinabsteigt zu uns, indem er unser Gebet erhört. Wenn wir zum Himmel aufschauen und sagen, dass der Himmel über allen aufgehen möge, dann öffnen wir unseren Blick für den ganzen Himmel und die ganze Erde. Dann üben wir uns ein im Vertrauen, dass Gottes Wille sich durchsetzen möge im ganzen Himmel und auf der ganzen Erde. Dann lernen wir zu beten „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Dann lernen wir nach Gottes Willen zu fragen, der im Himmel wie auf Erden geschehen soll. Dann schauen wir zum Himmel und fixieren unseren himmlischen Blick nicht auf den sauren Regen, der vom Himmel kommt; sondern wir suchen nach Gottes Willen, um die Schöpfung zu bewahren. Dann starren wir nicht auf bombenwerfende Militärjets, die den Himmel in Krisengebieten unserer Erde zu Orten der Zerstörung werden lassen, sondern wir suchen betend nach Wegen aus der Gewalt und dem Krieg. Der Blick zum Himmel am Himmelfahrtstag hilft uns, das Bedrohliche an diesem Himmel zu entdecken und auszuhalten und dann aber auch nach Gottes Willen im Himmel und auf Erden zu fragen und um Durchsetzung seines Willens zu bitten. So ist Himmelfahrt gerade nicht ein Fest himmlischer Verdrängung. Himmelfahrt ist vielmehr das Fest, das uns an Gottes Willen im Himmel und auf Erden erinnert und damit an unsere Verantwortung für den Himmel und die Erde.
„Der Himmel geht über allen auf.“ Weil wir dies seit der Auferstehung Christi neu glauben können, deshalb können wir voller Vertrauen zum himmlischen Gott beten: „Wende dich zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen. Lass deine Augen offen stehen über diesem Ort Nacht und Tag. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Und deshalb können wir uns zu dem Christus bekennen, der als König herrscht und dem alles untertänig ist. Amen.
