Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Liebe Gemeinde,
das Datum des eigenen Geburtstages kann sich niemand aussuchen – das wissen wir alle. Das gilt für unseren ehemaligen Landesbischof Klaus Engelhardt ebenso wie für unser zweites Geburtstagskind dieses Tages Dieter Oloff oder für andere hier, die heute Geburtstag haben mögen. Auch kann sich niemand aussuchen, in welche Kirchenjahreszeit der eigene Geburtstag fällt. Dass in diesem Jahr der 75. Geburtstag unseres ehemaligen Landesbischofs zwischen Kantate und Rogate fällt, will ich nicht theologisch überhöhend als Fügung Gottes bezeichnen, aber zumindest als einen Zufall, der mir heute quasi eine Steilvorlage für meine Predigt gibt. Denn so haben wir unseren Bischof in Erinnerung, als einen singenden und betenden Bischof. Wer erinnerte sich nicht voller Vergnügen an sein Psalmodieren bei seiner letzten Dekanskonferenz! Wer erinnert sich nicht an die intensive Art, in der er bei Andachten und in Gottesdiensten Gebete gesprochen hat. Und wenige Wochen vor seinem Ruhestand hat Klaus Engelhardt in einem Brief an alle in der öffentlichen Wortverkündigung Tätigen sein Vermächtnis an seine Kirche weitergeben mit einem Beitrag unter dem Titel „Betende Kirche“. Wenn wir also heute - sozusagen im Zugang auf den Sonntag Rogate - beflügelt durch das Singen schöner Lieder vor allem von Paul Gerhardt über das Beten nachdenken, dann werden wir nicht nur dieser Kirchenjahreszeit gerecht, sondern auch dem, was Klaus Engelhardt in seinem Dienst seiner Kirche weitergeben wollte.
Gebetsnot
„Wir wissen nicht, was wir beten sollen.“ So hat nicht nur der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde von Rom geseufzt, so haben wohl auch die Jünger geklagt, als Jesus sie das Beten lehrte. In solchem Seufzen und Klagen spricht sich eine Gebetsnot aus, welche die Not vieler Menschen gerade unserer Zeit ist. Nicht nur in unserer Welt gibt es eine große Gebetsnot, auch in unseren Kirchen erleben wir manchmal eine Unfähigkeit zum Beten, die dann nicht selten überspielt wird durch kunstvolle Gebetsformulierungen. Ehrliches Beten beginnt mit dem Eingeständnis der eigenen Gebetsnot. Zum Beten gehört die erschütternde Erfahrung des Paulus: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt.“ Beten setzt das Eingeständnis der eigenen Not voraus, das Eingeständnis des Angewiesenseins auf Gottes Hilfe. Beten ist ein Sich-Aussetzen der Kraft des Heiligen Geistes. Das ist die Bewegung des Betens, die uns ganz zurückwirft auf uns selbst, auf unsere Hilflosigkeit, die uns gerade dadurch ganz offen macht für den Gott, der in Jesus Christus uns und dieser Welt eine neue Perspektive geschenkt hat. So gehört zum Beten dann auch die andere Erkenntnis des Paulus, dass der Geist unserer Schwachheit aufhilft. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft zum rechten Beten, zum Nach-oben-Tasten hinauf zu Gott. Dieses Geist gewirkte Beten, das zunächst von der Gebetsnot und der Unfähigkeit zum Beten ausgeht, aber im Vertrauen auf den Heiligen Geist Kraft gewinnt, dieses Beten ist es, aus dem heraus Kirche entsteht.
Gemeinsames Beten - eine Kraftquelle
Unsere Gebetsnot wird umso schlimmer, wenn wir alleine bleiben mit ihr und die Gemeinschaft der Gläubigen nicht suchen. Das gemeinsame Gebet im Gottesdienst, das gemeinsame Teilhaben an der Gebetsnot, das gemeinsame Seufzen, das gemeinsame Kraftschöpfen in der Hinwendung zu Gott - das ist es, was christliches Beten ausmacht. Wo dies in einem Gottesdienst gelingt, wo wir mit der Gemeinde um Gottes heilvolle Gegenwart ringen und uns betend der Zukunft vergewissern, die Jesus Christus als der Auferstandene uns eröffnet hat - dort erhalten wir die Kraft, persönlich und als Kirche für die Welt Verantwortung zu übernehmen. Indem unsere Gottesdienste vom Beten her gestaltet werden, gewinnen sie Ausstrahlungskraft in unsere Welt hinein. Wenn Dietrich Bonhoeffer sagt „unser Christsein wird heute nur in Zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“, dann ist das Beten, das Ausschauen auf Gott und seine Zukunft, die Kraftquelle für unsere gegenwärtige Hinwendung zur Welt.
"Denn will ich als Christenmensch meinem Auftrag in dieser Welt gerecht werden, so kann ich dies nur, wenn ich ein betender Mensch bin..."
Das Beten hat für viele Menschen unserer Zeit an Plausibilität verloren. Sie fühlen sich auf sich selbst zurückgeworfen und sind darüber in ihrem Tätigsein „Gott los“ („gottlos“) geworden. Viele Menschen können nicht mehr beten oder haben keine eingeübte Gebetspraxis. Diesen Menschen Angebote eines befreienden Betens zu machen, ist genuiner Auftrag der Kirche. Denn will ich als Christenmensch meinem Auftrag in dieser Welt gerecht werden, so kann ich dies nur, wenn ich ein betender Mensch bin, wenn mein Tun also aus meinem Beten erwächst und umgekehrt.
Beten macht stark
Gebet ist ja nicht einfach das Gegenteil von Tätigsein, sondern geradezu Grundlage und Voraussetzung einer kraftvoll wahrgenommenen Weltverantwortung. Beten führt nicht zum Untätigsein, es führt zum Handeln. „Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat.“ weiß auch Jochen Klepper. Beten macht stark: zur Bewahrung der Schöpfung, zur Friedensstiftung, zum Heilen, zum Trösten, zum Stärken anderer. Wenn wir Menschen uns Zeit lassen, wenn wir zur Ruhe kommen, innehalten - dann werden wir auch in unserem Handeln eine menschliche Welt gestalten können. So geschieht unser Beitrag zur Gestaltung einer menschlichen Welt nicht nur durch unser Tätigsein, sondern auch durch das Beten, durch das wir zugerüstet werden und Kraft gewinnen zum Tun des Gerechten.
Dies alles hat uns Klaus Engelhardt in seinem langen Dienst als Bischof unserer Landeskirche gelehrt und vorgelebt. Aus der Kraft des Gebetes heraus hat er seinen Dienst gestaltet, ist er tätig geworden für seine Kirche, tätig geworden in der Wahrnehmung von Weltverantwortung. Was dies für mich persönlich bedeutet hat, will ich an einem Ereignis verdeutlichen. Während meiner zehnjährigen Tätigkeit als Gemeindepfarrer in Heidelberg habe ich - außer an die ZGAST - nur dreimal an die Leitung unserer Landeskirche geschrieben, genauer an ihren Bischof. Im einen Fall ging es um eine Reaktion auf den Reformationsfestvortrag unseres Landesbischofs am 31. Oktober 1982 in der Heidelberger Johanniskirche. Ich habe ihm damals geschrieben, dass ich seinen Vortrag als einen „Mut machenden Kommentar“ zu unserer Gemeindesituation in Heidelberg-Kirchheim gehört habe, „so etwa in der positiven Würdigung unserer Mahnwachen für Südafrika.“ Wörtlich schrieb ich: „Dass Sie in Ihrem Vortrag ferner speziell auf das Schicksal von Beyers Naudé eingegangen sind, dessen wir am Morgen im Gemeindegottesdienst gedacht haben, mag verdeutlichen, dass ich durch Ihren Vortrag eine kräftige Bestätigung jener ökumenischen Arbeit gefunden habe, die allmählich Früchte trägt.“ Ja, so habe ich - und mit mir sehr viele - den Dienst von Klaus Engelhardt erlebt: Aus der Kraft des Gebets heraus hat er Weltverantwortung kräftig wahrgenommen und zur Wahrnehmung von Weltverantwortung ermutigt. So war Klaus Engelhardt für mich ein betender und zugleich zum Tun des Gerechten ermutigender Bischof. Das Letztere ist heute im Ruhestand nicht mehr sein Amt, das Amt des Betens ist ihm geblieben. Betend begleitet er seine Kirche, und betend begleiten ihn, seine Frau und Familie viele Menschen in unserer Kirche. Denn die Gemeinschaft des Betens endet nicht mit dem Ruhestand.
"In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Not zu lindern und dadurch Zukunftsperspektiven zu gewinnen."
Auch im Ruhestand ist unsere Kirche mit ihrem früheren Landesbischof in der Fürbitte eng verbunden. In der Fürbitte wird in besonderer Weise die Zukunft in den Blick genommen, die Zukunft eines anderen Menschen, die Zukunft der Kirche, die Zukunft der Welt. Wenn wir jemanden auffordern, für einen anderen Menschen zu beten, dann legen wir ihm diesen Menschen ans Herz. Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft derer, die anderen etwas ans Herz legen und denen etwas ans Herz gelegt wird. Von diesem gegenseitigen Ans-Herz-Legen lebt Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Was uns ans Herz gelegt ist, betrifft uns im Innersten. Was uns auf dem Herzen liegt, bringen wir vor Gott. In der Fürbitte bitten wir Gott für alles, was uns ans Herz gelegt ist, für alle, die uns ans Herz gelegt sind. Genau das ist Fürbitte: Zu Gott sagen ‚Dies leg ich dir ans Herz.’ In der Fürbitte öffnen wir uns zu anderen Menschen hin. Unsere Fürbitte weitet unseren Blick auf die Welt. Sie verändert die Perspektive, aus der wir diese Welt und die in der Fürbitte bedachten Menschen sehen. So geschieht ein Anteilnehmen und Anteilgeben, das für die Zukunft neue Perspektiven eröffnet. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Not zu lindern und dadurch Zukunftsperspektiven zu gewinnen. So wie uns das Beten immer neue Räume erschließt zu bisher nicht Gedachtem, nicht Erprobtem, nicht Erfahrenem, so dürfen wir auch daran glauben, dass unser Gebet für andere Menschen Räume öffnet, auch für den Jubilar, dessen 75. Geburtstag wir heute feiern. Mit unserer Fürbitte für ihn tragen wir mit dazu bei, dass seine Füße auf weiten Raum gestellt werden.
So ist dies die beste Form, diesen Geburtstag mit dem Jubilar zu feiern: Ihn hinein zu nehmen in unsere Fürbitte und uns hinein nehmen zu lassen in sein Beten. Ich möchte schließen mit einem Gebet, das nicht von Klaus Engelhardt stammt, sondern von Hans-Dieter Hüsch, einem ganz anderen großen Glaubenszeugen unserer Zeit. In dem Grundgefühl von Dankbarkeit und Lebensfreude mag es ein Gebet sein, das nicht nur Klaus Engelhardt, sondern auch uns aus dem Herzen spricht:
Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände
Meine Zeit
Mein Fühlen Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit
Was macht dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich
Was macht dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen
Was macht dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt.
Amen.
