Am Anfang war das Wort, am Ende aber die Ruhe

Gottesdienst zum 50jährigen Bestehen des Männervereins Heidelberg-Rohrbach, Melanchthonkirche am 29.04.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Liebe Festgemeinde!
Am Anfang.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und sprach: „Es werde Licht.“
Am Anfang schuf Gott den Mann. Nicht zu früh freuen. Am Anfang hat Gott noch geübt. Dann schuf er die Frau.
Am Anfang schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild, und sprach: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan.“
Am Anfang sah Gott alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.
Am Anfang ruhte Gott von seinem Schöpfungswerk.
Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Am Anfang wurde Gottes Wort Fleisch: Gott in Jesus Christus - Weihnachten.
Am Anfang erklang der Ruf des Auferstandenen: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ – Ostern.
Am Anfang versprach Gott: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ - Pfingsten.
Am Anfang sammelte sich christliche Gemeinde unter Gottes Wort - vor mehr als 1200 Jahren hier in Rohrbach.
Am Anfang erklang das Wort Gottes neu in der Reformation – vor 450 Jahren hier in der Kurpfalz.


Gott setzt den Anfang

Am Anfang. Immer wieder erklang Gottes schöpferisches Wort. Dieses Wort ist nicht einfach Schall und Rauch. Dieses Wort hatte und hat immer wieder die Kraft, neue Anfänge zu setzen. Immer neue Schöpfungen durch Gottes Wort – das ist das Kennzeichen der Geschichte Gottes mit seinem Volk.
Und die Erinnerung an diesen Anfang durch Gottes Wort bewahrt uns vor falschem Stolz.
Ohne das schöpferische Wort Gottes, das Menschen anrührt, das Kraft schenkt und Orientierung gibt, ohne dieses schöpferische Wort Gottes gäbe es keine Anfänge kirchlicher Arbeit.
Und so muss an diesem Festtag zu allererst der Dank dem Gott gelten, der durch sein schöpferisches Wort einen Anfang setzte -
so wie er einst bei der Erschaffung der Erde den Anfang setzte,
so wie er in Jesus Christus, seinem Fleisch gewordenen Wort, einen Anfang setzte,
so wie er an Ostern mit seinem „siehe, ich bin euch alle Tage bis an der Welt Ende“ einen neuen Anfang setzte,
so wie er seitdem immer wieder in seiner Kirche neue Anfänge setzt, wenn Menschen auf sein Wort hörend sich von ihm inspirieren lassen,
so wie er auch in unserem eigenen Leben tröstend und ermutigend immer wieder neue Anfänge setzt, wo wir meinen, am Ende zu sein.
Schöpfungen und Neuschöpfungen in dieser Welt und in unserer Kirche, Schöpfungen und Neuschöpfungen in dieser Gemeinde und im eigenen Leben – wer könnte davon nicht erzählen? Und wer hätte nicht zu danken für Worte, die Neues entstehen und wachsen ließen?

"Nach dem Zeugnis der Bibel wird die Schöpfung gekrönt durch die Ruhe des Sabbats, die so etwas ist wie ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit."

Das ist das Erste, was wir im Hören auf den Bericht der Bibel vom Anfang zu sagen haben: Gott wirkt den Anfang durch sein Wort. Und dann ein Zweites. Auch wenn Sie nicht den Schöpfungsbericht der Bibel in seinem ganzen Umfang gehört haben, sondern nur Ausschnitte, dann konnten Sie doch Entscheidendes hören: Gott ist kein Raser. Er schafft die Welt nicht auf einmal, sondern nimmt sich Zeit: sieben Tage lang. Und das Beste an diesem Schöpfungswerk ist der letzte Tag, die Atempause Gottes. Da ruht Gott aus und erfreut sich am Wunderwerk seiner Schöpfung. Nicht aus Erschöpfung ruht er aus, sondern aus lauter Freude am gelungenen Zusammenspiel der Geschöpfe, an der Schönheit der Berge und der Reinheit der Flüsse, an der Pracht des Nachthimmels und an dem blauen Meer. Mögen manche den Menschen als Krone der Schöpfung ansehen, manche leider irrtümlicher Weise besonders den Mann. Nein, nach dem Zeugnis der Bibel wird die Schöpfung gekrönt durch die Ruhe des Sabbats, die so etwas ist wie ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit. Die Schöpfung ist ein Werk Gottes in der Zeit, und doch zugleich ein offenes Fenster hin zu der die Zeit umschließenden Ewigkeit. Wenn Juden und Christen den Sabbat bzw. den Sonntag feiern, dann achten und heiligen sie diesen Tag als Ruhetag der ganzen Schöpfung. Zugleich erinnern sie an die Dimension der Ewigkeit, die unser Leben umschließt.

Aus christlicher Perspektive wird dieser Blick auf die Ewigkeit dann noch dadurch geschärft, dass mit der Feier des Sonntags des Tages der Auferstehung Jesu Christi gedacht wird, also verwiesen wird auf die neue Schöpfung, die in Jesus Christus angebrochen ist: „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“ Mit jeder Feier des Sonntags verkündigen wir dies. Erinnern wir an den Neuanfang, den Jesus Christus selbst am Morgen seiner Auferstehung gesetzt hat. Der Sonntag ist für die Kirche von alters her der Tag der Auferstehung Christi, ein Fenster hin zur Ewigkeit, das uns durch die Auferstehung Christi aufgestoßen wurden.


Die Sonntagsruhe: Vollendung der Schöpfung

Die zu Beginn dieses Jahrhunderts rasant fortschreitende Entheiligung des Sonntags durch scheinbare ökonomische Zwänge zerstört den Rhythmus des Lebens. Zugleich verletzt sie den jüdisch-christlichen Glauben an Gott, den Schöpfer, und unseren Glauben an die Neuschöpfung durch die Auferstehung Christi. Das Wissen darum, dass die von Gott erschaffene Welt lebt und atmet im verlässlichen Wechsel von Arbeit und Ruhe und dass der Rhythmus von Tätigsein und Feiern zum geschöpflichen Leben gehört, dieses Wissen gehört zum Kostbarsten des jüdisch-christlichen Glaubens. Nicht die Steigerung des Arbeitseinsatzes, nicht die Verdoppelung der Kräfte vollendet das Werk, sondern die Ruhe von der Arbeit. Diese Botschaft der Schöpfungserzählung sagt nicht nur Wesentliches aus über Gott, sondern zugleich auch über den Menschen. Denn wenn die Vollendung der Schöpfung die Ruhe ist, dann beinhaltet das für den Menschen die Zumutung, dass er den Erfolg seiner Arbeit nicht in Händen hat. Wenn die Vollendung der Schöpfung die Ruhe ist, dann beinhaltet dies zugleich den Trost, dass dem Menschen nicht mehr abverlangt wird, als menschenmöglich ist. So ist der Sabbat bzw. der Sonntag Ausdruck des christlichen Grundverständnisses vom Menschen, das besagt, dass der Mensch nicht das ist, was er mit seiner Leistung aus sich macht. Die Sonntagsruhe ist praktischer Vollzug erfahrener Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Gnaden. Und an der Art, wie die Kirche selbst den Sonntag heiligt, ist etwas abzulesen von ihrem Glauben, den sie verkündigt.

"Wir haben als Christenmenschen dagegen zu protestieren, dass die Unterbrechung des Alltags durch den Sonntag nur noch als ökonomischer Nachteil wahrgenommen wird."

Dagegen sollte man nicht einwenden, dass die Heiligung des Sabbats doch aus einer alten Zeit stamme, die nicht mehr die unsere sei. Man sollte nicht die Heiligung des Sonntags als zeitgebunden, auf unsere hochtechnisierte Welt nicht übertragbar und damit als überholt abtun. Wer sich ein wenig in der Landwirtschaft auskennt, der weiß auch, dass dieses Gebot der Sabbatruhe zu keiner Zeit und in keiner gesellschaftlichen Situation einfach ökonomisch klug war. Es ist nicht ökonomisch klug, Ernte an einem herrlichen Sonntag nicht einzufahren und mit dieser Ernte stattdessen auf den verregneten Montag zu warten. Und dennoch haben dies die Menschen im alten Israel getan und orientieren sich auch heute noch christlich überzeugte Landwirte in ihrem beruflichen Handeln an diesem Sabbatgebot. Warum? Weil Ökonomie eben nicht alles im Leben ist. Weil den in lebendiger Beziehung zu Gott lebenden Menschen wichtiger als der ökonomische Vorteil durch sonntägliche Arbeit der verlässliche Rhythmus des Lebens ist, in dem sie einen von Gott gesetzten Rhythmus erkennen, den der Mensch nicht ohne Schaden für sich und die Schöpfung verletzen darf.

Wir haben als Christenmenschen dagegen zu protestieren, dass die Unterbrechung des Alltags durch den Sonntag nur noch als ökonomischer Nachteil wahrgenommen wird. Wir haben dagegen zu protestieren, dass die fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitszeiten den Unterschied zwischen Arbeitszeit und Freizeit so aufhebt, dass im entstehenden Zeitbrei gemeinschaftliches Leben der Menschen gefährdet wird. Es ist höchst zweifelhaft, ob eine weitere Schädigung der Sonntagsruhe tatsächlich kurzfristig wirtschaftliche Vorteile bringt. Selbst wenn das aber der Fall sein sollte, so ist doch der langfristige Schaden deutlich absehbar. Darum handelt ökonomisch kurzsichtig und ethisch verantwortungslos, wer den Schutz des Sonntags antastet und in Frage stellt.


Geheiligter Sonntag - menschlicher Alltag

Den Rhythmus der Schöpfung zu bewahren, ist nicht nur ein Gebot unseres Glaubens. Es ist auch ein unverzichtbarer Beitrag zum Erhalt einer menschlichen Sozialkultur. Nicht um der Kirche und ihrer Selbsterhaltung willen, wohl aber um unserer Gesellschaft und ihrer menschlichen Gestaltung willen brauchen wir die durch den Sonntag gewährleisteten Räume, in denen eine Sonntagskultur gepflegt werden kann. Wer den Sonntag nicht heiligt, wird auch den Alltag nicht menschlich gestalten können. Der Sonntag öffnet ein Fenster zur Ewigkeit und ist damit Quelle des Lebens, ohne die Menschen die Kraft zur Arbeit verlieren.

Das schöpferische Wort Gottes setzte und setzt immer wieder neue Anfänge. Aber kein Anfang ist gesegnet ohne die Ruhe. Darum: Am Anfang war das Wort, am Ende aber die Ruhe. Amen.