Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Joh 8,26-30
Liebe Gemeinde,
vor 10 Tagen hat sie begonnen - die Passionszeit. Seitdem sind wir wieder unterwegs mit unserem Herrn, unterwegs auf dem Weg seines Leidens und Sterbens. Die Evangelien berichten von diesem Leidensweg Jesu in unterschiedlicher Weise. Der Evangelist Johannes lässt Jesus schon frühzeitig den Weg nach Jerusalem antreten. Dort feiert er zunächst das Laubhüttenfest, anschließend werden lange Gespräche Jesu mit seinen Gegnern wiedergegeben, ehe mit dem Bericht von der Gefangennahme Jesu das eigentliche Passionsgeschehen beginnt. Ein kleiner Abschnitt aus diesen Reden Jesu auf dem Weg zur Passion ist der uns heute gegebene Predigttext.
Im 8. Kapitel des Johannesevangeliums wird Jesus von einigen gefragt: „Wer bist du denn?“ Seine Antwort lautet: „Der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.“ Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach. Da sprach Jesus zu ihnen: „Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin; und nichts tue ich von mir selber aus, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er hat mich nicht allein gelassen; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ Als er das sagte, glaubten viele an ihn.
Mal ganz ehrlich, liebe Gemeinde: Hätten Sie nach dieser Rede Jesu an ihn geglaubt? Hätten Sie nicht eher wie seine Gegner zunächst gesagt „wir verstehen nicht“? „Viele glaubten an ihn“ - ist dieser resümierende Abschluss der Rede nicht mehr als überraschend? Wie kommt es zum Glauben nach einer solch schwer verständlichen und anstößigen Rede? Ganz gewiss nicht aufgrund des Verstehens der Worte Jesu. Aber mehr noch: Wie kann Jesus sagen „ihr werdet noch erkennen, dass ich es bin“? Wie sollen sie erkennen, wer dieser ist, wenn er so unverständlich spricht? Ich will diesen Fragen nachgehen, indem ich anknüpfe an Erfahrungen, die wir alle immer wieder in unserem Leben machen. Da gibt es uns nahe stehende Menschen, deren Charakter sich uns nicht erschließt, die für uns irgendwie ein Geheimnis bleiben. Da gibt es auch Vorgänge, die uns eigenartig verschlossen bleiben, deren Sinn wir nicht verstehen. Zwei Beispiele für das Gesagte:
Der Weg des Erkennens
Zunächst ein Beispiel aus der Literatur. Es steht stellvertretend für viele Beziehungen zu Menschen, auch zu Menschen, die uns viel bedeuten. In Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ fragt Julie ihren Mann Danton: „Glaubst du an mich?“ Der antwortet: „Was weiß ich! Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab - wir sind sehr einsam.“ Darauf Julie: „Du kennst mich, Danton.“ Danton antwortet: „Ja, was man so kennen nennt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber (er deutet ihr auf Stirn und Augen) da, da, was liegt hinter dem...?“
Das kommt uns doch sehr bekannt vor: Wir meinen einen Menschen zu kennen, und doch kennen wir nur seine Oberfläche. Was dahinter liegt, das bleibt uns verborgen, oft lange, manchmal ein Leben lang. Und trotzdem vertrauen wir uns diesem Menschen an, glauben irgendwie an ihn. Haben eine Ahnung von seinem Wert. Aber dass wir ihn wirklich kennten, wer könnte es sagen. Letztes Erkennen bleibt uns oft verwehrt - manchmal auch in Ehen; manchmal auch, bis der Tod uns scheidet.
"Was verstehen wir von Gott? Zuerst doch wohl gar nichts."
Das zweite Beispiel ist ein Beispiel aus diesen Tagen: In der vorletzten Wochen verstarb eine Pfarrerin unserer Landeskirche im Alter von etwa 50 Jahren. Am 23. Dezember hatte sie die Diagnose erhalten: Bösartiger Hirntumor. Nicht operabel. Nur neun Wochen blieben zwischen Hoffen und Bangen, am 23. Februar verstarb sie. Sie hinterlässt zwei Kinder aus erster Ehe und einen Ehemann, mit dem sie gerade erst wenige Jahre glücklich verheiratet war. Sie alle, liebe Gemeinde, könnten ähnliche Lebensgeschichten erzählen. Und immer wieder die Frage. Was verstehen wir eigentlich angesichts solcher Schicksale. Was verstehen wir von Gott? Zuerst doch wohl gar nichts. Gott erscheint uns grausam, fern, unverständlich. In dieses Nichtverstehen hinein mischt sich dann ganz zaghaft so etwas wie Glauben, ein Ahnen, dass wir in solch einem Leid doch irgendwie gehalten sind, „von guten Mächten wunderbar geborgen“. Lange, sehr lange kann es dauern, bis aus solch zartem Ahnen, aus solch vorsichtigem Gauben dann ein Erkennen wird: Und viele Menschen haben dies schon erfahren, dass sie dann rückblickend sagen können: Auch in dieser meiner schwersten Stunde hat Gott mich begleitet. Und nun erkenne ich ihn in seiner bewahrenden Güte.
"Im Glauben nehmen wir oft vieles vorweg, ohne es völlig zu verstehen. Wir erahnen Sinn, wo alles sinnlos scheint."
Zwei Beispiele. Sie zeigen: Der Weg des Erkennens ist ein Prozess. Erkenntnis wächst allmählich. Das gilt hinsichtlich des Erkennens von Menschen ebenso wie hinsichtlich des Erkennens von Lebensvorgängen. Oft beginnt es mit dem Nicht-Verstehen. Dann stellt sich ein verschämtes Glauben ein, aber vollständiges Erkennen steht erst am Ende - manchmal ist es sogar der Ewigkeit vorbehalten. Was uns aus unserer eigenen Lebenserfahrung so bekannt ist, genau dies nun ereignete sich bei Jesu Gespräch auf dem Weg zum Leiden. Nach seiner Rede „glaubten viele an ihn.“ Sie ahnten intuitiv, dass ihnen hier mehr begegnete als nur ein Mensch. Sie nahmen etwas wahr von der Größe Jesu, aber noch verstanden sie nicht. Aber sie glaubten. Im Glauben nehmen wir oft vieles vorweg, ohne es völlig zu verstehen. Wir erahnen Sinn, wo alles sinnlos scheint. Wir ahnen Verständnis eines Menschen, ohne ihn schon wirklich zu kennen. Die Hörenden damals ahnten etwas von der Autorität Jesu, ohne dies aber schon auf den Begriff bringen zu können. Bruchstückhaft wird das gewesen sein, was sie glaubten. Irgendwie noch geheimnisvoll, aber doch schon Gewissheit stiftend.
Das vollständige Erkennen - vom tastenden Glauben hin zum Verstehen
Das vollständige Erkennen aber ist der Zukunft vorbehalten: „Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen.“ Erkennen Jesu ist nicht möglich ohne seine Erhöhung, nicht ohne seine Erhöhung am Kreuz. Erkennen Jesu ist nicht möglich ohne seine Erhöhung, die sich erst vollendet nach seiner Auferstehung. Wenn seine Gottheit erkannt wird. Dieses Erkennen wird dann später in der kirchlichen Lehre von der Menschheit und Gottheit Jesu zusammengefasst und im Nizänischen Glaubensbekenntnis so auf den Punkt gebracht: „Wir glauben an den einen Herrn Jesu Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.“
Mit der Erhöhung Jesu wird dann auch erkannt, was in seiner Rede noch verborgen war, nämlich seine ganze besondere Beziehung zu Gott: „Was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.
Wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.
Nichts tue ich von mir selber aus. Ich tue allezeit, was ihm gefällt.
Der mich gesandt hat, ist mit mir. Er hat mich nicht allein gelassen.“
Aus all diesen Worten Jesu wird deutlich, dass er nicht in sich selbst ruht, sondern in Gott. Sein Leben weist über ihn selbst hinaus. Jesus erscheint als Übersetzer dessen, was Gott uns Menschen sagen will. In einer innigen Lebens- und Liebesbeziehung zu Gott steht er, so dass aus seinem Mund Gott selbst spricht. Dies kann der Glaube zwar ahnend, tastend wahrnehmen, dem menschlichen Erkennen musste dies aber damals auf dem Weg hin zum Leiden als ein ungeheurer, maßloser Anspruch, als eine Vermessenheit, ja sogar als Gotteslästerung erschienen sein. Erst mit der Erhöhung Jesu am Kreuz erschließt sich die Wahrheit seiner Worte. Erst mit seiner Kreuzigung und Auferstehung erschließt sich die Einheit Jesu mit Gott. Wird die Gottheit Jesu erkennbar. Wird seines Autorität verstehbar.
"Aber auf dem Weg der Trauer, auf dem Weg durch die Dunkelheiten des Lebens erschließt sich erst das Verstehen Gottes. Ja, das Verstehen Gottes führt auch in unserem Leben über das Kreuz."
Ja, der Weg vom tastenden Glauben hin zum Verstehen Gottes führt über das Kreuz. Trefflich hat dies Martin Luther in seiner Heidelberger Disputation im Jahr 1518 auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Das ist eine gute Theologie, die das Unsichtbare Gottes durch Leiden und Kreuz erblickt und dann versteht.“ Erinnern Sie sich an meine beiden Beispiele zu Beginn der Predigt. Oft ist uns das Verstehen eines Menschen nicht möglich. Aber sind es nicht oft gerade die schweren Erfahrungen miteinander, jene, die wir uns selbst nicht herbeigewünscht haben, die uns das Verstehen des oder der anderen möglich machen? Und zunächst steht nach dem Sterben eines Menschen das Zweifeln, vielleicht dann das tastende Glauben, aber in jedem Fall das Nichtverstehen. Aber auf dem Weg der Trauer, auf dem Weg durch die Dunkelheiten des Lebens erschließt sich erst das Verstehen Gottes. Ja, das Verstehen Gottes führt auch in unserem Leben über das Kreuz.
Liebe Gemeinde, als Jesus gefragt wurde, wer er denn sei, da gab er auf dem Weg zu seinem Leiden jene Antwort, die wir heute gehört haben. Manche von uns mögen diese Antwort auch jetzt noch nicht verstanden habe. Manche mögen dieser Antwort vertrauenden Glauben schenken. Manche mögen schon auf dem Weg der Erkenntnis Jesu weit vorangeschritten sein. Für manche steht dieses vollständige Erkennen noch aus. Liebe Gemeinde, so geht es uns oft in unserem Leben: Manches bleibt unverständlich, vieles im Verborgenen. Es kann von uns nur geglaubt werden - tastend, aber voller Vertrauen. Manches erschließt sich unserem Verstehen allmählich oder auch nie. So gehen wir den Weg mit Jesus als Nichtverstehende, als Glaubende, als Noch-Nicht-Alles-Erkennende. Und so sind wir Jesu Gemeinde, seine Gemeinde, die er hinführen will zu Gott. Einst werden wir ihn wirklich erkennen, wie wir in seiner Liebe jetzt schon von ihm erkannt sind. Amen
