Kein leichter Weg

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe am 25.02.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Lukas 22,31-34

Liebe Gemeinde,
die so genannten „tollen Tage“, die in Karlsruhe ja nie so toll sind, liegen hinter uns. Mit dem Aschermittwoch war alles vorbei. Mit dem heutigen Sonntag „Invokavit“ - so benannt nach einem Wort aus dem Psalm 91 „Er ruft mich an“ - beginnt die Passionszeit. Für viele beginnen heute zugleich „Sieben Wochen ohne“, übrigens auch sieben Wochen ohne „Halleluja“ und ohne „Ehre sei Gott in der Höhe“ in unseren Gottesdiensten. Mit dem heutigen Sonntag machen wir uns auf den Weg mit unserem Herrn Jesus Christus. Auf seinen Weg des Leidens. Eine wichtige Station dieses Leidensweges ist Jesu Feier des Abendmahls mit seinen Jüngern. Der Evangelist Lukas berichtet von diesem Mahl in ganz besonderer Weise. Er fügt nämlich in den Abendmahlsbericht einen Abschnitt ein, der uns heute als Predigttext gegeben ist. Im 22. Kapitel des Lukasevangeliums lesen wir:
Jesus sprach zu Petrus: „Simon, Simon, siehe, der Satan begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Geschwister.“ Er aber sprach zu ihm: „Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Er aber sprach: „Ich sage dir, Petrus: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen.“

Da sitzen die Zwölf mit Jesus zu Tisch und feiern das Passamahl, das letzte Abendmahl. Wir kennen diese Szene genau, diese Vertrautheit der Weggenossen, auf die der Schatten des Verrats durch Judas fällt. Und dann der Streit unter den Jüngern, wer wohl der Größte unter ihnen sei - unwürdig angesichts dessen, was Jesus bevorsteht. Die Jünger denken an Macht und Größe, Jesus aber bereitet sich auf sein Leiden und Sterben vor. In dieser Tischgemeinschaft wendet sich Jesus einem Jünger besonders zu: Simon.

Jenem Simon, der einst am See Genezareth seinem Ruf in die Nachfolge Gehorsam geleistet hatte,
jenem Simon, der von Jesus zum Fels der Kirche ernannt, aber zugleich als „Satan“ beschimpft wurde, weil er den Weg seines Leidens nicht akzeptieren wollte,
jenem Simon, der im Garten von Gethsemane zu müde sein wird, um seinem Herrn beizustehen,
jenem Simon, der bei Jesu Gefangennahme seinen Herrn verleugnen wird, ehe der Hahn ihm das klägliche Versagen ins Ohr und ins Gewissen kräht,
jenem Simon, der sich nach seinem Verrat reumütig zu Jesus bekehren, später die Verzweiflung des Karfreitags durchleiden und sich an Ostern als Zeuge des Auferstandenen erneut zu Jesus bekehren wird,
jenem Simon, der schließlich am Lebensende sein Versprechen einlösen wird: Er wird seinem Herrn ins Gefängnis und in den Tod folgen und als Missionar zum Märtyrer des Glaubens werden.
Diesem Simon, diesem wankelmütigen Großmaul und starken Glaubenszeugen, wendet sich Jesus im Tischgespräch zu - unmittelbar ehe sich beider Lebenswege trennen. Jesus muss den Weg ins Leiden gehen, Simon den schweren Weg durch Versagen und Verrat zum Glauben und Bekennen. In dieser Situation des Abschieds spricht Jesus zu ihm die Worte: „Simon, Simon, siehe, der Satan begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, stärke deine Geschwister.“

"Simon wird zum Petrus, zum Fels der Kirche, nicht weil sein Glaube felsenfest gegründet ist, sondern weil er als stürzender Fels von Jesus selbst gehalten wird."

Jesus weiß um die teuflischen Anfechtungen des Glaubens. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie satanisch Versuchungen sein können, die auf glaubende Menschen einwirken. Und so weiß Jesus auch, wie schwer der Weg Simons sein wird - und der Weg all seiner Jüngerinnen und Jünger. So wie durch das Sieben die Spreu vom Weizen getrennt wird, so werden in den Versuchungen des Satans auch die Wankelmütigen von den Glaubensstarken getrennt. Das war damals nicht anders als heute. Und Jesus weiß, dass niemand den Weg des Glaubens allein gehen kann. Damals wie heute brauchen Menschen seinen Beistand, um treu bleiben zu können im Glauben. Deshalb begleitet Jesus den schweren Weg Simons mit seiner Fürbitte. Diese Fürbitte trägt ihn über den Karfreitag hinaus und macht ihn zum mutigen, die Geschwister stärkenden Glaubenszeugen. Simon wird zum Petrus, zum Fels der Kirche, nicht weil sein Glaube felsenfest gegründet ist, sondern weil er als stürzender Fels von Jesus selbst gehalten wird. Jesus nimmt ihn mit der Schwachheit seines Glaubens an, begleitet ihn im Versagen und durchs Versagen hindurch mit seinem Gebet. Jesu Fürbitte ist nicht vergeblich. Gestärkt durch die Fürbitte Jesu wird der Verleugner Simon zum Bekenner Petrus - nicht als der auf sich selbst Vertrauende, sondern als der Gestrauchelte, der von seinem Herrn gehalten wird. Nicht durch seine eigene Glaubenskraft, sondern durch die Fürbitte Jesu wird Petrus zum Prediger des Evangeliums, der seine Geschwister im Glauben stärkt.


Er glaubt an uns

Damals wie heute begleitet Jesus Christus den Weg all seiner Jüngerinnen und Jünger. Gerade wenn sich unsere Wege von seinen Wegen trennen, kommt seine unwandelbare Treue zu uns in seiner Fürbitte zum Tragen. Gerade wenn wir nicht mehr an ihn und an uns selbst glauben, glaubt er an uns. Mit seiner Fürbitte steht er für uns bei Gott ein. Mit seiner Fürbitte vermittelt er uns die Lebensfreundlichkeit Gottes, die uns im Glauben stärkt. Sage niemand, wir wären auf solche Fürbitte nicht angewiesen! Schon Jesus kannte die satanischen Versuchungen, die den Glauben zum Erlöschen bringen können: die Versuchungen der Macht, die Versuchungen, das Leben selbst in den Griff bekommen zu wollen, die Versuchungen, die sich aus Lebenskrisen ergeben. Und wer von uns wäre vor solchen Versuchungen geschützt? Schon die Jünger Jesu haben Wechselbäder des Glaubens durchlebt. Und auch unser eigenes Glaubensleben gleicht keiner gradlinigen Straße, eher schon einem Weg mit vielen Kurven und Biegungen, einer Gefällstrecke oder einer Buckelpiste, bei deren Durchfahren wir kräftig durchgeschüttelt werden. Rückschläge und Umwege, Zeiten ohne Orientierung und Prüfungen, deren Sinn wir nicht verstehen, gehören ebenso dazu wie Zeiten des Glücks, der Glaubensfestigkeit und der Dankbarkeit. Wir werden auf unseren Glaubenswegen oft geschüttelt. Glaubensleben ist ein bewegtes Leben.


Gemeinschaft der Versuchten und Gefallenen

Und da gibt es auch die furchtbare Möglichkeit des heimlichen Erlöschens des Glaubens. Oft sind es keine großen Erschütterungen, die solch ein Erlöschen bewirken. Es kann die Gewohnheit des Alltags sein, die Eintönigkeit des Lebens, die allmählich und unmerklich das Feuer des Glaubens zum Erlöschen bringt. Eines Tages wachen wir auf und merken, dass wir nicht mehr an Jesus gebunden sind. Dass wir vergeblich nach einem Halt suchen. Es muss nicht immer - wie bei Simon Petrus - der Hahn sein, der uns an große Erschütterungen des Glaubens erinnert. Wie Henning Mankell, der skandinavische Krimiautor schreibt: „Manche Menschen werden davon geweckt, dass die Stille zu groß ist.“ Die Stille, die zur Leere geworden ist.

"Auf dem Weg des Glaubens gibt es keine Helden, sondern nur Gehaltene."

Die Kirche ist keine Gemeinschaft von Glaubenshelden, sondern eine Gemeinschaft der Versuchten und Gefallenen, aber durch Jesu Gebet Bewahrten. Auf dem Weg des Glaubens gibt es keine Helden, sondern nur Gehaltene. Solche, die gehalten werden von unserem Herrn, dessen Lebensweg ja selbst ein Weg durch Höhen und Tiefen des Glaubens war: Er hat die Versuchung an sich selbst erfahren - damals in der Wüste. Er hat im Garten Gethsemane und auf Golgatha die Einsamkeit und Verlassenheit im Glauben durchlebt. Erst an Ostern wurde sein Lebensweg von Gott als Weg zum Leben bestätigt. Sein Weg ist kein gerader Weg. Und alle, die ihm nachfolgen, lassen sich deshalb im Glauben auch auf einen holprigen Weg ein mit vielen Biegungen und Kurven. Wie gut tut es zu wissen, dass wir auf solch holprigen Glaubenswegen von Jesus Christus selbst begleitet werden. Mit seiner Fürbitte hält er unseren todmüden Glauben am Leben. Gerade in Stunden der Anfechtung und Versuchung stellt sich der angefochtene und versuchte, der leidende und am Kreuz gestorbene Christus fürbittend an unsere Seite. Wie gut tut es zu wissen, dass dort, wo uns der Glaube abhanden kommt, Christus für uns eintritt, ja dass in der Gemeinschaft der Christenheit andere für uns beten, damit unser Glaube nicht aufhöre.


Kraft der Fürbitte

Viele von uns haben schon erlebt, welche Kraft aus der Fürbitte erwachsen kann. Haben schon erlebt, wie Kranke und Sterbende durch die Fürbitte anderer Trost und Stärkung, auch Heilung erfahren haben. In der Fürbitte geschieht intensivstes Mitleiden, vollzieht sich intensivstes Anteilnehmen und aus solchem Mitleiden und Anteilnehmen erwachsen ungeahnte Kräfte des Glaubens. Und wenn wir jemandem beim Abschiednehmen versprechen „Ich bete für dich“, dann ist dies mehr als nur ein dahingesagtes „Ich denk an dich.“ Es verbindet uns mit Menschen in der Gemeinschaft des für uns betenden Christus. Für wen ich bete, den versuche ich mit den Augen Christi zu sehen. Dem werde ich Bruder im Glauben. Jede geübte Fürbitte ist ein Schritt zur Stärkung christlicher Gemeinschaft. Eine fürbittende Kirche ist eine im Glauben gestärkte Gemeinschaft. Ich wünschte mir dies viel mehr auch noch in den Gottesdiensten unserer Gemeinden, dass wir in der Fürbitte stärker füreinander einstünden und damit die stärkende Gemeinschaft der Kirche erführen.

"Ja, nirgends erfahren wir so leibhaftig wie im Abendmahl, dass Jesus uns stärkend begleitet auf dem Weg unseres Glaubens."

Jesus bleibt nicht stehen bei der Fürbitte für Simon. Seine Fürbitte sagt er seinem Jünger zu, während er mit ihm das Abendmahl feiert. Ja, nirgends erfahren wir so leibhaftig wie im Abendmahl, dass Jesus uns stärkend begleitet auf dem Weg unseres Glaubens. Gewiss, auch die Stärkung am Tisch des Herrn wird uns nicht bewahren vor Einbrüchen auf unseren Glaubenswegen und nicht vor Verrat an Jesus. Immer wieder werden wir auf dem Weg des Glaubens die Notwendigkeit neuer Bekehrung zu unserem Herrn erleben. Aber immer wieder können wir uns im Abendmahl dessen vergewissern, dass uns der Herr hält, dem wir im Glauben treu sind, dass er uns mit seiner Fürbitte begleitet und durch seine leibliche Gegenwart im Brot und im Saft der Trauben stärkt.

Liebe Schwestern und Brüder, wir alle müssen unseren eigenen Glaubensweg gehen. Und für niemanden mag dies ein leichter Weg sein. Aber wir können den Weg getrost gehen, weil Jesus Christus diesen Weg selbst gegangen ist, weil er unseren Weg fürbittend begleitet und weil er uns an seinem Tisch immer wieder stärkende Wegzehrung schenkt. So gehen wir unseren Weg des Glaubens – gefährdet und doch sicheren Fußes, belastet und doch getrost. Amen.