Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Jeremia 29,7
Liebe Gemeinde!
Nur äußerst selten kommt es vor, dass ich predigend „fremdgehe“ – über die Grenzen meiner badischen Heimatkirche hinaus. Und auch heute hätte ich es nicht getan, wenn ich nicht so intensiv gebeten worden wäre und wenn mein Terminkalender nicht noch eine kleine Lücke frei gehabt hätte. Nun erlebe ich also nach neun Jahren im Bischofsamt eine Premiere, denn ich stehe zum ersten Mal in einem Gottesdienst auf einer württembergischen Kanzel. Ich hoffe, dass sich dies symbadisch anfühlt.
„Suchet der Stadt Bestes“, dieses Thema hat mir Ihr Gemeindepfarrer für diesen Gottesdienst vorgeschlagen Diese Themenwahl verdankt sich - wie es sich für evangelische Christenmenschen gehört - einem biblischen Text, nämlich jenem Wort aus dem 29. Kapitel des Jeremiabuches.
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zu Gott; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl“, so hieß es. Eigentlich sollte man diese Worte Jeremias besser so wiedergeben:
„Seid besorgt um ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden für die Stadt“, denn im hebräischen Text steht hier das Wort Schalom. Und so habe ich das Thema dieses Gottesdienstes ergänzt mit den Worten „Vom Schalomdienst eines Christenmenschen“.
Ruf zur Diesseitigkeit
Bevor ich auf diesen Schalomdienst zu sprechen komme, will ich mir mit Ihnen die Situation vergegenwärtigen, in der unser Bibelwort vor etwa 2500 Jahren vom Propheten Jeremia verfasst wurde. Jeremia schrieb es in seinem „Trostbüchlein“ an seine jüdischen Glaubensgeschwister, die in der Verbannung in Babel lebten. Entwurzelt waren sie und ohne Heimat. Schlimmer noch: fern von allem, was ihnen lieb und allein heilig war. Sie waren vertrieben aus der Heimat Gottes. Abgeschnitten von Gott, allein auf fremdem, unheiligem Boden. Sie waren in Babel. Babel - das war mehr als nur der Name der Hauptstadt eines untergegangenen Weltreiches. Babel - das war Inbegriff für menschlichen Größenwahn, für Militärmacht und Unmoral. Babel war der Ort der Gottesferne, der Gottlosigkeit. In Babel wohnte das Böse. Jerusalem aber, die hochgelobte Stadt, Zion, der Tempel - der Ort, an dem Gott wohnte, mitten unter seinem Volk, dieser Ort war fern.
Ungeheuerlich ist die Botschaft Jeremias an die Exilierten in Babel: „Nicht morgen geht eure Knechtschaft zu Ende, nein sie dauert 70 Jahre. Lasst euch nieder, anstatt auf dem äußersten Stuhlrand zu sitzen, rufbereit zu jeder Stunde! Versöhnt euch, betet gar für die Sieger, anstatt Zäune zu ziehen und heilige Bezirke zu errichten! Glaubt, dass Gott es so wollte und euch nun zum Aushalten zwingt! Sucht den Schalom dieser bösen Stadt und betet für sie! Engagiert euch, denkt mit und bringt euren Glauben mit ins Spiel! Tut das Alltägliche: baut Häuser und pflanzt Gärten an. Heiratet und habt Kinder - lebt einfach! Wohnt in Babel, dieser bösen Welt mit allen Versuchungen und Widerwärtigkeiten, mit Gewalt und Hass, mit Götzendienst und Gottlosigkeit!“ Einen nüchternen Ruf zur Diesseitigkeit mutet Jeremia seinen Landsleuten zu. Die Welt ist nun einmal nicht besser, als sie ist. Darum gilt es, sich auf sie einzulassen.
"Lebt da richtig, bewusst als ganze Menschen, wo ihr jetzt seid, aber vergesst nicht, woher ihr kommt!"
Dennoch lässt es der Prophet nicht bewenden bei diesem nüchternen und ernüchternden Realismus. Nein, er predigt nicht einfach Anpassung, Eintauchen und Untergehen in der Fremde. Er sagt nicht nur: „Wohnt in Babel!“ Er sagt auch: „Hofft auf Jerusalem! Hofft auf die Stadt, in der Gottes Schalom zu Hause ist! Wohnt in Babel und hofft auf Jerusalem! Lebt da richtig, bewusst als ganze Menschen, wo ihr jetzt seid, aber vergesst nicht, woher ihr kommt! Ihr sollt in Babel leben, aber Jerusalem im Herzen tragen. Ihr habt noch eine andere Bestimmung, eine größere Hoffnung, als hier zu bauen, zu pflanzen, zu leben. Lebt alltäglich in und mit Babel, aber bewahrt euch trotz allem Jerusalem in euren Herzen, die Sehnsucht nach der Heimat, die Sehnsucht nach einem letzten Heilwerden!“ So mahnt Jeremia die Deportierten zur Diesseitigkeit, zur Verantwortung, zur Mitwirkung an der Welt. Er mahnt sie, ganz diesseits und jetzt zu leben, sich aber darin nicht zu erschöpfen.
Dienst am Gemeinwohl statt innerer Emigration
„Suchet den Schalom der Stadt“, mit ihrem offenkundigen Realismus und mit ihrer verdeckten Sehnsucht sind das nicht nur prophetische Worte einer längst vergangenen Zeit. Diese Worte sind zugleich so etwas wie ein Programm für das heutige Leben von Christenmenschen in unserem Land. Besonders in unseren Städten, in denen - wie damals zur Zeit des Propheten - Glaube zu verdunsten droht. „Suchet den Schalom der Stadt“ - mit diesen Worten des Propheten werden wir aufgefordert, uns auf unsere Um- und Mitwelt einzulassen und ihr Leben mitzugestalten. Nicht innere oder äußere Emigration aus der Welt ist angesagt sondern Dienst an dem Gemeinwohl! Nicht vornehme oder verbitterte Zurückhaltung ist gefordert sondern Mitarbeit an einem gesellschaftlichen Klima, in dem es menschlich und gerecht zugeht. Christliche Kirche muss sich so einlassen auf die Stadt schon um ihrer selbst willen, denn nur wenn es der Stadt gut geht, wird es auch den Christenmenschen in dieser Stadt wohl ergehen. Sie muss dies aber auch tun um der Stadt selbst willen, denn Christenmenschen haben vom Evangelium her einen Auftrag für diese Welt, und der beinhaltet auch das Wohlergehen der Stadt, in der sie leben.
Kirche muß präsent sein
„Suchet den Schalom der Stadt“ - das geht nicht, wenn wir uns als Kirche nur mit uns selbst beschäftigen. Gerade in einer Zeit, in der die Finanzen in der Kirche nicht mehr so kräftig sprudeln wie früher, hat die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst in dramatischer Weise zugenommen. Solch eine Selbstbeschäftigung der Kirche ist äußerst gefährlich, weil sie dazu beiträgt, dass Kirche immer weiter aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit schwindet. Stattdessen müsste Kirche immer und immer wieder die Öffentlichkeit einer Stadt suchen, um in ihr präsent zu sein mit ihren Angeboten, mit ihren Hilfestellungen, mit ihren Anfragen. Mit dem ständigen Weg in die Öffentlichkeit leistet Kirche der Stadt einen wichtigen Friedensdienst, sucht sie den Schalom der Stadt.
"Kirche ist nur Kirche Jesu Christi, wenn sie sich ohne alle Berührungsängste auf Fremdes und Fremde einlässt und nicht immer ängstlich fragt, ob sie bei solchen Berührungen etwa das ihr Eigene verlieren könnte."
„Suchet den Schalom der Stadt“ - das geht nicht, wenn wir Berührungsängste gegenüber jenem entwickeln, was fremd ist - sei es nun eine säkulare Kulturszene, sei es nun das Schicksal der vielen Gestrandeten und derer, die mit dem Tempo einer Stadt nicht mithalten können. Kirche ist nur Kirche Jesu Christi, wenn sie sich ohne alle Berührungsängste auf Fremdes und Fremde einlässt und nicht immer ängstlich fragt, ob sie bei solchen Berührungen etwa das ihr Eigene verlieren könnte. Als ob das uns Eigene etwas wäre, was wir uns nach Belieben aneignen oder aus der Hand geben könnten. Das uns Eigene ist doch das uns von Gott in Jesus Christus Zugesagte und Geschenkte. Und wir haben es empfangen, um es nicht für uns zu behalten, sondern in dieser Welt zu bewähren. Nicht die Berührung mit dem Fremden raubt uns unsere Ausstrahlung als Kirche, sondern das ängstliche Verkriechen hinter eigenen Mauern. Eine Kirche, die sich auf Fremdes einlässt, leistet für die Stadt einen wichtigen Friedensdienst, sucht den Schalom der Stadt.
„Suchet den Schalom der Stadt“ - das geht nicht, wenn wir das Evangelium als einen Schatz in unserem Herzen bewahren, aber zugleich die ungeheure politische Sprengkraft dieses Evangeliums vor der Öffentlichkeit verstecken. Christsein aus dem Evangelium beinhaltet die Einmischung in die nur scheinbar inneren Angelegenheiten des politischen Lebens. Deshalb darf und kann Kirche in einer Stadt niemals bequeme Kirche sein, wenn sie denn eine Kirche sein will, die nach den Konseqenzen des Evangeliums für die Gestaltung aller Bereiche des Lebens fragt. Kirche muss um des Evangeliums willen angehen gegen das, was dem Gemeinwohl schadet. Sie darf nicht mitmachen bei dem, was das Stadtklima vergiftet. Um des Friedens der Stadt willen muss sie in kritischer Solidarität streitbare Kirche sein und damit den Schalom der Stadt suchen. Und solch einen Streit um der öffentlichen Wirkung des Evangeliums willen halte ich allemal für fruchtbarer als jenen zwischen sogenannten Liberalen und sogenannten Evangelikalen, den wir uns in unserer Kirche leider immer noch leisten – in Württemberg natürlich nicht!?
Schalom für diese Welt – hier und jetzt!
Wie die Exilierten damals sollen wir den Schalom suchen für das böse Babel, den Schalom für diese Welt, die uns bisweilen so feindlich erscheinen mag.
Wirklich in und mit Babel leben.
Wirklich hier und jetzt Schritte zur Verständigung mit Fremden gehen.
Wirklich hier und jetzt zur Mäßigung in der Anwendung militärischer Gewalt gegen brutalisierte Terroristen rufen.
Wirklich hier und jetzt allen leichtfertigen Eingriffen in das menschliche Erbgut widersprechen.
Wirklich hier und jetzt aufstehen, wenn der Sonntag als Ruhetag scheinbaren ökonomischen Vorteilen geopfert werden soll.
Wirklich hier und jetzt für diese Welt beten, auch für jene Terroristen, die vor mehr als 20 Jahren schlimmes Leid über Familien in unserem Land gebracht haben und über deren Begnadigung und Freilassung im Augenblick heftig gestritten wird.
Aber bei diesem ganz irdischen Geschäft in unseren Herzen die Sehnsucht nach Gottes letztem Schalom bewahren. Immer wissen, dass das hier nicht alles ist - der Gebrauch und Missbrauch politischer Macht nicht und nicht der mörderische Kampf gegen den Terror,
die Frankfurter Börse nicht und nicht die Durchökonomisierung des Lebens,
die Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit Fremden nicht und nicht die tödliche Spur der RAF,
die Missachtung menschlichen Lebens an seinen Anfängen und Ende nicht und nicht die Gefährdung menschlicher Würde.
Hier ganz realistisch leben, und uns doch nicht einschließen lassen durch die gesellschaftliche Realität. Planen und bauen, säen und ernten, arbeiten und beten, aber nicht den weiten Horizont der Hoffnung vergessen, Gottes Weg des Schalom, der höher ist als alle Vernunft.
Diesseitig leben und auf den künftigen Schalom Gottes hoffen
Ganz diesseitig leben und dennoch ganz auf den künftigen Schalom Gottes hoffen, das gilt es einzuüben im Glauben. Ganz an der Überwindung des Bösen mitarbeiten - wissend, dass es nie von Menschen ganz überwunden werden kann, und dennoch bedingungslos darauf vertrauen, dass am Ende alles, wirklich alles heil wird in Gottes Schalom - das macht unseren Glauben, das macht den Schalomdienst von Christenmenschen aus. Ganz Zeitgenossenschaft leben und doch ganz ausgerichtet auf Gottes Heil - damit nehmen wir unseren prophetischen Dienst an dieser Welt wahr.
"Wenn wir uns immer wieder auf das uns gesagte und aufgetragene Wort Gottes besinnen, gewinnen wir als Kirche die Kraft, „Kirche für andere“ zu sein"
Sage niemand, das sei eine Überforderung. Je heftiger und je intensiver wir nach dem Heil Gottes suchen, das uns in Jesus Christus offenbart wurde, desto mehr Kraft haben wir, friedensstiftend zu wirken. Wenn wir uns immer wieder auf das uns gesagte und aufgetragene Wort Gottes besinnen, gewinnen wir als Kirche die Kraft, „Kirche für andere“ zu sein. Wer nahe an der Bibel ist, wird auch nahe bei den Menschen sein. Kirche in der Stadt, in der polis, ist also in diesem Sinn politische Kirche: Kirche, die von der Besinnung auf das Evangelium her immer neu buchstabieren lernt, wo und wie sie sich in das Leben dieser Polis einmischen, nach ihrem Schalom suchen und ihren Schalom stiften kann - ganz auf diese Stadt konzentriert und zugleich voller Sehnsucht auf das verheißene Jerusalem, auf den Schalom Gottes, den er uns und dieser Welt verheißen hat. Amen.
