Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu 1. Könige 8, 22ff
Liebe Gemeinde,
Als Predigttext für diesen Einweihungsgottesdienst habe ich Worte aus dem 8. Kapitel des 1. Königsbuches ausgewählt. Wir hören da vom Tempelbau zur Zeit des Königs Salomo, also von einem Ereignis vor fast 3000 Jahren. Von diesem Ereignis aus der Frühzeit der Geschichte Israels berichtet Jahrhunderte später ein Chronist und lässt anlässlich der Einweihung des Tempels den König ein Tempelweihgebet sprechen. In ihm heißt es:
„Du Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich. Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Wo doch schon der Himmel und aller Himmel Himmel dich nicht fassen können, geschweige denn dieses Haus, das ich gebaut habe? Wende dich doch dem Gebet und Flehen deines Knechts zu. Mein Gott, höre auf das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir. Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein.“
Gott lässt sich nicht einsperren
Eigenartig! Da baut jemand mit riesigem Aufwand einen Tempel. Und nun, als der Bau endlich vollendet ist, bekennt er in einem Gebet, dass Gott zu groß sei, um in einem irdischen Haus wohnen zu können. Wozu aber dann der Bau eines Hauses Gottes, wenn Gott sich nicht einsperren lässt in die Mauern eines irdischen Hauses? Wenn er sich nicht festlegen lässt auf bestimmte Orte, die wir für ihn errichten? Wozu der Bau eines Hauses Gottes, wenn zu unserem Glauben die Grunderkenntnis gehört, dass Gott, der Schöpfer und Erhalter des Lebens, ein Gott der Erde und des Himmels ist? Einer, der ganz nahe bei den Menschen ist und doch gleichzeitig ein ganz anderer. Ein Gott, der ganz auf Erden wohnt und dennoch zugleich ganz und gar im Himmel ist.
"Gott lässt sich nicht besitzen oder gar einsperren wie in einen Safe, den man gelegentlich öffnen kann."
Wir Menschen stehen in der Gefahr, Gott dingfest machen zu wollen. Ihn festlegen zu wollen auf bestimmte Orte, auf bestimmte Vorstellungen, auf bestimmte Erfahrungen, auf bestimmte Lehren. Aber das genau ist die Botschaft unseres Glaubens: Gott lässt sich zwar voll und ganz ein auf diese Erde, aber er bleibt dann doch wieder der ganz Andere, der Fremde, der Ferne. Gott lässt sich im Wirken und im Sterben Jesu binden an innerweltlich Erfahrbares. Als der himmlische Gott entzieht er sich aber in der Auferstehung Christi unserem Zugriff. Gott lässt sich nicht besitzen oder gar einsperren wie in einen Safe, den man gelegentlich öffnen kann. Gewiss: Wir Menschen brauchen Orte, an denen wir uns der Nähe Gottes vergewissern können. Wir brauchen Häuser Gottes, die etwas ausstrahlen von der Heiligkeit Gottes. Und dennoch sollen wir zugleich wissen, dass der Gott des Himmels und der Erden sich nicht dort einsperren lässt, wo wir ihn festlegen wollen.
Irdisches Haus mit himmlischer Ausrichtung
Der Bau eines Gemeindehauses bringt diesen Grundzug unseres Glaubens zum Ausdruck: Weil wir an den Gott des Himmels und der Erde glauben, leben wir in einem solchen Haus ganz irdisch und doch zugleich ausgerichtet hin auf den Himmel Gottes. In himmlischer Ausrichtung bauen wir ein irdisches Haus Gottes. Und aus dieser Grundhaltung des Glaubens schauen wir in diesem irdischen Haus zum Himmel hinauf, um Gott zu bitten, wenn uns Zweifel am Wohnen Gottes auf unserer Erde plagen. Schauen wir betend zum Himmel hinauf, wenn wir uns von Gott auf dieser Erde verlassen fühlen. Schauen wir betend zum Himmel hinauf, dessen Ozonloch beängstigend größer wird. Schauen wir betend zum Himmel hinauf, wenn der Himmel zerrissen wird von tödlichen Bomben und Raketen. Wenn wir so betend zum Himmel hinaufschauen, dann suchen wir nach einem Durchblick in den Unklarheiten unseres Lebens. Dann sehnen wir uns nach etwas, das hinausreicht über unsere begrenzte Erfahrung. Dann sehnen wir uns nach dem Himmel als dem Ort Gottes.
"Der Himmel - das ist die Metapher für die Welt Gottes, die all unsere Vorstellungen von Raum und Zeit sprengt. Der Himmel Gottes ist nicht das „Oben“, sondern das „Überall“."
Und dabei wissen wir ganz genau, dass mit diesem Himmel durchaus nicht - oder nicht nur - der Himmelsraum über unserer Erde gemeint ist. Wenn wir verliebt sind, dann fühlen wir uns im „siebten Himmel“. Wenn wir Schuberts 9. Symphonie hören, dann schwelgen wir von den „himmlischen Längen“ dieser Musik. Und wenn wir bei den Schwetzinger Festspielen den Konzerten lauschen, dann meinen wir himmlische Klänge zu hören. Mit unserer Sehnsucht nach dem Himmel drücken wir also etwas aus, was unsere begrenzten Möglichkeiten überschreitet. Etwas, was nicht von dieser Welt ist. Von Himmlischem reden wir, wenn wir etwas meinen, das uns über uns selbst hinausführt - in neue, bisher nicht gekannte Dimensionen. Der Himmel - das ist die Metapher für die Welt Gottes, die all unsere Vorstellungen von Raum und Zeit sprengt. Der Himmel Gottes ist nicht das „Oben“, sondern das „Überall“. Der Himmel steht für die Offenheit und Unbegrenztheit Gottes. Ja, Gott wurde in Jesus Christus ganz irdisch, wurde ganz Mensch. Kommt zu uns an ganz irdischen Orten, und zugleich sprengt er als der Auferstandene die Bindung an die Erde, erweist er sich als Gott der Erde und des Himmels. Gott lässt sich nicht beschränken auf das Diesseitige, auf das Innerweltliche. Er lässt sich nicht beschränken auf unsere Erfahrungen, auf unsere begrenzte Wirklichkeit.
Unverfügbarkeit Gottes
Mit Salomo, mit dem alten Volk Israel glauben wir an die Unverfügbarkeit Gottes. Glauben wir zugleich daran, dass dieser unverfügbare Gott mit seinem Himmel dann doch immer wieder hinunter kommt auf diese Erde. Dass dieser Gott sich einlässt auf diese Erde. Mit Salomo vertrauen wir darauf, dass der Gott des Himmels und der Erde hinabsteigt zu uns, indem er unser Gebet erhört. Wenn wir betend zum Himmel aufschauen, dann öffnen wir unseren Blick für den ganzen Himmel und die ganze Erde. Dann üben wir uns ein im Vertrauen, dass Gottes Wille sich durchsetzen möge im ganzen Himmel und auf der ganzen Erde. Dann lernen wir zu beten „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Dann lernen wir nach Gottes Willen zu fragen, der im Himmel wie auf Erden geschehen soll. Dann schauen wir zum Himmel und fixieren unseren himmlischen Blick nicht auf das Ozonloch, sondern wir suchen nach Gottes Willen, um die Schöpfung zu bewahren. Dann starren wir nicht auf die mörderischen Raketen über Afghanistan, sondern wir suchen betend nach Wegen aus der Gewalt und dem Krieg.
"Mit unserem Blick zum Himmel werden wir an Gottes Willen im Himmel und auf Erden erinnert und damit an unsere Verantwortung für den Himmel und die Erde."
Der betende Blick zum Himmel hilft uns, das Bedrohliche an diesem Himmel zu entdecken und auszuhalten und dann aber auch nach Gottes Willen im Himmel und auf Erden zu fragen und um Durchsetzung seines Willens zu bitten. Mit unserem Blick zum Himmel werden wir an Gottes Willen im Himmel und auf Erden erinnert und damit an unsere Verantwortung für den Himmel und die Erde.
Dieses Gemeindehaus wird nun in den folgenden Jahren ganz unterschiedlich genutzt werden - von weltlichen Vereinen und von Gemeindegruppen in Veranstaltungen ohne jede himmlische Ausrichtung. Erdverbunden und lebensfroh wird hier gefeiert werden. Hoffentlich wird an diesem Ort auch die soziale, politische Verantwortung für diese Stadt bedacht und diskutiert werden. Also: Es wird ganz irdisch zugehen in diesem Haus. Und dann wird in diesem Haus auch gesungen und gesagt werden von dem Himmel Gottes und von Gottes himmlischem Heil. Es wird in diesem Haus gebetet und gottesdienstlich gefeiert werden. So wird sich hier Himmlisches ereignen. Ja, dieses Lutherhaus soll ein Haus sein, in dem alle, die hier ein- und ausgehen, ganz irdisch leben und zugleich ganz zum Himmel hin ausgerichtet sein können. So wird es ein „Haus Gottes“ sein. Ein Haus, von dem man sagt: „Dort wohnt der Name Gottes“, der Name dessen, der Gott des Himmels und der Erde ist. Und mit dieser Ausrichtung tut dieses Haus dann auch seinem Namenspatron alle Ehre; denn nichts war Martin Luther wichtiger als das Zusammenbringen von Himmel und Erde: Für ihn verlangt der himmlische sonntägliche Gottesdienst nach seiner Fortsetzung durch den Gottesdienst im irdischen Alltag der Welt. So soll dies Lutherhaus ein Ort sein, in dem Menschen Gott als einen Gott des Himmels und der Erden ganz irdisch und zugleich ganz himmlisch erfahren. Ein Ort, an dem sie ganz irdisch feiern und zugleich voller Vertrauen zum himmlischen Gott beten können: „Lass deine Augen offen stehen über diesem Ort Nacht und Tag. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Amen.
