Ein kleines Stück Herrlichkeit Gottes auf Erden - Die Vesperkirche als ein wirkliches Weihnachtsgeheimnis

Gottesdienst zur 10. Eröffnung der Vesperkirche Mannheim am 06.01.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Jes 60,1-6
Predigtreihe zum Thema „ÜberLeben“

Der Predigttext für das heutige Epiphaniasfest steht im 60. Kapitel des Jesajabuches in den Versen 1-6. Dort lesen wir die Worte des Propheten:
„Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit Gottes geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir strahlt Gott auf, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du schauen und strahlen und dein Herz wird erbeben und weit werden, denn zu dir hin wenden sich die Schätze der Meere, und der Reichtum der fremden Völker kommt zu dir. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und Gottes Lob verkündigen.“

Liebe Gemeinde,
noch einmal feiern wir heute so richtig Weihnachten. Das Wort, das uns seit der Adventszeit begleitet hat, erklingt noch einmal: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit Gottes geht auf über dir!“ Und mit diesem Wort erwacht noch einmal die adventlich-weihnachtliche Faszination des Lichtes, das die Dunkelheit erhellt. Noch einmal hören wir die Botschaft vom Kommen Gottes - so eindrücklich, als würde Gott selbst wie ein Morgenstern über uns aufgehen und schön leuchten. Gott kommt und bringt seinen weihnachtlichen Glanz. Licht geht auf über Jerusalem, während die Völkerwelt zunächst noch im Dunkeln bleibt. Aber dann werden die Völker angezogen vom Licht des Kommens Gottes, und sie kommen selbst zum Zion. Aus aller Herren Länder kommen sie und bringen ihre Gaben, auch Gold und Weihrauch. Wen erinnert diese Schilderung des weltweiten Heils Gottes nicht an jene uns vertraute Weihnachtserzählung von den Weisen aus dem Morgenland? Ja, noch einmal feiern wir heute so richtig Weihnachten – übrigens genau an dem Tag, an dem in vielen orthodoxen Kirchen seit Jahrhunderten Weihnachten gefeiert wird.


Armut und Trostosigkeit statt weihnachtlichem Feiern?

Aber unser weihnachtliches Feiern wird durch eigenartige Klänge gefärbt, ja gestört. Da eröffnen wir heute eine Predigtreihe zu dem wenig weihnachtlichen Thema „ÜberLeben“. Da hören wir im Eingangspsalm Töne, die wohl zu diesem Thema, nicht aber zur Weihnacht zu passen scheinen:
„Er wird den Armen erretten, der um Hilfe schreit
und den Elenden, der keinen Helfer hat.“
Und im Predigttext klingt die ganze Trostlosigkeit des Volkes Israel nach seiner Rückführung aus dem babylonischen Exil an. Wie erbärmlich und kümmerlich war doch der Neuanfang in der Heimat! In welch bitterer Armut musste dieses Volk leben! Wie dunkel schien alles zu sein, so ohne jede Hoffnung! Und wie groß war die Schere zwischen der Armut dieses Volkes und dem schier unermesslichen Reichtum der großen Handelsvölker in seiner Umwelt! Von Heil keine Spur, eher von bitterer Not, so wie bei vielen Menschen, die in den kommenden Wochen diese Kirche aufsuchen werden, wenn sie ihre Tore wieder als Vesperkirche öffnen wird. „ÜberLeben“, Armut, Trostlosigkeit – wie passt all dieses zum weihnachtlichen Feiern?

"Die Herrlichkeit Gottes senkt sich hinunter auf die dunkle Erde."

Wie beides zusammenpasst, will ich Ihnen verdeutlichen mit Hilfe des „Weihnachtsgeheimnisses“ von Jostein Gaarder. Vierundzwanzig Tage lang haben wir uns in unserer Familie auf Weihnachten vorbereitet, indem wir das „Weihnachtsgeheimnis“ in einer Hörspielfassung hörten. Hauptperson dieses „Weihnachtsgeheimnisses“ ist Joachim aus Norwegen. Er macht sich auf zu einer Reise vom fernen Norwegen hin nach Bethlehem. Zugleich ist dies eine Reise durch die Jahrhunderte vom Jahr 2000 zurück zum Geburtsjahr Jesu. Während seiner langen Reise stößt Joachim auf sonderbare Gestalten und wunderbare Ereignisse. Und immer, wenn er von einer Person oder einem Ereignis überwältig ist, ruft er aus: „Hier kommt ein Stück der himmlischen Herrlichkeit auf die Erde hinunter.“ Ja, das genau ist die Brücke zwischen der großartigen Heilsverkündigung der Weihnacht und unserer Wirklichkeit, die an so vielen Orten dieser Stadt von trostloser Armut geprägt ist. Das genau ist die Brücke zwischen dem Glanz Gottes und der Finsternis über dem Erdreich. Das genau ist die Brücke zwischen der Armut des Volkes Israel und der Huldigung der Völker mit Gold und Weihrauch. Das weihnachtliche Geschehen taucht die Welt in ein neues Licht. Es wird hell. Völker werden vom Glanz Gottes angezogen und huldigen diesem Gott. Es wird hell. Völker werden bereit, ihren Reichtum mit dem armen Volk Israel zu teilen. Genau um solch eine herrliche Helligkeit geht es an Weihnachten. Die Herrlichkeit Gottes senkt sich hinunter auf die dunkle Erde.


Nicht das Dunkle verdrängen, sondern sich ihm stellen

Nun sollen wir diese Herrlichkeit, diesen Glanz Gottes nicht dazu missbrauchen, das Dunkle dieser Erde zu verdrängen. Wir müssen und sollen uns der Tatsache stellen, dass es eine Trennung der Welt in Reiche und Arme gibt, auch in unserem Land; der zunehmenden Armut steht eine wachsende Konzentration von privatem Reichtum gegenüber steht. Mehr als 10 Millionen Menschen bei uns leben unterhalb der Armutsgrenze.
Wir müssen und sollen zur Kenntnis nehmen, dass heute eine Milliarde Menschen weniger als einen Dollar täglich zur Verfügung haben und dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent des Weltsozialprodukts verbrauchen, während die restlichen 80 Prozent der Weltbevölkerung sich um die verbleibenden 20 Prozent des Weltsozialprodukts streiten.
Und wir müssen und sollen uns fragen: Wo kann ich Mangel aus meinem Überfluss heilen? Wie erbarme ich mich der Armen in unserem Land und in unserer Welt?
Und wir müssen und sollen uns um eine soziale Gerechtigkeit bemühen. Auch in unserem Land ist das Vertrauen, dass das Austarieren der Unterschiede zwischen reich und arm wirklich sozial verantwortlich geschieht, brüchig geworden. Wer die Abfindungen oder Gehälter für Vorstandsmitglieder von Großkonzernen mit der Mindestwitwenrente oder dem Arbeitslosengeld II vergleicht, muss fragen, welche Unterschiede unsere Gesellschaft akzeptieren will. Die Einschnitte durch Hartz IV treffen mit steuerpolitischen Maßnahmen zusammen, die Wohlhabende ungleich günstiger stellen. Welche Gerechtigkeitslücken aber können wir ertragen und wie können wir sie schließen?

"...hier wird eben nicht nur soziale Verantwortung eingeübt, nein: die Vesperkirche ist auch ein Ort der Herrlichkeit Gottes."

All dies ist zu bedenken in diesen Wochen der Vesperkirche, wenn wir wieder einmal das Dunkle unserer Erde versuchen zu ergründen. Aber das Prophetenwort für diesen Tag kann uns Mahnung sein, uns nicht von diesem Dunklen gefangen nehmen zu lassen. Auch in dieser Dunkelheit „kommt ein Stück der himmlischen Herrlichkeit hinunter auf die Erde“, wie Joachim sagen würde. Und genau darum geht es in der Vesperkirche. In der Vesperkirche wird eben nicht nur eine Predigtreihe zum Thema „ÜberLeben“ gehalten, hier wird eben nicht nur soziale Verantwortung eingeübt, nein: die Vesperkirche ist auch ein Ort der Herrlichkeit Gottes.

Hier wird nicht nur von dieser Herrlichkeit Gottes gepredigt, hier wird jeden Tag ein Stück der himmlischen Herrlichkeit sichtbar. Hier in der Vesperkirche wird Gottes Glanz sichtbar im Glanz der Augen vieler Menschen - jener, die sich hier angenommen fühlen, wie auch jener, die hier voller Leidenschaft mitarbeiten.
Hier in der Vesperkirche wird das Teilen eingeübt und gibt es einen zumindest kleinen Ausgleich zwischen arm und reich.
In der Vesperkirche wird nicht nur leiblicher Hunger gestillt, hier wird auch am Tisch des Herrn im Brot und im Saft der Trauben Gottes Gegenwart stärkend erfahren.
Hier in die Vesperkirche kommen zwar nicht gerade alle aus Saba, aber doch aus einem sehr weit über Mannheim hinaus reichenden Unterstützerkreis.
Hierher in die Vesperkirche kommen zwar keine Kamele, zumindest keine kleinen und keine tierischen, aber doch viele Lebensmittelgaben.
Hier in die Vesperkirche bringen Menschen zwar kein Gold und keinen Weihrauch, aber viele, viele Spenden. Wenn ich nur an den Anfang vor 10 Jahren denke. Wie viele Bedenken gab es doch wegen der Finanzierung! Nein: Für die Vesperkirche tun viele Menschen gern ihre Schätze auf.
Hier in der Vesperkirche wird zwar mit Recht viel Lob den ehrenamtliche Mitarbeitenden gespendet, aber alle, die hier tätig sind, wissen, dass es letztlich um das geht, was der Prophet verheißen hat, dass durch ihre Mitarbeit Gottes Lob verkündigt wird.


Ein kleines Stück Herrlichkeit Gottes auf Erden

Vesperkirche – das ist ein kleines Stück Herrlichkeit Gottes auf Erden. Und die Verheißung der Herrlichkeit Gottes wird zu Beginn dieser Vesperkirche nochmals weihnachtlich ausgerufen. Bevor in den kommenden Wochen innerhalb der Predigtreihe dann über menschliche Strategien zum Überleben nachgedacht wird, ist über unserem Leben schon die Herrlichkeit Gottes ausgegossen. Daran zu erinnern, das heißt Weihnachten feiern in der Vesperkirche. Weihnachten feiern inmitten der Widersprüche von Armut und Reichtum. Aufgelöst werden diese Widersprüche durch uns nicht. Aber wir können durch diese Vesperkirche dazu beitragen, dass ein Stück der himmlischen Herrlichkeit herunterkommt auf diese Erde. So ist diese Vesperkirche ein wirkliches Weihnachtsgeheimnis.
Amen.