Nicht unser, sondern Gottes Weg

Gottesdienst in Karlsruhe am 22.01.2006

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu 2. Könige 5

Liebe Gemeinde,
die als Predigttext für diesen Sonntag gelesene Erzählung von dem Propheten Elischa – oder wie wir gewohnt sind zu sagen: Elisa – und dem syrischen Hauptmann Naaman gehört ganz gewiss zu den unbekannteren biblischen Geschichten. Intensiv begegnete ich ihr in den letzten Jahren zweimal: Zunächst bei einem Besuch in der Willow Creek Gemeinde von Chicago, wo ich eine Predigt über diesen Text hörte, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Und dann vor 1 ½ Jahren, als der an der Stadtkirche sehr bekannte Fritjof Grabe diesen Text für die Landestagung der Kindergottesdienstarbeit zu einem eindrucksvollen Theaterstück für Kinder und Erwachsene bearbeitete und auch ich eine kleine Rolle in diesem Theaterstück übernahm. Beide Begegnungen mit diesen Bibeltext zeigten mir, dass er zu Unrecht weithin in Vergessenheit geraten ist. Also nähern wir uns dieser fremdartigen Erzählung und ihrer Botschaft!

Der Prophet Elisa lebte im 9. vorchristlichen Jahrhundert. Er war von dem großen Propheten Elia in sein Amt eingesetzt worden und wirkte im Nordreich Israel – umgeben von einer größeren Prophetenschar. In einer Zeit zunehmender Religionsvermischung war Elisa wohl einer der letzten Vertreter eines reinen, unvermischten Glaubens an Jahwe, den Gott Israels. Das Anliegen Elisas, des „Gottesmannes“, wie er oft genannt wird, war es, Israel im rechten Glauben zu erhalten. Seine offenkundig Wunder wirkenden Kräfte waren Ausdruck dieses Glaubens. Von ihm wird berichtet, dass er Wasser genießbar gemacht, einen Toten zum Leben erweckt, Speisen vermehrt, Menschen vom Aussatz befreit und Eisen zum Schwimmen gebracht habe.


Wege der Macht

Von diesen Wundergeschichten unterscheidet sich die Erzählung vom syrischen Feldherrn Naaman nun ganz wesentlich; denn eigentlich ist dies keine Geschichte vom Propheten Elisa, sondern eine Geschichte von Gott – und von den Ummöglichkeiten und Möglichkeiten des Glaubens an ihn. Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht deshalb auch nicht das durch Elisa gewirkte Heilungswunder, sondern das seelsorgerliche Gespräch des Propheten mit einem Mächtigen seiner Zeit über den Glauben.

Alles fängt damit an, dass ein unscheinbares Mädchen, eine israelitische Sklavin, dem an Schuppenflechte erkrankten Heerführer Naaman den rettenden Hinweis auf einen „Gottesmann“ in Israel gibt. Mit ihrem Hinweis auf den Propheten Elisa und dessen heilende Kräfte gibt dieses Mädchen den Impuls für alles Weitere. Naaman ignoriert oder missversteht den Rat des Mädchens, vielleicht weil er es als demütigend empfindet, im feindlichen Nachbarland bei einem ihm unbekannten Propheten, also sozusagen beim Gott der Feinde um Hilfe nachzusuchen. Und so wählt er auf dem Weg zu seiner Heilung den Weg, den er zu beschreiten gewohnt war, den Weg der hohen Diplomatie. Gemeinsam mit seinem König wendet er sich auf dem „Dienstweg“ an den König von Israel. Von ihm erwartet er - die Heilungskraft des Königs voraussetzend - königliche Amtshilfe. Dieser Dienstweg entlarvt sich als Holzweg: Der König von Israel erkennt und bekennt die Grenze seiner Macht: „Bin ich denn Gott? Nur Gott kann töten und lebendig machen.“

"Wir alle wissen um Versuchungen der Macht. Wir wissen, wie schmerzhaft es ist, unsere Grenzen zu erkennen."

Belächeln wir nicht zu schnell die Naivität des Naaman, der wohl meinte, dass die gewohnten Wege der Macht geeignet wären, ihm Heilung zu verschaffen. Wir alle wissen um Versuchungen der Macht. Wir wissen, wie schmerzhaft es ist, unsere Grenzen zu erkennen. Wir wissen, dass der Weg der Demut nicht gerade gern von uns gewählt wird, weil wir ihn leicht als demütigend erleben. Wir kennen die Versuchung, Wege der Macht zu gehen und nicht Wege der Demut, die Gott uns zumutet! Der von einem kleinen Mädchen empfohlene Weg der Demut wird auch von uns oft nicht gegangen, weil unser gewohnter Weg, bei dem wir unsere eigenen Kräfte einsetzen, mehr Erfolg verspricht. Bei Naaman können wir lernen, wie der Weg der Macht zum Holzweg wird.


Die Zumutung der Demut

Im Weiteren sehen wir, welche Mühe Naaman hat, nach seiner Abweisung durch den König von Israel den Weg der Demut hin zum „Gottesmann“ zu gehen. Er sucht Heilung, gewiss. Und er weiß, dass er den Gott Israels für seine Heilung braucht. Aber zur Demut vor diesem Gott ist er nicht bereit. Vielmehr will er den Propheten und seinen Gott gebrauchen. Wenn er nun schon den Propheten und nicht den König aufsuchen muss, so erwartet er doch zumindest eine Vorzugsbehandlung im Rahmen eines großartigen mirakelhaften Handelns unter Anrufung des Gottesnamens. Naaman erwartet einen feierlich-religiösen Hokuspokus, vom Propheten persönlich inszeniert.

Doch statt ehrenhaft vom „Gottesmann“ behandelt zu werden, schickt dieser einen Boten hinaus und gibt Naaman die lapidare Anweisung, im Jordan zu baden. Kein mirakelhaftes Geschehen, sondern ein simples Tauchbad. Dabei gäbe es viel reinere Flüsse im heimischen Damaskus! Das ist eine Zumutung! Das ist eine Zumutung für jeden, der gewohnt ist, dass alle nach seiner Nase tanzen. Aber so geht es zu, wenn auf Gottes Wegen mit uns Menschen sich jemand in prophetischer Weise unseren Machtspielen verweigert. Die menschlichen Erwartungen eines göttlichen Hokuspokus erfüllt der auf Gott hörende Prophet nicht. So wird Naamann zu weiterer Demut genötigt. Es geht eben nicht immer so, wie wir es gern hätten. Die Inszenierungen unserer eigenen Selbstbehauptung sind nicht die Inszenierungen Gottes. Gott geht in seiner Verborgenheit eben andere Wege, als wir sie uns vorstellen.

"Naaman hatte Gott nicht gesucht, er wollte nur gesund werden. Aber er hat Gott gefunden, weil Gott es wollte. So wird aus dem Heiden Naaman ein zu Gott findender Mensch."

Und wieder sind es in unserer Erzählung die Kleinen, die das Geschehen weitertreiben: Namenlose Diener überreden den mächtigen Naaman, dem Rat des Propheten zu folgen. Naaman steigt hinein in den Jordan, und dieses Tauchbad wird für ihn zum Bad der Wiedergeburt. Naaman hatte Gott nicht gesucht, er wollte nur gesund werden. Aber er hat Gott gefunden, weil Gott es wollte. So wird aus dem Heiden Naaman ein zu Gott findender Mensch. Naaman erkennt die Einzigartigkeit Gottes und bekennt sich zum Gott Israels als dem einzigen Gott der Welt.


Weg zur Heilung, Weg des Glaubens

Für Naaman wird der Weg zur Heilung zum Weg des Glaubens, zum Weg des Heils. Naaman hat in seiner Heilung Gott erfahren. Auf dem Weg der Demut hat er erkannt: Hinter dem Handeln des kleinen israelitischen Sklavenmädchens, hinter dem Eingreifen des „Gottesmannes“ Elisa, hinter dem Handeln meiner Diener, hinter all dem, was mich gedemütigt hat, war Gott verborgen am Werk. Das alles war kein Zufall. Gott hat diesen Weg der Unscheinbaren gewählt, um mich heil zu machen.

"Nicht die von uns Menschen in unserem Selbstbehauptungswillen gewählten Wege führen zum Heil. Gott weist uns andere Wege, und auf diesen müssen wir - wie Naaman - auf die oft unscheinbaren Boten des verborgenen Gottes achten, die uns demütig werden lassen."

So ist der Weg zum Heil der Weg der Demut, nicht der Weg der Inszenierung eigener Gestaltungsmöglichkeiten. Der Weg zum Heil ist der Weg der Demut, nicht der Weg persönlicher Macht, nicht der Weg imponierender pferdebespannter Wagen oder PS-starker Karossen. Der Weg zum Heil ist der Weg der Demut, nicht der Weg des feierlich-religiösen Hokuspokus. Nicht die von uns Menschen in unserem Selbstbehauptungswillen gewählten Wege führen zum Heil. Gott weist uns andere Wege, und auf diesen müssen wir - wie Naaman - auf die oft unscheinbaren Boten des verborgenen Gottes achten, die uns demütig werden lassen.


Gott richtet nicht, sondern stärkt den Glauben

Doch damit ist die Geschichte Gottes mit Naaman und Elisa noch nicht zu Ende. Naaman weiß, dass er zurückkehren muss nach Syrien, in seine Heimat. Und er weiß, dass ihm dort eine radikale Scheidung vom Heidentum nicht möglich sein wird. Er weiß, dass er in seiner führenden Stellung Kompromisse eingehen muss, etwa, wenn er den König zum Gebet im Tempel des Gottes Rimmon begleitet. Und so bittet er vorweg Gott um Nachsicht und Vergebung für etwaige Kompromisse bei der Mitwirkung im heidnischen Tempeldienst. Und auch Elisa weiß, dass es völlige Reinheit für Naaman nicht geben kann. Wenn er etwas bewirken will in seiner heidnischen Umwelt, dann muss er sich auch immer wieder einlassen mit heidnischen Mächten. Deshalb richtet Elisa auch kein Gesetz auf über Naaman. Er schickt ihn in die heidnische Welt und überlässt ihn dem Segen und der Führung Gottes. Naaman darf sich in seiner heidnischen Umwelt getragen wissen vom Frieden Gottes. So großzügig kann Gott sein. Das sei allen gesagt, die allzu genau zu wissen meinen, was nach Gottes Willen allein richtig ist in dieser Welt!

"Gott weiß um die Saugekraft der Umwelt, die hindert an einem kompromisslosen Leben im Glauben. Und er weiß auch um die Gefährdung der Glaubensverleugnung."

Ja, wie großzügig ist unser Gott! Er weiß um die Schwierigkeiten, den Glauben an ihn in einer Welt zu leben, die von ihm oft nichts wissen will. Gott weiß um die Saugekraft der Umwelt, die hindert an einem kompromisslosen Leben im Glauben. Und er weiß auch um die Gefährdung der Glaubensverleugnung, wenn faule Kompromisse eingegangen werden müssen. Wer wäre also nicht auf Gottes Vergebung und auf seine Zusage des Friedens angewiesen? Und wer bräuchte nicht - wie Naaman - zur Stärkung des Glaubens ein Stück „Heimat“, um den Glauben in feindlicher Umwelt leben zu können? Wer bräuchte nicht Rituale und Bekenntnisse, Orte und Ordnungen des Gottesdienstes, um Stärkung im Glauben zu erfahren? Wer bräuchte nicht das Brot und den Saft der Trauben beim Abendmahl als Speise für den schweren Weg des Glaubens? Wer bräuchte nicht einen sakramentalen Halt, ein Stück „geweihter Erde“, wer bräuchte nicht die Gemeinschaft der Glaubenden, den Rückhalt einer glaubenden Gemeinde, um mit dem eigenen Glauben bestehen zu können in dieser Welt? All dies hat Naaman geahnt, als er darum bat, aus Israel soviel Erde mitnehmen zu dürfen, wie zwei Maultiere tragen können. All dies hat Naaman geahnt. All dies ist uns gegeben - in unserer Gemeinschaft der Glaubenden, in der Feier des Abendmahls in diesem Gottesdienst. Hier sagt uns Gott seinen Frieden zu und seine Vergebung. Hier stärkt er uns, damit wir unseren Glauben in dieser Welt bewähren können.
Amen.