"Herr, bleibe bei uns!" - Nähe ist nicht konservierbar

Kantaten-Gottesdienst, Stadtkirche Karlsruhe am 12.02.2006, Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu J. S. Bach, Kantate Nr.6 „Bleib bei uns, Herr“

Liebe Gemeinde!
Wer von uns ist schon gern am Abend allein?
Wenn der Tag sich dem Ende zuneigt. Wenn wir müde sind von den Wegen, die wir tagsüber gehen mussten. Wenn es dunkel wird. Wenn die Sonne untergeht und die Nacht heraufzieht. Wer von uns ist schon gern allein?
Wenn es dunkel wird in uns drinnen. Wenn schwere Gedanken uns bedrängen. Wenn Dunkles unser Gemüt bedrückt. Wenn schwere Schuld uns belastet oder Trauer uns erfüllt.
Wer von uns ist dann schon gern allein?
Da können wir die Jünger schon gut verstehen, die damals von Jerusalem nach Emmaus gingen. Wir können gut verstehen, dass sie den Unbekannten, der sie auf dem Weg begleitet hatte, baten: „Bleib bei uns, Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget.“ Wie schön hat Johann Sebastian Bach im Eingangschor seiner Kantate die Sehnsucht der Jünger nach Begleitung in der Dunkelheit der Nacht nachempfunden. Immer wieder erklingt der Ruf „Bleib bei uns!“ Flehentlich. Eindringlich. Ja, so rufen Menschen, die nicht gern allein bleiben in der Dunkelheit der Nacht. In der Dunkelheit ihrer Herzen. Die getröstet und gestärkt werden wollen durch die hell machende Gegenwart eines, der bei ihnen bleibt.


Dunkelheit und Licht

Von diesem Kontrast lebt die ganze Kantate. Von diesem Kontrast zwischen dem Bleiben Christi und der Dunkelheit der Menschen. In der Altarie „Hochgelobter Gottesssohn, bleib, ach bleibe unser Licht, weil die Finsternis einbricht!“ konnten wir eindringlich hören, wie das Einbrechen der Finsternis durch absinkende Ganztonschritte anschaulich wurde. Und wie sehnsüchtig klang die Bitte, die der Sopran in seinem Choral vortrug - mit den Worten des alten Gesangs von Philipp Melanchthon „vespera iam venit“, herrlich leicht, fast spielerisch begleitet vom Violoncello piccolo: „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist. Dein göttlich Wort, das helle Licht, lass ja bei uns auslöschen nicht!“ Nach der Predigt wird der Bass singen: „Es hat die Dunkelheit an vielen Orten überhand genommen.“ Und für diese durch menschliche Sünde verursachte Dunkelheit wird dann in der Tenorarie gebeten: „Jesu, lass das Licht deines Worts uns helle scheinen.“ Ja, das ist der cantus firmus dieser Kantate: In der Dunkelheit des Abends, in den Dunkelheiten unseres Lebens dürfen wir uns voller Vertrauen an Jesus Christus wenden „Bleib bei uns, Herr!“ Und wir dürfen gewiss sein, dass Jesus Christus mit seiner Gegenwart unsere Dunkelheit aufbricht, so dass es hell wird in uns.

"Diese Begegnung mit dem Auferstandenen in Brot und Wein ist es, die das Dunkel zerreißt. Die es hell werden lässt um uns her und in uns drinnen."

Liebe Gemeinde, das ist nicht die Botschaft einer nun schon 2000 Jahre alten Geschichte, die wie eine Mär aus vergangenen Zeiten klingt. Das ist nicht die Botschaft einer schon fast 300 Jahre alten Musik, die für uns heute keine Bedeutung mehr hat. Nein, das ist Lebenswirklichkeit – hier und jetzt. Osterwirklichkeit, in der wir alle Tag für Tag leben. Wie oft haben wir dies schon erfahren: Wir öffnen unser Haus, unsere Tür dem Gast. Wir spüren, wie gut es tut, nicht allein zu sein im Dunkel der Nacht, im Dunkel betrübter Gedanken. Und mit dem Öffnen unserer Tür beginnt die Wende zum Leben. Indem wir aufhören, uns Jesus Christus zu verschließen, werden wir offen für neue Perspektiven des Lebens. Sich ihm öffnen, das tut gut. Auf sein Wort hören, das lässt aufatmen. Und dann mit ihm am Tisch das Brot teilen und den Wein, das Abendmahl feiern. Da löst sich der Schmerz. Fragen beginnen sich zu klären. Unser Herz wird frei. Hier begegnet uns der, der das Leben ist und der neue Lebenswege eröffnet - der lebendige und auferstandene Christus. Er geht mit uns die Wege durch tiefstes Dunkel hin zum Licht. Er geht mit uns den scheinbaren Umweg über das Kreuz, über den Tod hin zum Leben. Er lässt uns seine Gegenwart schmecken. So wie uns das Stück Brot, der Schluck Wein zufällt, so fällt uns in seiner Begleitung jene Klarheit zu, die wir brauchen, um den Weg in die Zukunft gehen zu können. Diese Begegnung mit dem Auferstandenen in Brot und Wein ist es, die das Dunkel zerreißt. Die es hell werden lässt um uns her und in uns drinnen. Solche österliche Begegnung ist es, die uns leben lässt – behütet und getröstet wunderbar, auch wenn es dunkel ist.


Nicht konservierbar

Aber täuschen wir uns nicht: Solche stärkende Gegenwart unseres lebendigen und auferstandenen Herrn, die „haben“ wir nicht so einfach. Die lässt sich nicht konservieren – wie es Licht nicht auf Vorrat gibt. Nein: Damals in Emmaus „verschwand er vor ihnen“. Ja, wenn es dunkel wird auf unseren Wegen und wir Christus bitten „Bleib bei uns, Herr“, dann haben wir sein Bleiben nicht bleibend. Immer wieder „entschwindet er von unseren Augen“ - der Auferstandene, dessen Gegenwart wir so gern festgehalten hätten. Aber so ist es: Er gibt uns das Brot, er gibt sich uns in die Hand, aber er lässt sich nicht festhalten. Wie er gekommen ist, so entschwindet er. Im Verschwinden wird seine Nähe erfahren. Wir können sie nicht konservieren. Wir müssen sie immer neu erfahren. Aber diese Erfahrung seiner Nähe reicht, um uns zu stärken. Dann werden wir in Bewegung gesetzt. Wir machen uns wieder auf den Weg. Verändert. Verwandelt. Befreit. Froh. Weil wir seine Gegenwart gespürt, ja: geschmeckt haben. Weil wir ihn aufgenommen haben in unser Haus. Weil wir mit ihm Gemeinschaft hatten - Hausgemeinschaft, Tischgemeinschaft. Weil er das Brot mit uns teilte und in diesem Brot sich selbst uns mitteilte. Wir machen uns auf und sagen es weiter wie die Jünger: Er lebt! Er ist unter uns! Der Herr ist auferstanden!

So wird Ostern Wirklichkeit, wenn wir Jesus Christus in Wort und Sakraments einlassen in unsere Dunkelheit. Von dieser österlichen Wirklichkeit fällt Licht auf unser Leben. Wird Dunkles hell. Empfangen wir Kraft, unseren Lebensweg zu gehen, mag er durch noch so große Dunkelheiten führen. Was in unserem Leben oft wie ein mühsamer Kreuzweg scheint, das kann als österlicher Weg in die Zukunft enden. Wir müssen nur unseren lebendigen und auferstandenen Herrn bitten: „Bleib bei uns, Herr!“. Wir müssen ihm nur die Tür öffnen, die Tür unseres Lebens, unseres Herzens. Wir müssen uns nur einlassen auf die Begegnung mit ihm in Brot und Wein.

"Das ist das wunderbare Geheimnis des Glaubens, das wir immer wieder in der Feier des Abendmahls staunend feiern - das Geheimnis der gespürten und geschmeckten und doch nicht zu konservierenden Gegenwart des lebendigen und auferstandenen Herrn. Aus diesem Geheimnis schöpfen wir die Kraft, unsere Lebenswege zu gehen."

Jesus Christus, der den Weg vom Dunkel des Todes zum Licht des Ostermorgens gegangen ist, er will nicht, dass die Wege unseres Lebens dunkel bleiben. Er will so bei uns bleiben, dass aus dunklen Wegen Hoffnungswege werden. Er lässt uns seine Gegenwart spüren, schmecken. Das ist das wunderbare Geheimnis des Glaubens, das wir immer wieder in der Feier des Abendmahls staunend feiern - das Geheimnis der gespürten und geschmeckten und doch nicht zu konservierenden Gegenwart des lebendigen und auferstandenen Herrn. Aus diesem Geheimnis schöpfen wir die Kraft, unsere Lebenswege zu gehen.


Über den Tod hinaus

Und was für die vielen Abende unseres Lebens gilt, das gilt dann auch für unseren letzten Lebensabend. Wenn wir dem Tod entgegengehen, dann dürfen wir dies tun in der Gewissheit, dass auch über den Tod hinaus der lebendige und auferstandene Herr bei uns bleibt. Dann können wir – wie ein Kommentar zu Bachs Kantate – singen:

Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!
Von deiner Hand geführt, fürcht ich kein Leid,
kein Unglück, keiner Trübsal Bitterkeit.
Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier?
Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir!
Amen.