Zu 2. Korinther 6,1-10
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
„Als Mitarbeiter ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht: ‚Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.’ Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“
„Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils!“ Mit diesem Ausruf der Freude ist das Vorzeichen benannt, unter dem aller Dienst in der Kirche steht. Liebe Ordinierte, Ihr werdet berufen zu einem Gnadendienst. Ihr werdet berufen zu einem Dienst, in dessen Zentrum die Verkündigung des Heils für alle Welt steht. Jeden Tag Eures Dienstes sollt und dürft Ihr euch daran erinnern: Grundlage Eures Dienstes ist die Gnade Gottes, die Ihr nicht vergeblich empfangen habt. Grundlage Eures Dienstes ist das Heil, zu dem Jesus Christus erschienen ist. Ihr werdet nicht berufen zu Bedenkenträgerinnen und Sorgenmachern, sondern Ihr werdet berufen als Botinnen der Gnade, als Boten des Heils. Unter diesem Zuspruch steht Euer Dienst in der „GmbH Kirche“, in der Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung.
Zuspruch und Anspruch
Für diesen Gnadendienst können die Worte des Apostels wichtige Hilfestellungen geben. Hören wir, was er weiter schreibt: „Wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Dienst nicht verlästert wird; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld.“ Der Gnadendienst, den Pfarrerinnen und Pfarrer wahrnehmen, ist wirklich ein Dienst. Und solch ein Dienst will wahrgenommen werden in „großer Geduld“, genauer heißt es im Griechischen: „in völligem Darunterbleiben“. Wer das Amt einer Pfarrerin oder eines Pfarrers übernimmt, muss bereit sein, darunter zu bleiben. Muss bereit sein, unter dem Kreuz Christi den eigenen Standort zu suchen. Liebe Ordinierte, bleibt in Eurem Dienst unter dem Kreuz Christi! Erhebt Euch nicht über andere, sondern lasst erkennen, dass Ihr mit Eurem Dienst hinweist auf den Gott, der im gekreuzigten Christus seine Gnade erwiesen und Heil gewirkt hat. Der Standort unter dem Kreuz ist der Ort, der Euer Amt als wirklichen Dienst qualifiziert. Das ist ein demütiger Standort. Aber auch einer, der Euch schützt - vor eigenen Allmachtsphantasien, vor überzogenen Ansprüchen anderer und vor dem übermenschlichen Druck, Euch selbst zu überfordern.
Für diesen Gnadendienst unter dem Kreuz formuliert Paulus einen Grundsatz, der bis heute an Aktualität nichts verloren hat: „Gebt in nichts irgendeinen Anstoß, damit Euer Dienst nicht verlästert wird!“ Ganz ähnlich klang dies vorhin im Ordinationsvorhalt: „Verhaltet Euch so, dass Euer Zeugnis nicht unglaubwürdig wird.“ Beim zweiten Hinsehen ist das eine befreiende Formulierung. Es steht da nämlich nicht: „…dass Euer Zeugnis glaubwürdig ist!“ Das wäre in der Tat eine ständige Überforderung von der Art, wie ich sie gerade genannt habe. Was heißt dann „nicht unglaubwürdig werden“, „keinen Anstoß geben“? Es gibt gewiss genug Gelegenheiten, Anstoß zu nehmen am Dienst von Pfarrerinnen und Pfarrern. Viele dieser Gelegenheiten werden von anderen Menschen gesucht. Manche ergeben sich, weil Amtsträgerinnen und Amtsträger bestimmten bürgerlichen Vorstellungen nicht entsprechen. All die sind hier nicht gemeint. Es kann von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Recht erwartet werden, dass sie in ihrem Dienst Regeln menschlichen Anstands ebenso wahren, wie dass sie dienstliche Pflichten, die ihnen auferlegt sind, erfüllen. Aber zuerst seid Ihr in Eurem Dienst Botinnen der Gnade, Boten des Heils. Ich meine, wenn Ihr in Eurem ganzen Dienst etwas spüren lasst von der Gnade Gottes, die Ihr von Gott selbst empfangen habt, dann wird Euer Zeugnis nicht unglaubwürdig. Den Zuspruch, der Euch selbst gilt, den sollt Ihr weitergeben. Das ist der Anspruch, unter dem Euer Amt steht.
Belastungen
Wie Menschen im Gnadendienst der Verkündigung diesem Anspruch genügen können, verdeutlicht Paulus, indem er zunächst mit neun Begriffen Leidenssituationen benennt, die er in seinem apostolischen Amt durchlitten hat. „Wir geben keinen Anstoß - in Trübsalen, in Nöten, in Bedrängnissen, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, in Hunger.“ Dieser „Leidenskatalog“ mag für Berufsanfängerinnen und -anfänger nicht gerade ermutigend klingen. Er beschreibt auch nicht den Alltag einer Gemeinde. Doch auch heute kann es im Dienst der Verkündigung Nöte geben, die uns von anderen Menschen zugefügt werden - selten wohl sind es Schläge, Gefängnisse oder Verfolgungen wie zur Zeit des Paulus. Aber wer wüsste nicht zu berichten von Verunglimpfungen, denen Pfarrerinnen und Pfarrer ausgesetzt sein können und die zu großen Belastungen führen? Und wer wüsste nicht um die Nöte, die mich als Pfarrer plagen können, wenn ich um des Evangeliums willen der öffentlichen Meinung widersprechen muss und dafür auf wenig Verständnis stoße? Und wie steht es mit jenen Leiden, die aus der Berufsarbeit selbst resultieren, mit „Mühen, Wachen und Hunger“? Nun gut: Hunger muss kein Pfarrer heute mehr leiden, dafür sorgt schon die Kirche mit der regelmäßigen Überweisung des Gehalts. Aber das „Mühen“ bleibt uns auch heute nicht erspart - etwa in der Seelsorge oder bei Versuchen eines lebendigen Gemeindeaufbaus. Manchmal wird dieses Mühen auch vergeblich bleiben. Und auch das „Wachen“ gehört durchaus zu unserem Dienst: Es kann durchwachte Nächte an Krankenbetten oder bei Sterbenden geben. Oder - in ganz anderer Hinsicht - die eigene Schlaflosigkeit angesichts von Belastungen, mit denen wir in unserem Dienst konfrontiert werden.
Von Gott ausgestattet
Was gibt Kraft, diese aus der Berufsarbeit resultierenden Mühen und jene von Menschen zugefügten Leiden auszuhalten? Genau darauf gibt Paulus eine Antwort, wenn er mit wiederum neun Begriffen bzw. Begriffspaaren beschreibt, wie Menschen für den Gnadendienst von Gott selbst zugerüstet werden. „Wir geben keinen Anstoß - in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.“
Ja, jene, die in seinen Dienst berufen werden, lässt Gott nicht alleine. Er rüstet sie zu, indem er ihnen Kräfte des heiligen Geistes schenkt. Charismen nennen wir sie. Und diese Geistesgaben können ganz verschiedene sein. Lauterkeit, Erkenntnis, Langmut, Freundlichkeit und ungefärbte Liebe nennt Paulus - und bis heute sind dies gewiss nicht die schlechtesten Gaben, mit denen Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrem Amt ausgestattet sein sollten. Andere Gnadengaben wären zu ergänzen: Menschenfreundlichkeit, Organisationstalent, Begabung zur lebendigen Verkündigung, auch das Charisma der Sitzungsleitung ist nicht zu verachten. Menschen, die in den Dienst der Wortverkündigung berufen werden, werden von Gott selbst mit vielfältigen Begabungen für diesen Dienst ausgerüstet, so dass sie diesen Dienst kraftvoll ausüben können. Dabei sollen wir aber nie vergessen: Nicht unsere eigene Überzeugungskraft ist es, die unserem Dienst Kraft schenkt. Unsere Überzeugungskraft ist eine uns von Gott geschenkte Kraft. Liebe Ordinierte, Ihr seid auf Euren Dienst also nicht nur durch Studium und Lehrvikariat vorbereitet, Ihr seid für diesen Dienst auch von Gott bestens ausgestattet.
"Wir haben an der Herrlichkeit der Auferstehung Christi nur Anteil, wenn wir auch Anteil haben an seinem Kreuz. Wir haben Gottes Gnade nicht empfangen, damit in unserem Leben alles glatt geht."
Die Ausstattung mit Gottes Gnadengaben lässt uns dann auch all jene Zwiespältigkeiten und Zerrissenheiten aushalten, die Paulus im Schlussteil des Briefabschnitts mit wiederum neun Gegensatzpaaren eindrucksvoll beschreibt: „Wir geben keinen Anstoß - in Ehre und Schande, in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer, und doch wahrhaftig; als Unbekannte und doch bekannt; als Sterbende, und siehe, wir leben; als Gezüchtigte, und doch nicht getötet; als Traurige, aber allezeit fröhlich; als Arme, die doch viele reich machen; als solche, die nichts haben, und doch alles haben.“ Neun Widersprüche des Lebens zählt Paulus auf, als wollte er uns einbläuen: Wer eintritt für das Evangelium, kann auf Eindeutigkeit im Dienst nicht hoffen. Alle, die den Gnadendienst der Verkündigung übernehmen, haben Anteil an der Zweideutigkeit des Kreuzes Christi. Gnade gibt es eben nicht in ungebrochenem Glanz, wie es auch die Auferstehung nicht ohne das Kreuz gibt. Das Triumphlied der Gnade ist ein Trotzlied des Glaubens. Gnade hat die Form des „Trotzdem“. Der Außenansicht des Lebens, die oft sehr unansehnlich ist, wird mit einem mutigen „Trotzdem“ eine Innenansicht des Glaubens entgegen gestellt, die von der Fülle göttlicher Gnade zu reden weiß. Wir haben an der Herrlichkeit der Auferstehung Christi nur Anteil, wenn wir auch Anteil haben an seinem Kreuz. Wir haben Gottes Gnade nicht empfangen, damit in unserem Leben alles glatt geht. Weil dies so ist, werdet Ihr, liebe Ordinierte, auch nicht in ein Amt berufen, in dem Ihr in steter und letztlich falscher Harmonie arbeitet. Ihr werdet in einen Dienst berufen, in dem Ihr im Vertrauen auf Gottes Gnade Spannungen ertragen und in allem Belastenden seine Kraft erfahren könnt.
Glaubwürdige Verkündigung
Zum Schluss nehme ich die Eingangsfrage noch einmal etwas verändert auf: Was macht den Gnadendienst der Verkündigung glaub-würdig? Wohl nicht der Glanz des Dienstes, auch der äußerliche Erfolg besonders Leistungsstarker. Wir sollten argwöhnisch sein gegenüber allem allzu Glänzenden, denn wir wissen, dass alle, die im Gnadendienst des Evangeliums stehen, teilhaben an der Zweideutigkeit des Kreuzes Christi. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist groß in einer Zeit zunehmender Unübersichtlichkeit. Als Christenmenschen aber müssen wir aushalten, dass die Sicht der Welt auf das Leben oftmals eine andere ist als die Sicht des Glaubens. Nicht die Auflösung dieser Widersprüche macht den Dienst der Verkündigung glaub-würdig. Glaub-würdig ist dieser Dienst, wenn wir alle, die ihn wahrnehmen, den Widersprüchlichkeiten dieses Dienstes ehrlich begegnen, sie kraftvoll aushalten und überwinden. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Das ist jubelnd ausgerufen über unserem Dienst. Welch ein Zuspruch! Aber Gottes Gnade ist keine billige Gnade, sie ist in den Schwachen mächtig. Welch ein Anspruch!
Amen.
