Zu 1. Petr 1,18-21
Liebe Gemeinde,
„Geld regiert die Welt“, so sagen wir gern. Ganz falsch ist dieser Satz nicht. Wer Geld hat, ist unabhängig von manchen Zwängen, denen jene täglich ausgesetzt sind, die kein Geld haben oder nur sehr wenig. Wer Geld hat, gewinnt leicht an Einfluss. Mancher Einfluss lässt sich sogar erkaufen, wie Beispiele aus Politik und Wirtschaft täglich zeigen. Mit Geld können Entwicklungen in unserem Land gelenkt werden, wie z.B. durch die Gestaltung öffentlicher Haushalte, aber auch durch großzügige Spenden Wohlhabender oder durch unlautere Maßnahmen der Bestechung. Neuerdings kann man sogar Fußballspiele und deren Ergebnisse mit Geld kaufen, wie die Wettskandale der jüngsten Zeit zeigen.
„Geld regiert die Welt“
„Geld regiert die Welt.“ Ganz falsch ist dieser Satz nicht. Geld kann dafür eingesetzt werden, Freiheit von Menschen zu erkaufen. Als Susanne Osthoff als Geisel im Irak gefangen war, bangten zahllose Menschen in unserem Land mit ihr. Und ganz gewiss war es nicht nur der große Einsatz von Politikern, der ihre Freiheit möglich machte, sondern auch die Zahlung von Lösegeld.
„Geld regiert die Welt.“ Ganz falsch ist dieser Satz nicht. Geld regiert auch unsere innere Welt, unser Denken und Sinnen. Wir haben uns daran gewöhnt, vieles im Leben nach seinem Geldwert zu betrachten. „Was ist mir dies wert“, so fragen wir und stehen dabei in der Gefahr, alles im Leben daraufhin zu prüfen, welchen Preis es für uns hat. Alles soll messbar sein, berechenbar, und damit austauschbar. Bis hinein in unsere persönlichen Beziehungen handeln wir oft nach der Regel: Gibst du mir, so gebe ich dir. Bist du mir nützlich, werde ich dir nützlich sein. Sie alle kennen dies: Manchen Leuten können wir gar nichts mehr schenken, weil sie sofort denken: „Wie kann ich mir nur revanchieren!“ Eine verräterische Sprache, denn Revanche meint eigentlich ja etwas anderes als Dankbarkeit.
"Ganz falsch ist dieser Satz nicht. Und weil er nicht ganz falsch ist, meinen manche sich mit Hilfe von Geld auch das erkaufen zu können, was sie zum Leben brauchen wie das tägliche Brot."
„Geld regiert die Welt." Ganz falsch ist dieser Satz nicht. Und weil er nicht ganz falsch ist, meinen manche, sich mit Hilfe von Geld auch das erkaufen zu können, was sie zum Leben brauchen wie das tägliche Brot. Aber die Luft zum Atmen können wir ebenso wenig kaufen wie die Strahlen der Sonne. Liebe können wir nicht kaufen, auch wenn für die Tage der Fußballweltmeisterschaft ein neuer Boom im horizontalen Gewerbe vorausgesagt wird. Vertrauen von Menschen können wir nicht kaufen, auch nicht den Trost im Leben und im Sterben, und unsere Gesundheit ist ein unbezahlbares Gut. Und wer meint, sich durch Geldzahlungen von Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen loskaufen zu können, dem zeigt ein schlechtes Gewissen an, dass diese Rechnung nicht aufgeht.
Losgekauft - erlöst
„Geld regiert die Welt." Ganz falsch ist dieser Satz nicht. Aber er ist nur die halbe Wahrheit. Denn alles, was dem Leben einen letzten Sinn gibt, ist eben gerade nicht käuflich, sondern fällt uns zu - ganz unverdient, umsonst. Das merken wir, wenn wir den Predigttext zum heutigen Sonntag aus dem 1. Kapitel des 1. Petrusbriefes hören. Der Verfasser schreibt dort:
„Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold losgekauft seid von eurem nichtigen, von den Vätern ererbten Lebenswandel, sondern mit dem teuren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er ist zwar zuvor ausersehen worden vor der Grundlegung der Welt, aber offenbart wurde er am Ende der Zeiten um euretwillen. Durch ihn seid ihr zum Glauben gekommen an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit gegeben hat, damit euer Glaube zugleich Hoffnung auf Gott ist."
„Ihr wisst, dass ihr nicht mit Geld losgekauft seid, sondern mit dem teuren Blut Christi.“ Das sitzt! Von Loskauf, von Freikauf ist hier die Rede wie bei einer Geiselnahme. Aber eben gerade nicht von einem Freikauf mit Hilfe von Gold oder Silber, Dollar oder Euro. Menschen werden freigekauft durch das Blut Christi. Den Adressaten des 1. Petrusbriefes war dieses Bild vom Freikauf unmittelbar einleuchtend. Sie kannten die Praxis des Sklavenfreikaufs. Sie wussten, dass Menschen durch die Zahlung von Geld Freiheit geschenkt werden konnte. Manche von ihnen hatten dies wohl sogar am eigenen Leib erfahren. Aber noch etwas anderes hatten sie erfahren. Sie waren als erwachsene Menschen getauft worden. Sie hatten erlebt, wie sie durch ihre Taufe selbst frei wurden von ihrem bisherigen, von den Vätern ererbten Lebenswandel, der sie versklavt hatte. Durch die Taufe waren sie erlöst worden von einem Lebenswandel, der sie an nichtige Götzen gebunden hatte, die symbolisch stehen für alles, was die Nichtigkeit und Leere des Lebens ausmacht. Die Taufe jener Menschen war ein Loskauf von der Vergangenheit, ein Akt der Befreiung, eine Lebenswende.
Taufe als Befreiung
Dies erleben wir heute so zumeist nicht. Zwar kennen es manche von uns, wie es ist, von Zwanghaftem befreit zu werden, etwa von einer Vergangenheit, auf die sie für alle Zeiten festgelegt schienen. Aber die meisten von uns werden Brüche des Lebens, Befreiungsakte auf ihrem Lebensweg kaum benennen können. Wir werden fast alle als kleine Kinder getauft. Unser Weg zum Glauben führt uns über eine mehr oder minder stark christlich geprägte Erziehung hin zur Gemeinschaft der Glaubenden. Aber selbst wenn die Taufe für uns keinen bedeutsamen Lebenseinschnitt darstellt, war auch unsere Taufe Befreiung von allen Nichtigkeiten des Lebens. Durch die Taufe wurden wir befreit zu einem Leben voller Hoffnung. Deshalb gilt auch für: „Wir sind losgekauft durch das teure Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel."
"Sondern er, der bis zu seinem Tod ohne Fehl und Tadel war, er wählte diesen Weg ins Leiden in völliger Hingabe zu Gott, dem er vertraute wie einem Vater. Nicht Gott forderte dieses Opfer von ihm, um seinen Zorn zu besänftigen."
Wie das? Als Jesus Christus den Weg ans Kreuz ging, als er sich wie ein Passahlamm schlachten ließ, da geschah dies nicht, weil er für eine Schuld bestraft werden musste. Sondern er, der bis zu seinem Tod ohne Fehl und Tadel war, er wählte diesen Weg ins Leiden in völliger Hingabe zu Gott, dem er vertraute wie einem Vater. Nicht Gott forderte dieses Opfer von ihm, um seinen Zorn zu besänftigen, wie es oft in der Theologiegeschichte gesagt wurde. Ich halte es für theologisch bedenklich zu behaupten, dass Gott ein Opfer brauchte, um gnädig gestimmt zu werden. Dieses Gottesbild ist eher das Bild eines despotischen Herrschers, der nur durch blutige Menschenopfer versöhnt werden kann. Dieses Bild auf den biblischen Gott zu übertragen, vermag ich jedenfalls mit meinem aus dem Evangelium gewonnenen Glauben an einen barmherzigen Gott nicht in Einklang zu bringen. Und so frage ich, wie wir den Loskauf durch das teure Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel, heute verstehen können. Ich möchte ihn begreifen als ein Opfer, das Jesus Christus aus freien Stücken stellvertretend für uns erbracht hat.
Stellvertreter
Sich selbst stellvertretend opfern - im Grunde übersteigt dieser Gedanke unser Denkvermögen. Aber ich will einige Annäherungen an diesen Gedanken der Stellvertretung wagen. Zunächst müssen wir uns klar machen, dass in unserem komplizierten Lebensalltag ständig Akte der Stellvertretung stattfinden. Was ein Mensch tut, schafft anderen Entlastung. Ohne stellvertretendes Handeln anderer könnten wir überhaupt nicht leben, das gilt für die Organisation des Alltags einer Familie ebenso wie für den Organismus einer Gemeinde oder eines Evangelischen Oberkirchenrats. Ständig müssen die einen stellvertretend für andere eintreten, damit das Gesamte gelingen soll.
Manchmal gibt es herausragende Taten, die als stellvertretendes Tun besondere Wirkung entfalten. So hören wir von Menschen, die etwa ihre Niere zur Organtransplantation zur Verfügung stellen, um Leben zu retten. Sie opfern Lebenswichtiges, um Leben zu erhalten. Oder: Stellvertretend für das ganze deutsche Volk haben die Männer des Widerstandes gegen Hitler Verantwortung übernommen. Sie haben versucht, den Plan zur Ermordung des Tyrannen in die Tat umzusetzen. Stellvertretende Schuldübernahme hat Dietrich Bonhoeffer dies genannt. Und war das Wirken der Widerstandkämpfer mit der ganzen heilsamen Wirkung, die es bis heute entfaltet, nicht ein stellvertretendes Tun für unser Volk? Oder erinnern Sie sich an jenen Mann, der vor einigen Jahren beim Brand des Montblanc-Tunnels stellvertretend für viele immer wieder mit seinem Motorrad in den Tunnel raste, um Opfer zu bergen, bis er selbst ein Opfer seiner Rauchvergiftungen wurde? Oder war der Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos nicht ein Akt der Buße, der unserem ganzen Volk zugute kam und der dem Miteinander von Polen und Deutschland neue Dimensionen eröffnete?
"Und sie weisen alle hin auf den, der sich am Kreuz von Golgatha stellvertretend für uns opferte, um uns loszukaufen von allem Nichtigen, von allen Götzen, auch vom Götzen „Geld"."
All diese Beispiele können natürlich nicht auf eine Stufe gestellt werden mit dem Ereignis am Kreuz von Golgatha, aber sie sollen aufzeigen, wie sehr wir alle immer wieder von der Stellvertretung anderer leben, von dem, was sie uns zugute tun. Und sie weisen alle hin auf den, der sich am Kreuz von Golgatha als ein blutiges Lamm ohne Fehl und Makel stellvertretend für uns opferte, um uns loszukaufen von allem Nichtigen, von allen Götzen, auch vom Götzen „Geld". Was Jesus Christus stellvertretend getan hat, kommt uns durch die Taufe auf seinen Namen zugute. Einer litt und starb für uns! Das wird uns in der Taufe zugeeignet. Nun sind wir ganz frei, ein Leben in völligem Vertrauen auf Gott zu führen.
Obwohl also unser Glaubensweg heute ein ganz anderer ist als der jener Menschen, an die sich der 1. Petrusbrief wendet, gilt auch uns jene Aussage, mit der unser Predigttext endet: „Durch ihn seid ihr zum Glauben gekommen an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit gegeben hat, damit euer Glaube zugleich Hoffnung auf Gott ist." Ja, durch den Loskauf Christi haben wir entdeckt, dass Geld nicht die Welt regiert. Haben wir entdeckt, dass das Wesentliche für unser Leben kein Gegenstand des Warenhandels und des Geldtausches ist, sondern bloßes, pures Geschenk. Einer für uns! Am Kreuz von Golgatha werden die Regeln der Geldwirtschaft durchbrochen. Wir können uns nicht revanchieren. Wir können nur mit unserem Glauben dankbar auf das antworten, was Jesus Christus für uns getan hat.
Nur die halbe Wahrheit
Das einseitige Handeln Christi allein aus Liebe öffnet neue Spielräume des Lebens, Spielräume des Glaubens, die mit dem Tod nicht enden. Darum ist unser Glaube, wie der Verfasser des Petrusbriefes schreibt, zugleich Hoffnung auf Gott. An Jesus Christus selbst können wir sehen, wie der Loskauf durch sein teures Blut Wirkung entfaltet über seinen Tod hinaus. Nach Ostern wurden Menschen zu Zeugen seiner Auferstehung. Der Osterglaube lässt Menschen zu hoffenden Menschen werden. Und solche Hoffnung gibt andere Menschen nicht auf. Sie befähigt wiederum zu stellvertretendem Handeln für andere. Im Glauben hoffende Menschen entdecken, dass der Satz „Geld regiert die Welt" nur die halbe Wahrheit ist. Dort, wo das Regieren des Geldes aufhört, beginnt vielmehr wahres Leben in völliger Freiheit von nichtigen Götzen und im Glauben an Gott. Deshalb lautet die ganze Wahrheit: Alles, was ihr zum Leben wirklich braucht, habt ihr euch nicht verdient; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit Geld losgekauft seid, sondern mit dem teuren Blut Christi. Durch ihn seid ihr zum Glauben gekommen an Gott, damit euer Glaube zugleich Hoffnung auf Gott ist.
Amen.
