Zu Jesaja 50,4-9
Liebe Gemeinde,
zu einem festlichen Jubiläumsgottesdienst sind wir heute zusammengekommen, weil vor 450 Jahren hier in Pforzheim Bedeutendes geschah: Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 trat Markgraf Karl II., genannt „der Fromme“, auf die Seite der protestantischen Fürsten über und bereitete so die Reformation in seiner Markgrafschaft vor. Beraten wurde er von seinem aus Freiburg stammenden Kanzler Dr. Martin Achtsynit, an den ein Epitaph in dieser Pforzheimer Schlosskirche erinnert und von dem wir einmal annehmen wollen, dass er mit unserem früheren Prälaten Martin Achtnich irgendwie verwandt war.
Im Jahr 1556 ließ der Markgraf eine neue Kirchenordnung erarbeiten, die am 1. Juni 1556 in der Markgrafschaft Baden-Durlach rechtsverbindlich verkündet wurde. Dass diese Kirchenordnung im Wesentlichen von der württembergischen abgeschrieben wurde, sei hier in Pforzheim - an der Grenze zur württembergischen Landeskirche - angemerkt. Im Übrigen weist dies uns Badener ja auch als lernfähig aus. In der Kirchenordnung von 1556 wurde unter anderem das gottesdienstliche Leben in der Markgrafschaft Baden geregelt: Fortan sollte das Heilige Abendmahl mindestens einmal im Monat gefeiert und am Tag zuvor die Beichte abgenommen werden. Predigt, Glaubensbekenntnis und Vaterunser mussten fortan in Deutsch gesprochen werden, ebenso die Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl und der Schlusssegen. Seit 1556 wurden hier in der Schlosskirche reformatorische Gottesdienste gefeiert und so feiern wir auch heute einen Festgottesdienst mit der Feier des Heiligen Abendmahls, mit der Beichte der Gemeinde, mit Predigt, Glaubensbekenntnis, Vaterunser und Segen in deutscher und hoffentlich auch verständlicher Sprache.
Zuversicht und Widerstandskraft
Bei unserem gottesdienstlichen Feiern am Palmsonntag leitet uns als Predigttext das Wort eines Propheten aus dem 50. Kapitel des Jesajabuches:
„Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich war nicht ungehorsam und wich nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schändungen und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zu Schanden. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht beschämt werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir, wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, das die Motten fressen.“
Liebe Gemeinde, ein wunderbares Gebet ist dieses Wort der Bibel. Ein Psalm des Vertrauens. Ein Lied des Glaubens. Verfasst und gebetet von einem Unbekannten, den wir „Gottesknecht“ nennen. Wie beeindruckend die Glaubenszuversicht, die aus diesem Lied spricht! Dabei scheint alles gegen den Gottesknecht zu sprechen. Er wurde geschlagen und gedemütigt von seinen Feinden. Wehrlos hat er alles erduldet und so seine Schuld eingestanden. Er hat zugegeben, dass Gott auf der Seite seiner Gegner ist. Wie soll da noch der Rechtsstreit gewonnen werden, zu dem er seine Gegner herausfordert? Aber obwohl alles gegen ihn spricht, vertraut der Gottesknecht darauf, dass Gott für ihn eintritt. In seiner Bedrängnis bekennt er sich in unerschütterlichem Vertrauen zu Gott - gewiss, dass der rechtfertigende Gott ihm nahe ist. Er nimmt das Leiden an, das ihm auferlegt wurde. Aus dieser Annahme des Leidens erwächst eine Widerstandskraft, die den Gottesknecht hart macht wie einen Kieselstein.
Ein Gottesknecht
Was hat den Gottesknecht in solche Bedrängnis gestürzt? Nichts anderes als sein Auftrag zu hören und zu predigen. Nichts anderes als seine Beauftragung mit dem Wort Gottes. Wie viele Propheten vor ihm hat er das unerhörte Amt übernommen, zu hören und zu reden. Sein Hören soll von Gott herkommen, sein Reden auf Gott gerichtet sein. Dabei geht das Reden dem Hören voraus. „Morgen für Morgen“ wird ihm das Ohr geöffnet für ein Wort, das er hören soll. Dieses Wort gewinnt Macht über ihn, zwingt ihn zu immer neuem, anstößigem Reden. Wie vor ihm der Prophet Jeremia leidet der Gottesknecht unter seinem prophetischen Amt. Aber anders als Jeremia bejaht er das um seines Wortauftrags willen erduldete Leiden.
"Auch Jesus trat auf als ein gerechter Gottesknecht, als ein Prophet, als ein auf Gottes Wort Hörender und Gottes Wort Predigender. Auch er war gehorsam, gehorsam bis zum Tod am Kreuz."
In alledem ist dieser Gottesknecht ein Vorläufer Jesu, dessen Leiden und Sterben wir in dieser Karwoche in besonderer Weise bedenken: Auch Jesus trat auf als ein gerechter Gottesknecht, als ein Prophet, als ein auf Gottes Wort Hörender und Gottes Wort Predigender. Auch er war gehorsam, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Auch er wich nicht zurück vor seinem Auftrag, selbst als ihn im Garten Getsemane große Verzweiflung packte. Auch er bot den Rücken seinen Peinigern dar. Auch er erhielt Schläge auf die Wange. Auch er ertrug Schmähungen. Auch ihm wurde ins Angesicht gespuckt. Auch sein Rechtsstreit schien mit dem Tod am Kreuz verloren. Aber wie jener geheimnisvolle Gottesknecht 500 Jahren vor ihm wurde er nicht zu Schanden. An Ostern bekannte Gott sich zu ihm.
Hören und reden
Auf Jesus Christus, den gerechten Gottesknecht, gründet sich von Anbeginn die christliche Kirche. Auf ihn gründet sich auch unsere evangelische Kirche, deren 450.Geburtstag im badischen Land wir heute feiern. Was sollen Menschen in der Nachfolge Christi denn anderes sein als treue Gottesknechte und Gottesmägde? Welch anderes Amt wurde uns in der Taufe übertragen als das Amt der hörenden und redenden Jüngerinnen und Jünger? Als Getaufte gehören wir zu einer Kirche, die sich seit ihren Anfängen als Kirche des Wortes versteht. In dieser Kirche sind wir alle zu Jüngern und Jüngerinnen berufen, die Morgen für Morgen sich von Gott das Ohr wecken lassen und die sich dann daran machen, das Gehörte den Müden zur rechten Zeit zu sagen - als Ehrenamtliche wie Hauptamtliche, als Menschen, die andern beistehen, sie besuchen, ihnen ihr Ohr leihen oder als solche, die sich ausbilden lassen, um öffentlich Gottes Wort zu verkündigen.
Soll unser Reden und Predigen wirklich Kraft entfalten, muss ihm das Hören auf Gott vorangehen. Andernfalls predigen wir nur uns selbst. Aus dem Hören geschöpftes Reden aber entwickelt Kraft, „den Müden zum Bescheid eine Antwort zu wissen“, wie einer sehr schön übersetzt hat.
Denn wo Gott spricht, da bleibt sein Wort nicht ohne Wirkung. Das Hören des Wortes Gottes führt die Hörenden zu Entscheidungen. Sie haben zu entscheiden, ob sie sich hineinreden lassen wollen in ihr eigenes Denken und Handeln. So folgt aus dem Hören das Gehorchen und das Dienen. Gar nicht oft genug ist daran zu erinnern, dass alle, die in der evangelischen Kirche ins Predigtamt berufen sind, Dienerinnen und Diener Gottes sind, die anderen das Wort so zu predigen haben, dass es den Müden Kraft gibt zur rechten Zeit. In diesem kraftvollen und wirksamen Wort hat die Seele „Genüge, Speise, Freude, Frieden, Licht, Kunst, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gute überschwänglich“ (Martin Luther).
"Als Kirche der Reformation sollten wir uns auf solches gehorchendes Hören ständig neu besinnen..."
Das hat der Gottesknecht des Jesajabuches ebenso gewusst wie der gerechte Gottesknecht Jesus von Nazareth. Das hat uns vor allem Martin Luther neu ins Bewusstsein gerufen. Als Kirche der Reformation sollten wir uns auf solches gehorchendes Hören ständig neu besinnen, wie es auch Olympia Morata, die zum reformatorischen Glauben übergetretene Humanistin, betonte: „Warum sind so viele reiche und große Verheißungen in den heiligen Schriften, wenn nicht Gott durch diese erretten wollte? Daher hat er sie allen Geschlechtern verheißen, dass niemand diese Taten bezweifeln kann.“ Denken wir also nicht gering vom Wort Gottes, vom gehörten und gepredigten, vom wirksamen und zum Gehorsam nötigenden Wort. Dieses Wort ist es, welches das Leben von Menschen reich macht. Um dieses Wortes Willen ertrug der Gottesknecht sein Leiden und ging Jesus den Weg ans Kreuz. Um dieses Wortes willen wagten die Reformatoren den Widerspruch gegen die Machtansprüche des Papstes. Von dieser Kraft des gepredigten Wortes sagt Martin Luther in seiner 2. Invokavit-Predigt: „Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp Melanchthon und mit Amsdorf getrunken habe, so viel getan, dass das Papsttum so schwach geworden ist, dass ihm noch nie ein Fürst oder Kaiser so viel Abbruch getan hat.“
Kirche des Wortes
Kirche des Wortes zu sein, mag in einer stark von visuellen Medien geprägten Zeit nicht gerade modern erscheinen. Und es ist gut, wenn zum gepredigten Wort auch das gesungene und musizierte Wort hinzutritt, dazu Künste und Rituale, die andere Sinne ansprechen. Aber das Nachdenken über jenes alte Lied des Gottesknechtes erinnert uns doch an eine zentrale Grundbestimmung der Kirche, die der aus Bretten stammende Reformator Philipp Melanchthon im Augsburgischen Bekenntnis so formuliert hat:
„Es genügt zur wahren Einheit der Kirche, dass das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.“
"Nie hat Kirche das Wort Gottes in ihrem Besitz. Nie bekommt sie es in den Griff. Immer muss sie wieder hören und sich von diesem Wort in Bewegung setzen lassen."
Ja, das Predigen des Evangeliums ist und bleibt Kennzeichen einer am Wort Gottes orientierten Kirche. Damit aber solches Predigen gelingt, muss das Evangelium zu aller erst gehört werden, Morgen für Morgen. Kirche, die wirklich „den Müden zum Bescheid eine Antwort wissen“ will, muss zu ihrem prophetischen Auftrag stehen, hörende und predigende Kirche zu sein. Nie hat sie das Wort Gottes in ihrem Besitz. Nie bekommt sie es in den Griff. Immer muss sie wieder hören und sich von diesem Wort in Bewegung setzen lassen.
"Den Müden zum Bescheid"
Genau deshalb muss sich eine evangelische Kirche auch immer wieder mit ihrem Wort einmischen in die scheinbar inneren Angelegenheiten dieser Welt. Sie muss - hörend auf Gottes Gebot - mit deutlichen Worten aufrufen, die Sonntagsruhe zu bewahren, wenn in den Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft der Ruf nach verkaufsoffenen Sonntagen an allen Spielorten erschallt. Sie muss - hörend auf Jesu Option für die Armen - die Politik in unserem Land mit eindringlichen Worten ermahnen, endlich für die zahlreichen geduldeten ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die noch immer in ungesicherten Rechtsverhältnissen bei uns leben, ein dauerhaftes Bleiberechts zu ermöglichen. Sie muss - hörend auf Gott, den Liebhaber des Lebens - mit ihren Worten junge Menschen zu einem Leben mit Kindern ermutigen. Wenn sie solche Worte spricht - warnend, mahnend, ermutigend, wenn sie so ihr prophetisches Amt wahrnimmt, kann die Kirche nicht auf Zustimmung allenthalben hoffen. Aber das ist auch nicht ihr Auftrag. Vielmehr kommt alles darauf an, dass sie „den Müden zum Bescheid eine Antwort weiß“.
Wünschen wir unserer badischen Landeskirche zu ihrem 450. Geburtstag viel Glück und viel Segen, dass sie eine solche Kirche des Wortes ist und bleibt, eine Kirche in der Nachfolge jenes gerechten Gottesknechtes, dem sie sich verdankt.
Amen.
