Zu 1. Samuel 2,1-2.6-8a
Liebe österliche Gemeinde,
frohe Lieder singen wir heute. Lieder des Dankes und des Lobes. „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“, „Der Herr ist auferstanden“, „Jesus lebt, mit ihm auch ich“. So singen wir das Lied vom Leben. Wir loben Gott für das, was geschehen ist: Christus ist als der Lebendige unter uns. Die Diktatur des Todes ist vorbei. Wir loben Gott für das, was uns geschehen wird: Aufstehen aus der Höhle des Todes und der Trauer, der Resignation und der Lähmung. Bei solchen Liedern des Dankes und des Lobes reichen unsere eigenen Worte nicht aus. Zu überwältigend ist das, was an Ostern geschehen ist. Wir können es nicht mit dem Verstand begreifen und erst recht nicht in Worte fassen. Wie gut tut es da, auf geprägte Worte und Lieder, auf Gesangbuchverse oder Psalmen zurückgreifen zu können. Wo gut ist es, wenn wir einstimmen können in Danklieder und Lobgesänge, die Menschen vor langer Zeit gedichtet und komponiert haben.
Ein Lied vom Geschenk neuen Lebens
Der Predigttext zum heutigen Ostertag ist solch ein Dank- und Loblied aus alter Zeit. Streng genommen ist es kein Osterlied, denn mehr als 1000 Jahre vor jenem österlichen Ereignis von Jerusalem wurde es gedichtet und gesungen. Und dennoch ist es ein Lied vom Auferstehen, ein Lied vom Leben. Angestimmt wurde es von einer Frau namens Hanna. Sie war eine der zwei Ehefrauen des frommen Elkana. Kinderlos war Hanna geblieben. Fürchterlich litt sie unter diesem Makel. Täglich sah sie Pennina, die mit Kindern gesegnete zweite Frau ihres Mannes. Täglich musste sie ihren Spott ertragen. Dünnhäutig nahm Hanna jeden kritischen Blick, jede Gesichtsregung der anderen wahr. Und immer wieder fragte sie sich: Warum muss gerade ich kinderlos aus diesem Leben gehen? Warum ist es mir nicht vergönnt, Leben weiterzugeben? Die liebevollen Zeichen, die ihr Ehemann ihr zukommen ließ, erreichten ihr schweres Herz nicht. Sie fühlte sich wie tot, begraben in der Totengruft.
Dann aber war Hanna schwanger geworden und gebar einen Sohn, dem sie den Namen Samuel gab. Hanna war an die Schwelle des Todes geführt worden und hatte durch die Geburt ihres Sohnes wieder zurückgefunden ins Leben. In doppelter Weise war sie vom Tode errettet worden: gerettet vom sozialen Tod der Kinderlosigkeit und vom physischen Tod, der damals mit jeder Kindgeburt drohte. In dieser Situation unbeschreiblichen Glücks lässt sie der Erzähler des 1. Samuelbuches Worte der Psalmen sprechen und singen. Und so lauten die Worte einer, die vom Wunder des Lebens überwältigt wird - Hannas Lied vom Leben:
Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,
mein Haupt ist erhöht in dem Herrn,
weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden;
denn ich freue mich deines Heils.
Keiner ist heilig wie du,
außer dir ist keiner,
keiner ein Felsen wie unser Gott.
Er tötet und macht lebendig,
senkt zur Totengruft und lässt entsteigen.
Er enterbt und begütert,
erniedrigt und hebt hoch empor.
Auf richtet vom Staub er den Armen,
aus dem Kot erhebt er den Dürftigen,
dass er ihn setze unter die Fürsten
und den Thron der Ehre erben lasse.
Ein Danklied, das Lied einer vom Geschenk neuen Lebens überwältigten Frau. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Das Übermaß ihrer Freude kann nicht sprachlos bleiben. „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.“ Im Hymnus über Gott, den Schöpfer, findet unglaubliche Zuversicht ihren Ausdruck. „Keiner ist heilig wie du, außer dir ist keiner, keiner ein Felsen wie unser Gott.“ Und in diesen Hymnus mischt sich zugleich das schallende Gelächter über jene, die sie als Unfruchtbare verspottet hatten. „Weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden.“ Hanna fühlt sich stark wie ein Stier, der seinen Rivalen vertrieben hat. Sie ist stolz, aber ihr Stolz vergisst nicht die Dankbarkeit gegen Gottes lebensrettendes Tun: „Gott tötet und macht lebendig, senkt zur Totengruft und lässt entsteigen. Auf richtet vom Staub er den Armen, aus dem Kot erhebt er den Dürftigen, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.“ Das hat Hanna persönlich am eigenen Leib erfahren. Sie ist der Totengruft entstiegen. Sie ist hoch emporgehoben. Sie hat den Thron der Ehre geerbt als Mutter, die neues Leben weitergeben darf.
"Hannas Psalmlied wird zum Lied des Lebens für viele Menschen nach ihr. Hannas Lied greift weit voraus, bis zu Erfahrungen der Neuschöpfung, die Menschen 1000 Jahre später mit der Auferweckung Jesu von den Toten machen."
Zunächst einmal ist dies das Lied einer glücklichen Mutter. Das Lied einer Frau, die erfahren hat, was es bedeutet, neu belebt zu werden. Und doch greift Hannas Lied vom Leben weit über ihr persönliches Erleben hinaus. Hannas Psalmlied wird zum Lied des Lebens für viele Menschen nach ihr. Hannas Lied greift weit voraus, bis zu Erfahrungen der Neuschöpfung, die Menschen 1000 Jahre später mit der Auferweckung Jesu von den Toten machen. Hannas Lied vom Leben hatte eine Vorgeschichte in den Psalmgebeten vieler Frommer vor ihr, und es hat eine Nachgeschichte in den Liedern, die seit der Auferstehung Jesu von den Toten in der Christenheit angestimmt wurden.
Doch kein Sieg der Todesmächte
Wie mögen die Frauen gesungen haben, die am Ostermorgen das leere Grab fanden? Nach erstem Erschrecken werden sie Hannas Lied vom Leben angestimmt haben: „Gott tötet und macht lebendig, senkt zur Totengruft und lässt entsteigen. Er enterbt und begütert, erniedrigt und hebt hoch empor.“ So haben sie singend die Auferweckung Jesu von den Toten verkündigt als eine rettende Tat Gottes, des Schöpfers. Sie haben am Ostermorgen die große Umwälzung, die Revolution Gottes persönlich erfahren. Sie hatten Jesu Tod als das Ende aller ihrer Hoffnungen erlebt. Nach Jesu Tod kam das große Nichts. Golgatha, das war wie eine große Betonmauer, an der alles Leben zu zerplatzen schien. Gegen die Macht des Todes hatte scheinbar auch Jesus nichts ausrichten können. Am Kreuz war er gestorben mit den Worten „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Alle Hoffnung, die sich an Jesus geknüpft hatte, schien zerstört. Der Sieg der Todesmächte schien endgültig.
"Der Tod behält nicht Recht. Das Leben Jesu ist nicht zerplatzt an der Betonmauer des Todes. Auch unser Leben endet dort nicht."
Und dann an Ostern dies: Gott selbst stimmt sein Lied vom Leben an: Hinab zu den Toten und wieder herauf. Die große Umwälzung: Der Tod behält nicht Recht. Das Leben Jesu ist nicht zerplatzt an der Betonmauer des Todes. Auch unser Leben endet dort nicht. Gott selbst spielt uns das Lied vom Leben – gegen die Todesmächte, die unser Leben bedrängen. „Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn, weit auf tut sich mein Mund über meinen Feinden; denn ich freue mich deines Heils.“ So können wir mit Hanna singen, denn Gottes großer Sieg über den Tod gilt auch uns - mitten in unserem Leben. Vielfältiges Sterben wird besiegt, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit werden überwunden. Das ist Auferstehung mitten im Leben. Nicht die große Auferstehung, wie sie am Ende der Zeit uns geschehen soll, aber immer wieder kleine Auferstehungen mitten im Leben, Wetterleuchten zukünftiger Herrlichkeit.
Auferstehung mitten im Leben
Ja, bis heute erfahren Menschen die Kraft der Auferweckung Jesu von den Toten in ihrem Leben, erfahren den Gott, der hinab zu den Toten führt und wieder herauf: Die Geburt eines Kindes nach Monaten des Wartens – Wunder des Lebens. Ein kranker Mensch, an der Schwelle zum Tod – getröstet durch einen Besuch oder ermutigt durch die Nachricht des Arztes, dass der Befund nicht so ist, wie zu befürchten war – Auferweckung von den Toten. Die Beziehung zwischen zwei Menschen, in tödlichem Schweigen erstarrt ohne Aussicht auf neue Verständigung – da ein lösendes Wort, ein herzliches Umarmen – neues Leben. Ein untröstlicher Mensch, gezeichnet von schweren Schicksalsschlägen – und dann der österliche Gottesdienst mit dem Jubelklang österlicher Lieder, das Brot und der Kelch in der Gemeinschaft des Auferstandenen – Fest der Auferstehung. Ein Mensch ohne Selbstbewusstsein, verstrickt in Selbstzweifel - und dann die Einsicht: Ich kann doch etwas, obwohl ich mir das nie zugestehen konnte – Auferweckung von den Toten. Das sind österliche Erfahrungen, die uns jubelnd singen lassen mit Hanna.
"Ich möchte mit Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, Hannas Lied vom Leben lernen – gegen allen Kleinglauben, der nicht mehr mit Gott rechnet. Ich möchte ihr Lied lernen gegen alle Todesangst."
Ich möchte mit Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, Hannas Lied vom Leben lernen – gegen allen Kleinglauben, der nicht mehr mit Gott rechnet. Ich möchte ihr Lied lernen gegen alle Todesangst. Ich möchte ihr Lied vom Leben lernen, um mich anstecken zu lassen von Hannas Zutrauen in Gottes Möglichkeiten. Ich möchte von Hanna die Melodie der Freude lernen, die so viele Menschen über die Jahrtausende über Schluchten des Todes hinweggerettet haben. Und ich möchte dieses Lied anstimmen auch für all jene, die vielleicht noch keine Ostererfahrungen gemacht haben, die noch darauf warten, dass Gott sie vom Tode ins Leben führt, aus Staub und Kot erhebt. Ich möchte Hannas Lied vom Leben anstimmen für alle, die da sitzen im Schatten des Todes, damit auch sie neuen Lebensmut finden und wieder auferstehen, mitten ins Leben. Ich möchte Hannas Lied vom Leben anstimmen für die verängstigten und immer noch von Abschiebung bedrohten ausländischen Mitmenschen, die seit vielen Jahren schon bei uns leben und auf ein endgültiges Bleiberecht warten. Ich möchte Hannas Lied vom Leben anstimmen für die von tödlichem Hass Besessenen im Kongo und für die vom Hungertod Bedrohten im Sudan. Hannas Lied vom Leben, dieses österliche Lied soll um die Welt gehen, um Menschen hinein zu nehmen in die Auferweckung Jesu vom Tod.
Die Vor- und Nachgeschichte von Ostern
Ostern hat eine Vorgeschichte, die lange vor Hanna begann – mit der Erschaffung der Erde durch Gottes schöpferisches Tun. Und Ostern wird eine Nachgeschichte haben. So wie Hannas Erfahrungen voraus weisen auf die Neuschöpfung im Ostern des Jesus von Nazareth, so sind unsere Ostererfahrungen wiederum nur Ersterfahrungen, denen noch anderes folgen wird. Hanna hat mit ihrem Lied vom Leben viel mehr gesungen, als sie selber verstanden hat, mehr als jeder und jede von uns in der eigenen Erfahrung einholen kann. Sie hat prophetisch vom Leben gesungen, das einmal in letzter und umfassender Weise siegen wird über den Tod. Dann, aber auch erst dann werden wir aufhören, Hannas Lied vom Leben zu singen. Dann werden wir am Ziel sein, wenn wir sehen dürfen, was wir jetzt nur glauben. Solange aber lasst uns das österliche Lied vom Leben singen, damit wir vertrauen lernen auf Gottes Schöpfermacht, die uns aus Totengruften entsteigen lässt und ins Leben führt.
Amen
