Zu Psalm 139,1-18
Liebe Schwestern und Brüder!
„Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.“ Mit diesen Worten beginnt der Psalmbeter sein Lied des Vertrauens. Er befindet sich in einer Situation der Bedrängnis. Vor Menschen, die ihn verfolgen und verleumden, flieht er zu Gott und vertraut sich ihm an. Er staunt darüber, dass der ewige Gott sich liebvoll um ihn, den einzelnen kleinen Menschen kümmert. Dass er ihn erkennt, ihn versteht, ihn liebt. Aus diesem Staunen erwächst Kraft zum Leben.
Gott erkennt und versteht
Wie ähnlich mögen sich Frauen erfahren, die sich in einer Schwangerschaftskonfliktsituation befinden. Menschen haben ihr Urteil über sie schon gesprochen, wie sie sich auch entscheiden mögen. Möchten sie sich zur Abtreibung entscheiden, weil sie für sich keinen anderen Weg sehen, dann werden sie ohnehin von vielen schon schuldig gesprochen. Oder aber die Frauen möchten das Kind gerne austragen. Dann erleben sie vielleicht, wie Menschen in ihrem Umfeld sie zur Abtreibung drängen. Besonders oft ihre männlichen Partner. Und sie wissen genau, dass sie mit einer Entscheidung über den Abbruch der Schwangerschaft menschliches Leben töten. Wer ist da, dem sich Frauen in dieser Situation bedingungslos anvertrauen können? Wer ist da, der ihre Gedanken versteht, sie erkennt und erforscht? Schwangerschaftskonfliktberatung kann genau an dieser Stelle hilfreich sein. Kann der Frau - und ihrem Partner - zur Selbsterforschung verhelfen. Zum Ergründen der eigenen Gedanken. Und kann so mit den Betroffenen einen Weg suchen. Im Letzten aber muss eine solche Beratung die Frauen dem Gott anbefehlen, der allein sie erkennt und erforscht.
"Ja, so stellen wir uns Gott vor, wenn wir diese Worte des Psalms mitsprechen: Gott als Schwangere, die die Welt in sich trägt. Gott als die Bergende, die auch uns trägt."
„Du umschließt mich von allen Seiten.“ Das Bild, in dem hier von Gott gesprochen wird, entspricht der Situation des Kindes im Mutterleib: von allen Seiten ist es umschlossen, geschützt, genährt. Ja, so stellen wir uns Gott vor, wenn wir diese Worte des Psalms mitsprechen: Gott als Schwangere, die die Welt in sich trägt. Gott als die Bergende, die auch uns trägt. Gottes Umfassen wie das Umfassen eines heranwachsenden Kindes im Leib seiner Mutter. Gott, die Schwangere, und wir darin umspült, umschlossen. Gott als Umgebung, Behausung. Gottes Energie und Liebe lassen uns gedeihen. Und unser Leben keimt aus Gott, dem Lebensgrund. „Von hinten und von vorne umschließt du mich, legst auf mich deine Hand.“ Das ist, wie wenn Eltern segnend ihre Hand auf den Kopf ihres Kindes legen, wie wir es tun, wenn wir in Gottesdiensten segnen. Solches Umgeben von allen Seiten, solches Handauflegen macht frei, den eigenen Lebensweg zu gehen im Vertrauen, dass Gott mit uns geht.
Wie wichtig, ja, wie lebensrettend ist es für werdende Eltern, dies wissen und glauben zu können: Ich bin von Gott umgeben, von vorn und hinten, von allen Seiten, in allem Zweifeln und Entscheiden, in aller Anfechtung und Not, in aller Angst vor dem, was auf mich zukommt, aber auch in aller Freude, die die Aussicht auf werdendes Leben in mir wachruft. Zu diesem Gott kann ich Zuflucht nehmen auch mit aller Schuld, die ich mit einer Entscheidung gegen das werdende Leben auf mich lade. Zu diesem Gott kann ich Zuflucht nehmen auch mit den Narben auf meiner Seele, die eine solche Entscheidung hinterlässt.
Von Anfang an begleitet
„Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort. Nehme ich Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer, auch dort wird deine Rechte mich fassen.“ Der Beter durchschreitet in seinen Gedanken den ganzen Kosmos, Himmel und Totenreich, Morgenröte und äußerstes Meer, Osten und Westen. Keinen Ort gibt es, der nicht von Gottes Lebenskraft erreicht wird. Der Beter bestärkt sich selbst darin: Ich brauche keine Angst zu haben, Gottes Zuwendung und Nähe könnten irgendwo aufhören. Menschen können mit allen Dimensionen ihrer Not, ihrer Freude und ihres Danks zu Gott kommen. Es gibt keine Dimension des Lebens, in der Gott nicht wäre. Keinen Ort gibt es, in den nicht Gottes wegweisendes Licht dringt.
Nicht bedrohlich ist dies, wie einst der Psychotherapeut Tilman Moser in seinem Buch „Gottesvergiftung“ meinte. Er sah in dem Gedanken, dass Gott auch die geheimsten Gedanken erkennen kann, eine „tückisch ausgestreute Überzeugung“. Er entdeckte unter der Oberfläche des Psalmgesangs „Drohung und Unentrinnbarkeit“, die zu Verwirrung und Verzweiflung vieler Menschenseelen führt. Gewiss, der Gedanke von der Unentrinnbarkeit vor Gott mag manch Schädliches im Leben von Menschen angerichtet haben. Der Beter des Psalms aber sieht in dieser Unentrinnbarkeit seine Rettung in allen Gewissenqualen.
"Diesem richtenden Schöpfergott können wir uns bedingungslos anvertrauen - wissend, dass wir aus dem Bereich seines Gerichts – aber eben auch seiner Gnade - nicht herausfallen können."
Ja, wie wichtig ist es für uns Menschen, dass wir uns von Gottes Blick begleitet wissen können - von Geburt an, genauer: vom Entstehen im Mutterleib an bis nach unserem Tod. Dann können wir uns mit unseren Konflikten, mit all unserer Bedrängnis vor Gott, den Richter aller Welt gestellt wissen, ohne dass uns dies mit Angst erfüllt. Vielmehr können wir vor ihn treten - beseelt von einem unerschütterlichen Vertrauen, dass bei Gott unser Recht aufgehoben ist. Diesem richtenden Schöpfergott können wir uns bedingungslos anvertrauen - wissend, dass wir aus dem Bereich seines Gerichts – aber eben auch seiner Gnade - nicht herausfallen können.
„Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“ Gottes allwissendes und durchdringendes Erkennen jedes Menschen wurzelt in der Tatsache, dass er uns Menschen geschaffen hat. Geschaffen als ein kunstvoll gewobenes Gebilde; als ein Gebilde, das im Verborgenen entstanden ist. Wie viel Weisheit liegt in dieser Beschreibung. Können Eltern doch alle ein Lied davon singen, wie das werdende Leben ihrer Kinder einst ganz im Verborgenen begann, ehe die Schwangerschaft mit Sicherheit festgestellt wurde. Und wer kennt nicht das Staunen, das Väter und Mütter überkommt, wenn das Neugeborene endlich da ist - wunderbar gemacht und gewoben, kunstvoll und fein bereitet, ein Kunstwerk Gottes. Für jedes Leben gilt, dass es ein Kunstwerk ist. Wo unser menschliches Auge „Behinderungen“ erkennen mag, da ist doch ein in Gottes Augen kunstvoll gestaltetes, wertvolles und liebenswertes Leben entstanden – nicht minderwertig, sondern von Gott geliebt. Gerade Menschen mit Behinderungen weisen uns immer wieder darauf hin, dass sie sich so, wie sie sind, als von Gott geliebt und bejaht erfahren. Das Werden und Wachsen eines Embryos im Mutterleib ist von Anfang an begleitet von Gottes Liebe. Gott ist auch in der Liebe der Eltern bei der vorgeburtlichen Entwicklung des Lebens mit am Werk. Deshalb ist jedes menschliche Leben, das uns anvertraut ist, schützens- und liebenswert, für alle Tage, die in Gottes Buch geschrieben sind.
Amen
