Zu Markus 8,22-27
Liebe Schwestern und Brüder!
„Was sehen wir? Was sehen wir in diesem Europa, das allmählich und stetig zusammenwächst? Welchen Blick auf Europa gewinnen wir, wenn wir uns von Jesus Christus die Augen öffnen lassen für sein Heil, das alle Grenzen überschreitet? Sehen wir die anderen Menschen jenseits des Rheins? Sehen wir die Menschen jenseits von kirchlichen oder staatlichen Grenzen? Sehen wir ihre Sorgen um Sozialdumping und ihre Probleme mit fehlenden Arbeitsplätzen? Sehen wir aber auch ihre Lebenschancen einer erhöhten Mobilität und ihre Freiheit zur Bewegung und zur Begegnung? Sehen wir die Chancen grenzenloser Kommunikation und grenzüberschreitenden Handels? Sehen wir beim Blick auf Europa nur die Gefahren einer Globalisierung der Märkte mit all den schädlichen Nebenwirkungen, die wir in diesen Tagen diskutieren: das Auseinandergehen der Schere zwischen Reich und Arm und das Aufbrechen neuer Gerechtigkeitslücken in diesem Kontinent, der stolz ist auf seine Menschenrechtstradition? Und was sehen wir an diesem Tag, an dem wir des Kriegsendes vor 61 Jahren gedenken? Sehen wir das, was an Aussöhnung zwischen früheren Todfeinden gelungen ist? Sehen wir in den Menschen diesseits und jenseits des Rheins noch die Fremden oder doch die Freunde, die nicht nur zur Fußballweltmeisterschaft bei uns zu Gast sein sollen?
Den Blick schärfen
Ja, was sehen wir? Christus hat uns die Augen geöffnet, damit wir das Leben in seiner ganzen Fülle in den Blick nehmen. Mit unserer Art zu sehen sollen wir mithelfen, verengte Blickwinkel zu weiten. Sollen wir helfen, partiellen Wahrnehmungen zu wehren. In diesen Tagen unserer Konferenz der Kirchen am Rhein soll unser Blick geschärft werden, damit wir jene Faktoren scharf erkennen und benennen, die zu einer Vermehrung von Reichtum und Armut führen und dazu, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Und ich bin dankbar, dass wir durch kluge Referenten in diesen Tagen eine gute Sehhilfe zur Wahrnehmung von Phänomenen und ihren Gründen erhalten. Aber unser durch Christus geöffneter Blick darf eben nicht begrenzt bleiben auf das, was vor Augen ist. Vielmehr müssen wir die Probleme und Fragestellungen der neuen Armut und des neuen Reichtums zugleich einordnen in den weiten Horizont des durch den Auferstandenen geschaffenen Heils für alle Welt.
"Mit den Augen des Glaubens schauen, bedeutet, hinter der Globalisierung der Märkte jene viel grundlegendere und umfassendere Globalisierung zu entdecken, die mit der Erlösungstat Christi für diese Welt geschehen ist."
Ja, unsere Augen sind geöffnet, das Heil zu schauen, Gottes Reich der Gerechtigkeit. Das ist der Horizont, unter dem wir auf unser Leben, auf Europa, auf unsere Welt schauen. Und dann erkennen wir, dass der Blick auf die Globalisierung der Märkte im vereinten Europa nicht reicht. Dann erkennen wir die Verkürzungen, die in einem bloß materiellen Begriff von Armut und Reichtum liegen. Dann erkennen wir, dass die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen nicht nur als Ergebnis eines politischen Prozesses gesehen werden kann. Mit den Augen des Glaubens schauen, bedeutet, hinter der Globalisierung der Märkte jene viel grundlegendere und umfassendere Globalisierung zu entdecken, die mit der Erlösungstat Christi für diese Welt geschehen ist. Mit den Augen des Glaubens schauen, bedeutet, jene Armut in den Blick zu nehmen, die ein Leben ohne Gott darstellt, und jenen Reichtum zu entdecken, den allein der Glaube zu schenken vermag. Mit den Augen des Glaubens schauen, bedeutet, hinter der Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen die Versöhnungskraft zu entdecken, die uns geschenkt wurde, weil Jesus Christus uns mit Gott versöhnt und uns so zum Dienst der Versöhnung ermutigt und befähigt hat.
Mit den Augen des Glaubens sehen
Mit den Augen des Glaubens sehen lernen, bedeutet, hinter die Vordergründe des Lebens zu sehen, Leben in seiner ganzen Fülle wahr zu nehmen. Mit den Augen des Glaubens schauen wir heute zurück auf das Kriegsende vor 61 Jahren und sehen nicht nur den Frieden zwischen ehemaligen Todfeinden. Sondern wir entdecken auch den, der uns ermächtigt und berufen hat, als Friedensstifter in der Welt zu wirken. Mit den Augen des Glaubens sehen wir auf die Arbeit der Kirchen am Rhein und sehen nicht nur, was in Jahrzehnten gewachsen ist an konstruktiver Zusammenarbeit. Sondern wir sehen auch den Grund des Glaubens, der vor all unserem gemeinsamen Tun durch Jesus Christus für uns gelegt worden ist. Mit unseren Schwestern und Brüdern im Elsass freuen wir uns, dass dieser gemeinsame Grund nun auch am gestrigen Tag in der Vereinigung der reformierten und der lutherischen Kirche im Elsass seinen nach außen sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Wo wir mit unseren menschlichen Augen nur das Menschenwerk von Versöhnung und Verständigung sehen, da schauen wir mit den Augen des Glaubens auf das, was Jesus Christus für uns getan hat, um Grenzen nieder zu reißen und Versöhnung zu stiften. Er hat mit seinem stellvertretenden Leiden für alle Menschen auf der Welt den Riss geschlossen, der uns von Gott trennte. Durch sein Grenzen niederreißendes versöhnendes Tun werden wir ermutigt, unsererseits für grenzüberschreitende Versöhnung einzutreten.
"Den Blick des Glaubens aber brauchen wir, um Probleme einordnen und gewichten zu können und nach angemessenen Lösungen zu suchen."
Möge Gott uns immer wieder die Augen des Glaubens öffnen, dass wir dies sehen. Und mögen wir aus dieser Sicht des Glaubens dann auch unsere Welt scharf in den Blick nehmen. Denn: Der Blick der Augen ist das eine. Ihn brauchen wir, um die Probleme der Welt zu erkennen. Den Blick des Glaubens aber brauchen wir, um diese Probleme einordnen und gewichten zu können und nach angemessenen Lösungen zu suchen. Christus hat nicht nur damals dem Blinden von Betsaida die Augen geöffnet, sondern er hat an Ostern uns allen eine neue Sicht des Glaubens geschenkt.
Amen.
