Der Advent Gottes: Ansteckende Visionen

Gottesdienst zur Einweihung des Gemeindehauses in Vörstetten am 10.12.2006 (2. Advent); Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Jes 35,3-10

Der heutige 2. Advent ist ein Festtag für diese Gemeinde. Heute gilt es, Gott zu danken dafür, dass er mit dem Bau eines neuen Gemeindehauses ein Zeichen der Hoffnung für seine Kirche gesetzt hat. An einem solchen Festtag, an dem sich ein Traum erfüllt hat, geht der Blick nach vorn in die Zukunft. Im Hochgefühl eines solchen Festes werden die Mühen der Vergangenheit vergessen. Im Hochgefühl eines solchen Festes ist nichts mehr zu spüren von müden Händen und weichen Knien, ist nichts zu spüren davon, dass unserem Leben oft über lange Strecken Hoffnungen und Visionen fehlen.

In das Hochgefühl des heutigen Festtages hinein spricht als Predigttext zum 2. Advent zu uns das Wort eines Propheten, der eigentlich keinen Anlass hatte für festliche und adventliche Gefühle. Dieser Prophet lebte in visionsarmer, dürftiger Zeit; in einer Zeit, in der das Volk Israel weit verstreut im persischen Reich leben und auf seine Heimkehr nach Israel warten musste; in einer Zeit, in der die großen Weissagungen der alten Propheten zum Teil noch immer auf ihre Erfüllung warteten. In dieser visionsarmen, dürftigen Zeit erinnerte einer sich der großen Prophezeiungen des Jesaja und schrieb folgende Worte:
„Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Sagt den Verzagten: 'Habt Mut! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!' Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergel­tung; er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen. An dem Ort, wo jetzt die Schakale sich lagern, gibt es Gras, Schilfrohr und Binsen. Eine Straße wird es dort geben; man nennt sie den Heiligen Weg. Kein Unreiner darf ihn betreten. Er gehört dem, der auf ihm geht. Unerfahrene gehen nicht mehr in die Irre. Es wird keinen Löwen dort geben, kein Raubtier betritt diesen Weg, sie sind dort nicht zu finden. Dort gehen nur die Erlösten. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauch­zen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen entfliehen.“

Wir müssen uns das vorstellen: Da waren die alten Verheißungen der großen Propheten enttäuscht worden. Da waren ihre Visionen verflogen. Da hatte man sich darauf eingestellt, dass eigentlich nichts Großes mehr geschehen würde. Da war die Müdigkeit an jeder Straßenecke zu spüren, auf jeder öffentlichen Veranstaltung und in jedem Gottesdienst. Da machte sich Müdigkeit breit. Und hinein in diese Müdigkeit ruft nun einer: „Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Sagt den Verzagten: 'Habt Mut! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!' Er selbst wird kommen und euch erretten.“ Und dann erinnert er sich an die Worte alter Propheten und schildert das Kommen Gottes in buntesten Farben, so bunt, dass auch uns die Bilder des Kommens Gottes faszinieren. Ja, fast wird einem schwindelig angesichts der Fülle dieser wunderbaren Bilder. Gott kommt zur Rettung - höchst anschaulich und kon­kret: Menschen werden geheilt, die schlimmsten körperlichen Ge­brechen verschwinden. Wüsten fangen an zu blühen, wüstes Land wandelt sich zum Garten Eden, zum Paradies. Und für Menschen in der Zerstreuung tut sich ein Weg auf zum Zion, ein heiliger Weg, der sie zu Gott führt. Welch eindrucksvolle Bilder des Kommens Gottes! Welch wunderbare Bilder des Advents! Endlich wieder eine Vision nach Jahren der Enttäuschung! Endlich wieder eine Zukunftsperspektive in dürftiger Zeit!

"Aber Achtung! Zu leicht könnten diese Bilder uns dazu verleiten, den Alltag zu verdrängen. Die prophetische Schwärmerei steht in der Gefahr, zur wirklichkeitsfremden Träume­rei zu werden."

Liebe Gemeinde, Sie merken schon, dass die Bilder dieses prophetischen Textes wunderbar hineinpassen in die Hochstimmung des heutigen Festtages. Aber Achtung! Zu leicht könnten diese Bilder uns dazu verleiten, den Alltag zu verdrängen. Die prophetische Schwärmerei steht in der Gefahr, zur wirklichkeitsfremden Träume­rei zu werden. Denn noch gibt es nicht nur die Hochstimmung des Festes, sondern auch die müde machende Routine des Alltags. Noch gibt es die Mühen des Gemeindealltags, in dem oft so wenig Erfolgreiches zu sehen ist. Noch gibt es körperliche Gebrechen, die Men­schen quälen. Noch gibt es Leiden, das nicht geheilt werden kann. Noch leben wir nicht im Paradies. Noch sind wir dabei, die Welt immer mehr zu verwüsten. Noch gibt es die grausame Wirklichkeit des Krieges im Irak und im Sudan und die Ströme von Armuts­flüchtlingen, die auf den Kanarischen Inseln landen und auch an unsere Tür klopfen.


Mehr als schöne Träume

Und dennoch will ich mich und Sie an die wunderba­ren Bilder dieser prophetischen Verheißung erinnern. Will ich Ihnen und mir die wunderbaren Bilder des Advents Gottes vor Au­gen malen. Denn diese Bilder sind mehr als nur schöne Träume. So wie sich die Weissagungen der alten Propheten immer wieder in der Geschichte des Volkes Gottes in Teilen erfüllt haben, und wie sie dann doch wieder über jedes geschichtliche Ereignis hinauswiesen, so hat auch die Verheißung unseres Predigttextes in Teilen Erfüllung gefunden. Erinnern wir uns: Als Jesus ge­fragt wurde „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“, da antwortete er, indem er Bilder unse­rer prophetischen Verheißung aufnahm: „Seht, Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote ste­hen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Und was Je­sus hier sagte, das hat er mit Taten bestätigt, indem er Men­schen heil machte und zu neuem Leben brachte. Und mit Recht se­hen wir Christenmenschen im Kommen Jesu eine Erfüllung, eine Teilerfüllung dieser großen prophetischen Verheißung. Mit Recht feiern wir seine Ankunft als wesentlichen Teil des Ad­vents Gottes: „Seht, hier ist euer Gott. Er selbst wird kommen und euch erretten.“

Dieser Blick auf Jesus lässt uns fragen: Gibt es nicht auch heute für uns Teilerfüllungen von Ver­heißungen? Gott hat uns die Wende und den Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs geschenkt, er hat Erlöste heimkehren las­sen. Gott hat uns bis heute vor der großen atomaren Bedrohung und damit vor der endgültigen Verwüstung der Welt bewahrt. Gott macht immer wieder Menschen bereit, die Gebrechen anderer zu heilen, Leben zu fördern und zu bewahren. Und mancher oder man­che hat auf wunderbare Weise an sich selbst Heilung von schwe­rer Krankheit erfahren. Können Sie nicht auch eine Teilerfüllung der großen Verheißungen Gottes für sein Volk erkennen, eine Teilerfüllung, die hinweist auf das endgültige Kommen Gottes am Ende aller Zeiten?

"Das Hören der prophetischen Verheißungen stärkt uns, kleine und erste Schritte zu tun, heraus aus der Lähmung unse­rer Seelen und aus der Gefangenschaft unserer Phantasie."

Bis es soweit ist, liegt es an uns, uns anstecken zu lassen von den wunderbaren Bildern des Advents Gottes. Uns anstecken zu lassen von der prophetischen Vision unseres Textes. Das Hin­schauen auf seine wunderbaren Bilder macht unsere Augen frei zum ehrlichen Blick auf die Schmerzen der Menschen, auf die Wunden der Schöpfung, auch auf unsere eigene Mut- und Tatenlo­sigkeit. Das Hören der prophetischen Verheißungen stärkt uns, kleine und erste Schritte zu tun, heraus aus der Lähmung unse­rer Seelen und aus der Gefangenschaft unserer Phantasie. Wo wir die Bilder der Verheißungen Gottes betrachten und auf die Worte prophetischer Verheißungen hören, da erleben wir, dass unsere müden Hände gestärkt und unsere wankenden Knie fest gemacht werden. Da werden wir befähigt, mitzuwirken an vielen Teilerfüllungen der Verheißungen Gottes. Mag sein, dass wir uns dem Leiden und der Krankheit hilflos ausgesetzt fühlen, aber wir können leidenden und kranken Menschen beistehen mit unserem Trost und mit unserer Fürbitte. Mag sein, dass wir auch in die­sen Adventstagen ohnmächtig auf die Gewalt gegen Kinder in unserem Land schauen, aber wir können etwas tun gegen die Gewalt auf unseren Straßen, in unseren Schulen. Mag sein, dass uns die Bilder von hungernden Menschen in den Dürregebieten dieser Erde auch in diesen Tagen wieder erschüttern, und unsere Spende für „Brot für die Welt“, wird sicher nicht die Wü­sten der Welt zum Blühen bringen, aber sie kann zum Zeichen der Hoffnung werden für Menschen in den Dürregebieten unserer Erde. Mag sein, dass wir uns hilflos fühlen angesichts des Flücht­lingselends in Afrika und Lateinamerika, aber wir können Men­schen auf der Flucht vor Hunger, politischer Verfolgung oder sozialer Not, die auf Herbergssuche zu uns kommen, aufnehmen und Bleiberecht und Heimat geben. Angesteckt von den Visionen der Propheten können wir mit gestärkten Händen und Füßen mitwirken an den Teilerfüllungen der großen Verheißungen Gottes. Können wir selbst Zeichen seines Kommens in dieser Welt aufrichten.


Ansteckende Visionen

So kommt es entscheidend darauf an, dass wir uns anstecken las­sen von der Vision unseres Predigttextes. Solch ein Anstecken gelingt aber nicht nur über das Denken, es bedarf auch der An­schauung, es bedarf auch unserer Sinne. Deshalb will ich diese Predigt schließen mit zwei sinnlichen Aktionen. Zunächst möchte ich Ihnen anschaulich verdeutlichen, wie mit kleinen Kräften eine Wüste zu blühen beginnen kann. Hier sehen Sie eine Wüsten­pflanze. Man nennt sie "Rose von Jericho". Sie ist hässlich, vertrocknet und braun. Ich werde nun etwas Wasser über diese vertrocknete Pflanze gießen, und am Schluss des Gottesdienstes werden Sie selbst sehen können, wie diese Pflanze sich entfal­tet. Wie sagte doch der Prophet: „In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen“.

Und schließlich wollen wir singen von der großen Weissagung des Propheten:
Alle Knospen springen auf, fangen an zu blühen.
Alle Nächte werden hell, fangen an zu glühen.
Alle Menschen auf der Welt fangen an zu teilen,
alle Wunden nah und fern fangen an zu heilen.
Alle Augen springen auf, fangen an zu sehen.
Alle Lahmen stehen auf, fangen an zu gehen.
Alle Stummen hier und da fangen an zu grüßen,
alle Mauern tot und hart werden weich und fließen.
Schenke uns Gott, dass unser Singen uns öffne für die Wahrheit seiner Verheißung und dass es unsere müden Hände stärke und un­sere wankenden Knie fest mache.
Amen