Schonungslose Bestandsaufnahme und Einladung zur Umkehr

Gottesdienst zum Bußtag, Ludwigskirche Freiburg am 22.11.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Apk 3,14-22

Liebe Gemeinde,
seit seiner Einrichtung im 19. Jahrhundert ist der Bußtag ein Tag der öffentlichen Besinnung. Ein politisch bedeutsamer Tag, an dem die Situation von Kirche und der Gesellschaft öffentlich vor Gott bedacht wird. Die Tatsache, dass nach der Abschaffung des Bußtages als eines arbeitsfreien Feiertages das Interesse an diesem Tag eher wieder zugenommen hat, verdankt sich nicht protestantischem Protestverhalten gegenüber einer unsinnigen staatlichen Maßnahme. Das zunehmende Interesse am Bußtag entspricht eher dem Bedürfnis vieler Menschen, in einer unübersichtlicher werdenden Welt orientierende Zeiten der Besinnung zu nutzen.


Schonungsloser Blick

Mit dem Predigttext zum heutigen Bußtag wird uns ein besonders schonungsloser Blick auf unsere kirchlich-gesellschaftliche Situation zugemutet. Es ist kein schöner Text, den wir gleich hören müssen. In ihm wird aufgedeckt und geurteilt. Hören wir aus dem 3. Kapitel der Offenbarung des Johannes das Sendschreiben an die Gemeinde von Laodizea:

„Dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich erbrechen aus meinem Mund. Denn du sprichst: Ich bin reich und habe Reichtum erworben und brauche nichts! Und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und nackt. Ich rate dir: Kaufe Gold von mir, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Nacktheit nicht öffentlich werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“

Welch ein vernichtendes Urteil über eine Gemeinde, die sich nach ihrer Meinung bestens mit ihrer gesellschaftlichen Situation arrangiert hatte! Elend und jämmerlich wird diese Gemeinde genannt. Dabei war Laodizea, diese Stadt in Phrygien, eine reiche Stadt, berühmt vor allem durch ihre Textilindustrie. Blühender Handel mit prächtigen Stoffen und Gewändern wurde getrieben. Auch die Pharmaindustrie von Laodizea war bekannt, als Exportartikel besonders gefragt war der sog. Phrygische Puder, eine Augensalbe, mit der man Blindheit zu heilen glaubte. Und anerkannt war die medizinische Schule der Stadt, in der berühmte Augenärzte lehrten. Im Jahr 60 n.Chr. wurde Laodizea von einer Naturkatastrophe heimgesucht. Mit einer imponierenden Energieleistung wurde die Stadt wieder aufgebaut. Die Bürgerschaft war stolz auf ihre Aufbauleistung und den von ihr erschafften Wohlstand.


Reich und Stolz

An diese selbstbewusste Gemeinde richtet der Seher seinen Brief mit seiner schonungslosen Kritik. Nun könnten wir uns der Wirkung dieser Kritik entziehen, indem wir einfach sagten: „Laodizea ist weit, und wir sind nicht gemeint.“ In der Tat ist dieses Sendschreiben zunächst nicht an uns gerichtet, sondern an eine christliche Gemeinde Ende des 1. Jahrhunderts. Laodizea ist nicht Freiburg. Und dennoch. An diesem Bußtag sind wir die Gemeinde von Laodizea. Und die Gemeinsamkeiten mit jener antiken Stadt sind ja gar nicht zu übersehen. Auch wir leben in einem reichen Land. Auch wir sind stolz auf unseren Wohlstand, den wir uns erarbeitet haben, und kleiden uns gern in edle Stoffe. Auch wir sind stolz auf den medizinischen Fortschritt, der viele Krankheiten therapierbar gemacht hat. Auch uns ist selbstbewusster Bürgerstolz nichts Unbekanntes. Was Selbstzufriedenheit bedeutet, das wissen wir nur zu genau. Und deshalb müssen wir das an die Gemeinde von Laodizea Geschriebene auch uns ins Stammbuch schreiben lassen.

Also lassen wir es uns gefallen, dass mit Hilfe jenes Briefes nach Laodizea unsere eigene Lage als Kirche beleuchtet wird. Bequem wird dies nicht, denn schonungslos wird die Lauheit einer christlichen Gemeinde aufgedeckt:
Der Gemeinde, die mit ihrem großen Reichtum ihre ungeheure ökonomische Potenz beweist, wird von Jesus, der Amen heißt, gesagt: „Du bist arm. Darum kaufe Gold von mir, damit du wirklichen Reichtum erwirbst.“
Der Gemeinde, die mit ihren wunderbaren Gewändern selbstzufriedenen Bürgerstolz demonstriert, wird von Jesus, dem treuen und wahrhaftigen Zeugen, gesagt: „Du bist nackt. Darum kaufe weiße Kleider von mir, damit deine Nacktheit verborgen wird und du wirklich bekleidet bist.“
Der Gemeinde, die so stolz ist auf ihre berühmte Augenheilkunde und ihren medizinischen Forschritt, wird von Jesus, dem Anfang der Schöpfung Gottes, gesagt: „Du bist blind. Darum kaufe Augensalbe von mir, damit du wirklich sehend wirst.“

"... eine solche Kirche hat sich bedingungslos dem gesellschaftlichen Leben mit seinen beeindruckenden Seiten geöffnet und damit letztlich ihrem Herrn verschlossen."

Mit diesen drei Kaufempfehlungen Jesu wird ein vernichtendes Fazit für die Gemeinde gezogen: Sie meint alles zu haben, und hat doch nichts. Das Paktieren dieser Gemeinde mit kommunalem Kommerz, mit medizinischem Fortschritt und mit bürgerlichem Stolz macht gerade nicht ihre Stärke, sondern ihre elende Lauheit aus. Statt die Herrschaft Christi zu bezeugen, bezeugt eine Gemeinde wie Laodizea nur sich selbst. Eine solche Gemeinde, eine solche Kirche hat sich bedingungslos dem gesellschaftlichen Leben mit seinen beeindruckenden Seiten geöffnet und damit letztlich ihrem Herrn verschlossen.


Eklig lauwarm

Im Hören auf den Brief nach Laodizea müssen wir uns unbequeme Fragen gefallen lassen: Wie ist die Lage unserer Kirche, sind wir warm oder kalt oder nur lau? Wie eklig lauwarme Getränke oder Speisen schmecken, das brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Lauwarmes ist zum Erbrechen eklig.
Pflegen wir nur eine wohl situierte, laue Christlichkeit statt jenen christlichen Glauben, der unseren ganzen Einsatz fordert? Reden nicht auch wir gern einem gesellschaftlich angepassten Wohlfühlglauben das Wort?
Ist auch für uns der eigene Reichtum, der wissenschaftliche Fortschritt und der Stolz das geworden, worauf wir unser Leben gründen? Ist das von uns Erreichte zum wesentlichen Maßstab des Lebens geworden, statt uns durch das von Jesus Gebotene neu herausfordern zu lassen?
Geben wir uns selbstgenügsam zufrieden mit uns selbst, statt uns von Jesus beschenken, kleiden und heilen zu lassen? Begnügen wir uns nicht gern mit uns selbst, statt uns wirklich angewiesen zu wissen auf den Gott, der in Jesus Christus an unsere Tür klopft und von uns eingelassen werden will?
Richten wir uns nicht allzu leicht ein im Status quo, statt hoffend Ausschau zu halten nach dem, der von sich sagt „Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an“?

"Eine Kirche, die sich maßgeblich daran orientiert, wie sie sich am besten mit der sie umgebenden Gesellschaft arrangiert, trägt mit dazu bei, dass die Stimme Jesu, des treuen und wahrhaftigen Zeugen, des Anfangs der Schöpfung Gottes, nicht gehört wird."

Wie auch immer die Bilanz bei der Beantwortung dieser Fragen aussieht - sehr weit entfernt von der Gemeinde von Laodizea dürften wir, dürfte unsere Kirche nicht sein. Schonungslos wird uns gesagt: Eine Kirche, die sich maßgeblich daran orientiert, wie sie sich am besten mit der sie umgebenden Gesellschaft arrangiert, eine solche Kirche trägt mit dazu bei, dass die Stimme Jesu, des treuen und wahrhaftigen Zeugen, des Anfangs der Schöpfung Gottes, nicht gehört wird. Sie trägt mit dazu bei, dass die Tür zu diesem Jesus nicht geöffnet wird.


Einladung zur Umkehr

Aber nun kommt das Überraschende. Wo ein Vernichtungsurteil erwartet würde, eröffnet Jesus der Gemeinde von Laodizea eine Zukunftsperspektive. Obwohl Laodizea von allen sieben Gemeinden in den Sendschreiben der Johannesoffenbarung die negativste Wertung erhält, liebt Jesus diese Gemeinde: „Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich.“.
Obwohl Jesus diese Gemeinde wegen ihrer Sattheit satt hat, öffnet er ihr mit seiner zurechtweisenden und damit zurecht bringenden Liebe eine Perspektive, den Weg der Umkehr: „So sei nun eifrig und tue Buße!“
In seiner aufdeckenden, nichts verheimlichenden Liebe öffnet er die Gemeinde für sein Wort und verheißt ihr eine herrliche Zukunft: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Liebe Gemeinde, das genau macht die Freude der Buße aus. Wir brauchen nicht stehen zu bleiben bei einer schonungslosen Analyse unserer Situation. Uns wird die Chance zur Umkehr gegeben. Wir dürfen erkennen, wie bedürftig wir sind - trotz allen Reichtums, trotz allen medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts, trotz aller Selbstgenügsamkeit. Jesus lädt uns ein zur Umkehr. Er steht vor der Tür und klopft an.
Und dann können wir uns ihm öffnen. Können ihm bekennen, dass jeder Versuch, durch Wohlstand Sicherheit zu gewinnen, Ausdruck geistlicher Armut ist und dass es solche geistliche Armut auch in unserer Kirche gibt. Dann können wir in unserer Gesellschaft und bei uns selbst die Pflichten benennen, die sich aus materiellem Wohlstand ergeben. Wir können laut und vernehmlich an die Sozialpflichtigkeit von Eigentum und Vermögen erinnern. Wir können öffentlich einfordern, dass alle in unserem Land gemäß ihrem Vermögen zum Gemeinwohl beitragen müssen.

"Und dann befreit uns Jesus von der blanken Konzentration auf uns selbst, von unserer nackten Selbstzufriedenheit. Indem er an die Tür klopft, fragt er uns, ob wir wirklich bei uns selbst bleiben wollen."

Und dann heilt Jesus unsere Blindheit. Öffnet uns die Augen für die Gefahren des medizinisch-technischen Fortschritts. Gerade erst in diesen Tagen hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Antrag auf Ausdehnung der Embryonen verbrauchenden Stammzellforschung gestellt. Sind wir immer noch blind für die Gefahr, die in solcher Forschung liegt? Dass nämlich der unendliche Wert menschlichen Lebens beschädigt wird, wenn menschliches Leben zu Forschungszwecken verbraucht wird.
Und dann befreit uns Jesus von der blanken Konzentration auf uns selbst, von unserer nackten Selbstzufriedenheit. Indem er an die Tür klopft, fragt er uns, ob wir wirklich bei uns selbst bleiben wollen. Er weckt in uns die Sehnsucht nach seiner Gemeinschaft, in der wir uns geborgen fühlen wie in einem gut sitzenden Kleid. Angetan mit dem weißen Kleid der Liebe Jesu sind wir eingeladen zur Gemeinschaft mit ihm, zur Tischgemeinschaft in seinem himmlischen Reich.

So lässt uns das Besinnen dieses Bußtags nicht allein mit einer schonungslosen Bestandaufnahme. Es weist uns den Weg der Umkehr und führt uns vor die Tür, an die Jesus klopft. Er klopft an. Öffnen wir? Lassen wir uns locken von seiner Verheißung: „Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir“?
Amen.