Musik - ein Fenster zum Glauben

Gottesdienst zum 10jährigen Jubiläum des Coro Piccolo, Stadtkirche Karlsruhe am 29.10.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Gal 5,1

Liebe Gemeinde,
“Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Diese Worte des Paulus aus dem 5. Kapitel eines Briefes an die Galater sind die kürzeste und wohl prägnanteste Zusammenfassung der christlichen Botschaft. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ In diesen wenigen Worten ist die ganze Entdeckung Martin Luthers, die Grundlage der Reformation war, kurz und bündig zusammengefasst.


Freiheit eines Christenmenschen

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Christus ist für die Menschen eingetreten. Er hat sich jenen zugewandt, die nichts leisten konnten. Er hat durch sein Leben, Leiden und Sterben gezeigt, dass Gottes Liebe nicht abhängig ist von Vorleistungen unsererseits. Ohne jede Vorbedingung hat er die Menschen angenommen, ihnen vergeben, sie heil gemacht. Dieses bedingungslose liebende Tun Gottes in Jesus wurde an Ostern in seiner befreienden Macht deutlich. Christus hat uns befreit vom Zwang, vor Gott etwas zu gelten zu wollen,
befreit vom Zwang, Gebote und Moral praktizieren zu müssen, um Gott zu gefallen,
befreit vom Zwang, uns selbst durch eigenes Tun verwirklichen zu müssen.
Unser Leben beginnt mit Gottes Ja zu uns. Mit Gottes Zusage „Ich liebe dich.“ Diese Zusage der Liebe erfahren wir durch die Liebe anderer Menschen, durch Bewahrung und Segen, in Glück und in Trost. Auf diese Zusage der Liebe gründet unser Glaube, gründet unser Leben.

"Unser Leben ist mehr als das, was wir aus ihm machen, es ist zu aller erst und zuletzt ein Geschenk des liebenden Gottes. Dieses zu wissen, schafft Freiheit."

Das war die befreiende Entdeckung des Paulus. Das war die befreiende Entdeckung der Reformation. Der aus dem badischen Bretten stammende Reformator Philipp Melanchthon hat diese Entdeckung eindringlich formuliert: „Das heißt Christus erkennen: seine Wohltaten erkennen.“ Ja, wir sind bedrohte Menschen. Wir brauchen einen, der nicht aufhört, für uns und für unsere Welt vor Gott einzustehen. Was uns trägt, was uns Boden unter die Füße und einen freien Sinn gibt, das sind zuerst und zuletzt die Wohltaten Christi für uns. Wir Menschen verdanken uns nicht uns selbst, sondern der in Jesus Christus Gestalt gewordenen Gnade Gottes. Unser Leben ist mehr als das, was wir aus ihm machen, es ist zu aller erst und zuletzt ein Geschenk des liebenden Gottes. Dieses zu wissen, schafft Freiheit. Am Anfang der Reformation stand diese Entdeckung der Freiheit eines Christenmenschen. Das ist die reformatorische Urerfahrung, dass aus Gottes bedingungsloser Liebe eine bedingungslose Bindung an Gott entsteht, die frei macht gegenüber aller Welt. Evangelisch sein bedeutet vor allem, diesen Wert einer aus der Gottesbindung gewonnenen unbedingten Freiheit in allen weltlichen Bezügen zu wahren. Wer spürt heute nicht, wie unentbehrlich die von der Reformation entdeckte Freiheit eines Christenmenschen ist als ein wichtiges Gegenüber zu angeblichen Sachzwängen und wirtschaftlichen Eigengesetzlichkeiten. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass auch in Zukunft die Botschaft von der christlichen Freiheit, wie sie vor einem halben Jahrtausend in der Reformation neu entdeckt wurde, ein unentbehrlicher Beitrag zur Kultur einer freiheitlichen Gesellschaft sein wird.


Von der Freiheit predigen - durch Musik!

Die durch Christus gewirkte Freiheit gilt es einzubringen in die Gestaltung unserer Gesellschaft. Von dieser Freiheit gilt es zu predigen - und dies nicht nur mit dem gesprochenen Wort. Nein, oft ist die viel eindrücklichere Predigt von der Freiheit eines Christenmenschen die Predigt durch die Musik. „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ Mit diesen Worten hat Martin Luther die Wirkung der Musik beschrieben. Ich könnte noch hinzufügen: Nichts war auf Erden kräftiger, die Sache der Reformation zu befördern, als die Musik. Denn Lieder waren es, mit denen reformatorische Theologie und evangelisches Katechismuswissen unters Volk gebracht wurden. Die Reformation war auch und vor allem eine Singbewegung. Durch das Singen neuer Lieder erreichte reformatorische Theologie die Massen, deren Sache es nicht ist, theologische Diskussionen zu führen, die aber einen Mund zum Singen und ein offenes Herz für die Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen haben. Und so wurde das Singen geradezu zum Spezifikum evangelischer Frömmigkeit.

"Auch in der evangelischen Kirche, die sich seit der Reformation als Kirche des Wortes versteht, ist heute für viele Menschen die Kirchenmusik das wichtigste Fenster zum Glauben geworden."

So ist es wunderschön, dass wir sozusagen am Vortag zum Reformationsfest in diesem Gottesdienst nicht nur das gepredigte Wort hören, sondern vor allem die verkündigende Musik des CoroPiccolo. Von der Freiheit eines Christenmenschen singt er besonders, wenn er die Werke des wichtigsten evangelischen Komponisten zur Aufführung bringt, die Werke J.S.Bachs, des „fünften Evangelisten“. Dieses Singen bekommt eine immer größere Bedeutung. Denn wir müssen uns klar machen: Auch in der evangelischen Kirche, die sich seit der Reformation als Kirche des Wortes versteht, ist heute für viele Menschen die Kirchenmusik das wichtigste Fenster zum Glauben geworden – oft leichter zu öffnen als das Fenster des gepredigten Wortes.


Ein Fenster öffnen

Um Menschen Fenster des Glaubens zu öffnen, ist es unverzichtbar zu singen. Um Menschen die befreiende Botschaft der Bibel zu vermitteln, müssen wir als Kirche der Reformation singende Kirche sein. Wie verarmt unser Glaubensleben ohne das Singen! Im Singen werden wir befähigt, uns frei zu singen gegen alle erdrückenden Welterfahrungen, die so scheinbar gar keinen Anlass zum Singen geben. Zu singen, auch wenn unsere Lieder übertönt werden von Schüssen, die über die Erde hallen. Zu singen auch, wenn wir erleben müssen, dass wir Menschen etwas schuldig geblieben sind. Zu singen in Zeiten der Trauer, wenn uns durch den Tod eines Menschen die Kehle zugeschnürt erscheint. Im Singen trotzen wir erdrückenden Welterfahrungen, öffnen wir uns für Gott und gewinnen so Freiheit von der Welt. Im Singen erkennen wir uns als Menschen, die schlechthin abhängig sind von der bedingungslosen Liebe Gottes.

„Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen... Solches Singen vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich.“ Mit diesen Worten erinnert Martin Luther nachhaltig daran, dass eine singende Kirche immer eine Kirche sein wird, die sich der uns von Gott geschenkten Liebe erinnert. Nicht nur die Reformation der Kirche damals begann mit dem Singen, sondern auch die Erneuerung der Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt. Darum singen wir die Botschaft in alle Welt hinaus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“
Amen.