Zu Gen 28,10-15
Liebe Gemeinde!
„Erinnern und erneuern“, unter diesem Motto haben wir in diesem Jahr an vielen Orten der Einführung der Reformation in Baden und in der Kurpfalz vor 450 Jahren gedacht. Heute findet dieses Reformationsgedenken mit einem Festtag seinen Abschluss. Hinter uns liegt ein längerer Konsultationsprozess, in dem nach Wegweisungen zur Zukunft des Protestantismus gefragt wurde. Zunächst aber feiern wir Gottesdienst unter dem Thema dieses Tages „himmelwärts und erdverbunden“. Und welcher biblische Text würde besser zu diesem Thema passen als die Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter aus dem 28. Kapitel des Buches Genesis?
Ein alter Traum
Als Sie diese uralte Erzählung hörten, mögen manche von Ihnen ins Träumen geraten sein.
Denn wer träumt nicht gern vom Himmel und von Leitern, die hinauf führen in die Höhe?
Wer träumt nicht gern davon, dass sich Himmel und Erde miteinander verbinden?
Dass alles Schwere abfällt und der Weg nach oben federnd leicht gegangen werden kann? Wer träumt nicht gern davon, aller irdischen Lasten enthoben zu sein - dem Himmel nah und seiner Weite?
Jakob träumt einen solchen Traum. Aber nicht er steht oben auf der Leiter. Engel sind es, Boten Gottes. Gottes Welt sieht er ganz oben und sich selbst auf einem Stein liegen - ganz unten. Ein eigenartiges Bild, dieses Bild von den Engeln, die auf der Leiter auf und nieder steigen, als könnten sie nicht fliegen. Als ein Kind einmal gefragt wurde, weshalb die Engel auf der Treppe auf und nieder steigen, da antwortete es: „Sie können nicht fliegen, sie haben gerade die Mauser.“ Aber nicht doch! In diesem Fall tut Kindermund keine Wahrheit kund. Die Engel steigen auf und nieder, weil sie an der Arbeit sind. Sie bauen an der Brücke zwischen Himmel und Erde. Sie stellen die Verbindung her zwischen der Erde, der Welt Jakobs, und dem Himmel, der Welt Gottes.
"Wer träumt nicht davon, (...) dass im irdischen Wirken irgendwie auch immer wieder ein Stück Himmel herunterkommt auf die Erde..."
Wer träumt nicht davon, dass das ganz Irdische, das tagaus tagein getan wird, in Beziehung kommt zum Himmel, zum Ewigen? Dass all das, was an Irdischem täglich bedacht wird, Bedeutung hat über den Tag hinaus, vielleicht auch für die Ewigkeit?
Wer träumt nicht davon, bei allem Irdischen, das zu gestalten ist, nicht auf sich allein gestellt zu sein und auf Fakten, die hart sind wie Stein?
Wer träumt nicht davon, bei allem irdischen Tun Zuarbeit vom Himmlischen zu bekommen, die ihm Kraft für die eigene Arbeit schenkt?
Wer träumt nicht davon, dass sich das Alltagsgeschäft nicht erschöpft in der Regelung bloß irdischer Angelegenheiten; sondern dass im irdischen Wirken irgendwie auch immer wieder ein Stück Himmel herunterkommt auf die Erde:
ein Stück Frieden in allem Tumult,
ein wenig Menschlichkeit im harten Geschäft des Alltags,
ein wenig Sinn inmitten so vieler Sinnlosigkeiten,
ein Augenblick des Durchblicks angesichts der vielen Unübersichtlichkeiten des Lebens?
Zusammenhänge zwischen der irdischen Wirklichkeit und der Wirklichkeit Gottes
Jakob träumt einen solchen Traum - damals, als er auf der Flucht war vor seinem Bruder Esau. Damals, als er noch nicht wusste, ob es für ihn eine Zukunft geben würde - versöhnt mit seinem Bruder. Träume sind nicht nur Schäume. Sie geben vielmehr tiefere Einblicke in die Wirklichkeit als sie der menschliche Verstand erreichen kann. Auch der Traum Jakobs erschließt Wahrheit. Wie er Jakob Einblicke gewährte in die inneren Zusammenhänge zwischen seiner irdischen Wirklichkeit und der Wirklichkeit Gottes, so erinnert er uns daran, dass das irdische Geschäft, das wir wahrnehmen, kein bloß irdisches Tun ist. Es ist auch nicht einfach ein himmlisches - wer wollte das behaupten! Aber irgendwie gehören das Irdische und das Himmlische zusammen und sind geheimnisvoll miteinander verbunden wie mit einer Traumtreppe, auf der Engel als Boten Gottes ihre Arbeit vollbringen.
Die traumhafte, himmlische Geschichte Jakobs geht ganz irdisch weiter. Jakob erkennt: „Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ Früh steht Jakob auf und aus dem Stein, der ihm Ruhestein war für die Nacht und Traumstein für seinen Blick in den Himmel, aus diesem Stein baut er ein Steinmal. Er verspricht, daraus einstmals noch ein Haus Gottes zu bauen, ein Bethel. So geht Jakob an die irdische Arbeit, ohne dabei zu vergessen, was er himmlisch geschaut hat. So wird ein irdischer Stein zum Gedenkstein für den himmlischen Gott, zum Brückenstein zwischen Himmel und Erde.
Berührung von Himmel und Erde
Ja, wer Gottes Gegenwart segnend erfahren hat, kann sich an die irdische Arbeit machen. Genau dies veranschaulicht die „Himmelsleiter“, nicht nur in unseren Träumen! Jeder Gottesdienst will eigentlich nichts anderes, als dass Menschen erfahren: Hier berühren sich Himmel und Erde! Schon wenn die Glocken zum Gottesdienst rufen, werden sie wahrgenommen als Boten zwischen Himmel und Erde. Und die Liturgie eines Gottesdienstes ist eben kein bloß irdisches Geschehen, sondern sie will die Berührung zwischen Himmel und Erde ermöglichen, das können wir von den Orthodoxen lernen. Zwar sind wir als evangelische Kirche mit Recht stolz, Kirche des Wortes zu sein, aber wir beginnen zu begreifen, dass wir der kognitiven Vermittlung des Glaubens eine Glaubensvermittlung mit Erlebnisqualität zur Seite stellen müssen. Nicht nur mit dem Kopf, auch mit dem Herzen gilt es Menschen erleben zu lassen, wie sich Erde und Himmel berühren.
"Kirche, die nur irdisch wäre, wäre nichts anders als ein Vereinshaus. Kirche, die nur himmlisch wäre, wäre ein Esoteriktempel."
Deshalb bekommen Kirchengebäude auch im Protestantismus eine immer größere Bedeutung. So wie die Himmelsleiter in der Erzählung von Jakob, so ragen die Türme von Kirchen in den Himmel und weisen damit weithin sichtbar auf die himmlische Welt Gottes hin. Mit ihrer Architektur und mit ihrer Ausstrahlung symbolisieren Kirchen die Verbindung von Himmel und Erde und laden damit ein zur Begegnung mit Gott. In einer Kirche geht es – wie sonst in der Welt – um ganz irdische Fragen unseres Menschseins, um unsere ganz menschlichen Fragen und Ängste, um unsere ganz menschlichen Nöte und Orientierungsnotwendigkeiten. Aber dieses allzu Menschliche wird in einer Kirche im Horizont des ganz Himmlischen betrachtet. Zugleich geht es in der Kirche um ganz Himmlisches, das in seinen Konsequenzen für unser irdisches Leben bedacht wird. Kirche, die nur irdisch wäre, wäre nichts anders als ein Vereinshaus. Kirche, die nur himmlisch wäre, wäre ein Esoteriktempel. Das Besondere einer Kirche besteht gerade darin, dass sie Himmel und Erde miteinander verbindet:
Gotteswort und Menschenwort,
den Heiligen und die menschliche Sündhaftigkeit,
das Reich Gottes und die Gestaltung des irdischen Lebens,
das Himmelreich und das Leid der Menschen,
das Göttliche und das allzu Menschliche,
den Gesang der Engel im Dreimal Heilig des Abendmahls und den irdischen Klang unserer Posaunen und Orgeln, unserer Gitarren und unserer menschlichen Stimme,
den in den Himmel ragenden Turm und das die Erdverbundenheit symbolisierende Fundament aus Stein.
Dass es um diese Verbindung zwischen Himmlischem und Irdischem geht, spüren die Menschen traumwandlerisch sicher und deshalb suchen sie besonders die Kirchen auf, um ihre irdischen Fragen und Probleme, Nöte und Freuden vor Gott zu tragen in der Hoffnung, dass sich ihnen im Hause Gottes eine Pforte zum Himmel auftut. Ich erinnere mich genau, wie in den Tagen nach dem 11. September 2001 angesichts des höllischen Infernos von New York Tausende in diese Heiliggeistkirche kamen - mit der Ahnung, dass diese Kirche in besonderer Weise ein Ort ist, der als „Haus Gottes“ erfahren wird, in dem sich die Pforten zum Himmel auftun.
Himmelwärts und erdverbunden
Als Kirche der Reformation haben wir Anteil an einer 2000jährigen Christentumsgeschichte. Mehr noch: Unsere Kirche ist nicht zu denken und nicht zu verstehen ohne ihr jüdisches Erbe, das sie verbindet mit dem alttestamentlichen Gottesvolk. Unsere Kirche ist eben nicht erst 450 Jahre alt, nein: Ihre Wurzeln hat sie in Gottes Bund mit seinem Volk, ihre Anfänge hat sie bei Jesus Christus. Mit allen Kirchen der Welt teilen wir eine sehr lange Zeit der gemeinsamen Glaubensgestaltung. Mit allen Kirchen der Welt sind wir himmelwärts orientiert, orientiert an unserem Gott und seinem Himmelreich. Und zugleich sind wir – vielleicht mehr als andere Kirchen – erdverbunden. Wir pflegen den Dialog mit der Welt, mit Kultur und Wissenschaft, mit Politik und Wirtschaft, mit Religionen und Weltanschauungen. Wir überlassen die Gesellschaft nicht sich selbst, sondern entwickeln Perspektiven für ihre menschenfreundliche Entwicklung. Wir engagieren uns für das Zusammenleben der Menschen, für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. So irdisch geht es zu in unserer evangelischen Kirche - und zugleich so himmlisch.
"Alles Irdische muss Platz haben in unseren Kirchen, in unseren Gottesdiensten, in unseren Gebeten und Liedern, in unserem Tun und Handeln. Und zugleich muss alles offen sein für den Himmel, für Gottes himmlisches Wirken, für sein himmlisches Reich."
Was wäre eine evangelische Kirche ohne die Wahrnehmung irdischer Verantwortung? Und was wäre sie ohne eine himmlische Ausrichtung? Alles Irdische muss Platz haben in unseren Kirchen, in unseren Gottesdiensten, in unseren Gebeten und Liedern, in unserem Tun und Handeln. Und zugleich muss alles offen sein für den Himmel, für Gottes himmlisches Wirken, für sein himmlisches Reich. Wenn wir uns daran orientieren in unserer ganzen kirchlichen Arbeit, dann werden auch in der Zukunft viele Menschen unsere evangelische Kirche lieb gewinnen. Und sie werden hier Orte finden, an denen sie ihre schweren irdischen Sorgen abladen können in dem Vertrauen, dass sie himmlisch leicht werden.
Amen.
