Zu Jes 49,1-6
Liebe Gemeinde,
wann haben Sie zum letzten Mal mit jemandem über ihren Glauben gesprochen? Oder haben Sie noch niemals anderen davon erzählt, was Ihnen Ihr Glaube an Gott bedeutet oder die Orientierung an Jesus Christus? Haben Sie sich noch nie getraut, anderen zu sagen, wie wichtig es Ihnen ist, zu einer Gemeinde zu gehören oder zum Gottesdienst zu gehen? Haben Sie sich noch niemals mit einer vom Glauben her begründeten Meinung in öffentliche Diskussionen eingemischt, vielleicht auch in politische Debatten? Oder sind Sie der Meinung, Religion sei Privatsache? Wenn das so ist, dann liegen Sie genau im Trend der Zeit, denn über alles lassen sich Menschen in Talkshows aus, nur nicht über ihren Glauben. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass das Reden von Gott verpönt ist. Als gäbe es um uns herum nicht unzählig viele Menschen, denen wir die Botschaft vom Heil Gottes für alle Welt schuldig wären. Aber Schweigen und Sprachlosigkeit in Sachen des Glaubens sind gewohnte Verhaltensmuster - bis hinein in unsere Kerngemeinden. Es ist mit Händen zu greifen, dass es uns als „Kirche des Wortes“ weithin buchstäblich die Sprache verschlagen hat.
Vergebliche Arbeit?
Im Predigttext zum heutigen Sonntag begegnen wir einem Menschen, dem es wohl auch die Sprache verschlagen hatte. Er war von Gott beauftragt, mit Worten zu wirken. Das war vor mehr als 2500 Jahren, als das Volk Israel nach Babylon deportiert war. Dort sollte jener Mensch als Prophet für das Volk Israel verkündigend wirken. Offenkundig hatte er aber nur wenig Erfolg. Sein Leiden an seinem Auftrag hat jener Unbekannte in eindrucksvollen Liedern niedergeschrieben. Weil dieser Mensch den Ehrennamen „Gottesknecht“ trug, nennen wir seine Lieder „Gottesknechtslieder“. Im zweiten dieser Lieder, im 49. Kapitel des Jesajabuches, lesen wir folgende Worte:
„Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wie wohl mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen. Daher mache ich dich zum Licht der Heiden, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.“
Da wird ein Mensch von Gott berufen, um in seinem Namen zu reden. Seine Worte haben durchdringende Kraft wie ein scharfes Schwert und weitreichende wie ein Pfeil. Obwohl er für seinen Dienst also mit allem ausgestattet ist, was er braucht, hat er nur mäßigen Erfolg. Er erlebt Widerstand und Erfolglosigkeit: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“ Dieser Prophet mit dem Ehrentitel „Gottesknecht“ sollte die Stämme Jakobs aufrichten und die Zerstreuten Israels wiederbringen. Aus seiner eigenen Sicht war er an diesem Auftrag gescheitert. Nun geschieht das Unfassbare und Ermutigende. Gott nimmt den Auftrag an ihn nicht zurück, sondern erweitert ihn feierlich. Es kommt zur großen Wende im Amt des Gottesknechtes. Der ganzen Völkerwelt wird kundgetan, dass sein Auftrag nicht länger auf Israel begrenzt ist. „Ich mache dich zum Licht der Heiden, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.“
Der Gottesknecht ist nicht irgendwer. Er ist das Urbild des von Gott beauftragten Menschen. Er steht stellvertretend für alle Propheten Israels. Er steht stellvertretend für sein Volk. Deshalb wurden schon bald die Lieder dieses Gottesknechtes auf Israel gedeutet - wie hier, wo von späterer Hand der Name „Israel“ eingefügt wurde, obwohl doch unverkennbar ständig von einer konkreten Person gesprochen wird. Indem der Gottesknecht mit dem Volk Israel identifiziert wird, wird sein Auftrag ausgeweitet. Was bisher dieser einzelne Mensch tun sollte, das gilt nun dem ganzen Volk Israel: Israel erhält den Auftrag, als Licht der Heiden zu wirken, damit Gottes Heil reiche bis an die Enden der Erde. Welch ein Auftrag: Licht und Heil für alle Welt!
Auftrag
Inzwischen wissen wir: Dieser Auftrag an den Gottesknecht, an Israel, hat bis heute seine vollständige Erfüllung nicht gefunden. Zu vieles noch ist dunkel in dieser Welt, zu vieles unheil. Der einst dem Gottesknecht gegebene Auftrag und seine Verheißung wurden in der Geschichte nur zum Teil erfüllt. Wichtiges erfüllte sich, als aus dem Volk Israel Jesus von Nazareth als ein großer Prophet in der Nachfolge des Gottesknechtes auftrat. Wie der Gottesknecht verkündete er Gottes Wort. Wie der Gottesknecht litt er um seines Auftrags willen. Er ging für seinen Auftrag in den Tod und erstand zum Leben. So konnte er als der Auferstandene von sich sagen: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).
"Ist uns eigentlich klar, dass wir gar nicht zur Gemeinde Gottes gehören würden, wenn der Gottesknecht nicht Nachfolger gefunden hätte, Menschen, die wie er Grenzüberschreiter wurden hin zu allen Völkern. Grenzüberschreiter im Namen des Gottes, dessen Gemeinde nicht ein Volk ist sondern die ganze Welt."
Das durch Jesus Christus gewirkte Heil reichte bald über Israel hinaus - hinaus zu Völkern in der Ferne. Es erreichte schließlich auch uns. Ist uns eigentlich klar, dass wir gar nicht zur Gemeinde Gottes gehören würden, wenn der Gottesknecht nicht Nachfolger gefunden hätte, Menschen, die wie er Grenzüberschreiter wurden hin zu allen Völkern. Grenzüberschreiter im Namen des Gottes, dessen Gemeinde nicht ein Volk ist sondern die ganze Welt. Wir verdanken unseren Platz in Gottes Gemeinde den Grenzüberschreitern, wie sie der Gottesknecht war, wie es in seinem Gefolge Jesus Christus war, wie es ein Paulus wurde, der sich beauftragt sah zu wirken als „Licht der Heiden“ (Apg 13,47). Wir wären Fremde geblieben, wenn der auferstandene Christus nicht seine Jünger hinaus gesandt hätte in alle Welt, damit alle Völker zu seinen Jüngerinnen und Jüngern würden. Um das Licht, das er selbst war, zu allen Heiden zu bringen, um aller Welt das Heil Gottes kundtun zu können, brauchte Jesus Christus seine Jüngerschar. Braucht er heute seine Kirche, braucht er uns: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14-16) - das sagt er uns. Damit gibt er den Auftrag, den einst der Gottesknecht erhielt, weiter an uns. Als Gemeinde Gottes sind wir beauftragt, als Licht der Welt zu wirken.
Die letzte Erfüllung der einst dem Gottesknecht gegebenen Verheißung steht noch aus. Denken wir nur an viele Dunkelheiten, die uns bedrücken, an Vergeblichkeiten, unter denen wir leiden. Wie viele Menschen in unserem Land etwa bemühen sich vergeblich um Arbeit. Wie viele kämpfen vergeblich an gegen eine unheilbare Krankheit. Wie viele haben Angst vor der Zukunft. Das Dunkle ist keinem von uns unbekannt. Aber über dieser Dunkelheit erstrahlt unsere Berufung: „Ich mache dich zum Licht der Heiden, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.“ Gott ruft uns in die Nachfolge seines unbekannten Propheten. Er ruft uns in die Nachfolge Israels. Er ruft uns in die Nachfolge Jesu. Gott ruft uns in die Nachfolge seines Lichtes und seines Heils. Das ist unsere Berufung.
Wir sind Gottesknechte
Mit dieser Berufung hat jeder und jede, die auf den Namen Jesu Christi getauft ist, ein prophetisches Amt inne. Die Kirche und wir alle in ihr sollen das Heil Gottes vor aller Welt bezeugen. Als Menschen, die wandeln in der Nachfolge des Gottesknechtes, in der Gemeinschaft mit dem Volk Israel, in der Nachfolge Jesu Christi, ist uns das Wort anvertraut. Deshalb ist es so wichtig, dass wir wieder lernen, über unseren Glauben so zu reden, dass andere neugierig werden auf das Licht, von dem wir Zeugnis abzulegen haben, dass sie neugierig werden auf das Heil, das unser Leben heil gemacht hat. Wir müssen in unserer Kirche neu eine Sprache des Glaubens lernen, mit der wir andere mitnehmen können auf die Suche nach dem Heil. Beim Einüben einer Sprache des Glaubens können wir vom Gottesknecht lernen: Angesichts seiner Erfolglosigkeit weiß er sich geborgen bei Gott und bekennt: „Er hat mich mit dem Schatten seiner Hand bedeckt. Er hat mich in seinem Köcher verwahrt. Mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.“ So erzählt der Gottesknecht von dem, was Gott an ihm getan hat. Und genau davon haben wir in der Kirche zu erzählen. Die Bibel ist voller Geschichten vom Glauben. Unsere Kirche ist voller Geschichten vom Glauben, die es einander zu erzählen gilt. Wenn wir etwas zu erzählen haben von dem Beistand Gottes, von seinem Licht und seinem Heil, dann legen wir mit solchem Erzählen Rechenschaft ab über die „Hoffnung, die in uns ist.“ Wenn wir etwas zu erzählen haben von unserem Glauben, dann bekommen wir „erleuchtete Augen des Herzens.“ Wer Erfahrungen des Glaubens gemacht hat, kann nicht stumm bleiben.
"Als Menschen, die Licht der Welt sein sollen, können wir vertrauen auf Christus, der als Licht zum Heil der Welt erschienen ist. Er kann unseren Worten durchdringende und weitreichende Kraft verleihen."
Wir sind Gottesknechte, das heißt: Gott mit dem Wort Dienende. Wir nehmen das prophetische Amt der Kirche wahr, indem wir unseren Mund auftun.
Indem wir etwa kräftig mit streiten, wenn der Schutz des Sonntags weiter ausgehöhlt werden soll,
indem wir Partei ergreifen für Fremde, wenn in Stammtischmanier über sie hergezogen wird,
indem wir aber auch Menschen zum Gottesdienst und in die Gemeinde einladen, weil sie dort Heilsames für ihr Leben finden können.
Wie der Gottesknecht erfahren wir dabei die scheinbare Vergeblichkeit unserer Worte. Wie der Gottesknecht aber können wir zugleich Gottes Wort vertrauen. Als Menschen, die Licht der Welt sein sollen, können wir vertrauen auf Christus, der als Licht zum Heil der Welt erschienen ist. Er kann unseren Worten durchdringende und weitreichende Kraft verleihen. Deshalb feiern wir Gottesdienst. Deshalb lassen wir uns einladen an seinen Tisch, auf dass wir gestärkt werden, unseren Mund zu öffnen zum lebendigen Zeugnis von Gottes Heil für alle Welt.
Amen
