Einer trage des andern Last - Leben aus der Taufe

Ordinationsgottesdienst, Christuskirche Karlsruhe am 24.09.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Gal 5,25-6,3

Der Predigttext für den 15. Sonntag nach Trinitatis steht im Galaterbrief des Apostels Paulus. Dort lesen wir:
„Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid, und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“

Liebe Schwestern und Brüder in der Kraft des Heiligen Geistes!
Eine ungewohnte Anrede für eine Gemeinde? Eine seltsame Anrede für frisch Ordinierte? Vielleicht. Aber eine angemessene. Denn wir würden heute nicht Gottesdienst und Ordination feiern, wenn wir nicht Menschen wären, denen Gott seinen kraftvollen Geist geschenkt hätte. Wir leben aus der Kraft des Heiligen Geistes. Wir alle sind getauft auf den Namen des dreieinigen Gottes. In der Taufe wurde uns der Geist Gottes verliehen. Seit unserer Taufe sind wir Geistliche, sind wir begeistete und darum begeisterte und hoffentlich auch begeisternde Menschen. Das ist die Grundordination aller Christenmenschen. Deshalb kann Paulus auch die Galater ausdrücklich als „Geistliche“ ansprechen, und so ist auch meine Predigt heute eine Predigt, die sich an Sie alle richtet, nicht nur an die, die heute als Geistliche ordiniert werden.


Anteilnehmen und Anteilgeben

Seit unserer Taufe sind wir begeistete, aber nicht unangefochtene Menschen. Wir haben den Heiligen Geist nicht wie einen Besitz. Immer wieder dringt Geistloses ein in unser Leben. Immer wieder geschieht es, dass wir unsere Bestimmung als Geistliche verfehlen. Weil Paulus um unsere Anfechtungen weiß, mahnt er: „Wenn wir aus dem Geist leben, dann lasst uns auch im Geiste wandeln. Lasst uns nicht prahlen, nicht einander herausfordern und beneiden.“ Das ist zunächst einmal eine Aufforderung zu einem geistvollen Umgang miteinander, zu einem geistvollen Umgang mit unseren Stärken und Schwächen. Da unsere Stärken nichts anderes sind als Gaben des Geistes, verbietet sich jede Prahlsucht. Wenn es um unsere Stärken geht, dann ist nicht Prahlsucht gefragt, sondern Mitfreude in der Kraft des Heiligen Geistes. Und umgekehrt: Wenn wir unsere Schwächen erkennen, dann ist nicht vergiftender Neid gefragt, sondern gegenseitiges Anteilnehmen und Anteilgeben in der Kraft des Heiligen Geistes.


Früchte des Geistes

Wo solches Anteilnehmen und Anteilgeben in der Kraft des Heiligen Geistes geschieht, da wachsen wunderbare Früchte des Geistes. Paulus benennt sie im Abschnitt vor unserem Predigttext: Als erstes nennt er die Liebe. Sie ist so etwas wie die Grundlage aller anderen Wirkungen des Geistes. Denn die Liebe Gottes ist es zuerst, der wir uns verdanken. Aus Liebe allein hat Gott uns in der Taufe seinen Heiligen Geist geschenkt. Weil Gott uns mit seiner Liebe angesteckt hat, sind wir begeistete Menschen. Das Gewisswerden dieser Liebe Gottes senkt Freude ins Herz und stiftet inneren Frieden. Deshalb nennt Paulus Freude und Friede nach der Liebe als nächste Frucht des Heiligen Geistes. Aber der Heilige Geist trägt Frucht nicht nur in unserem Inneren, sondern auch in unserem Zusammenleben mit anderen Menschen. Paulus benennt eine fünffache Frucht, die sich in der Beziehung zu anderen Menschen entfaltet: Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue und Sanftmut. Diese Früchte des Geistes wirken sich aus in unserem Miteinander mit anderen Menschen. Unsere Langmut kann und soll sich erweisen, indem wir Menschen nicht einfach fallen lassen, wenn sie anders sind oder uns unverständlich. Unsere Freundlichkeit kann und sollen wir gerade auch jenen zeigen, die unser Land als wenig gastfreundlich erleben. Unsere Güte können und sollen gerade Menschen erfahren, die unter harten Leistungsanforderungen zu ersticken drohen. Mit unserer Treue können und sollen wir dazu beitragen, dass menschliche Beziehungen als verlässlich erfahren werden. Unsere Sanftmut beweist sich darin, dass wir mit Verfehlungen anderer nicht ungnädig umgehen.

"Denken wir doch bitte nicht ständig so gering von uns. Gott hat uns reich beschenkt. Deshalb haben wir auch etwas zu bieten: Früchte des Geistes."

So trägt der Heilige Geist Frucht im Leben der Getauften. So werden wir alle zu Geistlichen. Denken wir doch bitte nicht ständig so gering von uns. Gott hat uns reich beschenkt. Deshalb haben wir auch etwas zu bieten: Früchte des Geistes. Und die sind sicherlich wichtiger als so manche Frucht, von der wir uns täglich ernähren. Eine Frucht des Geistes ist es nun, die Paulus in unserem Predigttext besonders in den Blick nimmt, die Frucht der Sanftmut. Über sie im Weiteren nachzudenken, lohnt sich besonders, denn nichts macht Menschen heute wohl so kaputt, als dass sie auf Sanftmut im oft gnadenlosen Alltag nicht rechnen können. Hören wir noch einmal auf das, was Paulus uns zu sagen hat: „Wenn ein Mensch von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid, und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“


Sanftmut

Mit dem Blick auf uns selbst fängt die Sanftmut an. Nicht mit dem stolzen Blick der Unangefochtenen, sondern mit dem selbstkritischen Blick, der die eigenen Grenzen, die eigenen Versuchlichkeiten, die eigenen Schwächen anschaut. Mit diesem Blick werden wir feststellen, dass wir selbst immer auch in der Gefahr stehen, Fehltritte zu begehen. Niemand von uns geht unangefochten durchs Leben. Wir alle sind unter Umständen darauf angewiesen, dass andere unsere Schwächen mittragen, unsere Fehler ausbügeln, uns Schuld vergeben. Zu gern halten wir uns für etwas Besseres. Erheben uns über den Fehltritt anderer. Sind schnell mit Schuldzuweisungen bei der Stelle. Wer schuldig geworden ist, braucht aber nicht unsere Be- oder Abwertung. Er braucht unsere sanftmütige Zuwendung. Der Blick auf uns selbst zeigt uns, wie gefährdet wir sind, schuldig zu werden. Wenn wir bisher von Fehltritten verschont geblieben sind, ist dies nicht unbedingt unser Verdienst. „Wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“

"Leben aus der Taufe geschieht, indem wir uns anstecken lassen von der Sanftmut Jesu Christi, die nicht verwechselt werden darf mit ständigem Liebsein."

Mit dem achtsamen Blick auf uns selbst fängt die Sanftmut an. Und dieser achtsame Blick auf uns selbst macht uns achtsam für andere und ihre Angefochtenheit. Indem wir achtsam auf uns selbst und unsere Begrenztheit schauen und uns dann achtsam jenen zuwenden, denen aufgeholfen werden muss, leben wir in der Nachfolge Christi. In der Nachfolge dessen, von dem es beim Einzug in Jerusalem heißt „Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig“ und der von sich selbst sagt „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig.“ Christusnachfolge geschieht in einer Haltung der Sanftmut. Leben aus der Taufe geschieht, indem wir uns anstecken lassen von der Sanftmut Jesu Christi, die nicht verwechselt werden darf mit ständigem Liebsein. Die gewiss auch Härte mit einschließen kann, die aber immer getragen ist vom achtsamen Blick auf uns selbst und vom achtsamen Blick für andere, die darauf warten, dass ihnen jemand mit sanftmütigem Geist zurechthilft. Im sanftmütigen gegenseitigen Aufhelfen erfüllen wir, was Christus uns aufgetragen hat. Darum gilt: „,so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“


Einer trage des andern Last

Dieses uns so vertraute Wort des Paulus übersetze ich nun so und bediene mich dabei des Mottos des diesjährigen Henhöfertages: „Wir haben etwas zu vergeben!“ Wir alle, die wir als Getaufte geistlich sind, haben etwas zu vergeben: Früchte des Geistes, besonders die Frucht der Sanftmut, die zur Vergebung befähigt. Indem wir einander helfen, die Last der Verfehlungen zu tragen, erfüllen wir in aller Sanftmut das Gesetz des sanftmütigen Christus. Aus seiner Vergebung leben wir, darum sollen und können wir bereit sein, anderen zu vergeben. Aus seiner Sanftmut leben wir, darum sollen und dürfen wir zu anderen Menschen sanftmütig sein. Wir leben davon, dass er die Last unseres Lebens ans Kreuz getragen hat, darum sollen und können wir einander Lasten tragen. Menschen, die getauft sind auf den Namen Jesu Christi, die erfüllt sind von seinem Geist, die haben etwas zu vergeben, indem sie Lasten anderer tragen, ihre Schwächen, ihre Fehler und ihre Verfehlungen.

"Und deshalb haben wir etwas zu vergeben, was niemand sonst bieten kann: Vergebung, die Leben und Zusammenleben möglich macht."

Das ist die Bestimmung aller Getauften, nicht nur der Amtsträger unserer Kirche. Und warum werden Pfarrer dann überhaupt ordiniert? Genau deshalb, weil sie dieses Sonntag für Sonntag verkündigen sollen. Weil sie es am Traualter und am Grab Menschen zusprechen sollen. Weil sie es im Abendmahl und bei der Taufe Menschen spüren lassen sollen: Wir sind getauft auf den Namen eines sanftmütigen Herrn, der uns vergibt. Als Getaufte können wir Früchte seines Geistes ernten. Und deshalb haben wir etwas zu vergeben, was niemand sonst bieten kann: Vergebung, die Leben und Zusammenleben möglich macht. Zur Verkündigung dieser guten Botschaft durch Wort und Sakrament werden sie von Ihrer Kirche berufen. Im Auftrag ihrer Kirche haben sie etwas zu vergeben: das Wort von der Vergebung.

Etwa so:
Ein altes Wort, hast du gehört?
Nach tausend Jahren lebt es fort,
was Schwache stärkt und Starke stört,
und ist von Gott für uns verfasst:
Einer wage, einer trage des andern Last.

Gehst du allein, so geh ich mit.
Im Dunkel singen wir zu zwein
und geben Acht auf unsern Schritt,
dass keiner seinen Weg verpasst.
Einer wage, einer trage des andern Last.
Amen.