Jesus Christus gestern und heute - Standortbestimmung für das Heute

Gottesdienst zum 100jährigen Jubiläum der Kreuzkirche Wieblingen am 17.09.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Hebräer 13,8

Liebe Festgemeinde!
Ein Wunder geschieht heute beim 100jährigen Jubiläum Ihrer Kreuzkirche. Die toten Steine dieser Kirche werden lebendig. Sie werden lebendig durch unser Singen und Musizieren, vor allem die Schlusssteine über den vier Eingängen zu dieser Kirche.
Auf dem Schlussstein über dem rechten Seiteneingang stehen Worte aus dem Prediger Salomo: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst und komme, dass du hörest“.
Die Bibelworte auf dem Schlussstein über dem linken Seiteneingang lauten: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“
Auf dem Schlussstein über dem Eingang Kreuzstraße lesen wir: „Gehet ein zu seinen Toren mit Danken und zu seinen Vorhöfen mit Loben!“
All diese in Stein gehauenen Worte haben wir in diesem Gottesdienst gesungen. So wurden die Steine dieser Kirche zu lebendigen Steinen durch unseren Gesang – wie wunderbar!


Das wandernde Gottesvolk

Über der Predigt nun steht das Bibelwort, das auf dem Schlussstein über dem Haupteingang dieser Kirche zu lesen ist: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit". Dieses Wort entstammt dem Hebräerbrief (Hebr 13,8). Seit langer Zeit schon fasziniert mich dieser Brief ganz besonders, weil er uns ein wunderschönes Bild für die Kirche vor Augen malt. In den Schlusskapiteln seines Briefes beschreibt der Verfasser die Gemeinde Jesu Christi als wanderndes Gottesvolk. Nicht nur für Menschen, die gern wandern, ist dies ein starkes, aussagekräftiges Bild: Der Weg des Gottesvolkes, der Weg des Glaubens wie eine Wanderung. Einst begann diese Wanderung im Gestern, und zwar schon vor Urzeiten mit einer großen Zahl wegweisender Glaubenszeugen: Abel, Henoch und Noah, Abraham und Sara, Isaak, Jakob und Josef, Mose und die Hure Rahab sind für den Hebräerbrief so etwas wie Wanderführer des Gottesvolks. Und wie es bei einer Wanderung sinnvoll ist, demjenigen zu folgen, der mit der Wanderkarte vorangeht, so ist es hilfreich, sich auf der Wanderung des Glaubens an diesen und vielen anderen wegweisenden Glaubenszeugen zu orientieren, die uns auf dem Weg des Glaubens vorangegangen sind. Die Mahnung des Hebräerbriefes ist nicht überholt: „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.“

"Wenn wir auf den Spuren Jesu und in seiner Nachfolge mitwandern wollen im Gottesvolk, dann kommt es darauf an, uns an ihm zu orientieren wie an einer Kompassnadel."

Aber dies allein reicht noch nicht. Für eine Wanderung brauchen wir auch einen Kompass, der unbestechlich die Himmelsrichtung anzeigt. Diesen Kompass haben wir in Jesus Christus,
der im Gestern als Jesus von Nazareth Menschen zum Glauben an Gott einlud und sich mit ihnen auf den Weg zu seinem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit machte,
der im Heute als der auferstandene Christus Menschen Orientierung auf ihren Lebenswegen schenkt,
und der im Morgen als der Wiederkommende dieser Welt und unserem Leben ewige Zukunft schenkt.
Wenn wir auf den Spuren Jesu und in seiner Nachfolge mitwandern wollen im Gottesvolk, dann kommt es darauf an, uns an ihm zu orientieren wie an einer Kompassnadel: „Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens!“ So können wir als wanderndes Gottesvolk durch die Zeiten wandern - wissend, dass wir mit unserem Herrn unterwegs sind zu einem ewigen Ziel. Treffend sagt der Hebräerbief: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“


... heute und derselbe auch in Ewigkeit

"Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit." Jesus Christus heute derselbe wie damals vor 2000 Jahren in Galiläa und Jerusalem, auf Golgatha und am Ostermorgen. So wie er damals zu den Menschen gesprochen hat, so redet er heute zu uns. So wie er damals die Menschen geliebt hat, so liebt er uns heute. So wie er damals vergeben hat, so vergibt er heute. So wie er damals in seiner Beziehung zu Gott neue Dimensionen des Lebens eröffnet hat, so tut er dies heute. So wie er uns bis zu seinem Tod am Kreuz ein Leben voller Gottvertrauen vorgelebt hat, so ermutigt er uns heute zum Vertrauen auf Gott.

Der Glaube an diesen Jesus Christus ist es, von dem die Steine dieser Kirche mit ihrer 100jährigen Geschichte erzählen. Dieser Glaube war es letztlich, der Menschen die Kraft gab, sich an den Bau dieser Kirche zu wagen.
Am 30. Oktober 1906 wurde sie eingeweiht, erbaut im neogotischen Stil von Hermann Behagel, dem Leiter der Kirchenbauinspektion in Heidelberg. Aber dies war nicht etwa der Anfang evangelischen Glaubens in Wieblingen. Vielmehr feiert diese Gemeinde in diesem Jahr in der Gemeinschaft mit vielen anderen in der Kurpfalz das 450jährige Bestehen der evangelischen Kirche. Das Gestern des Glaubens, an das wir in diesem Festgottesdienst erinnern, reicht also weit, weit zurück. Viele Generationen von Christenmenschen haben sich an diesem Ort auf der Wanderung durch die Zeiten ausgerichtet an Jesus Christus, der gestern und heute und in Ewigkeit derselbe ist.

"Wir haben denselben Christus eben nur, wenn wir seinen Wandlungen durch die Zeiten folgen... Jesus Christus ist eben derselbe nur als der, der uns gleichsam die Hand führt, um den Puls der Zeit zu fühlen. Jesus Christus ist derselbe nur, indem er uns heute zeigt, wie wir in seiner Nachfolge Partei ergreifen können für die im Leben zu kurz Gekommenen."

Solch ein Erinnern an die Vergangenheit christlichen Glaubens darf nicht zu nostalgischer Verklärung führen. Vielmehr müssen wir fragen: Ist denn wirklich alles, was unseren Vätern und Müttern im Glauben an diesem Jesus Christus wichtig war, auch heute noch wichtig für uns? Und umgekehrt: Spielte nicht vieles an diesem Jesus Christus für unsere Vorfahren kaum eine Rolle, was uns heute auf den Nägeln brennt? Wir haben denselben Christus eben nur, wenn wir seinen Wandlungen durch die Zeiten folgen. Und wir verlieren Christus, wenn wir immer nur dasselbe sagen, was unsere Väter und Mütter im Glauben schon gesagt haben. Jesus Christus ist eben derselbe nur als der, der uns gleichsam die Hand führt, um den Puls der Zeit zu fühlen. Jesus Christus ist derselbe nur, indem er uns heute zeigt, wie wir in seiner Nachfolge Partei ergreifen können für die im Leben zu kurz Gekommenen. Jesus Christus ist derselbe nur, indem er uns heute zeigt, wie wir die Würde des Menschen bewahren können. Jesus Christus bleibt derselbe in Ewigkeit nur, indem er mit seiner Kirche durch die Zeiten wandert. Jesus Christus bleibt derselbe gerade darin, dass er Menschen in den Veränderungen und Umbrüchen des Lebens immer neu begegnet und sich in diesen Begegnungen immer neu auslegt


Standortbestimmung für das Heute

"Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit." Das ist keine Aufforderung zur nostalgischen Verklärung der Vergangenheit. Das ist auch keine Aufforderung zur Flucht ins Jenseits. Das ist vielmehr eine Hilfe zur Standortbestimmung für das Heute. Wer das Heute wahrnimmt und gestaltet auf dem Fundament des Jesus Christus, wie er gestern war, der wird höchst wachsam gegenüber einem Denken, das im Ewiggestrigen erstarrt. Der Glaube an Jesus Christus bewahrt vor jeder lebenszerstörenden Flucht ins Gestern. Und wer das Heute gestaltet in der Perspektive des Jesus Christus, wie er in Ewigkeit sein wird, der wird höchst wachsam gegenüber Träumen von der Zukunft der Menschheit, bei deren Realisierung die Menschenwürde auf der Strecke bleibt. Wenn aus der Sehnsucht nach der Machbarkeit heilen Lebens Versuche der Menschenzüchtung angestellt werden, wenn durch eine verbrauchende Embryonenforschung menschliches Leben vernichtet werden soll, dann müssen alle widersprechen, die sich zu Jesus Christus bekennen, der gestern und heute und derselbe in Ewigkeit bleibt. Der Glaube an Jesus Christus hilft, falschen menschlichen Zukunftsträumen zu widersprechen.

"Die Erinnerung an den Christus von Gestern und die Sehnsucht nach dem Jesus Christus in Ewigkeit darf nicht zur Flucht aus dem Heute führen."

Weder im Gestern noch im Morgen liegt das Stück Wanderstrecke, das wir im Blick haben, sondern im Heute. Und dieses Heute gilt es zu gestalten. Die Erinnerung an den Christus von Gestern und die Sehnsucht nach dem Jesus Christus in Ewigkeit darf nicht zur Flucht aus dem Heute führen. Die Erinnerung an Jesus Christus soll ein Fundament legen und die Sehnsucht nach ihm soll zur Kraftquelle werden für die Gestaltung des Heute.
Viele in dieser Gemeinde haben dies begriffen. Die Lebendigkeit, mit der an diesem Ort Gemeinde gelebt wird, ist beeindruckend. Die Steine dieser Kirche sind nicht tot. Leben geht von ihnen aus. Diese Gemeinde lebt als ein „Haus der lebendigen Steine“, dessen Schlussstein Jesus Christus selbst ist. Ja, indem Weltverantwortung sehr bewusst und hellwach wahrgenommen wird, wird in vielfältiger und überzeugender Weise ins Heute übersetzt, wer Jesus Christus gestern war.

"Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit." Weiter geht die Wanderung des Gottesvolkes. Der heutige Tag ist ein Rasttag. Ausruhen schon, aber nicht zu lange! Am Ziel ist diese Gemeinde noch nicht. „Stärket die müden Hände und die wankenden Knie“, ruft der Verfasser des Hebräerbriefes Euch zu. Aber dies nun nicht im Sinne eines „Kopf hoch!“ oder eines „Es wird schon gehen.“ Nein, derselbe Christus, der gestern war und heute ist, er geht Euch voraus. Er selbst stärkt Euch für die Wanderung des Glaubens durch sein tröstendes Wort. Er stärkt Euch, indem er Euch Proviant für Eure Wanderung mitgibt, Wegzehrung für das wandernde Gottesvolk: sich selbst in Brot und Wein. Lasst Euch stärken für Euren Weg durch die Zeiten! Und möge Jesus Christus, der da war und der da ist und der da kommt, Euren Weg segnen, so dass sich für dieses Gotteshaus erfülle, was der Kirchengemeinderat zur Grundsteinlegung am 30.4.1905 schrieb: „Jahrhunderte lang möge Geschlecht auf Geschlecht hier seine heiligste und teuerste Stätte haben, wo Geist und Seele sich freuen in dem lebendigen Gott.“
Amen.