Sing, bet und geh auf Gottes Wegen... Der Stimme des Herzens und der Stimme Gottes folgen

Ökumenischer Gottesdienst zur Eröffnung der „Kommunität Beuggen“, Schloßkirche Beuggen am 29.07.2006

Liedpredigt von Landesbischof Dr. U. Fischerzum Lied EG 369 "Wer nur den lieben Gott lässt walten"

Liebe Schwestern und Brüder der Kommunität Beuggen, liebe Festgemeinde!
Ein Traum geht heute in Erfüllung - nicht nur für die Kommunität und ihre Mitglieder auch für mich und für unsere Landeskirche. Die Förderung geistlichen Lebens war lange schon eines der großen Themen, das ganz oben auf der Agenda unserer Landeskirche stand. Und alle, denen dieses Thema ein Herzensanliegen ist, wissen, dass es zur Förderung geistlichen Lebens verbindlicher Gemeinschaften bedarf, die geistliches Leben pflegen. Kommunitäten sind ein wertvoller geistlicher Schatz für die Volkskirche.

Wenn wir uns noch daran erinnern, dass der Beschluss zum Verkauf der Tagungsstätte Beuggen vor einigen Jahren unmittelbar bevorstand, dann ist es fast ein Wunder vor unseren Augen, dass wir heute mit der Kommunität diese Einweihungsfeier festlich begehen und noch in diesem Jahr dann auch das „Haus der Kirchenmusik“ an diesem Ort einweihen können. Vom Verkaufsobjekt hin zum Leuchtturm geistlichen Lebens - das ist die wunderbare Geschichte von Beuggen, über die wir nicht genug staunen können.

Ich wage es, diese Geschichte in Beziehung zu setzen zu einem Kirchenlied, das die Kommunität von Anfang an begleitet hat, das sozusagen über die verschiedenen Stationen der Kommunitätswerdung hin wie ein cantus firmus erklungen ist. Indem wir diesem Lied nachsinnen, bedenken wir vor Gott den Weg, den er bis heute mit der Kommunität gegangen ist.

Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn alle Zeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott dem Allerhöchsten traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.
Blicken Sie heute zurück auf die Findungsphase Ihrer Kommunität, die sich zunächst noch als eine christliche Lebensgemeinschaft in Gründung verstand,
blicken Sie zurück auf jene Zeit, in der Sie auf Beuggen als einen möglichen Standort aufmerksam wurden,
blicken Sie zurück auf all die notwendigen Selbstklärungen, die Sie betend und nachdenkend vornehmen mussten,
blicken Sie zurück auf unsere erste Begegnung im Evangelischen Oberkirchenrat, bei der wir so einmütig spürten, dass es ein guter Geist ist, der unser gemeinsames Singen und Beten trug,
dann werden Sie sagen können: Mit Vertrauen in die eigenen Kräfte alleine wäre all dies nicht zustande gekommen. Vertrauen auf Gott, den Allerhöchsten, hat Ihnen die Kraft zum Durchhalten und Planen gegeben. Dieses Vertrauen hat Sie getragen. Auf dieses Vertrauen gründet das Leben Ihrer Kommunität. Wer solches Vertrauen erlernt, einübt und bewährt, hat nicht auf Sand gebaut.

Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?

Schwere Sorgen hatten Sie in den zurückliegenden Jahren zu bewältigen. Sorgen zunächst um die berufliche Zukunft aller einzelnen Mitglieder der Kommunität. Sorgen um die vertraglichen Regelungen mit unserer Landeskirche. Sorgen um die Finanzierung der umfangreichen Umbauten. Von vielen Sorgen berichten die Rundbriefe der letzten Jahre.

"Die Gegengewichte des Vertrauens sind gewichtige Geschenke Gottes an uns."

Dass es Sorgen gibt in unserem Leben, ist natürlich. Unerträglich wird es erst dann, wenn wir den Sorgen mit ihrer Last keine Gegengewichte des Vertrauens entgegensetzen können. Um solche Gegengewichte des Vertrauens zu wissen, ist kein menschliches Verdienst, ist nicht Folge besonderer Frömmigkeit, derer wir uns rühmen dürften. Die Gegengewichte des Vertrauens sind gewichtige Geschenke Gottes an uns.

Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt.
Die letzen Monate, vor allem die Zeit seit dem Pfingstfest 2005 waren an diesem Ort angefüllt mit ständigem Tätigsein. Viel musste vollbracht werden an handwerklichen Arbeiten. Vieles musste geregelt werden. In neue berufliche Umfelde galt es sich einzuarbeiten. Ständig gab es etwas zu tun auf der Baustelle Beuggen. Aber eines haben Sie nie vergessen: Produktives Tätigsein bedarf der Stille. Tätigsein ohne Stille entartet in blinden Aktionismus. Die Brüder von Taizé haben es allen Kommunitäten ins Stammbuch geschrieben: Kampf und Kontemplation gehören wie Zwillinge zusammen: Ohne Kontemplation, ohne das Stillesein, in dem wir uns besinnen auf Gott und seinen Gnadenwillen, können wir die Herausforderungen der Welt nicht bestehen. Und ohne kraftvolles, kämpferisches Handeln verkommt unsere Kontemplation zur frommen Weltflucht. Darum gehören die Tagzeitengebete zu Ihrem tätigen Alltag hinzu - von Anfang an. Nur wer intensiv betet, kann auch konzentriert bauen.

So kommt Gott, eh wir’s uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.

Ja, wie viel Gutes haben Sie in den zurückliegenden Monaten und Jahren erfahren. „Staunen erfasst uns immer wieder ob des Erreichten“, so schreiben Sie selbst im Rundbrief vom Februar dieses Jahres. Sie haben zueinander gefunden, und das schon war nicht selbstverständlich. Dass sich Menschen fanden, die sich einlassen auf das Experiment „christliche Großfamilie“, war schon erstaunlich. Zwei haben sogar in Ihrer Gemeinschaft so eng zueinander gefunden, dass sie im vergangenen Jahr geheiratet haben. Und was haben Sie alles zustande gebracht seit der Übernahme der Schütte zum letztjährigen Pfingstfest: Der Abriss in den Sommermonaten, der Einzug zur Jahreswende. Dabei wurde Ihnen Hilfe von vielen Seiten zuteil, vom Internationalen Bauorden, von der Schweizer Gemeinschaft Don Camillo, von Ihrem Freiburger Supervisor, von Freunden und Förderern. Und wenn Sie in dem Ganzen auch unsere Landeskirche als hilfreich erfahren haben, freut uns dies sehr. So mischt sich heute in den berechtigten Stolz über vieles, das erreicht wurde, der Dank für viel Gutes, das Sie haben von Gott empfangen können.

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist.

Manches haben Sie erfahren, das Ihnen die Drangsalshitze ins Gesicht getrieben hat. Wenn Sie nur an die anfänglichen Probleme mit Ihrer Holzheizung denken, die Sie in nächtlichem Schichtdienst befeuern mussten. Wahrhaft Drangsalshitze! Noch manch andere Drangsalshitze mag es gegeben haben, die Sie durchstehen mussten. Mit dieser Lebenserfahrung waren Sie dann dem Dichter unseres Kirchenliedes, Georg Neumark, ganz nahe. Als 19jähriger fiel er im Jahr 1641 auf dem Wege zur Universität Königsberg unter die Räuber und wurde ausgeplündert. Was sollte er tun? Er entschloss sich, unter dem Schirm Gottes mit ein paar guten Freunden fortzuwandern in der Hoffnung, „der liebe Gott würde ihm unterwegs helfen“. Er zog von Stadt zu Stadt, ohne dass sich ihm Bleibe bot. Oftmals betete er nachts zu Gott um Hilfe. Plötzlich und unvermittelt erhielt er in Kiel eine Hauslehrerstelle, was er als große Gnade und Hilfe Gottes ansah. Und noch am selben Tag dichtete er „meinem lieben Gott zu Ehren“ dieses Lied.

"Im Durchstehen des Schweren können wir Menschen Gottes Bewahrung reichlich erfahren."

Nun gut: Unter die Räuber sind Sie nicht gefallen. Betteln mussten Sie auch nicht. Und dennoch: Die Lebenserfahrung, von der dies Lied spricht, die haben Sie auch hinter sich. Die Lebensweisheit, die Georg Neumark mit seinem Lied verkündigt, die hat auch Sie geprägt. Im Durchstehen des Schweren können wir Menschen Gottes Bewahrung reichlich erfahren. Das ist Grund genug, wie einst Georg Neumark dem „lieben Gott zu Ehren“ zu singen:

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.
Wie kraftvoll und doch wie gefährlich missverständlich klingen die Worte der 6. Strophe unseres Liedes. Wie leicht könnte man diese Worte missverstehen als Anleitung, die eigenen Hände in den Schoß zu legen und Gott alles Geschehen dieser Welt zu überlassen. Aber diese Worte erinnern an das Magnificat der Maria, in welcher der Gott besungen wird, der die Hoffärtigen zerstreut, der die Gewaltigen vom Thron stößt, der die Niedrigen erhebt, der die Hungrigen mit Gütern füllt, der die Reichen leer ausgehen lässt. Und dieses Lied ist gerade kein Lied, das zur Untätigkeit anleitet. Vielmehr wird in diesem Lied der weltweite Schrei der von den Reichen und Mächtigen ausgebeuteten Armen klagend vor Gott gebracht! Dem gegenwärtigen Leiden der Armen wird das Glück im Reich Gottes entgegengesetzt. Durch Gottes Gerechtigkeit kommt es zur Umkehrung der gesellschaftlichen Rangordnung. Mit dem „Magnificat“ drückten Maria und alle, die mit ihr dies Lied singen, ihre Hoffnung aus auf Gottes gerechte, verändernde Kraft, ihre Hoffnung auf radikale Veränderung ihrer sozialen Lage. Genau darin ist das „Magnificat“ das Lehrstück für den Lobgesang der christlichen Gemeinde bis heute geworden, ein Lied, mit dem die christliche Gemeinde jeden Tag neu das Anbrechen der Herrschaft Gottes lobend besingt. Deshalb verwundert es nicht, dass das „Magnificat“ in den kirchlichen Tagzeitengebeten, in der sogenannten „Vesper“ seit mehr als 1500 Jahren täglich gesungen wird.

"Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Und diese Herrschaft geschieht nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten."

Welch eine Hoffnung liegt in dem Leitmotiv vom gerechten Gott, der die Niedrigen erhöht! Wie hoffnungsvoll stimmt die aus diesem Lied sprechende Option Gottes für die Niedrigen und Armen! Dies Lied entfacht eine subversive Leidenschaft für Gerechtigkeit. Es ist ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen und Armut und Erniedrigung nicht als unveränderliches Schicksal hinzunehmen. Ein Lied, das uns schützt vor hündischer Kriecherei. Der in diesem Lied beschriebene Umbruch ist darin von allen bisherigen revolutionären Umstürzen der Weltgeschichte unterschieden, dass hier nicht nur Unterdrücker und Unterdrückte ihre Plätze wechseln. Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Und diese Herrschaft geschieht nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. So leitet dies Lied geradezu an zur Weltverantwortung. Und die Wahrnehmung von Weltverantwortung ist ein zentrales Element Ihres Selbstverständnisses, liebe Mitglieder der Kommunität. Sie wollen sich nicht abschotten von dieser Welt, sondern Entwicklungen in dieser Welt betend begleiten und handelnd beeinflussen. So können Sie einstimmen in die Worte dieser 6. Strophe, die so ganz den Worten Mariens nachempfunden sind.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen...
Die letzte Strophe unseres Chorals erscheint mir wie ein Leitvers für Ihre Kommunität. Von Anbeginn an war Ihnen das Singen besonders wichtig. Ja das Singen war geradezu die Quelle der Verständigung. Im Singen und Beten finden Sie als Kommunität zu Ihrer Bestimmung. Da sind Sie mit ihrer gemeinsamen Sehnsucht, Jesus Christus nachzufolgen, ganz bei sich, ganz bei Gott, ganz bei Ihrer Sache. Sicher ist es nicht übertrieben, Sie als einen Singorden zu bezeichnen.

Und da fällt mir dann jene eindrucksvolle Szene in dem zauberhaften Film „Vaya con Dios“ ein, die Sie sicher gut kennen. Das Mädchen Chiara hatte sich in den Bruder Arbo verliebt, der eines der letzten drei Mitglieder eines Singordens war. Als sich die drei Brüder in einer großen Schar von Jesuiten in einer Karlsruher (!) Kirche zur Messe versammeln, eilt Chiara zum Organisten und bittet ihn, statt des angekündigten Liedes „Großer Gott, wir loben dich“ ihr Lieblingslied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ anzustimmen. Zunächst fällt die ganze Gemeinde in den Gesang ein. Allmählich verstummt der Gemeindegesang und nur noch die drei Brüder singen wunderbar kultiviert und inbrünstig die Worte:
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getrau
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Indem sie diese Worte singen, finden die Brüder ihre Bestimmung. Sie geben sich ihrer Stimme hin, sie folgen ihrer Stimme - gemäß ihrer Devise „Sequere vocem - folge der Stimme!“ Und dann folgen sie - jeder auf andere Weise - ihrer inneren Stimme, der Stimme des eigenen Herzens, der Stimme des Gesangs, der Stimme Gottes.

"Folgen Sie der Stimme Ihrer singenden Herzen und folgen Sie der Stimme Gottes. Beschränken Sie sich aber nicht auf das Singen und Beten, sondern suchen Sie im Gehorsam gegen Gottes Gebote auch seine Wege, auf denen Sie gehen können."

Sequere vocem - das ist ein guter Grundsatz auch für Ihre singende Kommunität. Folgen Sie der Stimme Ihrer singenden Herzen und folgen Sie der Stimme Gottes. Beschränken Sie sich aber nicht auf das Singen und Beten, sondern suchen Sie im Gehorsam gegen Gottes Gebote auch seine Wege, auf denen Sie gehen können. Dann wird des Himmels reicher Segen auch bei Ihnen neu werden.
Amen.