Auslegung der Bibel und Auslegung des Lebens

Gottesdienst zum 75jährigen Jubiläum des Posaunenchors Dossenheim am 23.07.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Apostelgeschichte 8,26-39

Liebe Gemeinde,
es gibt Bibeltexte, die begleiten uns das ganze Leben. Die werden uns zu Texten, die wir immer wieder gern hören, erzählen oder lesen. Einer meiner biblischen Lieblingstexte ist jene Erzählung von der Taufe des Kämmerers aus dem Mohrenland, wie wir die eben gehörte Erzählung aus der Apostelgeschichte des Lukas einst im Kindergottesdienst genannt haben. Seit meiner Kindheit kenne ich diese Geschichte. Als Lehrvikar habe ich eine meiner ersten Predigten über diesen Bibeltext gehalten (keine Angst: diese Predigt wiederhole ich heute Morgen nicht). Oft habe ich diese Geschichte von der Taufe des schwarzen Schatzmeisters aus Äthiopien durch den Evangelisten Philippus im Religionsunterricht erzählt. In meiner Zeit als Gemeindepfarrer habe ich ein Bibelspiel zu dieser Geschichte aufgeführt. Und wenn mich manchmal Kindergruppen im Evangelischen Oberkirchenrat besuchen und nach meiner biblischen Lieblingsgeschichte fragen, dann erzähle ich ihnen diese Geschichte. So war ich richtig froh, dass diese Erzählung uns heute für diesen Jubiläumsgottesdienst des Posaunenchors als Predigttext vorgegeben ist. Wann kann ein Pfarrer schon einmal bei einem schönen Jubiläum über seinen Lieblingstext der Bibel predigen!


Ein Lieblingstext

Warum mag ich diese Geschichte von Philippus und dem Kämmerer aus Äthiopien so sehr? Etwa weil hier eine Geschichte erzählt wird, in der nicht die Menschen die eigentlichen Akteure der Handlung sind, sondern der Heilige Geist? Ein Engel des Herrn ist es, der den Prediger Philippus auf die Straße von Jerusalem nach Gaza ruft. Der Geist Gottes macht Philippus zum Reisebegleiter des schwarzen Finanzbeamten der Königin Kandake und gibt ihm Worte der Schriftauslegung in den Mund. Der Tod Jesu findet mit Hilfe einer Auslegung des Liedes vom Gottesknecht eine Deutung. Angerührt von der Predigt des Evangeliums entscheidet sich der Kämmerer zur Taufe, ehe Philippus vom Geist Gottes entrückt wird.- Oder mag ich diese Geschichte so sehr, weil sie so wichtig ist im Gesamtzusammenhang der Geschichtsschreibung des Lukas? Lukas schildert hier die erste Weichenstellung urchristlicher Missionstätigkeit. Nach der Steinigung des Stephanus und der Vertreibung vieler Gemeindeglieder aus Jerusalem beginnt die Zeit der Mission, zunächst in Samaria, dann in der weiten Welt. Mit jener Geschichte von Philippus und dem Kämmerer will Lukas über diese Missionstätigkeit Grundsätzliches aussagen: Mission kann nur recht geschehen in der Kraft des Heiligen Geistes, in der auslegenden Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus und im Geist gewirkten Taufen.

"Wie damals die Urgemeinde von Jerusalem so stehen wir als christliche Kirche heute vor der Frage: Wie erreichen wir Menschen mit der lebensrettenden Botschaft von Jesus Christus?"

So wichtig diese beiden Gedanken sind - das ist es nicht, was mich an dieser Geschichte so sehr fasziniert. Es ist vielmehr ein Grundzug der Geschichte, der viel mit dem Anlass des heutigen Tages zu tun hat. Wie damals die Urgemeinde von Jerusalem so stehen wir als christliche Kirche heute vor der Frage: Wie erreichen wir Menschen mit der lebensrettenden Botschaft von Jesus Christus? Wie können wir ihnen helfen, die Botschaft vom Heil Gottes als bedeutsam für ihr Leben zu entdecken, die Botschaft von dem Heil, das im Sterben Jesu am Kreuz von Golgatha begründet ist? Am Beginn des 21. Jahrhunderts stehen wir hier in Deutschland vor einer besonderen missionarischen Herausforderung, die jener zur Zeit des Predigers Philippus so unähnlich nicht ist. Wir entdecken unzählige Menschen, die durch diese Zeit fahren in ihren Lebenskutschen - vertieft in eine Lektüre, die sie überfordert. Das Leben erschließt sich ihnen nicht angesichts seiner Unübersichtlichkeit. Die Bibel erscheint ihnen als Buch mit sieben Siegeln. Sie warten. Sie warten auf Menschen, die sie fragen: „Verstehst du auch, was du liest?“ Sie warten auf Menschen, die sie herausreißen aus ihrem ewigen Selbstgespräch. Sie warten auf Menschen, die ihnen die Texte ihres Lebens und die Texte der Bibel erschließen. Sie warten auf Menschen, die ihnen in der Unübersichtlichkeit des Lebens Orientierung geben. Viele Menschen unserer Zeit sind vertieft in ihre Selbstgespräche, verstehen die Bibel und die Welt nicht und fragen wie der Kämmerer: „Wie kann ich verstehen, wenn mich niemand anleitet?“ Das ist unsere missionarische Situation am Beginn des 21. Jahrhunderts.


Die Bibel entschlüsseln

Um Menschen die Texte der Bibel und die Texte ihres Lebens zu entschlüsseln, brauchen wir in der Kirche viele Zugangswege. Wir brauchen Menschen, die - wie Philippus - geduldig das Gespräch mit den Fragenden suchen. Wir brauchen gute und verantwortliche Schriftauslegung in unseren Predigten. Wir brauchen aber auch andere Zugänge für jene, die religiös etwas unmusikalisch sind. Und da ist es im Besonderen die Kirchenmusik in ihren vielfältigen Spielarten, die vielen Menschen heute Fenster zum Glauben öffnen kann. Oft sind es die Klänge von Trompeten und Posaunen, die Menschen den Staub von der Seele blasen und ihnen helfen, ihr Leben in einem neuen Licht zu sehen. Oft sind es die Choräle eines Johann Sebastian Bach oder eines Johann Crüger, die Menschen den tiefen Trost der biblischen Botschaft ins Herz tragen. Oft sind es die mitreißenden Klänge eines Traugott Fünfgeld, die Menschen das Evangelium als frohe Botschaft vermitteln. Ja, die Kirchenmusik, die Musik unserer Posaunenchöre im Besonderen hat in diesem Sinn eine missionarische Bedeutung. Sie hilft, das Leben im Lichte des Evangeliums zu deuten.

Dabei muss uns klar sein, dass die „Texte“, die wir zu lesen haben, nicht nur die Texte der Bibel sind, sondern auch die Texte des Lebens. In den Tagen der Fußballweltmeisterschaft konnten wir über herausragende Spielmacher staunen, die ein Fußballspiel „lesen können“, wie etwa Michael Ballack. Wer ein Spiel gut lesen kann, der spielt nicht nur für sich, der spielt mannschaftsdienlich. Wir müssen das „Spiel des Lebens“, das „Spiel Gottes mit seinem Volk“, auch unser „eigenes Lebensspiel“ lesen können. Glaube ist gelesenes, gedeutetes Leben. Allen, die aus christlichem Glauben heraus das Leben deuten, erschließt sich ein unendlich weiter Horizont. Von diesem Horizont her, der alles umgreift, was sonst unüberschaubar und bruchstückhaft erscheint, empfängt das Leben eine Orientierung. Und genau das ist oft die Wirkung der Kirchenmusik: Sie reißt Horizonte auf, wo der Lebensweg wie eine Sackgasse scheint. Sie öffnet die Seele für den Himmel, für die Wirklichkeit Gottes.

"Weltzugewandtheit und Bibelzugewandtheit bedingen einander. Je näher wir am biblischen Text sind, desto näher sind wir auch bei den Menschen."

Dabei gehören Auslegung der Bibel und Auslegung des Lebens untrennbar zusammen. Es kann nicht gut gehen, wenn wir in der Kirche meinen, uns in der Deutung des Lebens verausgaben zu können, ohne uns zurück zu beziehen auf das von Gott gesprochene Wort. Es kann aber auch nicht gut gehen, wenn wir uns ausschließlich der Bibelauslegung zuwenden und dabei die Lebenswirklichkeit der heute lebenden Menschen aus dem Blick verlieren. Weltzugewandtheit und Bibelzugewandtheit bedingen einander. Je näher wir am biblischen Text sind, desto näher sind wir auch bei den Menschen. Wollen wir den Menschen helfen, ihren Lebenstext zu lesen, müssen wir uns um ein wirkliches Verstehen biblischer Texte bemühen. Und solches Bemühen hat sehr viel mit Lebenserfahrung zu tun. Denn die biblischen Texte reden von Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Menschen haben in der Bibel niedergeschrieben, was sie von Gott erfahren, was sie von ihm vernommen haben. Wenn wir also den Menschen helfen wollen, das Spiel ihres Lebens zu lesen, dann müssen wir ihre Lebenswirklichkeit und ihre Lebenserfahrungen ebenso wahrnehmen und deuten wie auch die Lebenserfahrungen, die in den Texten der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben. Ich kann mir das Gespräch, das Philippus auf der Kutsche mit dem Kämmerer geführt hat, gar nicht anders vorstellen, als dass er beides getan hat: Er wird mit dem Kämmerer über dessen Lebenserfahrungen als kastrierter schwarzer Finanzbeamter am Hof der äthiopischen Königin gesprochen haben. Und er wird ihm erzählt haben von seinen lebensrettenden Erfahrungen mit Jesus Christus, der sich für uns Menschen dahingegeben hat wie ein Schaf zur Schlachtung. Und indem der Kämmerer seine eigenen Lebenserfahrungen zu jenen in Beziehung setzte, die aus den Texten der Bibel zu ihm sprachen, entdeckte er eine neue Dimension des Lebens, die ihm bis dahin verschlossen war. So konnte er sagen: „Was hindert's, dass ich mich taufen lasse?“ Und so konnte Philippus ihn taufen - ganz ohne Taufunterricht und Glaubensbekenntnis. Wenn das der Oberkirchenrat in Jerusalem gewusst hätte!


Begegnung mit Gottes Wort

Liebe Gemeinde, Sie spüren: Diese biblische Erzählung bleibt nicht stecken im Oberflächlichen wie so manche Texte in Büchern und Zeitschriften, die wir lesen. Sie dringt durch die Oberfläche des Lebens hindurch. Sie hilft, Tiefgründiges zu entdecken. Tiefgründiges über unser Menschsein. Und genau in dieser Tiefgründigkeit öffnet sie den Blick für Gott, der sich in Jesus Christus eingelassen hat auf die tiefsten Tiefen unseres Menschseins. Indem Philippus mit dem Kämmerer die Tiefen des Menschseins durchschreitet, bereitet er ihn vor auf die Begegnung mit Gottes Wort. Und solche Begegnung mit dem Wort Gottes, die zeigt Wirkung. Da wird dem Kämmerer eine Wahrheit offenbart, die er sich nicht selbst sagen kann. Da wird sein Herz geöffnet. Da lernt er die Schrift neu lesen - und sein Leben. Und das macht ihn fröhlich. Ja, gelungene Lebens- und Bibeldeutung macht fröhlich! Das ist es, was mich an dieser biblischen Geschichte so fasziniert. Ich kann mir das laute Lachen oder das vergnügte Lächeln auf dem Gesicht des Kämmerers gut vorstellen. „Er zog seine Straße fröhlich.“ In diesen wenigen Worten ist bündig zusammengefasst, worauf alles missionarische Tun abzielt: Menschen sollen ihre Lebensstraße fröhlich ziehen, denn das Evangelium ist frohe Botschaft. Darum ist die Geschichte von Philippus und dem Kämmerer meine Lieblingsgeschichte, und darum gehört die Musik der Posaunenchöre zu meiner Lieblingsmusik: Sie helfen Menschen und ermuntern sie, ihre Straße fröhlich zu ziehen. Und fröhliche Menschen sind die besten Zeuginnen und Zeugen des Glaubens.
Amen.