Auf neuen Wegen

Gottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe am 16.07.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu 1. Mose 12, 1-4

Der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zu einem großen Volk machen und ich will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte.

Liebe Gemeinde,
nun sind wieder unzählige Menschen unterwegs auf unseren Straßen. Erfüllt vom Drang, die gewohnte Umgebung zu verlassen. Voller Sehnsucht nach verlockenden Zielen. Zugleich werden all diese Menschen gern wieder nach Haus zurückkehren, getrieben von dem Bedürfnis nach Geborgenheit. Für mich bildet sich in diesen Sommermonaten ein Grundzug unseres Lebens ab: nämlich die Spannung zwischen dem Gehenmüssen und dem Bleibenwollen, die unser ganzes Leben bestimmt. Wir leben, indem wir unterwegs sind, indem wir immer wieder aufbrechen, um zu bleiben.

Als Jugendliche mussten wir herausgehen aus der Geborgenheit unserer Familie, um fähig zu werden, selbst in einer Familie Geborgenheit zu finden.
Vielen Menschen werden im Berufsleben schwerwiegende Veränderungen zugemutet, um sich in neuen Arbeitsbezügen einzuleben.
Uns allen steht bevor, dass wir einmal aus diesem irdischen Leben gehen müssen, um dann auf ewig bei Gott bleiben zu können.
Auch als Kirche sind wir unterwegs, schneiden immer wieder alte Zöpfe ab und suchen nach neuen Formen einer bergenden Gemeinschaft, in der wir bleiben können.
Und längst wissen wir, dass unser demokratischer Sozialstaat nur wird bleiben können, wenn wir uns von Formen der sozialen Sicherung verabschieden, die nicht mehr länger zu finanzieren sind.

"Nur wer aufbricht, wer seine Ziele als Rastplätze und nicht als Endstationen versteht, nur wer bei aller Sehnsucht nach dem Bleiben doch Schritte wagt, kann leben."

Nicht nur unser persönliches Leben, auch das Leben einer Kirche und einer Gesellschaft ist ein Unterwegssein, ein lebenslanges Aufbrechen nach neuen Zielen, die uns im Gehen Rastplätze des Verweilens bieten. Bei unserem Unterwegssein spüren wir immer wieder das Bedürfnis zum Bleiben, die Sehnsucht nach Gewohntem, Vertrautem. Und doch darf dieses Bedürfnis uns nicht bewegungslos machen. Das wäre das Ende von Leben. Nur wer aufbricht, wer seine Ziele als Rastplätze und nicht als Endstationen versteht, nur wer bei aller Sehnsucht nach dem Bleiben doch Schritte wagt, kann leben.


Aufbruch ins Unbekannte

Das lehrt uns die Geschichte von Abram. Gott fordert ihn auf, sein Land, seine Verwandtschaft, sein Elternhaus - kurz alles, was der Rede wert ist, zu verlassen, und in ein Land zu ziehen, das er ihm zeigen will. Gott spricht zu Abram: „Geh los, ohne zurückzublicken“ - so kann man die hebräische Wendung an dieser Stelle auch übersetzen. „Lass dich nicht durch die Vergangenheit, nicht durch Sitte und Gewohnheit, nicht durch das Vertraute und bislang Geltende davon abhalten. Geh los, ohne zurückzublicken!“ Eine unglaublich wirkende Zumutung. Doch Abram geht. Er bricht auf aus seiner Heimat, die ihm vertraut ist. Aus seiner Verwandtschaft, die ihm schützende Gemeinschaft bietet. Aus seinem Vaterhaus, das er liebt. Er bricht auf zu einem unbekannten Ziel. „In ein Land, das ich dir zeigen will“ heißt es im Text - unbestimmter könnte der Zielort kaum sein, den Gott nennt. Abram geht in eine offene Zukunft ohne zurückzublicken. Abram lockt der Weg zum verheißenen Ziel, weil Gott ihn mit einer großartigen Verheißung lockt: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und du sollst ein Segen sein... und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“


Unterwegs mit Abram

Nun könnte uns diese Erzählung von Abram recht gleichgültig sein, wenn er nicht Stammvater Israels wäre. Abram steht stellvertretend für das Gottesvolk, zu dem auch wir durch unsere Taufe gehören. Durch unsere Taufe wurden wir Teil des Gottesvolkes, wurde Abram auch unser Vater im Glauben. Wir sind mit ihm unterwegs. Und deshalb ist all das, was über Abrams Unterwegssein erzählt wird, für uns von so unmittelbarer Bedeutung. Gottes Zusage für Abrams Unterwegssein, sie gilt auch uns. Zu uns sagt Gott: „Ich bin mit dir. Ich zeige dir das neue Land. Ich teile mit dir den Weg, Deine Fragen und Ängste. Ich bin da, wenn Du nicht weiterweißt. Ich bin da, wenn Du voller Glück bist. Ich bin da, wenn Du einen brauchst, der Dich festhält. Und ich locke Dich hinaus in den weiten Raum.“ Mit dieser Segenszusage macht Gott uns Mut: „Geh nur, auch wenn du das Ziel noch nicht kennst. Geh nur, ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

"Mit der Taufe werden wir auf den Lebensweg geschickt als Gesegnete in der Gemeinschaft des Gottesvolkes. Wir gehen nicht allein, als Gesegnete gehen wir in der Gemeinschaft aller, die unterwegs sind."

An diese Zusage Gottes können wir uns halten bei unserem Unterwegssein. Erstmals sagt uns Gott dies zu in der Taufe, wenn er mit den Worten Jesu Christi zu uns spricht: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Über unsere Taufe sind wir verbunden mit Abram, unserem Vater im Glauben. Und jedes Mal wenn wir einen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes beginnen, erinnern wir uns unserer Taufe und damit indirekt dieser Zusage Gottes: „Ich will euch segnen, und ihr sollt ein Segen sein.“ Mit der Taufe werden wir auf den Lebensweg geschickt als Gesegnete in der Gemeinschaft des Gottesvolkes. Wir gehen nicht allein, als Gesegnete gehen wir in der Gemeinschaft aller, die unterwegs sind,
die mit uns Rastplätze der Freude ansteuern,
die mit uns Zwischenstationen der Sorge erleben,
die mit uns gehen in das Land der Verheißung.
Gottes Segenszusage, die erstmals in der Taufe ausgesprochen wird, findet ihre Erfüllung in der Gemeinschaft der Glaubenden, die aufbrechen und zum Segen für andere werden. Die sich auf neue Wege wagen. Die sich erinnern lassen an die Verheißungen Gottes und die aus solcher Erinnerung Kraft schöpfen zum Warten und Ausharren auch in schweren und ungewissen Zeiten. Getauft sein heißt: In der Gemeinschaft der Glaubenden leben, die den langen Atem der Hoffnung haben. Die mitten in den Unsicherheiten und Gefährdungen des Lebens vertrauen auf Gottes Zukunft und in diesem Vertrauen zum Segen für andere werden.


Gott zeigt neue Ziele

Und dann dies andere: Gott verheißt dem Abram - und damit uns -, dass er ihm das Land zeigen werde, in das er gehen soll. Wie wichtig ist eine solche Zusage in einer Zeit, in der sich unsere selbst gesteckten Ziele immer schneller auflösen im Nebel neuer Unsicherheiten! Angesichts zahlloser Risiken des Lebens lässt sich ja kaum noch erkennen, zu welchen Zielen einmal unsere Kinder unterwegs sein werden. Inmitten dieser Ratlosigkeit ist Gottes Zusage tröstlich: „Ich will dir das Land zeigen, in das du gehen sollst.“ Durch alle unsere Ratlosigkeiten hindurch wird Gott uns neue Ziele zeigen. Was dies für unsere Kirche und für unsere Gesellschaft bedeuten kann, will ich andeuten.

"Abram wird zugemutet, auf Vertrauen Neuland zu betreten. Und er tut es ohne Murren. Auf Veränderungen kann sich leichter einlassen, wer solche Geschichten des Glaubens kennt..."

Gottes Zusage an Abram kann uns Mut machen, im Jahr 2006 für Vertrauen in die Zukunft zu werben. Abram wird zugemutet, auf Vertrauen Neuland zu betreten. Und er tut es ohne Murren. Auf Veränderungen kann sich leichter einlassen, wer solche Geschichten des Glaubens kennt und von daher weiß, dass Vertrauen sich letzt­lich speist aus dem Vertrauen auf Gott. Nun lässt sich diese Erzählung von Abram keineswegs direkt in Politik übersetzen. Aber auf Veränderungen des gewohnten Status quo in unserem Gemeinwesen, kann sich leichter einlassen, wer solche Geschichten des Glaubens kennt. Vertrauen in die Zukunft! Diese Parole ist in unserer Situation kein Ruf in ein völlig unbekanntes Land. Denn niemand kann ernsthaft den Sozialstaat und die soziale Marktwirtschaft abschaffen wollen zugunsten eines gesellschaftlichen Systems, das uns erst noch jemand zeigen will. In Wirklichkeit geht es um die Sicherung des uns allen anvertrauten Gemeinwohls in Gestalt des uns durchaus vertrauten und grundsätzlich bewährten Sozialstaats. Wollen wir als Kirche heute einen Beitrag zur politischen Kultur in unserem Land leisten, dann werden wir - angesteckt durch Abrams Vertrauen - um Vertrauen in die Zukunft werben.


Auf neuen Wegen

Das können wir aber nur, wenn wir auch als Kirche selbst uns nicht zufrieden geben mit dem Status quo. In unserer Landeskirche haben wir unter dem Titel „Kirchenkompass“ einen Prozess zur Planung kirchlicher Arbeit gestartet. Dieser Prozess orientiert sich an einer Zielperspektive, die wir in biblisch fundierten Leitbildern beschrieben haben. In diesen Leitbildern fragen wir danach, wie wir als Teil des lebendigen Gottesvolkes auf dem Weg zum verheißenen Reich Gottes Orientierungspunkte für kirchliche Arbeit setzen können, sozusagen Leuchttürme oder Leuchtfeuer, die uns den Weg in die Zukunft markieren. Wir beginnen, kirchliche Arbeit von der Zukunft her zu denken und zu planen und stellen Fragen wie diese: Wie können wir immer mehr Menschen in unseren Gottesdiensten eine kirchliche Heimat vermitteln? Wie können wir in unserer Kirche geistliche Orte mit großer Ausstrahlung schaffen? Wie können wir die Sprach-, Urteils- und Handlungsfähigkeit des Glaubens bei unseren Kirchenmitgliedern stärken? Wie können wir als Kirche noch besser unsere Weltverantwortung wahrnehmen? Mit solchen Planungsprozessen begeben wir uns als Kirche auf neue Wege. Wir kennen das Land nicht, in das uns diese Planungen führen werden. Aber wir nehmen für den Weg in die Zukunft Gottes Verheißung an Abram für uns in Anspruch: „Ich will dir das Land zeigen, in das du gehen sollst.“

Niemand von uns kennt das Land, in das er gehen muss - in naher Zukunft oder einst am Ende des Lebens. Niemand kennt das Land, aber wir alle dürfen uns verlassen auf Gottes Segen. Am Ende dieses Gottesdienstes werden wir wieder um diesen Segen bitten in der Gewissheit, dass Gott jeden und jede von uns begleiten will. Gott spricht uns zu: Ich segne euch und ihr sollt ein Segen sein. Geht. Ich bin mit euch.
Amen.