Erbauung von außen - Die Wiederentdeckung des gottesdienstlichen Raumes

Gottesdienst zur 14. Jahrestagung der Evangelischen Zisterzienser-Erben, Bad-Herrenalb 02.07.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Psalm 84

Liebe Schwestern und Brüder,
(...) Ich bin heute gern zu Ihnen gekommen, weil ich die Zielsetzungen Ihrer Gemeinschaft für wichtig halte. Auf dem Weg zu einem neuen Europa kommt es in der Tat darauf an, die geistigen und geistlichen Wurzeln menschlichen Zusammenlebens zu entdecken. Und was haben Zisterziensermönche diesbezüglich bereits geleistet, lange ehe der Traum vom geeinten Europa geträumt wurde! Ein Netz von Klöstern haben sie entstehen lassen, sozusagen eine europäische Landkarte des Glaubens, die bis heute erkennbar ist. Sie schufen gottesdienstliche Räume, von denen bis heute eine großartige Faszination ausgeht und die zur Gestaltung geistlichen Lebens in unseren Tagen anregen.


Im Haus Gottes - Erbauung von außen

Die Wiederentdeckung des gottesdienstlichen Raumes - sie gehört für mich zu den großartigsten Entwicklungen, die wir in den zurückliegenden Jahren im deutschen Protestantismus beobachten. Gar nicht mehr fremd für protestantische Ohren klingt das, was wir zu Beginn dieses Gottesdienstes mit Worten des 84. Psalms gesungen und gebetet haben. Wir haben der Sehnsucht des Beters nachgespürt, seiner Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes, in der er sich geborgen fühlt wie ein Vogel im Nest. Wir haben die wunderbaren Bilder vor Augen gemalt bekommen vom Segen Gottes, der gut tut wie Frühregen. Wir haben nachempfinden können, wie der Beter im Hause Gottes gestärkt wird, um von einer Kraft zur anderen zu wandern. Wir haben gehört, wie er im Tempel Gott selbst schauen möchte und wie er ihn lobt: „Gott der Herr ist Sonne und Schild.“

"... allmählich setzt sich auch unter uns Evangelischen die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können."

Wir Protestantinnen und Protestanten haben ja so unsere Mühe mit dem Gedanken, dass es heilige Orte gibt. Aber das hatten die Psalmisten nicht, wenn sie den Tempel von Jerusalem in ihren Liedern besangen. Und allmählich setzt sich auch unter uns Evangelischen die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können. Es gibt eben Kirchenräume, die so etwas sind wie heilige Lebensräume. Ohne Äußerlichkeit, ohne die Entäußerung in Räume und Zeiten, in Formen und Formeln kann auch evangelischer Glaube nicht gedeihen. Auch der evangelische Mensch baut sich eben nicht nur von innen nach außen, er wird auch von außen nach innen gebaut. Und für diese Erbauung von außen nach innen haben Kirchengebäude eine besondere Bedeutung. Kirchenräume - gerade jene aus der zisterziensischen Tradition - bauen durch ihre Aura an der Innerlichkeit unseres Glaubens. In solchen Kirchenräumen berührt uns ein himmlisches Geheimnis, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren irdischen Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott.


Kirchenraum als Lebensraum

Wenn wir einen Kirchenraum betreten, betreten wir den Lebens- und Glaubensraum vieler Generationen vor uns. Dann kommen uns Menschen in den Sinn, die diesen Kirchenraum mit ihren Gebeten und Gesängen, mit ihren Tränen und ihrem Dank gefüllt haben. Wir fragen uns:

Wie viele Generationen von Menschen haben in dieser Kirche schon einen Ort der Stille gefunden?
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche schon geklagt angesichts einer Not, die sie betroffen hat?
Wie viele Menschen haben dieses Haus Gottes lieb gewonnen?
Wie viele Menschen haben Geborgenheit gefunden in der Weite des Kirchenraumes?
Wie oft wurde Gottes Wort tröstend Menschen zugesprochen, die an diesem Ort ihrer Verstorbenen gedachten - oder Mut machend und wegweisend jungen Eltern, die ihre Kinder zur Taufe brachten?
Wie oft baten Ehepaare hier um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg?
Wie oft wurden Menschen hier an ihre Taufe erinnert?
Wie oft haben Menschen in diesem Kirchenraum Gott danken können nach Bewahrung in schwerer Not, zurückschauen dürfen auf lange Wegstrecken des Lebens?
Ein Kirchenraum als Lebensraum der vielen Generationen vor uns ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum.

"Wenn wir die Nöte der Gegenwart hinein nehmen in den Kirchenraum, dann erhält der Gottesdienst Bedeutung als Versammlung, Feier und Gebet der von Nöten Bedrohten und aus Nöten Bewahrten."

Die Zisterzienser haben uns gelehrt, solche Orte des Betens nicht zu trennen von der Arbeit in der Welt. Der asketische Baustil der Zisterzienser verband sich mit ihrer Weltzugewandtheit. Das geistliche Leben innerhalb der Klostermauern wurde nicht getrennt von der Gestaltung der Welt durch Handwerk und Landwirtschaft - ein schönes Symbol für die Tatsache, dass Mauern der Kirche immer durchlässig sein müssen hin zur Welt: Die Nöte der Gegenwart gehören hinein in den Lebensraum Kirche. Wir dürfen und sollen mit all unserer Not Zuflucht suchen im Raum der Kirche. Und wir sollen und dürfen für all jene eintreten, die darauf warten, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Wenn wir die Nöte der Gegenwart hinein nehmen in den Kirchenraum, dann erhält der Gottesdienst Bedeutung als Versammlung, Feier und Gebet der von Nöten Bedrohten und aus Nöten Bewahrten. Und wenn wir unsere Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt, werden von unseren Gottesdiensten Gottes heilende Kräfte hineinwirken in unseren Alltag.


Offene Türen

Darum gehören zur Liebe zum Haus Gottes auch die offenen Türen, durch welche die Not der Welt Eingang findet in den Kirchenraum und durch die Gottes heilendes Wirken hinausströmt in die Welt. Darum gehören das Ora et labora so untrennbar zusammen. Darum gehört die Verantwortung für andere Menschen hinein in den Kirchenraum, die Verantwortung für Notleidende ebenso wie für jene, die sich in unserem Land nach Geborgenheit sehnen, für Entwurzelte, für Asyl Suchende, für Verarmte. Haben sie auch einen Platz im Haus Gottes? Ist die Kirche auch ihr Lebensraum? Darin findet die Liebe zum Kirchenraum seine Vollendung, dass diese Liebe den Kirchenraum zum Lebensraum für die vielen macht, die auf der Suche sind. So werden heilige Räume der Kirche durch Gottes Liebe entgrenzte Räume mit offenen Türen zur Welt.
Amen.