Ausnahmezustand

Gottesdienst zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Karlsruhe 18.06.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Gemeinde!
„Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Fußball-Weltmeisterschaft in unserem Land. Seit Tagen befindet sich Deutschland im Ausnahmezustand. Die Sonne strahlt um die Wette mit den Hunderttausenden von Fußball-Fans in den Stadien. Die öffentlichen Fernsehübertragungen entwickeln sich zu Massenveranstaltungen mit Volksfestcharakter - glücklicherweise bisher nur selten gestört durch gewalttätige Hooligans. Die Spiele beeindrucken zum großen Teil durch Klasse und Fairness. Viele freuen sich an den so genannten „Kleinen“, die den Favoriten schon so manches Bein gestellt haben. Wer kannte vorher denn Trinidad und Tobago!? Die Schiedsrichterleistungen sind imponierend, bisher auch die Erfolge der zuvor nicht allzu hoch gehandelten deutschen Mannschaft. König Fußball regiert die Welt. Ausnahmezustand. In Bussen, Straßenbahnen und Zügen Menschen mit WM-Trikots. In Betrieben und Geschäften nur ein Gesprächsthema, so auch heute in diesem Gottesdienst.


Ver-rückte Welt

Ausnahmezustand in Deutschland. Irgendwie scheint alles etwas verrückt zu sein. Das empfinden nicht nur die Fans so, sondern auch jene, die mit Fußball nichts anfangen können und die sich über die eigenartige Mischung aus Sport und Kommerz, die diese Weltmeisterschaft prägen, eigentlich nur ärgern. Ver-rückt im wörtlichen Sinn sind diese Tage. Menschen, die uns sehr vertraut sind, offenbaren Seiten, die wir bisher nicht an ihnen gekannt haben. Sie können fluchen und hadern, sich begeistern und jubeln; sie entwickeln Emotionen ungeahnten Ausmaßes. Prioritäten ihres Lebens scheinen plötzlich ganz neu gesetzt zu sein: Ver-rückt.
Und alles andere, was passiert und was doch wahrlich wichtiger ist als der Fußball, ist in diesen Wochen an eine andere Stelle gerückt, ver-rückt. Nur der Bär Bruno, der im Grenzgebiet von Bayern und Österreich sein tierisches „Unwesen“ treibt, kann noch mithalten.
Aber eine Reformpolitik der Bundesregierung scheint es nicht mehr zu geben. Die fast revolutionäre Einführung des Elterngeldes als wichtige Familien fördernde Maßnahme geht fast unter.
Dass in Baden-Württemberg ein Ministerpräsident gewählt wurde, noch dazu mit mindestens einer Stimme aus Kreisen der Opposition - wen interessiert es?
Dass die Verhandlungen über die EU-Verfassung neue Dynamik erhalten und damit für die Zukunft Europas in diesen Tagen wichtige Vorentscheidungen fallen - dies scheint bedeutungslos.
Dass der Konflikt in Nahost, der Konflikt innerhalb des palästinensischen Staates und zwischen Palästinensern und Israelis, weiter eskaliert, bleibt unbeachtet.
Das Erdbeben auf Java mit seinen tödlichen Folgen für viele Menschen ist fast vergessen.
Und dass wir immer wieder von Opfern der Gewalt in unserem Land lesen müssen, auch von einem Mordopfer hier in Karlsruhe, geht unter in der Euphorie dieser Tage.

"Ich will mit Ihnen darüber nachdenken, was solche Ver-rücktheiten des Lebens mit unserem Glauben zu tun haben und was sie uns als Christenmenschen bedeuten."

Ausnahmezustand in Deutschland. Alles scheint ver-rückt. Ich will heute Morgen kein Klagelied über solche Verrücktheit singen. Ich will vielmehr mit Ihnen darüber nachdenken, was solche Ver-rücktheiten des Lebens mit unserem Glauben zu tun haben und was sie uns als Christenmenschen bedeuten. Wir brauchen für unser Leben Ordnungen. Festgefügte Ordnungen. Sonst könnten wir dies Leben nicht aushalten und gestalten. Jeder und jede von Ihnen hat diesen Sonntag wohl nach einer Ordnung, nach einer Art häuslicher Liturgie begonnen, die möglicherweise schon seit Jahrzehnten unverändert gelebt und geübt wird. Ordnungen prägen unseren Berufsalltag und unser häusliches Zusammenleben. Ordnungen prägen unseren Lebensrhythmus. In den vielen Unübersichtlichkeiten des Lebens sind wir auf Ordnungen angewiesen. Sie sind wie Geländer, an denen wir uns entlang hangeln, um all das bewältigen zu können, was scheinbar oder tatsächlich ungeordnet und chaotisch unser Leben bedrängt. Auch in unseren Gottesdiensten ist dies so. Die Liturgie des Gottesdienstes gibt einen festen Halt, einen Rahmen, innerhalb dessen wir dann auch Abweichungen von der Ordnung ertragen können - etwa eine Abweichung von der Ordnung der Predigttexte. So können wir dann vielleicht auch eine Predigt zur Fußballweltmeisterschaft mit Gewinn aufnehmen.


Rhythmus des Lebens

Ordnungen helfen uns, das Leben zu gestalten. Aber die Normalität des Lebens braucht auch Unterbrechungen, Auszeiten. Am deutlichsten spüren wir dies an der Unterbrechung des Alltags durch den Sonntag. Wir brauchen den Sonntag als Ruhetag, um den Alltag menschlich gestalten zu können. Indem wir eine Kultur des Sonntags pflegen, bezeugen wir den grundlegenden Sinn des Sonntags als eines Tages der uns von Gott geschenkten Ruhe. Die Ruhe des Sonntags weist zurück auf die Ruhe am siebten Schöpfungstag und sie weist voraus auf die ewige Ruhe im Reich Gottes, auf die wir alle seit der Auferstehung Christi zugehen. Gemeinsam mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern bezeugen wir, dass der Wechsel von Arbeit und Ruhe, der Rhythmus von Tätigsein und Feiern zum geschöpflichen Leben des Menschen gehört, der ebenso ernst zu nehmen ist wie die Pflege der leiblichen Gesundheit. Darum heißt es im 3. Gebot: „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt“ (2 Mose 20,8ff). Es geht in diesem Gebot Gottes um die Heiligung eines bestimmten Tages, um die Unterscheidung dieses Tages von den gewöhnlichen Dingen des täglichen Lebens. Darum dürfen wir uns nicht abfinden mit den Bestrebungen, die Unterbrechung des Alltags durch den Sonntag nur noch als ökonomischen Nachteil wahrzunehmen. Deshalb müssen wir protestieren, wenn sich das Leben aufzulösen droht in einen Zeitbrei.

Was für den allwöchentlichen Wechsel von Alltag und Sonntag gilt, das gilt auch für die größeren Rhythmen unseres Lebens. Der Fluss des Lebens braucht Unterbrechungen. Braucht Höhepunkte und Ausnahmezustände: Große Geburtstags- und Familienfeste können dies ebenso sein wie Feste des Kirchenjahres. Jubiläen ebenso wie Gedenktage. Zeiten grenzenloser Freude ebenso wie Tage tiefster Erschütterung etwa nach dem Tod eines Menschen. Solche Unterbrechungen des Lebensflusses eröffnen uns einen neuen, einen anderen Blick auf unser Leben.

"Auch die Ordnungen unseres Glaubenslebens brauchen hin und wieder religiöse Ausnahmezustände. Diese geben uns Klarheit."

Was für die Gestaltung des Lebens im Allgemeinen gilt, das gilt im Besonderen auch für unser Glaubensleben. Die Höhepunkte, die Ausnahmezustände sind es, die unserem Glaubensleben wieder eine neue Ausrichtung geben können. Vorhin haben wir zwei Schriftlesungen gehört, die genau davon erzählen: Die Erzählung von Jakob, der auf der Flucht vor seinem Bruder Esau in einem Ausnahmezustand vom Himmel träumt. Der für einige Momente Einblick bekommt in die himmlische Welt Gottes und der daraufhin gesegnet seinen Weg gehen kann. Und dann die Erzählung von der Verklärung Jesu: Für einige Augenblicke werden die Jünger entführt auf Bergeshöhen. Für wenige Augenblicke wird ihnen Klarheit des Glaubens geschenkt, ehe es dann wieder abwärts geht in die Niederungen des Alltags. Ja, genau so ist es mit unserem Glauben: Auch die Ordnungen unseres Glaubenslebens brauchen hin und wieder religiöse Ausnahmezustände. Diese geben uns Klarheit. Sie schenken uns Orientierung, um dann unseren Weg des Glaubens gestärkt gehen zu können.


Ausnahmezustände und Alltag

Allerdings - das lehren uns die Erzählungen von Jakob und von der Verklärung Jesu - allerdings dürfen religiöse Ausnahmezustände nicht zum Selbstzweck werden. Sie dürfen nicht zur religiösen Droge werden, die gebraucht werden, um der Härte des Lebens zu entfliehen. Es geht vielmehr darum, nach Beendigung des religiösen Ausnahmezustandes den Alltag mit seinen Härten umso besser bestehen und bewältigen zu können. Als der Apostel Paulus einmal Auseinandersetzungen mit Menschen führte, die sich an ihren eigenen Ekstasen erfreuten, da mahnte er die Erdung solcher religiösen Ausnahmezustände an. Alle außerordentlichen religiösen Erfahrungen nützen nichts, sagt Paulus, wenn sie nicht der Auferbauung der Gemeinde dienen; wenn sie nicht das Leben der Gemeinde beleben und gestalten. Das heißt: Der religiöse Ausnahmezustand ist wichtig, aber er ist kein Selbstzweck. Er muss fruchtbar gemacht werden für die nachfolgende Gestaltung des Glaubenslebens.

"So wünsche ich mir und uns für diese Tage der Fußball-Weltmeisterschaft, dass der Ausnahmezustand, den wir derzeit erleben, eine Dynamik entfaltet für eine verantwortungsvolle Gestaltung der Zukunft unseres Landes."

Genau deshalb, liebe Gemeinde, kann ich auch dem Ausnahmezustand, den wir derzeit während der Fußball-Weltmeisterschaft erleben, so viel abgewinnen. Er ist ein Höhepunkt des Lebens, der Menschen in unserem Land helfen kann, einen neuen, einen veränderten, einen anderen Blick auf die raue Wirklichkeit des Lebens und die anstehenden Probleme zu entwickeln. Gefährlich würde es, wenn der Fußball und diese Weltmeisterschaft wie Drogen die Menschen lediglich herausreißen würden aus ihrem Alltag. Aber großartig wäre es, wenn nach dieser Fußball-Weltmeisterschaft der derzeitige euphorische Ausnahmezustand dazu führen würde, nun auch die vielen Probleme, die wir in unserem Land zu bewältigen haben, beherzter und mutiger, fröhlicher und entschlossener anzugehen. Jakob erwacht aus seinem Traum und macht sich an die irdische Arbeit, indem er ein Steinmal errichtet. Die Jünger machen sich auf den Weg herab vom Berg der Verklärung hinunter in ihr irdisches Leben und lassen sich später als Osterzeugen in die Welt schicken. Ihre religiösen Ausnahmezustände führen nicht zur Flucht aus der Wirklichkeit, sondern entfalten Kraft, diese zu gestalten. So wünsche ich mir und uns für diese Tage der Fußball-Weltmeisterschaft, dass der Ausnahmezustand, den wir derzeit erleben, eine Dynamik entfaltet für eine verantwortungsvolle Gestaltung der Zukunft unseres Landes. Dann hätte der Fußball als König abgedankt, aber als Diener für unser Land hätte er seine wahre Größe gezeigt.

Gönnen wir also von Herzen allen die Freude am Fußball. Mehr noch: Lassen wir uns mitreißen von dieser Freude. Ärgern wir uns nicht über den Ausnahmezustand, in dem sich unser Land befindet, sondern bitten wir vielmehr Gott, dass er uns durch diese Unterbrechung des Alltäglichen Kraft schenke möge, den Alltag des Lebens menschlicher zu gestalten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude an den weiteren Spielen dieser Fußball-Weltmeisterschaft.
Amen.