Irdische Arbeit mit Blick auf den Himmel

Gottesdienst zur Eröffnung der 14. Legislaturperiode, Eberhardkirche Stuttgart 13.06.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu Genesis 28, 10-22

Liebe Schwestern und Brüder!
Wer träumt nicht gern vom Himmel und von Treppen, die hinauf führen in die Höhe?
Wer träumt nicht gern von Himmelsleitern?
Wer träumt nicht gern davon, ganz oben zu stehen - auf der obersten Stufe der Treppe, der Leiter, auch der Karriereleiter?
Wer träumt nicht gern davon, dass sich Himmel und Erde miteinander verbinden?
Dass alles Schwere abfällt und der Weg nach oben federnd leicht gegangen werden kann? Wer träumt nicht gern davon, aller irdischen Lasten enthoben zu sein - dem Himmel nah und seiner Weite?


Verbindung zum Himmel

Jakob träumt einen solchen Traum. Aber nicht er steht oben auf der Leiter. Engel sind es, Boten Gottes. Gottes Welt sieht er ganz oben und sich selbst auf einem Stein liegen ganz unten. Ein eigenartiges Bild, dieses Bild von den Engeln, die auf der Treppe auf und nieder steigen, als könnten sie nicht fliegen. Als ein Kind einmal gefragt wurde, weshalb die Engel auf der Treppe auf und nieder stiegen, da antwortete es: „Sie können nicht fliegen, sie haben gerade die Mauser.“ Aber nicht doch! In diesem Fall tut Kindermund keine Wahrheit kund. Die Engel steigen auf und nieder, weil sie an der Arbeit sind. Sie bauen an der Brücke zwischen Himmel und Erde. Sie stellen die Verbindung her zwischen der Erde, der Welt Jakobs, und dem Himmel, der Welt Gottes.

"Wer träumt nicht davon, dass sie bei all ihrem irdischen Tun Zuarbeit vom Himmlischen bekommt und dass es Engel gibt, die sie in Beziehung setzen zu Gott, von dem sie sich Kraft für ihre Arbeit schenken lassen kann."

Wer träumt nicht davon, dass das ganz Irdische, das er tagaus tagein tut, in Beziehung kommt zum Himmel, zum Ewigen? Dass all das, was sie an Irdischem täglich bedenkt, Bedeutung hat über den Tag hinaus, über die irdische Wirklichkeit hinaus, über unser Land hinaus - Bedeutung vielleicht auch für die Ewigkeit?
Wer träumt nicht davon, dass er bei allem Irdischen, das er in seinem Beruf, in seinem Wahlkreis, im Landtag zu beraten hat, dass er bei dem nicht auf sich allein gestellt ist und auf irdische Ratgeber, auf Fakten, die hart sind wie Stein?

Wer träumt nicht davon, dass sie bei all ihrem irdischen Tun Zuarbeit vom Himmlischen bekommt und dass es Engel gibt, die sie in Beziehung setzen zu Gott, von dem sie sich Kraft für ihre Arbeit schenken lassen kann.
Wer träumt nicht davon, dass sich sein politisches Geschäft nicht erschöpft in der Regelung bloß irdischer Angelegenheiten; sondern dass in seinem politischen Wirken irgendwie auch immer wieder ein Stück Himmel herunterkommt auf die Erde:

ein Stück Frieden in allem Tumult,
ein wenig Verständnis zwischen politischen Gegnern,
ein Wort des Verzeihens bei politischer Entgleisung,
ein wenig Menschlichkeit im harten Geschäft des Alltags,
ein wenig Sinn inmitten so vieler Sinnlosigkeiten,
ein Augenblick des Durchblicks angesichts der vielen Unübersichtlichkeiten des Lebens,
und Segen für dieses Land, der sich nicht erschöpft im Materiellen?

Jakob träumt einen solchen Traum - damals, als er auf der Flucht war vor seinem Bruder Esau.
Damals, als er Angst hatte vor Esaus Rache.
Damals, als er noch nicht wusste, ob es für ihn eine Zukunft geben würde - versöhnt mit seinem Bruder.
Und in seinem Traum hört er die Worte Gottes: „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst. Ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.“
Traumhafte Worte, die Jakob gut taten. Die ihm Mut machten. Die ihm Kraft schenkten für den Weg, der vor ihm lag.
Traumhafte Worte - heute Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, zugesprochen am Beginn einer neuen Wegstrecke.
Wer träumt nicht davon, auf dieser neuen Wegstrecke des eigenen Lebens gesegnet zu sein - wie einst Jakob?


Die Treppe zwischen Irdischem und Himmlischen

Irgendwann endet jeder Traum. Aber Träume sind nicht nur Schäume. Sie geben vielmehr tiefere Einblicke in die Wirklichkeit als sie der menschliche Verstand erreichen kann. Auch der Traum Jakobs erschließt Wahrheit. Wie er Jakob Einblicke gewährte in die inneren Zusammenhänge zwischen seiner irdischen Wirklichkeit und der Wirklichkeit Gottes, so erinnert er Sie, liebe Schwestern und Brüder, daran, dass das irdische Geschäft, das Sie durch Ihr politisches Tun ausüben, kein bloß irdisches Tun ist. Es ist auch nicht einfach ein himmlisches - wer wollte das behaupten! Aber irgendwie gehören das Irdische und das Himmlische zusammen und sind geheimnisvoll miteinander verbunden wie mit einer Traumtreppe, auf der Engel als Boten Gottes ihre Arbeit vollbringen.

Was verbindet Himmel und Erde? Martin Luther hat vor fast 500 Jahren darauf eine Antwort gegeben, die wir heute in ökumenischer Gemeinsamkeit vertreten können: Er unterscheidet zwei Weisen, in denen Gott an der Welt handelt. Die eine Weise, die himmlische und geistliche, ist die Verkündigung des Wortes Gottes. Durch sie bekommen Menschen die Gewissheit der Begleitung Gottes auf ihren Lebenswegen. Daneben hat Gott eine andere Regierweise eingerichtet, das irdische und weltliche Regiment. Dieses weltliche Regiment ist sozusagen eine Notmaßnahme, um die Welt vor dem Chaos zu bewahren. Also Sie, sehr verehrte Abgeordnete, gehören zur weltlichen Regierweise Gottes, zu dieser Notmaßnahme Gottes, die er ergreift, um das Chaos zu bändigen. Die beiden Regimente Gottes, die Predigt der Kirche und die weltlichen Ordnungen, sind aufeinander angewiesen und einander zugewiesen. Luther sagt: „Keins der beiden Regimente ist ohne das andere genug in der Welt.“ Unser Staatswesen ist angewiesen auf Institutionen, in denen Menschen dem Recht dienen. Auch die Kirche kann ihren Auftrag nicht erfüllen ohne einen für Recht und gerechte Ordnung sorgenden Staat. Wo sie meint, auf staatliche Ordnungen verzichten zu können, und selber Politik macht, wird schnell eine religiöse Diktatur daraus. Umgekehrt: Wenn der Staat meint, Kirche spielen zu wollen, ist die freie Entscheidung für das, was als richtig erkannt wird, verloren. Beide, Staat und Kirche, irdisches wie himmlisches Regiment, haben ihre eigenständigen Aufgaben und haben diese in eigenständiger Verantwortung zu erfüllen. Keins ist ohne das andere genug in der Welt.

"Wer gestärkt ist durch Gottes himmlischen Zuspruch, kann sich an die irdische Arbeit machen - dabei nie vergessend, dass die Begegnung mit dem himmlischen Gott ihn und sie in eine besondere Verantwortung stellt."

Keins ist ohne das andere genug in der Welt. Genau deshalb geht die traumhafte, himmlische Geschichte Jakobs auch so irdisch weiter. Jakob erkennt: „Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ Früh steht Jakob auf und aus dem Stein, der ihm Ruhestein war für die Nacht und Traumstein für seinen Blick in den Himmel, aus diesem Stein baut er ein Steinmal. Er verspricht, daraus einstmals noch ein Haus Gottes zu bauen, ein Bethel. So geht Jakob an die irdische Arbeit, ohne dabei zu vergessen, was er himmlisch geschaut hat. So wird ein irdischer Stein zum Gedenkstein für den himmlischen Gott, zum Brückenstein zwischen Himmel und Erde.

Ja, wer Gottes Gegenwart segnend erfahren hat, kann an die irdische Arbeit gehen. Mag dies nun die Errichtung eines Steinmals oder eines Kultortes sein oder der Bau der neuen Messe Stuttgart oder der neuen ICE-Strecke ohne Umfahrung von Mannheim. Wer gestärkt ist durch Gottes himmlischen Zuspruch, kann sich an die irdische Arbeit machen - dabei nie vergessend, dass die Begegnung mit dem himmlischen Gott ihn und sie in eine besondere Verantwortung stellt. Unsere Landesverfassung mahnt bekanntlich die politisch Verantwortlichen, sozusagen auf den Spuren Jakobs zu handeln, nämlich „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Ja, Sie sollen irdische Politik machen auf Jakobswegen, ganz himmlisch ausgerichtet und ganz irdisch zugleich. Und immer wieder soll Ihr irdisches Tun etwas erkennen lassen von Ihrer Verantwortung gegenüber dem himmlischen Gott. Soll Ihr irdisches Tun zum Himmel hin offen sein. Schenke Ihnen Gott dazu seinen Segen.
Amen.