Zu Galater 5, 22-26
Liebe Schwestern und Brüder in der Kraft des Heiligen Geistes!
Eine ungewohnte Anrede für eine ökumenische Gemeinde? Vielleicht. Aber eine angemessene. Denn wir würden heute nicht Gottesdienst feiern, wenn wir nicht Menschen wären, denen Gott seinen kraftvollen Geist geschenkt hätte. Wir leben aus der Kraft des Heiligen Geistes. Deshalb feiern wir als Glieder der einen Kirche Jesu Christi gemeinsam Gottesdienst. Am Anfang allen Nachdenkens über den Heiligen Geist und seine Kraft soll diese Erinnerung stehen: Wir alle, die wir hier versammelt sind, sind in der Kraft des Heiligen Geistes getauft auf den Namen des dreieinigen Gottes. In der Taufe wurde uns der Geist Gottes verliehen. Seit unserer Taufe sind wir begeistete und darum begeisterte und hoffentlich auch begeisternde Menschen. Mit unserer Taufe haben wir – um die Worte aus dem eben gehörten Abschnitt des Galaterbriefes aufzunehmen – „das Fleisch gekreuzigt“, haben wir ein Leben „aus dem Geist“ begonnen. Das Taufwasser ist das Quellwasser, aus dem sich Ströme des Heiligen Geistes hinein in unser Leben ergießen. Oder mit dem Bild gesprochen, das im Thema dieses Gottesdienstes verwendet wird: In der Taufe wurde in uns die Glut entfacht, aus der dann in unserem Leben Feuer und Flamme entzündet werden. Seit der Taufe sind wir entflammt, entflammt durch das Feuer des Heiligen Geistes. Also: Liebe entflammte Schwestern und Brüder in der Kraft des Heiligen Geistes!
Die Früchte des Heiligen Geistes
Das Feuer des Heiligen Geistes nennt Paulus in seinem Brief an die Galater „die Frucht des Geistes“. Damit will er anzeigen, dass es um eine Quelle geht, die Grundlage allen christlichen Lebens ist, aus der sich alles christliche Leben entwickelt. Er will benennen, wie aus der einen Quelle verschiedene Ströme des Geistes sprudeln, wie aus der einen Glut des Geistes verschiedene Flammen aufflackern. Die von Paulus genannten Ströme oder Flammen des Geistes sind von ganz unterschiedlichem Gewicht. Als erstes nennt Paulus die Liebe. Sie ist so etwas wie die Grundlage aller anderen Wirkungen des Geistes. Sie ist das Prinzip, aus dem sich alles Weitere ableitet. Denn die Liebe Gottes ist es zuerst, der wir uns verdanken. Aus Liebe allein hat Gott uns in der Taufe seinen Heiligen Geist geschenkt. Weil Gott uns mit seiner Liebe angesteckt hat, sind wir begeistete Menschen, kann das Feuer seines Geistes in unserem Leben brennen, können Ströme des Heiligen Geistes in unserem Leben fließen. Das Gewisswerden dieser Liebe Gottes senkt Freude ins Herz und stiftet inneren Frieden. Deshalb nennt Paulus Freude und Friede nach der Liebe als nächste Frucht des Heiligen Geistes.
Aber der Heilige Geist trägt Frucht nicht nur in unserem Inneren, sondern auch in unserem Zusammenleben mit anderen Menschen. Deshalb benennt Paulus eine fünffache Frucht, die sich in der Beziehung zu anderen Menschen entfaltet: Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut. Ja, wo die Beziehung zu anderen Menschen in Liebe gestaltet wird,
da wird das Anderssein der anderen langmütig, geduldig ertragen,
da geschieht die Begegnung zwischen Menschen freundlich,
da ist die Haltung gegenüber anderen von Güte geprägt,
da wird verlässliche Treue zum tragenden Grund einer Beziehung
und da bestimmt ein sanftmütiges, friedliches Verhalten das Miteinander.
"Denn die „Frucht des Geistes“ ist kein unangefochtener Besitz, den wir ein für allemal haben. So wie auch eine Flamme immer wieder in den Stürmen des Lebens erlöschen kann."
Vielfältig lässt sich in unsere Zeit hinein weiter buchstabieren, wie aus der Glut des Heiligen Geistes kraftvolle Flammen in unserem Leben aufflackern. Aber Achtung! Ich warne vor zu großer Euphorie oder falscher Blauäugigkeit. Denn die „Frucht des Geistes“ ist kein unangefochtener Besitz, den wir ein für allemal haben. So wie auch eine Flamme immer wieder in den Stürmen des Lebens erlöschen kann. Auch Paulus weiß dies, denn völlig unerwartet nennt er als letzte Frucht des Geistes die Selbstbeherrschung. Warum dies? Paulus weiß genau, dass alle, die in der Taufe ihr Fleisch gekreuzigt und ein Leben im Geist begonnen haben, dass sie alle in der Gefahr stehen, immer wieder dem Fleisch zu verfallen. Wir sind begeistete Menschen seit unserer Taufe, wir sind aber nicht Unangefochtene. Immer wieder drohen die Flammen des Geistes zu erlöschen. Darum gehört die Selbstbeherrschung, die Zucht, das geistliche Training zu unserem Christenleben hinzu. Training ist nicht nur für eine Fußballmannschaft lebenswichtig, wie wir in diesen Tagen ständig sehen und hören. Auch als Christenmenschen brauchen wir das Training des Glaubens, denn immer wieder gilt es zu bekämpfen, was uns geistlos zu machen droht. Weil Paulus um die Notwendigkeit eines solchen Glaubenstrainings weiß, schließt er auch mit einer Mahnung: „Wenn wir aus dem Geist leben, dann lasst uns auch im Geiste wandeln. Lasst uns nicht prahlen, nicht einander herausfordern und beneiden.“
Ökumenische Mitfreude statt Konkurrenz
Was dies konkret für unsere ökumenische Situation bedeutet, will ich benennen:
“Lasst uns nicht prahlen!“ Jede unserer Konfessionen hat ihre Stärken und weiß um dieselben. Unsere Stärken sollen wir nicht verstecken. Die katholische Kirche hat im vergangenen Jahr ihre Stärken gezeigt mit dem Weltjugendtreffen in Köln und auch mit mancher gelungenen Darstellung ihres Papstamtes im Zusammenhang des Todes von Johannes Paul II und der Wahl Benedikts XVI. Die evangelische Kirche hat ihre Stärken gezeigt mit ihrem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover und der Einweihung der Dresdner Frauenkirche. Wenn wir uns öffentlich so darstellen und dafür in der Öffentlichkeit auch Anerkennung ernten, dann tun wir es hoffentlich nicht in einer Haltung des Prahlens, die zu Lasten unserer ökumenischen Partner geht. Vielmehr hat dies so zu geschehen, dass wir dem Wort des Paulus aus dem 1. Korintherbrief entsprechen: „Wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Wenn es um unsere Stärken geht, dann ist nicht konfessionelle Prahlsucht gefragt, sondern ökumenische Mitfreude in der Kraft des Heiligen Geistes.
„Lasst uns nicht einander herausfordern!“ Diese Mahnung sollten wir im ökumenischen Miteinander noch besser befolgen. Wie wurden wir Evangelischen doch herausgefordert durch die scharfen Töne der römischen Verlautbarung „Dominus Iesus“, und wie wurden wir auch im vergangenen Jahr herausgefordert durch die Ausrufung eines Ablasses anlässlich des Weltjugendtreffens; und das ausgerechnet im Land Martin Luthers, wo der Streit um den Ablass den Anstoß zur Reformation bildete! Wie aber haben wir Evangelischen unsere katholischen Schwestern und Brüder herausgefordert, indem wir hinsichtlich des Verständnisses des kirchlichen Amtes durch langwierige und nicht immer klar theologisch konturierte Diskussionen für viel Unklarheit sorgten! Und wie haben wir die katholische Kirche in unserem Land herausgefordert durch den Ausstieg aus dem gemeinsam geplanten Projekt der Überarbeitung der Einheitsübersetzung. Geschahen all diese gegenseitigen Herausforderungen wirklich in der Kraft des Heiligen Geistes?
"Statt neidisch aufeinander zu schauen, müssten wir vielmehr kraftvoll Wege zu einer arbeitsteiligen Ökumene gehen."
„Lasst uns nicht einander beneiden.“ Angesichts der im Fernsehen gesendeten prächtigen Bilder aus Rom oder Köln wurde ich im vergangenen Jahr immer wieder gefragt, ob ich nicht neidisch wäre. Und angesichts der sehr guten Situation der Versorgung unserer Gemeinden durch Pfarrerinnen und Pfarrer und in Anbetracht des immer quälender werdenden Priestermangels in der katholischen Kirche könnten unsere katholischen Schwestern und Brüder neidisch auf unsere evangelische Kirche schauen. Aber Neid ist ein schlimmes ökumenisches Gift. Vielmehr gilt auch hier, was Paulus an die Korinther schreibt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ Wenn es um unsere Schwächen geht, ist nicht vergiftender Neid gefragt, sondern gegenseitiges Anteilnehmen und Anteilgeben in der Kraft des Heiligen Geistes. Statt neidisch aufeinander zu schauen, müssten wir vielmehr kraftvoll Wege zu einer arbeitsteiligen Ökumene gehen.
Training des Glaubens
Liebe entflammte Schwestern und Brüder in der Kraft des Heiligen Geistes!
Ihr seht und spürt: Wir haben die Frucht des Heiligen Geistes nicht als einen unangefochtenen Besitz. Vielmehr müssen wir uns immer neu ans Training des Glaubens machen. Dazu gehört es, dass wir immer neu und intensiv um den Heiligen Geist bitten. Also bitten wir Gott, dass er immer neu die Glut seines Geistes in unserem Leben entfache, damit wir in der Kraft seines Heiligen Geistes leben. Bitten wir Gott, dass er aus dem Wasser der Taufe immer neu Ströme des Heiligen Geistes durch unser Leben fließen lässt.
Amen.
