Umbauarbeiten am "Haus der lebendigen Steine"

Gottesdienst in Obrigheim zur Vereinigung der Gemeinden Asbach, Mörtelstein und Obrigheim, 27.05.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Zu 1. Petrus 2, 4-9

Liebe Festgemeinde,
heute breche ich mit einem Grundsatz, und ich tue dies mit gutem Gewissen. Ich breche mit dem Grundsatz, nicht innerhalb weniger Jahre eine Gemeinde zweimal zu besuchen. Denn ich will meine Besuche bei den Gemeinden möglichst gerecht über die Landeskirche verteilen. Warum bin ich heute bei Ihnen, nachdem ich erst im letzten Jahr zum Pfingstfest in Mörtelstein den Gottesdienst gehalten habe? Ich breche meinen Grundsatz, weil ich den drei Gemeinden Asbach, Mörtelstein und Obrigheim meinen Respekt bekunden und meinen Dank aussprechen will. Mit der Vereinigung zu einer Kirchengemeinde habe Sie ein Höchstmaß an Lernbereitschaft und Flexibilität bewiesen und damit für etliche Gemeinden unserer Landeskirche Vorbildliches geleistet. Ich habe dies bereits in der Landessynode gesagt, als das Gesetz zur Vereinigung der drei Kirchengemeinden beschlossen wurde. Heute aber will ich es öffentlich Ihnen persönlich sagen: Wären alle Gemeinden unserer Landeskirche so beweglich wie Sie, wir hätten beträchtlich weniger Probleme. Ich freue mich auch persönlich über das heutige Ereignis, weil es die Visitation dieses Kirchenbezirks und da besonders eine Sitzung im Obrigheimer Gemeindehaus war, während welcher wir die Ermutigung zu diesem Schritt Ihnen gegenüber aussprachen. Wenn nur jede Visitation solch schöne Früchte zeitigen würde! Also am Beginn meiner Festpredigt soll der Dank an die Verantwortlichen in den bisher drei Gemeinden stehen, der Dank für eine wirklich vorbildliche Bereitschaft, gemeindliche Strukturen den sich verändernden Gegebenheiten in der Kirche anzupassen.

Beim Nachdenken darüber, welcher Bibeltext hilfreich sein könnte, das Geschehen des heutigen Tages in geistlicher Weise zu bedenken, stieß ich auf ein Wort aus dem 1. Petrusbrief, das in den letzten Wochen auffällig häufig in unserer Landeskirche zitiert wird. Und dies ist kein Zufall. Denn wir sind gerade dabei, für die Zukunft unserer Landeskirche auf die Bibel gegründete Leitbilder zu finden. Und im zweiten Leitbild haben wir formuliert:
„Als Haus der lebendigen Steine wandelt sich die Evangelische Landeskirche in Baden in bereichernder Selbstbegrenzung zu einer Kirche lebendiger geistlicher Orte. In den Ortsgemeinden begleitet sie Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens. Daneben treten zahlreiche nichtparochiale Gemeindeformen, die sich um unterschiedlich profilierte Zentren bilden. Von ihnen gehen spirituelle und diakonische, politi­sche und gesellschaftliche Impulse aus. Orte, an denen vielfältige kirchliche Arbeit regional gebündelt wird, strahlen wie „Leuchttürme“ weithin aus und motivieren zu Dienstgemeinschaften auf allen kirchlichen Ebenen. Den Fortbestand ihrer gegenwärtigen Strukturen hält sie nicht für prio­ritär, sondern setzt sich engagiert für grundlegende Veränderungen im deutschen und europäischen Protestantismus ein.“
Das, was wir heute hier an diesem Ort feiern, ist für mich nichts anderes als eine Umsetzung dessen, was in diesem Leitbild gesagt wird. Die drei Gemeinden Obrigheim, Asbach und Mörtelstein bündeln ihre Kräfte. Sie wandeln sich zu einer neuen Gemeinde mit großer Ausstrahlung. Sie halten ihre bisherige Struktur nicht für vorrangig, sondern geben sich eine zukunftsfähige Gestalt. Damit erweisen sich diese drei Gemeinden als höchst lebendige Teile in der Kirche als eines Hauses der lebendigen Steine.

Hören wir nun den Bibeltext aus dem 1. Petrusbrief, der diesem Leitbild vom „Haus der lebendigen Steine“ zu Grunde liegt:
„Kommt zu Jesus Christus als dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause. Darum steht in der Schrift: ‚Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zu Schanden werden.' Für euch nun, dir ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist der ‚Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses'; sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben“.

Wir alle wissen es: Wenn man an einen Hausbau oder -umbau geht, dann gibt es Fragen, die betreffen das Fundament des Hauses. Das Fundament muss sicher gelegt sein. Daneben aber gibt es Fragen der Zweckmäßigkeit hinsichtlich der Einrichtung einzelner Räume. Welche Steine oder Baustoffe wir verwenden, welche Farbe wir dem Haus geben, welche Buntheit wir gern hätten, wie durchsichtig das Haus sein soll oder wie kompakt, all das sind Ermessensfragen, Fragen vielleicht auch des Zeitgeschmacks. Beim Bau der Kirche und auch bei ihrem Umbau ist das nicht anders. Auch hier gilt es zu unterscheiden zwischen Fragen zweckmäßiger Gestaltung und Fragen nach dem tragenden Fundament. Wenn erst einmal das Fundament gut gelegt ist, dann kann das „Haus der lebendigen Steine“ auf diesem Fundament durchaus sehr unterschiedlich gebaut und umgebaut werden.


Das Fundament der Kirche

Nun sagt der Text aus dem 1. Petrusbrief sehr schön bildhaft, dass das Fundament des Hauses der Kirche Jesus Christus selbst ist. Er ist der von den Bauleuten verworfene Stein, der zum Eckstein geworden ist, wie wir gerade erst wieder an Ostern erneut verkündigt haben. Der auferstandene Christus, dessen Wirken Anstoß erregte, er ist das Fundament der Kirche. Er, dessen Gestalt vielen ein Ärgernis war, er wurde zum tragenden Grund der Kirche. Der auf dem Hügel von Golgatha Verworfene und am Ostermorgen Auferstandene, er ist es, auf dem allein die Kirche gründet. Dieses Fundament darf die Kirche niemals antasten, wenn sie wirklich Kirche Jesu Christi bleiben will. Ist dieses Fundament klar, dann kann überlegt werden, wie die Kirche als ein „Haus der lebendigen Steine“ darauf gebaut oder umgebaut werden kann. Wobei zuviel Buntheit manchmal auch nicht gut tut. Wobei manches, was sich als Lebendigkeit ausgibt, in Wirklichkeit Chaos ist. Steine und Bauteile einer Kirche müssen schon auch sinnvoll einander zugeordnet sein, damit man auch noch erkennt, dass es wirklich ein Bauwerk ist, das da auf dem Fundament des Ecksteins Jesus Christus errichtet ist.

"Bei jedem Hausumbau muss die Kirche immer wieder prüfen, wie ihre fundamentale Gründung zu verstehen ist."

Was zunächst in seiner Anschaulichkeit so plausibel klingt, ist dann doch in seiner Ausgestaltung nicht ganz so leicht umzusetzen. Gewiss, Fundament der Kirche ist Jesus Christus. In ihm hat Gott sein grundlegendes Wort gesprochen. Auf ihn verweist die Heilige Schrift bleibend, deshalb gehört sie mit ins Fundament der Kirche. Nach evangelischem Verständnis sind die altkirchlichen Bekenntnisse sachgemäße und ökumenisch verbindliche Auslegungen des in der Heiligen Schrift bezeugten Wortes Gottes; und die reformatorischen Bekenntnisse weisen ein in ein grundlegendes Verständnis der Heiligen Schrift. Deshalb gehören auch sie mit ins Fundament der Kirche. Das bedeutet: Das Fundament unserer evangelischen Kirche ist zunächst Jesus Christus selbst als der Eckstein. Sodann gehören zum Fundament unserer Kirche das von Jesus Christus zeugende Wort der Heiligen Schrift und die dieses Zeugnis auslegenden Bekenntnisse. Bei jedem Hausumbau muss die Kirche immer wieder prüfen, wie ihre fundamentale Gründung zu verstehen ist. Genau dies tun wir derzeit, wenn wir unsere Grundordnung grundlegend überarbeiten, die Fundamente dieser Grundordnung nicht antasten, aber nach Möglichkeiten suchen, wie wir durch unsere Grundordnung eine höhere Flexibilität beim Umbau unserer Landeskirche ermöglichen können.


Großbaustelle Evangelische Kirche

Was wir heute hier feiern, möchte ich in einen noch größeren Zusammenhang einordnen. An vielen Stellen im deutschen Protestantismus findet derzeit ein Umbau der Kirche statt. Gegründet auf dem Fundament, das allein Jesus Christus ist, stehen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR derzeit etliche Landeskirche in intensiven Fusionsverhandlungen. Eine Fusion - nämlich die in Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz - ist bereits vollzogen, andere werden bald folgen, weitere möglicherweise auch im Norden der alten Bundesländer (nicht hier bei uns im Süden!). Und derzeit bauen wir auch das Haus der EKD um. Vor fünf Jahren haben sich alle unierten und reformierten Landeskirchen zur „Union Evangelischer Kirchen innerhalb der EKD“ zusammengeschlossen, zum 1. Januar des nächsten Jahres werden diese Union und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland unter das gemeinsame Dach der EKD in Hannover ziehen. Ja, beim Umbau des Hauses des Protestantismus in Deutschland sind wir derzeit recht kreativ im Einsatz neuer Baustoffe und in der Zuordnung der Einrichtungsgegenstände in diesem Haus. Wir sind kräftig dabei, das Haus der Evangelischen Kirche in Deutschland so umzubauen, dass es von den Menschen auch wirklich als ein Haus, als ein „Haus der lebendigen Steine“ wahrgenommen wird und nicht als eine Ansammlung unterschiedlich großer Hütten.

"Und solch ein Bauen macht auch die Lebendigkeit der Kirche aus."

Liebe Gemeinde, so darf ich Sie zum Schluss meiner Predigt herzlich willkommen heißen auf der Großbaustelle im Haus der lebendigen Steine. An vielen Orten wird gebaut, das wollte ich Ihnen aufzeigen. Und solch ein Bauen macht auch die Lebendigkeit der Kirche aus. Weitere Gewerke sind noch zu vergeben, bis die Gemeinden wirklich zusammengewachsen sind. Aber Sie können diese Arbeiten getrost und fröhlich in Angriff nehmen, denn der Grund der Kirche ist längst gelegt in Jesus Christus. Dessen wollen wir uns vergewissern, indem wir singen: Die Kirche steht gegründet allein auf Jesus Christ.
Amen.