"Singet dem Herrn!" - Über die Kraft des glaubenden Singens

Gottesdienst zum 75-jährigen Jubiläum der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg, 25.05.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Festgemeinde!
Die Psalmen mit ihrem gesungenen Gotteslob, ihrer gesungenen Klage, ihrem gesungenen Bitten standen seit Anbeginn der Kirche im Mittelpunkt ihrer Gottesdienste. Die Christenheit hat diesen Schatz vom jüdischen Synagogengottesdienst übernommen. Und damit kommt die Vergangenheit in den Blick, die hinter uns liegende Zeit, der wir uns verdanken mit unserem heutigen Singen und Musizieren, unserem Beten und Predigen. Dazu gehört es auch, dass wir uns vergegenwärtigen, woher wir kommen mit unserer Art des gottesdienstlichen Singens und Musizierens.


Kraft der Musik

„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ Mit diesen Worten hat Martin Luther die Wirkung der Musik beschrieben. Ich könnte noch hinzufügen: Nichts war auf Erden kräftiger, die Sache der Reformation zu befördern, als die Musik. Denn Lieder waren es, mit denen reformatorische Theologie und evangelisches Katechismuswissen unters Volk gebracht wurden.

"Durch das Singen neuer Lieder erreichte reformatorische Theologie die Massen, ..."

Die Reformation war auch und vor allem eine Singbewegung. Durch das Singen neuer Lieder erreichte reformatorische Theologie die Massen, deren Sache es nicht ist, theologische Diskussionen zu führen, die aber einen Mund zum Singen und ein offenes Herz für die Botschaft von der Rechtfertigung aus Gnaden haben. Und so wurde das Singen geradezu zum Spezifikum protestantischer Frömmigkeit. Protestantismus und Kirchenmusik gehören untrennbar zusammen. Und so ist es selbstverständlich, dass die kirchenmusikalische Ausbildung seit langer Zeit einen besonderen Schwerpunkt kirchlicher Arbeit im Raum des Protestantismus bildet. Indem Menschen kirchenmusikalisch ausgebildet werden, wird aufgenommen und weitergeführt, was seit Anbeginn die Kirche prägte und was dann für die Reformation besondere Bedeutung bekam. Dies ist umso wichtiger, wenn man die Bedeutung von Musik für immer mehr Menschen bedenkt. Auch in der evangelischen Kirche, die sich seit der Reformation als Kirche des Wortes versteht, müssen wir feststellen, dass heute für viele Menschen die Kirchenmusik das wichtigste Fenster zum Glauben geworden ist – oft leichter zu öffnen als das Fenster des gepredigten Wortes.

Um Menschen Fenster des Glaubens zu öffnen, ist es unverzichtbar, zu singen und zu musizieren, wie es die Psalmisten uns lehren. Dabei sollten wir uns allerdings auch vergegenwärtigen, dass das Singen keineswegs ein Kennzeichen nur der christlichen oder jüdischen Gemeinde ist. Seit jeher bringen Menschen aller Kulturen durch das Singen ihre Gefühle zum Ausdruck. Lieder sind Spiegelbilder der menschlichen Seele. Das Singen löst Resonanzen im Körper aus und berührt Tiefenschichten der Seele. In Liedern äußert sich das Lebensgefühl von Menschen, auch ihre Gesinnung. Und so gibt es frohmachende und traurigstimmende, schöne und hässliche, mutmachende und niederdrückende Lieder. Und wenn es auch nicht immer so ist, wie es in einem alten Volkslied heißt „... und hab mir ein Liedlein gesungen, und alles ward wieder gut“, so sagt dieses Volkslied doch wiederum Richtiges aus: In vielen Lebenssituationen hilft das Singen, die betreffende Situation zu verstehen und zu bearbeiten.


Singen ist menschlich

So ist Singen etwas typisch Menschliches. Wie verarmt menschliches Leben ohne das Lied! Indem das Singen gefördert wird, wird etwas Wesentliches an unserem Menschsein kultiviert. Kultiviert wird damit auch die Fähigkeit, anzusingen gegen alle Welterfahrungen, die so scheinbar gar keinen Anlass zum Singen geben. Zu singen, auch wenn die Lieder übertönt werden von Geräuschen marschierender Stiefel, die über Leichen gehen, und von Schüssen, die über die Erde hallen. Zu singen auch, wenn wir erleben müssen, dass wir Menschen etwas schuldig geblieben sind, und in Zeiten der Trauer, wenn durch den Tod eines Menschen uns die Kehle zugeschnürt erscheint.

Ansingen gegen alle Welterfahrung, die uns eigentlich den Mund stopfen müsste,
singen, ohne das Belastende und Bedrängende einfach zu verdrängen,
singen mit einem fröhlichen und trotzigen „dennoch“ in der Stimme und auf den Lippen,
singen, schuldbeladen und dennoch befreit, sterblich und dennoch voller Hoffnung - wie soll das gelingen?


„Singet dem Herrn“

Eine wichtige Antwort auf diese Frage geben uns die Psalmen, die das Singen in seiner Ausrichtung präzisieren, indem sie auffordern: „Singet dem Herrn“. Damit bringen die Psalmen die religiöse Dimension des Singens ins Spiel. Im Singen bleiben die Menschen nicht bei sich. Im Singen werden sie verbunden mit Gottes Welt. Das Singen ist nicht nur eine irdische, sondern auch eine himmlische Angelegenheit. „Singet dem Herrn!“ das heißt also nichts anderes als: „Fixiert euch nicht auf eure einengenden Lebenserfahrungen, die euch die Kehle zuschnüren. Öffnet euch im Singen für Gott und für seinen Himmel. Öffnet euch im Singen einer anderen, einer göttlichen Wirklichkeit, die eure begrenzten Möglichkeiten übersteigt, eure menschlichen Hori­zonte überschreitet.“ Weil es also beim Singen letztlich um etwas Himmlisches geht, ist es gewiss kein Zufall, dass wir davon reden, dass der „Himmel voller Geigen hängt“ oder von den „himmlischen Längen“ in Schuberts 9. Symphonie schwärmen.

Gerade und besonders am Himmelfahrtstag meinen wir mit dem Himmel keineswegs nur den Himmel, der sich über unsere Erde wölbt. Von Himmlischem reden wir, wenn wir Ausnahmezu­stände beschreiben, die uns über uns selbst hinausführen, die uns hinführen in neue, bisher nicht gekannte Dimensionen. So ist der Himmel eine Metapher für eine unfassbare Wirklich­keit, für die Wirklichkeit Gottes, für eine Wirklichkeit, die all unsere Vorstellungen von Raum und Zeit sprengt. Der Himmel, in den Christus entrückt wurde, ist mehr als der gewölbte Him­melsraum über uns. Es ist der Ort und die Zeit Gottes. Gerade nicht das „oben“, sondern das „überall“. Der Himmel steht für die Offenheit und für die Zukunft Gottes.

„Glaubendes Singen öffnet sich für den himmlischen Gott. Unser Singen bietet Klangbilder für den unsichtbaren Gott. Im Singen entdecken wir Gottes Wirklichkeit und uns als einen Teil in ihr.“

Tiefster Grund für das Singen in der jüdisch-christlichen Tradition ist also nicht das in dem Volkslied beschriebene menschliche Empfinden „und alles wird wieder gut“, sondern das, was Paul Gerhardt in einem seiner Lieder so ausgedrückt hat: „Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“ Glaubendes Singen öffnet sich für den himmlischen Gott. Unser Singen bietet Klangbilder für den unsichtbaren Gott. Im Singen entdecken wir Gottes Wirklichkeit und uns als einen Teil in ihr. Im Singen erkennen wir uns als Geschöpfe Gottes, als Teile seines Gottesvolkes, als Menschen, die schlechthin abhängig sind von einem Gott, der uns durchs Leben begleitet und der uns und dieser Welt Heil schenkt.


Gottesgegenwärtig

Solch ein zu Gott hin geöffnetes Singen ist in einem gewissen Maße zweck- und absichtslos. Und die höchste Form solchen Singens ist die Liturgie, die Anbetung. In der singenden Anbetung erweitern wir unseren menschlichen Horizont, setzen wir uns der Wirklichkeit Gottes aus. Sind wir gottesgegenwärtig. Um uns einzuüben in eine solche Gottesgegenwärtigkeit, können wir in unserer evangelischen Kirche von anderen Kirchen lernen; müssen wir der Anbetung mehr Raum in unseren Gottesdiensten geben, müssen wir Formen der Anbetung Gottes entwickeln oder übernehmen, seien es nun Gesänge aus Taizé, seien es liturgische Gesänge aus der katholischen oder orthodoxen Tradition oder seien es Anbetungslieder, wie sie in charismatischen Gemeinden üblich geworden sind. Der Stil der Anbetung ist nicht entscheidend, „dem Herrn singen“ - das kann genauso geschehen durch einen Rap wie durch einen Choral. Auch die Worte sind nicht das Entscheidende beim Singen. „Dem Herrn singen“, das kann selbst mit frömmsten Texten misslingen und auch eine Johannespassion kann zum bloßen Konzertgenuss verkommen. „Dem Herrn singen“ - das geht nur, wenn sich das Herz der Singenden diesem Herrn öffnet und seinem Himmel.

"Nicht nur die Reformation der Kirche damals begann mit dem Singen, sondern auch die Erneuerung der Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt beginnt mit unserem Singen."

Singet dem Herrn! „Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen... Solches Singen vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich.“ Mit diesen Worten beschreibt Martin Luther die Kraft christlichen Singens. Und damit erinnert er nachhaltig daran, dass eine singende Kirche immer eine Kirche sein wird, die sich des durch Gott gewirkten himmlischen Heils erinnert. Dass sie immer eine Kirche sein wird, die durch ihr Singen andere für den Himmel öffnet. Dass sie immer eine Kirche sein wird, die aus ihrem Singen die Kraft gewinnt, sich aktiv dafür einzusetzen, dass immer wieder neu ein Stück des Himmels auf die Erde kommt. Nicht nur die Reformation der Kirche damals begann mit dem Singen, sondern auch die Erneuerung der Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt beginnt mit unserem Singen. Darum: „Singet dem Herrn!“ Lasst euch den Himmel aufschließen durch die Musik für unseren Herrn. Und so lauscht nun auf das jubelnde Halleluja der Seelen, die sich nach dem Himmel sehnen.
Amen.