Das fürbittende Gebet - eine Zukunft erschließende Kraft

Gottesdienst am Sonntag Rogate, Karlsdorf-Neuthard-Forst 21.05.2006; Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

zu Kolosser 4, 2-4

Liebe Gemeinde,
der heutige Sonntag trägt nach altkirchlicher Tradition den Namen Rogate, zu deutsch „Betet“. Dieser Sonntag Rogate ist ein willkommener Anlass, gemeinsam einmal nachzudenken über das Beten.

"Im Beten suche und finde ich Ahnung und Gewissheit der heilvollen Gegenwart Gottes. Im Beten tun sich mir neue Türen auf, die ich bisher für verschlossen hielt."

Jeder und jede von Ihnen betet mehr und weniger regelmäßig in mehr oder weniger geregelten Formen. Unabhängig von seiner Häufigkeit und von seiner Form ist jedes Beten Ausdruck menschlicher Gottzugewandtheit. Wenn ich bete, dann öffne ich mich Gott, dann taste ich mich zu ihm vor. Im Beten finde ich in meinem Ringen um Gewissheit und Lebenssinn die Sprache meiner Ungewissheit, meines Suchens. Im Beten suche und finde ich Ahnung und Gewissheit der heilvollen Gegenwart Gottes. Im Beten tun sich mir neue Türen auf, die ich bisher für verschlossen hielt. Im Beten entdecke ich neue Räume, Spielräume des Lebens. Im Beten ereignet sich das, was der Psalmist einmal so in Worte gefasst hat: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ So ist das Beten eine Kraftquelle des Lebens. Indem ich mich betend Gott zuwende, bekomme ich einen neuen Blick für meine Probleme. Einen neuen Blick auf mein Leben und auf das Leben meiner Mitmenschen, einen neuen Blick auf diese Welt. Im Beten werde ich mir dessen bewusst, dass ich nicht auf mich selbst angewiesen bin, sondern ein Mensch, der von Gott her Kraft zur Gestaltung und Veränderung des Lebens geschenkt bekommt. Beten also geschieht im Angewiesensein auf Gottes Hilfe. Beten ist Warten. Beten ist Vertrauen darauf, dass Gott mich in Bewegung setzt auf Menschen zu, auch auf solche, die in scheinbar hoffnungsloser Lage sind, auch auf gesellschaftliche Situationen zu, die zu bearbeiten scheinbar unmöglich ist. So ist Beten Grundlage und Voraussetzung eines kraftvollen Tätigseins.

Diese grundlegenden Gedanken zum Gebet im Hintergrund, hören wir auf den kurzen Predigttext aus dem 4. Kapitel des Kolosserbriefes:
„Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“


Beharrlich, wachsam, fürbittend

Drei Aussagen über das Gebet werden hier gemacht, die über das bisher Gesagte hinausführen: Das Gebet soll beharrlich geschehen. Es soll geschehen im Zustand einer wachsamen Dankbarkeit und es soll ein fürbittendes Beten für andere sein. Wer beharrlich ist, ist ganz auf die Gegenwart hin ausgerichtet, ist ganz geistesgegenwärtig. Wer Erfahrenes in seinem Leben wachsam wahrnimmt, vergisst nicht den Dank für Erfahrenes; aus dem Rückblick auf die Vergangenheit erwächst ein wachsames Wahrnehmen des geschenkten Lebens, ein dankbares Beten. Wer sich im Gebet anderen Menschen und ihrem Geschick zuwendet, öffnet sich der Zukunft dieser Menschen und ihren Veränderungsmöglichkeiten. So sind im Gebet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen: Der wachsame Dank für Vergangenes, das beharrliche und konzentrierte Bedachtsein auf den gegenwärtigen Augenblick und das Ausgerichtetsein auf eine Zukunft, die durch das Gebet verändert werden soll.


Fürbitte - Gebet für die Zukunft

Das fürbittende Gebet steht im Mittelpunkt unseres Predigttextes, also das Gebet, das in besonderer Weise die Zukunft in den Blick nimmt, die Zukunft eines anderen Menschen, die Zukunft eines Gemeinwesens, die Zukunft der Welt. Wenn wir jemanden auffordern, für einen anderen Menschen zu beten, dann legen wir ihm ein Anliegen ans Herz. Dann bitten wir ihn, sich die Sache eines anderen Menschen zu eigen machen. Sich dieses Menschens anzunehmen, an seinem Ergehen Anteil zu nehmen. Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft derer, die anderen etwas ans Herz legen und denen etwas ans Herz gelegt wird. Von diesem gegenseitigen Ans-Herz-Legen lebt Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Was mir ans Herz gelegt ist, betrifft mich im Innersten. Was mir auf dem Herzen liegt, bringe ich vor Gott. In der Fürbitte bitte ich Gott für alles, was mir ans Herz gelegt ist, für alle, die mir ans Herz gelegt sind. Genau das ist Fürbitte: Zu Gott sagen „Dies leg ich dir ans Herz“. In der Fürbitte öffne ich mich zu anderen Menschen hin. Meine Fürbitte weitet meinen Blick auf die Welt. Sie verändert die Perspektive, aus der ich diese Welt und die in der Fürbitte bedachten Menschen sehe. Und meine Fürbitte verändert mein Verhältnis zu anderen. Wo mir jemand ans Herz gelegt wurde und ich ihn Gott ans Herz gelegt habe, da werde ich auch im Alltag sorgsamer mit ihm umgehen. Einem Feind, für den ich gebetet habe, kann ich anders ins Gesicht sehen und nicht mehr ins Gesicht schlagen. So geschieht in der Fürbitte ein Anteilnehmen und Anteilgeben, das für die Zukunft neue Perspektiven eröffnet. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Not zu lindern und dadurch Zukunftsperspektiven zu gewinnen.

"... so dürfen wir auch daran glauben, dass unser Gebet für andere Menschen Räume öffnet und Türen auftut und dass in solchem Öffnen Gott selbst als handelndes Subjekt am Werke ist."

Um das Gewinnen neuer Zukunftsperspektiven also geht es in der Fürbitte. Es geht um das, was der Predigttext aus dem Kolosserbrief so ausspricht: „Betet, auf dass Gott uns eine Tür auftue“. Diese Aussage wäre missverstanden, wenn wir meinten, mit unserem Gebet Gott zu einer Veränderung der Zukunft nötigen zu können. Es gibt keinen Gebetsautomatismus. Alle, die regelmäßig beten, wissen dies aus eigener Erfahrung. Durch unser Gebet bekommen wir Gott nicht in den Griff. Gott bleibt Herr allen Geschehens. Über all unserem Beten muss deshalb die Bitte des Vaterunsers stehen „Dein Wille geschehe!“ Aber so wie uns das Beten immer neue Räume erschließt, uns immer wieder Türen zu bisher nicht Gedachtem, nicht Erprobtem, nicht Erfahrenem öffnet, so dürfen wir auch daran glauben, dass unser Gebet für andere Menschen Räume öffnet und Türen auftut, und dass in solchem Öffnen Gott selbst als handelndes Subjekt am Werke ist. Darum gilt: „Betet für andere Menschen. Dann werden ihnen durch Gottes Hilfe schon irgendwie Türen aufgetan.“

Was so allgemein für unser fürbittendes Beten gilt, wird nun in unserem Predigttext auf eine konkrete Situation bezogen, wenn es heißt: „... auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“ Die erbetene Öffnung der Tür meint hier den Zugang der Predigt des Apostels zu den Heiden. Die Adressaten des Kolosserbriefes werden also aufgefordert, fürbittend die Missionstätigkeit des Apostels zu begleiten, auf dass sich eine Tür zu denen auftue, denen das Geheimnis Christi bisher noch verschlossen ist. So sehr damit eine bestimmte Missionssituation in den Anfängen des Christentums angesprochen ist, so aktuell finde ich dieses Fürbittanliegen. Erkennen wir doch immer deutlicher, dass wir in Deutschland am Beginn des 3. Jahrtausends vor völlig neuen missionarischen Herausforderungen stehen. Vielen Menschen ist das Evangelium von Jesus Christus unbekannt geworden, verschlossen wie ein Geheimnis. Wir müssen viel Phantasie investieren für neue missionarische Verkündigung in unserem Land. All dies werden wir wirkungsvoll aber nur können, wenn wir uns bei unserem Weg zu den Menschen leiten lassen von unserer betenden Hinwendung zu Gott. Die von uns heute neu verlangte missionarische Hinwendung zu den Menschen muss zu allererst eine Gebetsbewegung werden, bei der wir nicht nachlassen zu beten: „Dein Reich komme.“ Wenn das Kommen des Reiches Gottes zu allen Menschen uns ein Gebetsanliegen wird, dann wird es auch unser Handeln leiten. Darum brauchen wir, um heute als Kirche in unserem Land missionarisch wirken zu können, das sehnsüchtige Gebet um das Kommen des Reiches Gottes und das fürbittende Gebet für alle missionarisch wirkenden Glaubenden, auf dass uns Gott in unserem Land eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können.


Christliche Gemeinde braucht Fürbitte

Liebe Gemeinde, die Fürbitte ist kein Luxus, auf den die Gemeinde Jesu Christi genauso gut verzichten könnte. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um Zukunft in den Blick zu bekommen und sie mit Gottes Hilfe zu verändern und mitzugestalten. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern aneinander Anteil zu nehmen und Anteil zu geben. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um die Tür zu anderen Menschen geöffnet zu bekommen und damit missionarische Kraft zu entwickeln. Und weil wir als Gemeinde Jesu Christi die Fürbitte so dringend brauchen, möchte ich abschließend einige Anregungen für die Gestaltung solcher Fürbitte geben.

"Des weiteren ist es wichtig, dass unsere Gemeinden das missionarische Wirken in unserem Land als ein Gebetsanliegen neu entdecken und beharrlich und wachsam dafür beten, dass Gott eine Tür auftue für sein Wort."

Zunächst einmal bitte ich Sie, liebe Gemeinde, die im Dienst der Verkündigung des Wortes Stehenden in Ihre Fürbitte aufzunehmen. Ihre Fürbitte trägt und stärkt uns in unserem Dienst. Wie wohltuend ist es, wenn mir jemand etwa bei einem Gemeindebesuch sagt: „Wir beten für Sie.“
Des weiteren ist es wichtig, dass unsere Gemeinden das missionarische Wirken in unserem Land als ein Gebetsanliegen neu entdecken und beharrlich und wachsam dafür beten, dass Gott eine Tür auftue für sein Wort.
Ferner ist es von Bedeutung, dass Gemeinden in ihrer Fürbitte immer wieder verschiedenste Menschen ins Gebet nehmen; dies kann etwa geschehen durch einen Gemeinde-Fürbittkalender, durch den in regelmäßigen Abständen bestimmte Gebetsanliegen für die Welt ihren Ort haben. Auch im Evangelischen Oberkirchenrat haben wir einen Fürbittkalender, mit Hilfe dessen wir über das ganze Jahr alle Bereiche unseres kirchlichen Lebens im Gebet vor Gott bringen.
Darüber hinaus aber sollten wir auch in unseren Gottesdiensten deutlicher der persönlichen Fürbitte Raum geben, etwa durch Auflegen eines Fürbittbuches im Gottesdienstraum, aus dem dann einzelne Fürbitten in den Gottesdienst übernommen werden, oder auch durch die namentliche Fürbitte für Kranke und Belastete in unseren Gemeinden. Viel falsche Scheu hat sich da breit gemacht. Sollten wir nicht auch in unseren Gottesdiensten jene mit Namen nennen, deren Not wir Gott „ans Herz legen“?

„Rogate – Betet“ – das ist mehr als ein Name für einen Sonntag. „Rogate“ – das ist eine Einladung an uns alle, das fürbittende Gebet und seine Zukunft erschließende Kraft neu zu entdecken. „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür auftue.“
Amen.